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Den im § 3 gefaßten Maßnahmen, daß ein Stellenvermitiler weder eine Gast- Wirtschaft noch eine Schankwirtschaft, Kleinhandel mit geistigen Getränken, gewerbsmäßige Bermietung von Wohn- oder Schlaf- stellen, Handel mit Kleidungs-, Gebrauchs- oder Verzehruiigs- gegenständen oder mit Lotterielosen und das Geschäft eines Geld- Wechslers, Psandleihers oder Pfandvermittlers weder selbst noch durch andere betreiben darf, schließen wir uns vollständig an. Gerade da, wo die Stellenvermittelung mit Wohn- und Schlasstellen verbunden ist, sind die Uebelstnnde ganz besonders groß. Wir gehe» aber noch weiter. Der Z 3 will der Landeszentralbehörde erlauben. Ausnahnim von fcner Vorschrift zuzulassen. Damit ist der Um- gehung Tor und Tür geöffnet. In Berlin hat z. B. ein Stellen- Vermittler seine Gastwirtschaft ausgegeben, sein??achfolger aber muß ihm für jede Tonne Bier, die er verkauft, 1,40 M. zahlen, vom Wein 16 Proz., außerdem die Miete für sein Bureau und die Telephon- gebühr I Die Gäste der Wirtschaft sind natürlich die arbeitslosen Stellungsuchenden. In dieser Weise würde das Gesetz auch später umgangen werden können. Der Entwurf bestimmt ferner die Festsetzung bestimmter Taxen für die Vermittelung. Man kann ja über solche Taxen verschiedener Meinung sein. Wenn man aber die Auswüchse im Stellenverniilte- lungstoesen kennt, wird man doch zugeben müssen, daß das Gesetz ohne eine vernünftige Taxe seinen Zweck nifbt erfüllen kann. Interessant ist es. welche Sumnien für das Bernnttelungswese» in Deutschland ausgegeben werden. Nach Dr. Freund, einem sehr guten Kenner dieser Verhältnisse, gibt die Landwirtschaft allein an Provision und Reisekosten iür die vermittelten Arbeiter jährlich zehn bis sünf- zehn Millionen Mark aus. lHört I hört! bei den Sozialdemokralen.j Wenn sie das kann, muß allerdings der Verdienst in der Landwirt- schuft ein gauz ungeheurer sein. sSehr richtig I bei den Sozialdemo- traten.) Aber nicht einbegriffen sind in dieser Summe diejenigen Summen, welche die armen Arbeitslosen zahlen müssen. Diese werden von den Stellenvermittlern auch noch ganz gehörig gerupft. Man klagt so viel über die Abwanderung vom Lande. Nun, in der Provinz Posen hat ein einziger Stellenvermittler in einem einzigen halben Jahre nicht weniger als Sb Familien zum Abwandern veranlaßt! In einer dem Reichstag zugegangenen Denkschrift verwahren sich die Stellenvermittler dagegen, daß sie allein an den Uebelständen schuld seien. Die Denkschrift zeigt auch, in welcher Weise sie die Arbeit vermitteln. Aus Berlin bringt ein einziger Stellenvermittler jährlich 3000 bis 5000 Arbeiter auf das Land, im ganzen kommen aus Berlin etwa 100 000 Arbeiter auf das Land! Wenn diese Angaben der Denlschiift der Stellen- Vermittler richtig sind, mutz der Wechsel der Arbeiter aus dem Lande ein ganz gewaltiger sein. Es wäre interessant, zu erfahren, unter welchen Bedingungen und Löhnen diese hunderttausend Arbeiter aus das Land gehen. Die Denkschrift der Stellenoermittler weist daraus hin, daß nicht sie die Abwanderung vom Lande veraulaffen, sondern daß dort bei löstliudiger Arbeitszeit und bei 4 bis S Pf. Lohn pro Stunde und der üblichen Berpflegnng gearbeitet werden