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hatte, tele bei allen Veranstaltungen in den letzten Sagen, um­fassende Vorkehrungen getroffen. ES waren an ver- schiedenen Orten größere Trupps Polizeimannschaftcn unter- gebracht. Auf der Straße und auf dem Vcrsammlungsplatz ließen sich uniformierte Beamten nicht scheu, dagegen wimmelte es von Polizeispitzeln. Immer größer« Massen strömten zu dem Versammlungk-platze. Tie Trambahn hatte Extrawagen bis zur Hundswiese eingestellt, die im Abstände von einer Minute abgingen und sämtlich überfüllt waren. Ter Versammlungsplatz war bald dicht bevölkert, und als genau uui 12 Uhr das Signal zum Beginn der Versammlung ge- geben wurde, da scharten sich unzählige Massen um die Siedner- tribüncn. Von der sozialdeni akratischen Partei sprachen die Genossen Eduard Graf, Karl Möller, Quarck und Her- mann Wendel. Für die Demokraten sprach der Landtags- abgeordnete Dr. F l e s ch, für die Fortschrittspartei Stadt- verordneter Emil Göll, für die N a t i o n a l s o z i a l e n Graveur Paul Haag und für die Neudemokratische Verein i. gung Dr. Westphal. Den Vorsitz führten ebenfalls vier bürgerliche und vier sozialdemokratische Vertreter. Es war ein gewaltiges Bild, das sich einem vom erhöhten Mittelpunkt des Platzes aus bot. Auf 8 Tribünen die verschiedenen Redner, deren scharfe Kritik an der Wahlrechlsvorlage und an dem erbärm- lichen Verhalten der Mehrheitsparteien im Landtag durch Zustimmungsstürme der Versammelten unterstrichen wurde. So vermischten stch die Beifalls- und Begeistcrungskundgebungen von der einen Tribüne mit denen der anderen... Und über die Wiesen wehte ein warmer F r ü h I i n g S h a u ch. Es geht dem Lenz entgegen: auchinPreußenmußundwirdesFrühling werden. Die Redner sprachen genau Minuten. Kurz zuvor wurde ein Flaggensignal gegeben. Die Vorsitzenden brachten dann folgende Resolution, die in vielen taufenden Exemplaren verteilt worden war, zur Abstimmung: Viele Tausende von Männern und Frauen in Frankfurt am Main , versammelt zu gemeinsamer Kundgebung unter freiem Himmel, protestieren auf das entschiedenste gegen die reaktiv- näre preußische Wahlrechtsvorlage und ihre schmähliche Ausgestaltung durch die WahlrechtSkommisstiu des Abgeordnetenhauses. Di« Beibehaltung des ungerechten Dreiklassen. Wahlsystems, der veralteten Wahltreiseintci- l u n g und der Bevormundung der Wähler durch die indirekte Wahl verfälscht den Willen des Volkes und gibt dem platten Lande zugleich «ine Diktatur über die Städte. Die Versammelten erblicken darin die e r n st e st e Wirt- schaftliche und politische Gefahr für die große Mehrzahl des preußischen Volkes. Sie erklären daher, mit allen Kräften für das all- gemeine, gleiche, geheime und direkte Wahl- recht kämpfen zu lv ollen." Fast überall gleichzeitig erhoben sich unzählbare tausende Kände für die Resolution. Nach Annahme der Resolution brachten die Vorsitzenden Hoch- rufe auf ein freies Wahlrecht aus, in das die Versammelten brausend einstimmten. Dann ertönten aus taufenden Kehlen die Klänge der Marseillaise :DaS freie Wahlrecht ist das Zeichen, in dem wir siegen, nun wohlan!..." Ein Demonstrationszug war nicht geplant, er bildete sich aber> mußte sich bilden von selber, denn fast alle Teil- nehmer hatten denselben Weg zur Stadt. Die Trambahnwagen nahmen ja Hunderte auf. Aber diese paar Hunderte oder viel- leicht auch Tausend waren ein so winziges Teilchen des Menschen- meereS, das die Eschenheimer Landstraße zur Stadt