Dem Kranze des Lese- und Diskutierllubs Baumschulentveg Wurde die Schleife mit folgendem Ausspruch Lassalles vernichtet: Immer, wenn ich gleiches Stimmrecht sage, meine ich Revolution!' Große'Aufmerksamkeit erregte eine nicht konfiszierte Kranz- schleife, auf der zu lesen war: 2. Schleife. Die erste hat sich die Spandauer Polizei mit Gewalt an« geeignet. Auf der in Spandau im Lokale von Schubert konfiszierten Schleife hatten die Worte gestanden: Verlasset Euch auf Eure blanken Waffen Und führt der Welt ein neues Blutbad auf— Wir spotten Eurer Uebernracht und Tücke Und gehen rüstig unsern Siegeslauf. Es würde zu weit führen, wollten wir alle die Widmungen hier wiedergeben, die gestern den Hütern der Ordnung so sehr mißfielen. daß sie entfernt werden mußten. Es sei nur noch erwähnt, daß auch die Kranzschleife des Verbandes der Wahlvereine Berlins und Umgegend und ebenso die des Verbandes der Wahlvereine der Provinz Brandenburg polizeilich ver- stümmelt wurden. Auf der einen standen die Verse von Adolf Strodtmann : Fluch jenem Haß, der eine Welt verzehrt! Wir haben Recht, um Euren Tod zu klagen. Doch unsere Klage wird ein Racheschwert, Damit wir unserer Feinde Schar erschlagen. Ein Schwert, das in das Heldenblut getaucht, Mit Euren Mördern richtet ohn' Erbarmen. Fort in den Kampf, der Morgennebel raucht! Noch eine Schlacht— und selig sind die Armen! Der Verband unserer Brandenburger Genossen hatte auf seiner Kranzschleife die Verse von Kegel: O glaubt, das Volk gedenket d'ran', Und ist es auch bisher erlegen, Und triumphiert die Reaktion, Trotz bietet all den mächtigen Schläge» Die Macht der Revolution. Man kann ermorden ihre Streiter, Sie aber schreitet ruhig weiter. Sie ist daS eh'rne Muß der Zeit. Wer wollte dieser widerstehen? Einst wird ihr Banner siegreich wehen, Einst wird durch sie das Volk befreit. Die Verse standen bis an die Worte„der Zeit" und die drei letzten auf der einen Hälfte der Schleife, die abgeschnitten wurde, während die andere Hälfte, auf der von dem endlichen Sieg der Revolution und der Befreiung des Volkes die Rede ist, durchgehen konnten. Der Sieg der Revolution ist uns also erhalten geblieben und nicht von dem Polizeizenior konfisziert worden. Da» ist doch ein Trost in diesen Zeiten der Reaktion und Polizeiwilltür. Die zweite Hülste weggeschnitten wurde auch von dem Kranz der Druckerei S r t t e n f e l d zierenden Verse: Ihr tapfern Kämpfer einer großen Zeit, Wir hören Euch— wir ruhen nicht. Bis auch in Preußen herrscht Gerechtigkeit, Bis auch in Preußen strahlt das Licht I In Preußen Gerechtigkeit und strahlendes Licht— da? war dem Zensor zuviel des Guten. Ein unverschämtes Verlangen, sagt sich die Polizei offenbar. In Preußen muß Finsternis und Un- gercchligkeit herrschen, sonst tnuß der Staat flöten gehen. Die GewerkschastSkoinmission legte einen Kranz mit folgender Inschrift nieder: Ihr habt es nicht zu tun mit Vagabunden Mit meuterisch gedankenlosen Horden, Gesindel, das zusammen sich gefunden— Nein mit der Menschheit, die da reif geworden! Der Verein der Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse legte ebenfalls einen Kranz nieder. Vom Parteivorstand wurde ein schöner Kranz mit der Widmung: Den Vorkämpfern für die Demokratisierung Preußens! niedergelegt. Der Kranz der„Vorwärts"-Redaktion richtet auf seiner Schleife