muß, wes- halb die Leute es dort nicht aushalten. tLebhasteS Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten). Die schlimmsten Zustände im Stellen- vermütelungswesen herrschen aber im Gastwirtsgewerve. Hatten freilich die GastwirtSgehilfen sich schon früher zu einer leistungssähigen Organisation ziisammengeschloslen, so würden die Mißstände nicht so haben einreiße» können. �Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Die GastwirtSgehilfen wissen, daß bei den Vermittlern ein vollständiger Tarif über ganz Deutsch- land besteht. Wenn ein Geschäftsführer, Buchhalter. Konditor oder Koch eine Stelle sucht, so hat er von dem ersten Monatslohn nicht weniger als 26 Proz dem Vermittler zu zahlen. Ein Oberkellner in einem Hotel ersten Range« muß 45 M. zahlen, ein solcher in einem Hotel zweiten Ranges 35 M.. ein Zimmerkellner 30 respektive 18 M.. ein Zahlkellner 12 M.. und so geht eS fort bis zum Aus- hilsskellner, der pro Tag 75 Pi. zahlen muß. Sehnlich steht e» mit dem weiblichen Personal. Es herrscht also im ganzen Gast- lvirtSgewerbe eine Ausbeutung, die nahezu an Wucher grenzt. Dazu iornmt noch, daß fast im ganzen GattwirtSgcwerbe umsonst ge« arbeitet werden muß. Die Arbeilgeber la�en sich die Löhne für ihr Personal vom P u b l i k u m bezahlen. Schon bei der großen Gewerbeausstellung in Berlin im Jahre l83S wurde für die 1424 Personen an Vermittlungsgebühr 22 042 M. gezahlt.(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Der Verdienst der Vermittler ist ast. keineswegs so gering, wie sie selbst glauben machen wollen. Was für etne Ausbentung auf dem Lande besteht, dafür nur ein Beispiel: An den Vorsitzenden des Gastwirts- gehilfenverbandes Pötzsch wandte sich ein ländlicher Stellenvennittler aus Flensburg , der iür Dienstmädchen pro Person 60 M.. für an« deres Personal 40 M. Vermittlungsgebühr bezahlen wollte. Zu diesen hohen Gebühren kommen noch andere Auswüchse. So ist eS in Elbing gang und gäbe, daß der Stellenvennittler die Kellnerinnen, die er vermittelt, auch gleich einkleidet, wobei ihnen natürlich das Viersache des Wertes der Kleider abgenommen wird.(Hört I bort! bei den Sozialdemokraten� Ein Vermittler ver­langte von einem Kellner für die Vermittelung lOO M., wovon 25 M. sofort, 25 M. nach drei Monaten, 25 M. nach sechs und der Rest nach einem Jahre zu zahlen war. Der Kellner zahlte 60 M.. und als der Vermittler, den Rest einklagte, war das Gericht so ver- nünflig, die Klage abzuweisen, weil oie BermittelungSgebühr von 100 M. zu hoch(ei. Wie gewissenlos manche Stellenvermittler vorgehen, dafür will ich noch ein Beispiel anführen, das ich im vorigen Sommer selbst erlebt habe: Ein Stellenvermittler ging in ein Hotel und erklärte dort dem Personal, er könne ihnen allen gute Stellungen besorgen; sie sollten sämtlich am nächsten Sonnabend kündigen. Nachdem er dies auch erreicht hatte, ging er zu dem Hotelier und sagte zu ihm: Ihr Personal wird Ihnen am nächsten Sonnabend wahr- scheinlich kündigen; ich bin bereit, Ihnen neues, gutes Personal zu vermitteln. So schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe. Auch im H a n d e l« st a n d e ist man nach und nach der Meinung geworden, daß die private Stellenvermittelung ganz zu beseitigen ist. Es haben sich