hinwogtc, daß ihr Abgang gar nicht in Betracht kam. Wie groß die Zahl der Demonstranten war? Genaue Angaben lassen sich da nicht machen. Während der Reden und sogar noch am Schluß kamen immer und immer noch weitere Scharen herbeigeeilt. Nach unserer Schätzung mögen es ungefähr 40 000 Bürger und Bürgerinnen die natür­lich zum weit überwiegenden Teil aus Arbeiterkreiscn waren gewesen sein, die sich an der Demonstration beteiligten. Diese Zahl ist sicher nicht zu hoch gegriffen. Von anderer Seite wird die Teil- nehmcrzahl sogar auf 50 000 bis 00 000 geschätzt. Jedenfalls war die Demonstration so imponierend, so riesig, daß sie auch außer- halb der Mauern Frankfurts gewaltigen Eindruck machen wird. Ein über eine halbe Stund« langer loser Zug, der die ganze breite Eschenheimer Landstraße einnahm, marschierte unter Hochrufen und Singen der Mar- scillaise der Stadt zu. Als die ersten des Zuges schon an der Hauptwache, dem Mittelpunkte der Stadt, waren, waren die letzten noch auf dem Versammlungsplatz. Und dies, trotzdem daß tausende gleich oben rechts und links abschwenkten. Von der Hauptwache aus zog ein großer Teil der Massen(die nach Osten und nach Sachsenhausen mußten) über die Zeil und am Polizeipräsidium vorbei. Die Polizei verhielt sich auch hier zurückhaltend folglich ging alles in bester Ordnung. Unser« Ordner hatten lediglich dafür zu sorgen, daß es keine Stauungen gab und die Trambahnen durchgelassen wurden. Am Polizeipräsidium blieben ja viele Neu- gierige stehen, den Aufforderungen unserer Ordner zum Weiter- gehen wurde aber auch hier von der Menge Folge geleistet. So verlief die große imposante Demonstration mustergültig, und der Eindruck, den sie hervorrufen wird, wird deswegen um so gewal- tiger sein. Weitere Wahlrechtsdemonstratione«. In Stettin kam cS gestern mittag zu einer Demonstration auf dem Houptplatz der Stadt, dem sogenannten Paradeplatz, von dem die Polizei bisher ängstlich jede Demonstration ferngehalten hatte. Mehr als 10 000 Menschen hatten sich angesammelt, die Hochrufe auf das Wahlrecht erschallen ließen und die Mar» s e i l l a i s e anstimmten. Alö die Demonstranten durch daS sogenannte vornehme Stadtviertel ziehen wollten und vor der Wohnung des konservativen Abgeordneten M a l k e w i tz dcmon- strierten, wurden sie von der Polizei in das Innere der Stadt zurückgedrängt. Ohne weitere Zusammenstöße ging die Demon- stration auseinander. lkhemnitz. Großen Anteil an dem WahlrechiSkampf der preu- ßifchen Genossen nehmen die Chemnitzer Parteigenossen. Zu macht- vollen Kundgebungen gestalteten sich zwei Versammlungen in Chemnitz , die Sonnabend und Sonntag in den größten Sälen, Zweiniger und VolkShauS, abgehalten wurden. Genosse Ledebour sprach über daS Thema: Der Kampf des Volkes um Freiheit und Recht. Tausende waren in den Ver- sammlungen. Tausende standen vor den Sälen, die keinen Platz finden konnten. Der Referent gab einen Rückblick, beginnend von dem Ausgange der letzten Reichstagswahl, über die politischen Ereignisse bis in die jüngste Zeit. Er schilderte den Zusammenstoß im Reichstage mit dem Vizepräsidenten Hohenlohe anläßlich der Oldenburger Frechheit, die WahlrechtSkämpfe und die Polizistenübergriffe, und hielt in der ihm eigenen Weise scharfe Abrechnung mit den Finsterlingen und den WahlrcchtLfeinden aller Couleur, die die Sozialdemokratie schon niedergeritten zu haben glaubten, und versicherte, daß der Kampf um das ReicbStagswahl- recht für Preußen mit allen Mitteln weitergeführt