die Warnung an die reaktionären Gewalthaber: Des Steins Geduld bricht endlich auch in Stücken, Den Götter zum Eetretcnsein doch schufen. Volk, mehr als Stein. Wie lang' darf man dich drücken? Ebenso klingt auch die Inschrift von der VorwärtS-Druckerei, Buchhandlung und Expedition wie eine Warnung im Jagowstil: Es wird das Recht auf Freiheit verkündet. Die Freiheit führt zur Kultur. Bei Widerstand droht Vernichtung. Wir warnen die Reaktion. Die Parteischule gemahnte die Machthaber daran, daß sie den kommenden Völkerfrühling ebenso wenig zu verhindern vermögen. wie den Frühling in der Natur: Umsonst ihr Herren, kein Halten mehr: Ihr sprecht den Lenz zum Winter nicht. Und hat daö Eis einmal gekracht. So glaubt mir, daß es auch zerbricht. Insgesamt wurden 326 Kränze niedergelegt, darunter 28 von der Demokratischen Vereinigung und ein einziger von einem fortschrittlichen Bezirksverein. •• • Die Massen, die den Friedhof besuchten, wurden mit der Zeit immer zahlreicher und doch entstand auf dem Friefhofe kein un- angenehmes Gedränge. Alle bewegten sich ruhig, damit jeder sich der feierlichen Stimmung hingeben konnte. Man las die Inschriften, blickte auf die Kränze, sah auch, in welchen Massen die Polizei die Schleifen verstümmelt hatte, und gelobte sich wieder einmal im Stillen, im Geiste der Märzgefallenen um eine bessere Zukunft un- ablässig zu kämpfen. Ragows verwegene 8cbar. Die großartige Feier-der Märzgefallenen wäre sicherlich-in aller Ruhe verlaufen, wenn eS auf die Massen ernster Männer und Frauen, die nach Gräbern wanderten, allein angekommen wäre. Aber der Mensch denkt, und die Polizei lenkt die Dinge meist immer ganz anders. Der Friedhof, der ja sonst bis Dunkelwerden geöffnet ist, wurde schon um$iS Uhr abends abgesperrt. Da standen aber noch große Menschenmassen in. Polizei. mäßig geordneten Reihen da, denen man nun den Eingang ver- wehrte. Aber dabei blieb es nicht. Man drängte sie mit Gewalt zurück, und in der Folge kam es zu den in Preußen offenbar regelrechten Polizciattacken. Reitende stürmten in die Menge, polizeiliche Radfahrer kamen da- her gesaust, Schutzleute rannten, als wenn sie hinter einer Raub- mördcrbande her wären, packten, wen sie erwischen konntest, stießen und schlugen mit der Faust und zogen auch einmal blank. Frauen wurden umgerannt und zu Boden geworfen, Männer wurden blutig geschlagen. Wir trafen einen Mann, der den Tag über am Friedrichshain den„Demokraten " verkauft hatte. Seine Hände sahen aus, als hätte er sie in Blut gebadet, im Ge- ficht hatte er Beulen, die von Schlägen oder Püffen herrührten. Er erzählte, daß er gegen 8 Uhr ruhig nach Hause gehen wollte. Da war er in eine vor Schutzleuten herlaufende Menge geraten. Drei fielen über ihn her, mißhandelten ihn, und ein Radfahrer kam noch dazu und warf ihn zu Boden. Gleich darauf begegneten wir einem Mann, der von zwei jungen Leuten geführt wurde. Man hatte ihn mit einem Gummi- knüppel zu Boden geschlagen. Mitleidige Leute, die keine Furcht vor den Männern des Schutzes kannten, hatten den halb ohn» mächtigen aufgehoben vom Straßenpflaster und führten ihn nun hinaus aus der Wildnis, wo kein ruhiger Bürger seines Lebens mehr sicher war. Um diese Zeit und bis nach S Uhr konnte man am Lands» berger Platz, an der Landsberger Allee und die Lands» berger Straße hinunter bis an den