hier sogenannte.Kaufmännische Vereine" gebildet, die in viele» Fällen den Stelleniuchenden den letzte» Psennig abnehmen. obwohl sie genau wissen, daß sie nicht imstande sind, Stelle» zu ver- Mitteln. Nach§ 12 hat die Landeszentralbehörde zu bestimmen, in wie- weit die hauptsächlichsten Vorschriften des Entwurfs auf nicht ge- toerbsmäßig betriebene Stellen oder Arbeitsnachweise anzuwenden sind, und weitere Bestimmungen über den Ilmfung der Befugnisse und Verpflichtungen sowie über den Betrieb dieser Nachweise zu erlassen. Die Arbeitsvermittlung bei den Gewerkschaften hat außerordentlich segensreich gewirkt. Wir befürchten aber, daß man nach diesem Paragraphen den gewerkschaftliche» Arbeitsnach- weisen das Leben sauer machen wird. Man scheint hier ein ähn- liches Mißtrauen gegen die gewerkschaftlichen Arbeitsnachweise zu haben, wie früher gegen die Arbeitersekretariate. Das Miß« trauen gegen diese har sich allmählich gelegt; sie werden nicht nur von Arbeitern, sonder» auch von Arbeitgeber li viel­fach benutzt, und auch die christlichen Gewerffchasten haben schon sett langer Zeit Arbeitersekretariat« eingerichtet. Aber gegen die Arbeitsnachweise scheint immer noch Mißtraueil zu bestehen. An« heften wäre es, man würde in unserem Entwurf den 'Artikel 2 des französischen Gesetzes eiitfügell, welcher ausdrücklich die Fachorganisationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer von solchen Kinschränkungen freiläßt.(Sehr richtig l bei den Sozialdemokraten-) Wir stimmen der Einsetzung einer Kommisston von 21 Mit- gliedern zu und hoffen, daß man alle Mängel dort gründlich prüft. Wir hoffen, daß etwas Brauchbare» in der Kommissionsberatung zu- stände kommt. Sollen die Arbeiter aber Vertrauen zu den großen paritätischen Arbeitsnachweisen in Deutschland haben, dann müßte man auch endlich darangehen und eine schon oft erörterte Frage lösen, indem man den ländlickien Arbeitern die Koalitlonsfreiheit gibt und die Gesindeordnung aufhebt; denn das Fehlen der Koalitionsfreiheit für die ländlichen Arbeiter und die Gesindeordnung passen ebenso- wenig in unser Zeitalter wie das preußische Dreillassenivahlsystem. sLebhaster Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Kulerski sPole): Wenn es nicht gelingt, in der Kommission einschneidende Veränderungen am Gesetzentwurf vorzunehmen, wird es uns nicht möglich sein, ihm zuzustimmen, lieber Einzelheiten wird sich in der Kommission reden lassen; ich will hier nur so viel sagen, daß sich höchst gefädrliche Bestimmungen, der reine Kautschuk, in der Borlage finden. Mit mathematischer Gewißheit können wir behaupten, daß diese Kautschukbestimmllngen gegen uns Polen aus- giebige Anwendung finden würden. Schon allein diese Bestimmungen machen uns den Entwurf unannehmbar.(Beifall bei den Polen .) Abg. Dr. Burckhurdt(Wirlsch. Bg.): Der Forderung des Kollegen Brühne, daß die Arbeitsnachweise der Arbeiterorganisationen nicht benachteiligt werden dürfen, ist zuzustimmen. Die Diskussion schließt und die Vorlage wird an eine Kam- Mission von 2l Mitgliedern verwiesen. Nächster Gegenstand der Tagesordnung ist das Arbeits- kämme raesetz. Abg. Bassermann(natl.)(zur Geschäftsordnung) beantragt Ver- t a g u n g.