Einzelbild herunterladen
 

Nr. 55a.

Abonnements- Bedingungen:

Abonnements Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 Mt., monatl. 1,10 m., wöchentlich 28 Bfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags­nummer mit illustrierter Sonntags Beilage Die Neue Welt" 10 Bfg. Post­Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post- Beitungs­Breisliste. Unter Areuzband Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien , Dänemark , Holland , Italien , Luxemburg , Portugal , Rumänien , Schweden und die Schweiz .

Ericheint täglich außer Montags.

für

Extra- Ausgabe.

Vorwärts

Berliner Volksblatt.

50 fun 27. Jahrg.

Die Infertions- Gebühr

Geträgt für die fechsgespaltene Kolonel zeile oder deren Raum 50 Bfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins. und Versammlungs- Anzeigen 80 Bfg. ,, Kleine Anzeigen", das erste( fett. gedruckte) Wort 20 Bfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf­stellen- Anzeigen das erste Wort 10 Bfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet.

Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin "

Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.

Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.

Montag, den 7. März 1910.

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.

Wahlrechts- Spaziergang.

Die Berliner Polizeileitung hat den Wahlspaziergang im Treptower Park verboten und verhindern stundenlang jeden Verkehr, unterdeffen demonstriert die Berliner in dem ihr eigenen Plakatstil, der den Spott der ganzen gebildeten Welt herausfordert, an- Boltsmasse im Tiergarten; und was das Charakteristische für die Berliner Polizei gekündigt, daß sie ihm mit ihrer Polizeimacht rücksichtslos entgegentreten werde. Und tat- ist, trotz ihrer Hunderte von politischen Spizeln merkt sie erst dann etwas von dem Wahl­sächlich ist es ihr gelungen den Spaziergang im Treptower Park zu verhindern. Da sie alle rechtsspaziergang im Tiergarten, als schon über die Hälfte der Menschenmassen Polizei- und Gendarmeriekorps aus Berlin und der Umgegend zusammengezogen und alle in den Alleen aufmarschtert sind. Wenn in Preußen die Lächerlichkeit töten würde, Herr Zugänge zum Park schon gestern vormittag in aller Frühe durch mehrere Tausend v. Jagow wäre morgen ein toter Mann. Schugleute, berittene und unberittene, sowie einige hundert Gendarmen hatte absperren Allerdings hat auch der gestrige Tag wieder Arbeiterblut gekostet. Eine ganze Reihe Iassen, vermochten die zur Wahlrechtsdemonstration heranziehenden Massen- mehr als Verlegungen, über deren Anzahl zurzeit sich noch nichts Bestimmtes sagen läßt, wurden uns 50 000 Personen auf keinem Wege( auch Straßenbahnwagen und Automobile mußten gemeldet; denn als die Polizei endlich die Massen gewahrte, sprengte in wildem Galopp umkehren) in den Park zu gelangen. Dafür hat aber Berlin gestern in seinem eine Kavalkade berittener Schuhleute nach der anderen heran, während andere Mannschaften Zentrum, im Tiergarten, oder vielmehr in den vom Brandenburger Tor zum in Automobilen, Gefängniswagen, Feuerwehrwagen usw. herbeieilten, und nachdem eine Großen Stern führenden Alleen und Wegen eine Demonstration erlebt, wie die Reichs- genügende Menge von Schutleuten vorhanden, hauptstadt sie bisher noch nicht gesehen hat: einen Wahlrechtsspaziergang, an dem sich nach mäßiger Schätzung

beteiligt haben.

-

mindestens 150000 Personen

begann das bekannte Sänbern" der Wege.