werde bis zum endlichen Siege der Sozialdemokratie. Jubelnder Beifall wurde dem Genossen. In einer einmütig angenommenen Resolution ver­sicherten die Chemnitzer Genossen den preußischen WahlrechtSkämP- fern ifjie Stziupathic.' In AugSburg demonskrierssn die Bayern zugunsten der preußi- scheu Wahlrechtsreform. Genosse M ü l le r- München referierte über junkerliche Staatsstreichversuche und preußische Wahlrechts- rcform. Die Versammlung war eine mächtige Kundgebung gegen die preußische Reaktion. Tie demokratischen Vereine Bayerns waren in Würzvurg ver- sammelt, um über die Fusion der linkSliberalcn Parteien zu be- raten und benützten die Gelegenheit, gleichfalls für eine ver- nünstige preußische Wahlreform zu demonstrieren. Vw der Lilticheidung. London , 26. Februar.(Eig. Ber.) Das innerpositische Fieber, das vor zehn Monaten mit dem Etat zum Ausbruch kam und durch die letzten Wahlen nicht beseitigt wurde, ist nur eine Phase, allerdings eine sehr akute Phase der allgemeinen und chronischen Krise, in der sich die britische Nation seit dem Jahre 1885 befindet. In jenem Jahre, als auch die Landarbeiter das Wahlrecht ausüben durften, wurden die besitzenden Klassen Großbritanniens zu ihrem Schrecken gewahr, daß sie in der Demokratie stecken. Die dainals begonnene Nebellion dieser Klassen gegen die freiheitliche Entwickelung der Konstitution bildet die Krise. Der Verlauf der Krise war vorerst ein lang- famewund gab deshalb keinen Anlaß zur Veunruhignng. Vom Jahre 1886 bis 1966 waren die Konservativen entweder am Ruder oder wenigstens die Herren der Situation. Tie liberale Mehrheit in den Jahren 1892 bis 1895 war schwach und unentschlossen, und die Arbeiter bildeten einen festen Bestandteil der alten Parteien. Die bc- sitzenden Klassen hatten sich beruhigt und trieben eine ihren Interessen entsprechende Politik, ohne von den Volksmassen gestört worden zu sein. Im Jahre 1966 kamen aber die merk- würdigen Wahlen, die die Radikalen ans Ruder brachten und die Existenz einer selbständigen proletarischen Partei enthüllten. Die Uebcrraschung war groß und schmerzhaft. Darauf waren die Besitzenden nicht vorbereitet: Die Demokratie war trotz alledem im Anmarsch! Soschlimm" war es allerdings nicht. Jetzt läßt sich ja der Charakter jener Wahlen besser begreifen. Sie waren ein Protest der Volksmassen gegen den Burenkricg. Die britischen Wähler stimmten nicht so sehr für die Radikalen als gegen die Imperialisten. Dennoch ivar der Schrecken groß und die Besitzenden begannen ihren Blick auf die Lords zu richten. Das Oberhaus als Schutzmauer gegen die Demokratie! Deshalb die zahlreichen Ablehnungen von Untcrhausvorlagcn im Oberhause. Gleichzeitig aber bedeuteten diese Ablehnungen die Ver- nichtung der liberalen Partei, deren radikale Elemente in den Auffassungen der bürgerlichen Demokratie erzogen wurden und ihre ganze politische Existenz bedroht sahen: einerseits von den Konservativen, andererseits von der Arbeiterpartei, mit deren Sozialismus sie sich nicht befreunden konnten. Die Antwort der Radikalen war der Etat mit seinen Boden- steuern, seiner Erhöhung der Einkommen- und Erbschaftssteuern, seinen Alterspensionen für Arbeiter und seinen Aussichten ans Arbeitslosensürsorge. Der Etat war eine Herausforderung der Radikalen an die Konservativen, die wirklich geglaubt hatten, die Ergebnisse der Wahlen vom Jahre 1966 wären ein Mandat an die neue Regierung, im radikalen Sinne die Geschäfte des Landes zu leiten. Die besitzenden Klassen, treu