(Bravo.) Vizepräsident Dr. Spahn stellt die Unter st ützungSfrage. Fast das ganze Haus erhebt sich. Die Vertagung wird nahezu einstimmig beschlossen. Nächste Sitzung: Mittwoch 1 Uhr.(Erste Lesung deS Arbeitskammern- und des HausarbeitSgesetzeS sowie der Novelle zur Gewerbeordnung.) Schluß 57« Uhr. _ parlamentarilcbes. Die erweiterte Geschäftsordoungskommissio» des Reichs- tags hielt am Dienstag ihre 1. Beratung unter dem Borsitz des stellvertretenden Leiters Dr. I u n ck. Es handelte sich um die geschäftliche Regelung der zur Aenderung der Geschäftsordnung eingereichten vier Resolutionen. Unter ihnen befindet sich der weitgehendste Antrag des Zentrums(Nr. 225). der eine all- gemeine Revision der Geschäftsordnung wünscht. Abg. R o e r e n erklärt diesen Antrag für einen nicht dringlichen und stimmt dem Vorschlag des Vorsitzenden bei: erst eine Regelung der Einzelfragen(Anträge zu den ߧ 35, 48 usw.) in dieser Tagung noch herbeizuführen und darilber einen Bc- richt an das Plenum gehen zu lassen. Dieser Vorschlag findet die Zustimmung der Kommission: nur der Abg. v. Dirksen war für die Dringlichkeit einer generellen Revision. Ebenso ist die große Mehrheit der Kominisston darin einig, daß die Zuziehung eineS Regierungsvertreters zu diesen häuslichen Angelegenheiten unterbleibt. ES finden wöchentlich zwei Sitzungen statt; der erkrankte Vorsitzende Singer hofft, die nächste Sitzung leiten zu können. Eingemeindungen. Die verstärkte Gemeindekommission bei preußischen Abgeordneten­hauses hat ihre Beratung über eine Reihe EingemeindungS- vorlagen zu Ende gebracht und einstimmig beschlossen, dem Plenum zu empfehlen: den Gesetzesvorlagen über die Erweiterung der Stadtkreise Essen . Köln . Rotibor. Kiel . FlenS- bürg, Harburg zuzustimmen. Ml Bezug auf Frankfurt (Main ) wurde der gleiche Beschluß gefaßt, jedoch stimmten hier die Konservativen(0 St.) unter Führung des Abg. v. Brandenstein dagegen. Die Festsetzung des Berichts und der Berichterstattung an das HauS soll so beschleunigt werden. daß die Vorlage noch vor den Ferien an da« Herrenhaus gelangen kann und die Gesetze am 1. April d. I. in Kraft treten können. iHarlne-Bliilfcftaft und Freisinns- Saschlapplglttlt. Zu einem interessanten Bruderkampf zwischen den Mitgliedern der Freisinnigen FraktionSgemeinschaft kam eS am Dienstag in der Budgetkommission des Reichstags. Es handelte sich dabei um folgendes: Für Verpflegungszulagen �er Offiziere unserer Marine wer- den anstatt 4 007 400 M. 5 230 000 M. gefordert. Diese Mehrforde- rung wird von den Freisinnigen Leonhart und Struve und vom Zentrum bekämpft, weil die Tafel- und Messegelder viel zu hoch bemessen seien. Abgeordneter Erzberger hat herausgerechnet, daß, wenn man alle Zulagen, die ein Marineoffizier beziehe, zu» kammenrechne, man zu dem erschreckenden Resultat gelange: daß zu 166 M. Gehalt immer noch 60 M. Zulagen hinzukommen! Durch den Abgeordneten Leonhart war ein Fall mitgeteilt, wonach das SchiffNixe" zwar als Bureauschiff diene, aber nicht völlig demontiert worden sei, sondern die Maschine behalten habe, damit der Kasten noch alsSchiff" bezeichnet werden und die Schiffszulagen beziehen könne!! Eine Antwort hierauf hatte der Abgeordnete nicht erhalten.... Marinestaatssekretär v. T i r p'i tz behauptet nun unter leb- haftem