Büschingplatz ein sonderbares und zugleich empörendes Treiben beobachten. An- gelockt durch die vielen Polizeileute— es waren wohl mehr als ein halbes Tausend in„Tätigkeit"— hatten sich natürlich viele blutjunge Leute und Kinder angesammelt. Rennende Schutzleute sind für die Jungen spaßhafte Figuren. Das ist nun mal nicht anders. Kamen Schutzleute gerannt, brüllten die Fungen vor Freude und schrien Hurra, so laut sie konnten, liefen auch selbst- verständlich so schnell davon, daß kein Schutzmann sie einholen konnte. Es sah aus, als ob sie mit der königlichen Polizei Jäger und Hase oder Greifen spielten. Hinter den Schutzleuten waren natürlich auch wieder JungenS, die sich auf ihre Art köstlich amü- sierten. Für sie war es ein gefahrloses Spiel, aber für erwachsene Leute, für Arbeiter, die ruhig nach Hause gehen wollten, und für Frauen, die nicht so schnell rennen konnten, wurde die Sache sehr ernst, so spatzhaft auch der Wettlauf zwischen Polizei und Straßen- jugend manchmal anmutete. Frauen waren natürlich auch manche auf die Straße gegangen, in banger Besorgnis, daß vielleicht ihre Gatten oder Kinder den Schutzleuten unter die Fäuste geraten könnten. Manche Frau wurde dabei mit roher Faust gepackt, ge- schoben und gestoßen, wenn nicht gar zu Boden geworfen. Wo ein Mißhandelter sich zeigte und der Polizei vorläufig entronnen war, bildeten sich natürlich Gruppen, die in Gesprächen ihre Meinungen über die Heldentaten der Polizei austauschten. Bald kamen wieder die Schutzleute zu Fuß und zu Rad, um die Gruppen auseinander zu treiben. Die Straßenjugend machte wieder Lärm, und das Spiel begann von neuem. Bald nach 0 Uhr trat eine Ruhepause ein. Die Polizei hatte die Landsberger Straße jenseits der Lichtenberger abgesperrt und die jungen Spielkameraden waren meist nach Hause gegangen. Die Ruhe, die nun eingetreten war, hätte weit früher, hätte, wie am Tage, so den ganzen Abend herrschen können, wenn die Polizei sich nur ruhiger und besonnener verhalten hätte— und eine bessere Ruhe wäre es gewesen. Denn nun glimmte das Feuer der Ent. rüstung über die Polizeiheldentaten in den Massen der Menschen. Die Polizei hatte eine tatkräftige Agitation betrieben, die auch auf die Sanftmütigsten revolutionierend wirken mußte. ver Aahlrechtziismpf. Der Protest der Brandenburger Arbeiterschaft. Die drei Protest Versammlungen der Branden - burger Arbeiter gegen die Polizeibrutalitätcn des Dienstags haben am Donnerstagabend bei kolossalem Andrang stattgefunden. Die drei Lokale vermochten die Massen der Er- schienenen nicht zu fassen— an 7000 Männer und Franen waren auf den Beinen. Trotz des gestern von uns wiedergegebencn Polizeiukases vollzog sich der Abmarsch der Massen aus den Lokalen ohne Störung. In verschiedenen Kasernen war Militär marsch- bereit, doch verlief alles ruhig und würdig. � G � In der Brandenburger Stadtverordneten- Versammlung kam es am Donnerstagabend zu stür- mischen Szenen, als der sozialdemokratische Vertreter das Vorgehen der Polizei brandmarkte. Als Genosse Baron anführte, daß man das Militär in Bereitschaft halte und Kanonen gegen das Volk auffahren wolle, brachen die bürgerlichen Stadtverordneten in lautes Gelächter aus. Wir entnehmen dem Bericht der„Brandenburger Zeitung": Stadtv. Baron : Schämen Sie sich bei so mörderischen Be- drohungen, in so ernster