Bis dahin hatte die demonstrierende Voltsmasse sich absolut ruhig verhalten; Tein Rafen war betreten, kein Verkehr gestört worden. Ruhig zog die Menge thres Weges, machte den zahlreichen Automobilen, Straßenbahnwagen und Droschken willig Platz und be­Die Berliner Arbeiterschaft hat auf das gesetzwidrige Verbot des Spazierganges im gnügte sich damit, hin und wieder die Marseillaise zu singen oder ein Hoch auf das Wahl­abgelegenen Treptower Bart einfach damit geantwortet, daß sie ihre Demonstration in das recht auszubringen. Staum aber war die Polizei in genügender Bahl beisammen, so begann Herz Berlins , in den sich an die Straße Unter den inden anschließenden östlichen auch die Störung der Ruhe und des Verkehrs. Wild sprengten die berittenen Trupps in die Leil des Tiergartens und die angrenzenden Straßenzüge, in das Tiergarten- Viertel verlegte. Menschenmassen, und an einigen Stellen, wo diese nicht schnell genug zurückwich, weil sie Alle Defrete, alle Drohungen des Polizeipräsidenten und der aus seinen Bureaus inspirierten nicht vermochte, wurde von den Pferden herab mit Säbeln in die Massen eingeschlagen. Selbst Presse haben nicht die Arbeiter dazu zu bewegen vermocht, auf ihr Recht zu verzichten, ihrem in die kleinen Promenadenwege, über die Rasen und Gesträucher hinweg, sprengten die Be­Unwillen über die Bethmann Hollwegsche Wahlrechtsvorlage und die frivole Diktatur der rittenen mit wilder Berserkerwut hinein; und mehrfach hatten die Polizeioffiziere ihre ganze Junkerkaste Ausdruck zu geben. Im vollen Bewußtsein dessen, was für sie auf dem Spiele Autorität aufzubieten, um die Angriffsluft ihrer Mannschaften zu zügeln, so daß für jeden stand, daß sie vielleicht ihr Leben, ihre Gesundheit einsetzen müßten, haben sie sich in Unbeteiligten die Selbstdisziplin der sozialdemokratischen Arbeiter­imponierenden Massen eingefunden und aufs neue ihre politische Entschlossenheit und schaft zu der Disziplinlosigkeit der Polizeimannschaften einen grellen Kontrast Disziplin bewiesen. Das bietet die beste Gewähr, daß die Tage des Dreiklassensystems bot. Selbst auf das ganz zweifellos den sogenannten besseren Ständen angehörende gezählt sind. Bublifum sprengte die berittene Polizei mehrfach ein, so daß wir mehrfach die bissigsten Be

Solcher entschlossene, durch keine Einschüchterungsversuche und Polizeitrogungen zu merkungen über das preußische Polizeiregiment hörten. beugende Wille überwindet allen Widerstand, alle Hindernisse. Keine Staste vermag So muß es tommen! In allen europäischen Kulturstaaten spottet man, wie auf die Dauer gegen den energischen Willen eines zur vollen politischen Reife erwachten jeder weiß, der im Ausland gelebt hat, über die preußischen Polizeizustände, die preußische Boffes zu regieren, vor allem nicht eine Kaste, die trotz aller Privilegien wirtschaftlich Arbeiterschaft hat man durch stetige Polizeischikanen mit Haß gegen das Junkerregiment in längst bankrott wäre, wenn ihr nicht alljährlich durch künstliche Verteuerung der feinem Vaterlande" erfüllt, und nun treibt man es durch rücksichtslose Brüstierung der Lebensmittel und eine ihren Interessen entsprechende Steuerpolitik Hunderte und aber patriotischen Bürger dahin, daß auch diese ausspucken, wenn sie den Namen. Preußen" Hunderte von Millionen Mark in den Schoß geworfen würden: eine Staste also, die nur auf hören. Ein großartiger Erfolg junterlich polizeilicher Regierungs. Volkskosten lebt, und die doch vermeint, diesem Volk seine elementarsten politischen Rechte tunst! vorenthalten zu dürfen.

Db freilich Preußens Junkertum Heute schon diese Lehre der Geschichte bereits erkennt, das ist höchst fraglich. Wie alle auf ihre Machtposition versessene Aristokratie begreift auch sie nicht den tiefen Sinn der Worte, mit denen der Geschichtsschreiber F. A. Mignet seine Geschichte der großen französischen Revolution einleitet:

" Sobald eine Reform notwendig geworden und der Augenblid ihrer Durchführung gekommen ist, so hält sie nichts auf und alles wird ihr förderlich. Glücklich dann die Menschen, wenn sie fich verstehen können, wenn die einen abträten, was sie zu viel haben, wenn die anderen sich mit dem begnügten, was ihnen fehlt; die Revolutionen verliefen friedlich und der Geschichtsschreiber hätte weder Ausschweifungen noch Unglück zu berichten. Er brauchte nur zu zeigen, wie die Menschheit flüger geworden ist, freier und glücklicher. Aber bis jetzt bieten die Jahrbücher der Völker, wenn es sich um Opfer handelt, kein Beispiel einer solchen Klugheit; wer Opfer bringen sollte, verweigert sie; wer sie wünscht, bringt sie ab, und das Gute geschieht wie das Böse durch Anwendung der Gewalt und mit der Roheit widerrechtlicher Eingriffe."