ihrem antidemokratischen Programm, ließen den Etat verwerfen, ivorauf die Radikalen das Parlament auflösten und zu Neuwahlen schritten, die ihre Mehrheit auf zwei Stimmen reduzierten und sie in Abhängig- keit von den Nationalisten und den Arbeitern brachten, denen eS um den Kampf gegen die LordS wirklich ernst ist und ernst fein mutz. Seine Rettung vor vollständiger Vernichtung verdankt der Liberalismus folgenden Faktoren: dem Etat, dem Kampfe gegen die Lords und dem Freihandel. Allein die Wähler, die auL diesem Grunde für die Liberalen stimmten, gehören keiner homogenen' Klasse an. Die Arbeiter gaben ihre Stimmen dem Etat und dem Kampfe gegen die Lords; die Iren, die Schotten, die Waliser stimmten hauptsächlich gegen die Lords, die Iren sind gegen den Etat; die Großindustriellen und die Reeder stimmten für Freihandel, ohne die Frage des Frei- Handels würden sie zum Teile für die Konservativen gestimmt haben. Die Gruppen und Parteien, auf die die Liberalen rechnen dürfen, sind also nichts weniger als einheitlich; allein das Band, daö die große Mehrheit dieser Klassen- und Volksschichten zusammenhält, ist die Feindschaft gegen die Lords. Da aber Asquith an dieser gemeinsamen Forderung Verrat geübt hat, so ist die Lage seines Kabinetts unsicher. In der Adreßdcbatte der letzten Woche fanden zwei nanientliche Abstinimungen(tlivisions) statt. In beiden ent- hielten sich die Iren der Abstimmung, und die Regierung verdankt einzig und allein der Unterstützung der Arbeiter- abgeordneten, daß sie noch am Ruder ist. Aber wie lange sie iwch am Ruder bleibt, läßt sich nicht sagen. Geben die Iren die Neutralität auf und nehmen eine oppositionelle Hat- tung ein. so ist es um die Regierung geschehen. Schon die nächste Woche dürfte zeigen, welche Haltung die Iren einzu- nehmen gedenken, denn das Unterhaus wird am Montag in die Beratung dcS Etats eintreten. Die einzige Hoffnung der Regierung beruht vorläufig auf der W a h l m ü d i g k e i t d e S Landes. Mit Aus- nohme der Iren, die zum größten Teile keine Gegenkandidaten haben und deshalb einen eigentlichen Wahlkampf nicht durch- machen müssen, wünscht keine Partei, sofort in eine Wahl- kampagne einzutreten. »* Die Debatte im Unterhaus. London , 23. Februar. Die Unsicherheit der poltti» schen Lage und die Möglichkeit einer KrisiS hatten heute schon bei der Eröffnung der Sitzung ein dicht gefülltes Haus geschaffen, obwohl vorerst lediglich formale Fragen zur Entscheidung standen. Premierminister Asquith brachte den Antrag ein. alle Sitzungen bis zum 24. März ausschließlich den Regierungsgeschäften vorzubehalten und zwar sollen sie vollständig dem Budget und anderen finanziellen Angelegenheiten gewidmet sein, da das Finanzjahr am 21. März zu Ende geht. Vier Tage würden dem Marinebudget gewidmet werden. DaS Haus werde sich sodann vom 24. bis 20. März vertagen. Bei seinem Wieder» zusammentritt werde die Regierung Vorschläge über die Beziehun- gen zwischen beiden Kammern machen. Diese Borschläge würden zunächst in Form von Nesolutione» eingebracht werden, in denen ganz allgemein die Notwendigkeit ausgesprochen sein werde, die Lord» von den Finauzangclegenycitcn auszuschließen, und in denen ferner das Unterhaus zu der Erklärung aufgefordert werden solle, daß das Veto des Oberhauses mit Bezug auf die Ge- jetzgebung so eingeschränkt werden müsse, daß die Borherr- schaff des Willen« drS Unterhauses innerhalb der Lebensdauer eincS und drSselbr» Parlament? als gesichert erscheine, Asquith