Widerspruch zahlreicher Kommissionsmitglieder, daß die- jenigen Marineoffiziere, welche auf den Torpedobooten zu Unrecht Messegelder erhalte» hätten, diese zurückzuzahlen gezwungen worden wären. Vizeadmiral Capelle unternahm es. nachzu- weisen, daß die Messegelder im allgemeinen zu gering seien I DaS Messegeld betrage pro Tag für den Ofsizler 7,50 M., also pro Monat 225 M., für den Kommandanten 450 M.l DaS sei wenig und es komme vor, daß Seeoffiziere»och Geld z»setzen müßten! Von konservativer und nationalliberaler Seite wurde Staats. sekretär v. Tirpitz warm unterstützt, als er sich gegen den Antrag Lconhart auf Abstrich von 500 000 M. wandte. Um eS nun seinen Freunden zu erleichtern, für den Abstrich zu stimmen, er, mäßigte der Antragsteller die zu streichende Summe auf 271 500 Mark. d. h. um den gegenüber dem Vorjahre geforderten Mehr- betrag. Aver das war de» Herren noch zu viel und Abgeordneter M o m m s e n erhob sich zu einer Rede gegen seinen neben ihm sitzenden FraktionSkollegen, obgleich dieser mittlerweile nochmals das Wort genommen und nachgewiesen hatte, daß auf dem Schiff .Nixe" tatsächlich keine Messe gehalten wird, das heißt: keine ge- meinsamen Mahlzeiten für dre Offiziere serviert werden, und daß nur ein Z a h l m e i st e r, um den Schein zu wahren, sich sein Mittagessen auf das Schiff bringen lasse! Genosse N o s k e hatte noch darauf hingewiesen, daß der Abg. Struve auf seine Änsrage, was den Seeoffizieren an Erspar- nisten aus den Messegeldern ausgezahlt worden sei, noch keine Ant- wort erhalten habe. Auf keine» Fall seien die Abrechnungen korrekt, denn das sei doch mit Sicherheit aus der Debatte zu schließen, daß der Aufwand an Kleiderluxus aus dem Gewinn der Messegelder bestritten werde. Bei der Abstimmung fielen die koniervativ-nationalliberal-freisinnigen Anhänger der kritisierten Marinctoirtschast schließlich doch hinein. Der Vor­sitzende v. Gamp ließ ganz korrekter Weise über die höhere Forderung zuerst abstimme». Diele Forderung wurde mit Stimmengleichheit abgelehnt, womit der Abstrich beschlossen war! Herr Mugdan vermöchte dos gar vicht zu fassen und verlangie, daß noch einmal, und Mar zuerst über den Ankrag Leonhart abgestimmt werde! Er wollte auf diese Weise dem Antrag seines Fraktionsfreundes mit Stimmengleichheit den Ha!» umdrehen lassen! Der Borsitzende belehrte ihn aber, daß immer über die höhere Summe zuerst abgestimmt werde! Es wird nun den marinefrommen Parteien nichts anderes übrig- bleiben, als zur zweiten Beratung im Plenum einen Antrag auf Wiederherstellung der Regierungsvorlage einzubringen, wie da» vorige Woche beim Militäretat der Fall war. Damals wurde mit Hilfe freisinniger Budgetkommisstonsmitglieder eine Forderung zur Errichtung neuer Schietzplätze in Düsseldorf g e st r i ch e n, aber im Plenum durch den alten Block wieder hergestellt. Wie die Freisinnigen damals ihr Mitglied Gothein bloßgestellt haben, so werden sie diesesmal ihre Freunde Leonhart und Struve fallen lassen. Man sieht daraus: Wenn das Zentrum versagt, springen Nationalliberale und Freisinnige mit Todesverachtung in die Bresche, um der Regierung zu zeigen, wie unentbehrlich sie ihr sind. Uebrigenö wurden schließlich doch noch zwei Resolutionen an- genommen, durch die der Reichskanzler aufgefordert wird, noch in diesem Jahre eine Verordnung über die Neuregelung der Tafel- und Messegelder zu erlassen und diese Frage in einer Denk- s ch r i f t zu behandeln._ Der nroße lliansfelder Streikprozeß. Halle, 15. Februar.