Situation zu lachen! Denken Sie doch an Mansfeld oder an 1848! Gilt Ihnen denn Arbeiterblut gar nichts mehr? Ich weiß es aus bester Quelle, aus dem Munde von Oslizieren, daß man Militär in den Kasernen in Bereit- schaft hält und die Kanonen füllte. Stadtv. Krüger springt auf, nähert sich dem Redner und schreit: „Rennen Sie die Offiziere!" Ein ungeheurer Tumult bricht los, Stadtverordnete springen von den Sitzen, ballen johlend die Fäuste gegen den Redner.... Stadtv. Baron fortfahrend: Sie können mir nicht abstreiten. was ich selbst gebort habe. Ist dem Herrn Oberbürgermeister bekannt, daß da« Militär kriegsbereit gegen den„iiineren Feind" in den Kaserne» konsigniert ist? Billigt oder wünscht er gar diese milt- tärischen Maßnahmen.... Im weiteren Verlauf seiner Rede wgrde Genosse Baron zur Ordnung gerufen, weil er erklärt hatte: Ein Polizist, der aus die an der Erde liegenden Franen und Kinder init der Waffe sticht und schlägt, ist nicht besser als ein Strolch. Der Oberbürgermeister verteidigte die Polizei und aus den bürgerlichen Reihen kam den Sozialdemokraten kein Bei- stand. Beschlüsse wurden nicht gefaßt. Strastendemonstrante» vor Breslauer Richtern. Nachdem kürzlich ein Straßendemonstrant wegen angeb- lichen zu langsamen Davonlaufens zu einer Woche Hast verurteilt worden war, hatten stch am Donnerstag wieder einige Straßendemonstranten vor dem Breslauer Schössengericht zu verantworten. Sie hatten am 6. Februar inmitten von ein paar tausend Wahlrechtsfreunden den Hut Seschwenkt und Hoch gerufen. Nichts weiter. Nicht einmal ie polizeiliche Anzeige legte ihnen mehr zur Last. Für diese Verbrechen wurden sie mit Strafbefehlcn in Höhe von je— 2 W o ch e n H a f t st) bedacht I l Das ging selbst den BreS- lauer Schöffen über die Hutschnur und sie setzten die Strafe auf lv Mark pro Person herab. Da aber nicht jeder, der mal Hoch ruft, zu 10 M. Geldslstrafe venirteilt wird, ist Be- rufung gegen die Urteile eingelegt worden. In S t r i e a a u wurde ein 17 jähriger Arbeiter zu einer Woche Gefängnis verurteilt. Er soll versucht haben, einen verhafteten Straßendemonstranten vom Schutzmann loszureißen und seiner eigenen Verhaftung soll er Widerstand entgegengesetzt haben. Ein Nachuiittagsstrcik. In Rr. SS schrieben wir in dem Artikel„NachmittogSstreik in Kiel ---- Aussperrung und Polizeinttocke": „Vorher schon hotten die Arbeiter zu Frankfurt a. M. einen versuch mit einer RachmittagSdeinonstration am Werktag gemacht, doch kann in ihrem Fall« nicht eigentlich von einem Versuch deS Demonstrationsstreiks gesprochen werden, da im allgemeinen nur' dort gefeiert wurde, wo die Unternehmer keinen Einspruch dagegen erhoben." Dazu wird unS aus Frankfurt a. M. von gewerkschaftlicher Seite geschrieben: „Das ist nicht ganz richtig. In der Metallindustrie feierten gut 7500 Arbeiter. Nur einem Bruchteil dieser Zahl wurde von den Unternehmern der Nachmittag freigegeben. In einer Reihe der größten Betriebe wurde die Freigabe den Arbeiter- aus'chüssen unter Strafandrohung verweigert. Trotzdem verließen dir Arbeiter die Betriebe fast vollzählig. Die Unternehmer machten ihre Androhung zur Tatsache und verfügten S r r a f e n von ö M. bis herab zu SO Pf. Die Arbeiterschaft verwahrte stch entschieden gegen diese Bestrafung. Durch Ver- . Handlungen wurde erreicht, daß die höchste Strafe 1 