Nachdem die ersten wütenden Attaden vorüber waren, hielten sich die Polizeimann­schaften mehr zurück und beschränkten sich darauf, einzelne Teile des Tiergartens abzusperren und aus anderen die Spaziergänger allmählich herauszudrängen. Db von oben herab Gegenorder gekommen, ob die Polizeioffiziere das Unsinnige des wilden Hineinspringens in die Reihen der friedlichen Spaziergänger eingesehen hatten? Wir wissen es nicht. Ruhig gen die Massen in großen Zügen nach verschiedenen Richtungen unter dem Sang der Marseillaise und gelegentlichen Pfutrufen auf Bethmann Hollweg und die Junkerschaft ab.

Ein neuer Sieg der Arbeiter, eine schwere Niederlage des Polizeiregiments, das ist demnach das Fazit des heutigen Tages in Berlin . Bange Gemüter sahen ihm mit Sorge entgegen. Die liberale Presse riet der Sozialdemokratie ängstlich, doch um alles in der Welt sich dem Polizeiwillen zu fügen; habe sie doch sicher das moralische Recht auf ihrer Seite. Die Sozialdemokratie solle doch die Demonstration aufgeben; das Lob der liberalen Presse sei So glaubte das heutige Junkerregiment auch, von dem das Berliner Polizeiregiment ihrer staatsmännischen Einsicht sicher. Die Sozialdemokratie hat sich weber von der nur ein Teil ist, durch Drohungen mit den Attacken berittener Polizisten das Volt von der tonservativen Heze einschüchtern lassen, noch tonnte sie den Kundgebung seines Willens abschrecken zu können. Und was ist der Erfolg? Die liberalen Ratschlägen, so gut sie gemeint sein mochten, folgen. Polizei hat durch ihre verfehlte fleinliche Taktik nur bewirkt, daß der Ort der Massenkund- Und sie konnte den Willkürverboten der Herrschenden mit um so größerer Sicherheit ent­gebung von dem einsamen Treptower Park in das feinste Viertel Berlins verlegt worden und gegentreten, als sie der Unvernunft von oben die Vernunft von unten, der Kopf­der mit dem Gefang der Arbeitermarseillaise abwechselnde Hochruf auf das allgemeine, losigkeit des Polizeiregiments die Besonnenheit der Berliner gleiche, geheime und direkte Wahlrecht in die Ohren gedrungen ist, die ihn im Treptower Arbeiterschaft entgegensegen konnte. Sie wußte, was in der Berliner Arbeiterschaft Bart nie vernommen hätten. nicht nur an Entschlossenheit und Opferbereitschaft, sondern auch an Selbstbeherrschung und

Und Berlin lacht, lacht aus vollem Herzen über den Mißerfolg der wegen ihres an- Selbstsicherheit vorhanden ist. Und das Vertrauen der Partei haben die Massen glänzend maßenden Auftretens bis in die Kreise des reichsten Bürgertums unbeliebten Berliner Polizei, gerechtfertigt, sie haben die Aengstlichen beschämt, die Blutlüsternen enttäuscht und die und vor allem lacht es über seinen Polizeipräsidenten, dessen schöner bramarbasierenden Polizeigrößen abgetan. renommistischer Plakatstil so wenig seiner Umsicht, seiner Direktionsfähigkeit entspricht. Und

Der Kampf um das Wahlrecht wurde heute in Berlin wie in ganz Preußen morgen? Morgen wird die ganze Welt lachen; wird man über die Gesichter aller Polizei- mächtig gefördert. Ob Verbote oder nicht, überall ist in Preußen heute wieder die gewaltigen der in- und ausländischen Großstädte ein ironisches Lächeln ziehen sehen. Tausende Wahlrechtsfrage von den Massen selbst gestellt worden. Die Bewegung wächst von Demon von Hütern" der angeblich gefährdeten Ordnung demonstrieren im Treptower Park und stration zu Demonstration; und keine Macht kann fie mehr auf die Daner bezwingen.