(Telegr. Ber.) (Z w e i t e r T a g.) Am heutigen zweiten Verhandlungstage wurde in der Beweis- aufnähme fortgefahren. Dem Angeklagten Schäfer wird vorge» halten, daß er bei seiner Vernehmung vor hem Amtsgericht in Hettstedt zugegeben habe, den verstorbenen Bergarbeiter Hanne- mann geschlagen zu haben. Angell. Schäfer erklärt das für ein Mißverständnis. Als Zeuge erscheint dann Gendarmeriewacht- meister Wiedemann. Er bekundet: Hannemann wüßt« den Namen des Mannes nicht, der ihn geschlagen hatte, er kannte ihn aber. Eines Tages traf er den Mann, als er Zeitungen austrug, und sagte zu ihm: Du hast mich geschlagen, wie heißt Tu? Der Mann lief jedoch weg. Dieser Mann wurde dann in der Person deS Angekl. Schäfer ermittelt und dem Hannemann gegenübergestellt. Hannemann erkannte ihn wieder, und Frau Hannemann erklärte: Das ist der Manu, den mein Mann beim ZeitungSaustragen ange- sprachen hat. Polizeikommissar Fischer- Hettstedt sagt aus: Schon am 20. Oktober wurden die Arbeitswilligen von den Streikenden mit Geschrei begleitet, aber eS passierte nichts. Am folgenden Tage begann der Kralvall. Ich erhielt Steinwürfe an den Helm. Auf dem Marktplatz geriet die Gendarmerie ins Gedränge, dann ent« stand eine Lücke. Die Menge rannte nach dem Saigertor, und es wurde gerufen: Lvncht ihn! Lyncht ihn! Hannemann hatte sich in das Haus des SchuhmachermeisterS Fiedler geflüchtet, das von einer großen Menschenmenge umlagert war. Als ich mit Hanne- mann auf der Straße erschien, rief die Menge: Nieder mit dem Rotkragenl Bluthund! Ich zog meinen Revolver und drohte, jeden niederzuschießen, der mich angreifen würde. Die Beweisaufnahme wandte sich dann dem Falle zu. bei dem der Angekl. Schneider in Betracht kommt. Zeuge Bergmann Kunze bekundet: Der Angeil. Brühlan sagte: Ihr könnt hingehen, wo Ihr wollt, alle Wege sind besetzt. Schneider schimpfte:Reichs- treue Kröpel!" und trat mich dabei mit dem Fuß, so daß ich gegen die Mauer flog. Ich erkenne den Schneider bestimmt wieder. Zeuge Bergmann Wilke, der am 21. Oktober morgen» auf dem Wege zum Niewandtschacht schon einmal überfallen worden war (tvelcher Fall in der vorigen Woche das Schwurgericht beschäftigt hat), wurde am Nachmittag desselben Tages nochmals mißhandelt. Er bekundet: Als der Zug auf dem Markte mündete, wurde ich ins Gesicht geschlagen. Die Menge drängte so sehr, daß ich mich mit dem Gesicht zur Wand weiter tastete. Am Saigertor erhielt ich einen Tritt. Hinter mir stand der Angekl. Schneider; sein Gesicht war vor Wut verzerrt. Zeuge Polizeisergeant Wölfer: Die Sreci - kenden suchten die Schutzmannökette zu durchbrechen, ich hielt sie zurück; der Angekl. Regel sagte:Halt die Schnauze, Du hast hier kein« Nummer!" Dabei versuchte er, mich an den Hals zu fassen; ich packte seine Hand, worauf Regel rief:Laß mich los! Ich schlage Dir den Schädel ein!" Dabei schlug er mir ins Gesicht und riß sich dann loS. Ich habe von der Waffe keinen Gebrauch gemacht, sonst wäre der Krawall noch größer