schloß: Es Eert'e klargelegt werklest, daß diest Verfassungsänderungen kein P r j u d i z für dieendgültig« Lösung der Frage bildeten. Er fasse für eines de« nächsten Jahre die Schaffung eines Oberhauses auf demokra- tischer Grundlage ins Auge. Wenn die Resolutionen zur Annahme gelangt seien, werde ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, de« die betreffenden Teile der Resolutionen in Kraft setze. Um Zeit und Arbeit zu sparen und diese Hauptfrage sobald alö möglich zur Ent» schcidung zu bringen, würden die vom Unterhause angenommenen Resolutionen dem Oberhause vorgelegt werden.(Beifall bei den Ministeriellen.) Ob das Oberhaus den Resolutionen dann zustimme oder nicht, die Regierung sehe die Einführung von Be- siimmnngen, die das Unterhaus von dem Veto dcS Oberhauses be­freien, nicht nur als erste wesentlichste Voraussetzung für die gesetzgeberische Würde und eine nutzbringende Wirksam- keit dcS Unterhauses an, sondern auch als ihre eigene höchste Pflicht.(Beifall bei den Ministeriellen.) Im Verfolg dieser ?lufgabe werde die Regierung alle Maßregeln ergreifen, die nach der Verfassung zulässig seien, und für ihre erfolgreiche Durchführung setze sie ihre Existenz ein.(Bei- fall. Ruf auf den Bänken der Unionisten: Wo bleibt das Budget?) Balfour erNärte. das abgeänderte Programm der Regierung beweise einen absoluten Mangel an folgerichtiger S t a a t s k u n st. In jedem Satz desselben trete eine domi- nierende Erwägung hervor, nämlich wie das Kabinett zu» sam mengehalten werden lönne, wie die von allen Seiten drohenden Stürme abgewendet werden könnten. Er glaube nicht, daß dies Staatskunst sei, aber er leugne nicht, daß es eine geschickte parlamentarische Leitung sei und wahrscheinlich geeignet, alle Gruppen der Koalition zufriedenzustellen. Aber wie sehr auch die Erklärung von Asquith geeignet erscheine, eine Aera des Friedens für die Regierung zu sichern, sie sei wenig geeignet, im Lande den Eindruck von der Staatskunst der Sie- gierung zu verstärken.(Beifall der Opposition.) R e d m o n d sagte, seine Absicht sei es nicht, einen Streit mit den Liberalen vom Zaune zu brechen, sondern ASquith zu verhindern, daß er von der kühnen, staatsmännischen Politik, welche er in secner Rede in der Albert Hall dargelegt habe, zurückweiche. R e d m o n d fuhr fort, er beklage, daß Asquith nicht ange- deutet habe, was die Regierung tun werde, wenn die Lords die Resolutionen ablehnen sollten, und er erklärte, daß er und seine Partei gegen die Resolution bezüglich der Ber» teiluug der Sivnngen stimmen würden, wenn er nicht die Zusicherung erhalte, daß ASquith , wenn die Lords die Resolutionen ablehnen sollten, zum König gehen und um Garantien bitten, und falls die Garantien ver- weigert werden sollten, zurücktreten würde. Sir Henry Dalzicl sagte, die Anhänger der Regierung bätten das Recht, sich zu beschweren, daß man sie durch die Politik einer Reform des Oberhauses überrascht habe. Abc« wenn die Regierung mit der Vetopolitik fortfahren und den König um Garantien bitten würde, falls die LordS bii Veto-Resolution zurückweisen sollten, würde er die Regierung unter st ützen. Austen Chamberlain beklagte, daß die Regierung die Budgetberatung zurückstelle und dadurch die finanziellen und die wirklichen Interessen des Landes schädige. Die Opposition sei nicht gesinnt, der Regierung des Königs nur deswegen zu oppo- nieren, weil sie dadurch ein wenig früher aus dem Amte gehen müsse, als eS auch ohnedies der Fall