geworden, und die Arbeits- willigen wären ohne Schutz gewesen. DaS würde dann ein Blut« bad gegeben haben. Es werden dann eine Reihe Entlastungszeugen vernommen, die gesehen haben wollen, daß nicht der Angeklagte Regel geschlagen habe, sondern daß Regel von dem Polizeisergeanten Wölfer zurück- geschleudert und ihm dabei das Hemd zerrissen worden sei. Zeuge Invalide Luedke bekundet, daß er auf einer Anhöhe gestanden und den Vorfall mit angesehen habe. Regel habe nichts getan, er fei von dem Polizeisergeanten gefaßt und zurückgeworfen worden. Zeuge Bergmann Lück hat gesehen, daß Polizeisergeant Wölfer dem Angeklagten Regel daS Hemd zerrissen hat. Zeuge Bergarbeiter Palm: Regel wurde ohne weiteres von dem Polizeisergeanten angefaßt und ihm das Hemd zerrissen. Zeuge Bergmann Müller bekundet: Der Polizist faßte den Regel von hinten am Genick, holte ihn auS der Reihe heraus und schleuderte ihn umher. Bors.: DaS behauptet ja der Angeklagte selbst nicht. Ueber die Beteiligung des Angeklagten Bielert bekundet der Zeuge Bergmann Thomas, daß er den Bielert in der Bahnhofstrohe im Zuge gesehen habe. Zeug« Bergmann Franz Matisiak: Ich be» fand mich mit meinem siebzehnjährigen Sohn in dem Zuge der Arbeitswilligen. In der Bahnstraße erhielt ich von Bielert einen Tritt gegen die Füße. Als ich mich umdrehte, schlug mich Bielert und sagte: Du verfluchter Pollack, weißt Du nicht, daß Du zu Hause zu bleiben hast? Zeuge Bergmann Paul Matisiak, der Sohn des Vorzeugen, ist von Bielert in gleicher Weise gemißhandelt worden. Zeuge Bergmann Louis Schmidt bekundet: Bielert rief unS zu: Wagt eS nicht, morgen nach dem Schacht zu gehen, sonst renne ich Euch das Messer in den Wanst I Zeuge Bergmann Pienknh: Ich habe den Angeklagten Brühahn auf dem Trottoir getroffen. In demselben Augenblick erhielt ich einen Stoß in die Seit« und flog durch die Masse bis auf die Harjtraße. Eine andere Person als Brühahn war nicht in der Nähe. Ich habe große Schmerzen gehabt. Zeuge Kontrolleur Böttcher: Pienknh fiel auf mich und sagte dabei: Ich kann nichts dafür, ich bin von Brühahn gestoßen worden. Hierauf wurde die Beweisaufnahme geschlossen. Der Gerichts- Hof beschloß, die Zeugen die am Streik teilgenommen haben, wegen Verdacht der Mittäterschaft nicht zu vereidigen. Den Geschworenen wurde sodann«ine Reihe von Schuldfragen vorgelegt, die auf schweren und einfachen Landfriedensbruch, auf Mißhandlung, Beleidigung, Nötigung usw. lauteten. Die Ber - teidiger stellten eine Anzahl Hilfsfragen und. wo zulässig, die Frage nach mildernden Umständen. Hierauf wurde die Weiterverhandlung auf Mittwech vertagt. flus der parteü Ein sozialdemokratischer Theologe. Genosse Dr. Max Maurenbrecher , der bekanntlich Theologie studiert hat, hält in Leipzig Vorträge über die Frage, ob Jesu» ge» lebt und was er gewollt hat. Das ist sicherlich feine Privatsache. die un» nichts angeht. Bedenklich ist es aber, daß Maurenbrecher. der sich doch zur Partei zählt, diese Vorträge i» einem von der Leipziger Arbeiterschaft boykottiertell Lokal hält, und noch bedenklicher ist die Art und Weise, wie er in der bürgerlichen Presse für sich und seine Borträge die Reklametrommel rühren läßt. Wie un» au» Leipzig gemeldet wird, brachte nämlich dieser Tage da? national-