wäre. Die Opposition werde sich der Abstimmung enthalten. Politische Oeberfiebt. Berlin , den 28. Februar 1910, Der Autiwahlkaulpf des Zentrums. Tic zwanzig religiösen Arbeitermassenversammlungen, von deren Einberufung wir in letzter Nummer berichtete», haben gestern in Köln und Umgegend stattgefunden. In den Aufrufen hieß eS, dieseProtestversammlungen" gelten den Kirchenfeinden", den Freidenkern, derVerbrüderung aller antikirchlichen und anti» christlichen Parteien(!) auf wirtschaftlichem(!) und politischem(!) Gebiete". Und weiter heißt es, derGeist der Linken" sei auf dem Vormarsche. Die«Protest"bewegung, die sich auf das ganze westdeutsche Gebiet erstreckt und von M.-Gladbach aus inszeniert worden ist, richtet sich angeblich gegen dieKirchenfeinde". Der Aufruf aber verrät durch die ange» führten Wendungen mit ausreichender Tölpelhaftigkeit, was des Pudels Kern ist: Die Unzufriedenheit der katholi- schen Arbeiter über die Steuerbewilligungen und den perfiden Wahlrechtsverrat des Zen- trumö soll abgelenkt werden auf dengemein» samen Feind", auf dieFreidenker. Kirchen» feinde und Kulturkämpfer". Dieser Mißbrauch der Religion zu parteipolitischen Zwecken ist ein alter Trick des Zentrums, der schon mehrmals dann angewendet worden ist, wenn diese Partei daS arbeitende Volk an die agrarischen Brotwucherer verkauft hatte. Wenn die Kirche wirklich gefährdet wäre, so hätte ja das Zentrum dafür sorgen können, daß bei der Ab- stimmung über den Toleranzantrag nicht sechzehn Zentrums- abgeordnete fehlten. Bei der Beschlußfassung über den schänd- lichen Zolltarif hatte das Zentrum bekanntlich seine sämtlichen Mannen zur Stelle, und auch kürzlich, als es galt, im Interesse der Junker und Großagrarier die Erbschaftssteuer nieder» zustimmen, fehlten nur zwei ZentrumSleutel Daß in den Versammlungen, wie an den Anschlagsäulen reklamehaft ausgeschrien wurde, auch Kardinal Dr. Fischer und der Kölner Weihbischof würden teil» nehmen, macht den Rummel nicht besser. UebrigenS sollte ur- sprünglich derProtest" mit einer Straßen demonstratio» verbunden werden. Im letzten Augenblick wurden aberdie in Frage kommenden Vereine" von der Bezirksleitung der katholischen Slrbeiter- und Gesellenvereineaus bestimmten Gründen ersucht, nicht, wie ursprünglich beabsichtigt war, in ge- schlossenem Zuge zur Versammlung zu ziehen, sondern sich sofort inS Versammlungslokal zu begeben. Man wollte also auchaus die Straße gehen". Die Reichstagsstichwahl in Miilheim-Wipperfürth« Gummersbach . Bei der ReichötagSstichwahl am Sonnabend erhielt Dr. Marx (Zentrum) 21400. Dr. Erdmann(Soz.) 13382 Stimmen. DaS Zentrum hat mithin daS Mandat behauptet. Bei der Hauptwahl am 15. dieses Monats erhielten: daS Zen- trum 20 370, die Sozialdemokratie 10 924, die Nationalliberalen 8405, die Christlichsozialen 1140 Stimmen. Zu dem Wahlergebnis wird uns aus dem Kreiö geschrieben: Der Zentrumskandidat ist, wie vorauszusehen war, mit großer Mehrheit gewählt worden. Die Liberalen haben sich nicht zu einer einheitlichen eindeutigen Parole aufschwingen können. trotzdem sie vor der Hauptwahl unzählige Male erklärt hatten, ihr Kampf gelte der Niederwerfung der Zentrumsreaktion. Bis zur Stichwahl hat eS sich aber gezeigt, daß der Nationalliberalismus, selbst wenn er vom Jungliberalismus stark beeinflußt wird, leine Entschlossenheit mehr aufzubringen vermag. Für den Kreis Mül- heim gaben die liberalen Vertrauensleute die Parole auS: Keine .Stimme dem Zentrum! Lm Kreise Gummersbach ging man