M. betrug. Aehnlich wie in der Metallindustrie liegen die Verhältnisse auch in den übrigen Industrien, das Kleinhandwerk vielleicht aus- genommen. Es haben also auch schon in Frankfurt a. M. tausende von Arbeitern den Konflikt mit den Unternehmern und Gcldppfer nicht gescheut, ihren Zorn gegen Wahlrcchtsliige und Polizeibrutalität wirksam zum Ausdruck zu bringen. Ein Zeugnis für die starke Er- regung, die Bethmanns und des Schnapsblocks Wahlrechtswechselbalg in der Arbeiterschaft entfacht haben, und für den festen Willen des Proletariats, das Wahlunrecht zu zerbrechen. Die Städte und die Wahlreform. Der Vorstand des sozialdemokratischen Vereins in Saar- brücken hat an den Magistrat da? Ersuchen gerichtet, die Stadt- verordnetenversammlung möge an die Regierung und das Ab- geordnetenhaus eine WahlrechtSpetition richten. Vom ersten Beigeordneten Schlosser ging darauf die Antwort ein, daß nach Z 34 der Städteordnung für die Rhein- Provinz es abgelehnt werden muß, dem Wunsche zu ent- sprechen; eine Gesetzesvorlage über die Wahlen zum Hause der Abgeordneten schließe ihrer tatsächlichen und rechtlichen Natur nach besondere Beziehungen zu einer einzelnen Gemeinde als solche aus, so daß die Einbringung des vorgelegten Antrages als eine die lokalen Interessen der Stadt Saarbrücken angehende An- gelegenheit nicht angesehen werden kann. Politische dederltckt. Berlin , den 18. März 1910. Die.�kreuz-Zeitungs"- Ritter und ihr Saucho Pansa. Das Organ der Hammersteinliga, die agrarkonservative „Kreuz-Zeitung ", leistet sich in ihrer heutigen Morgennummer eine Entrüstungsepistel über die Tonart der Sozialdemokratie in Presse und Parlament.„Welche Wirkungen die Straßen» Politik aber jetzt schon ausübt", so meint sie in ihrer komischen Selbstüberhebung,„kann nFtn aus der rohen Straßentonart ersehen, deren sich die„Genossen" im Abgeordneten- hause befleißigen. Die Sozialdemokratie fängt an, in jeder Hinsicht eine Gassenpartei zu werden, und als solche wird man sie eben auch behandeln müssen." Das ehrsame Blatt hätte in Anbetracht des flegelhaften Auftretens mancher Mtglieder der konservativen Fraktionen im Landtag und Reichstag allen Anlaß, zunächst vor der eigenen Tür zu fegen und verschiedenen seiner aus den Kulturgeftlden des Ostens als„Volksvertreter" nach Berlin entsandten Geistesverwandten den Rat zu erteilen, die Manieren abzulegen, die sie sich im Verkehr mit den Pferdeknechten der Rcnnställc angewöhnt haben, so schwer ihnen auch solches Wicdcrabgcwöhnen fallen mag. Indes, Selbsterkenntnis hat den Epigonen der einstigen Stranchritter seit jeher gefehlt, und so unternimmt es in seiner Abendausgabe das alberne Blatt sogar, daS Auftreten des Heijrn Elard v. Oldenburg in der gestrigen Reichstagssitzung zu ver- teidigen. den der Abg. Haußmann in völliger Verkennung der edlen Eigenschaften des RitterS von der Mancha als Don Ouixote bezeichnet hat, obgleich er weit mehr an die Helden- gestalt des Sancho Pansa erinnert. Wie die„Kreuz-Ztg." nämlich allen Ernstes versichert, wäre Herr v. Oldenburg maßlos provoziert worden und hätte erst auf die„parlamentarische Form" verzichtet, nachdem die Abgeordneten Müller, Hauß- mann und NoSke sich schon vorher über diese hinweggesetzt hätten usw. Uebcr den Geschmack läßt sich nicht streiten, und wenn die Kreuzzeitungsritter in Sancho Pansa das Ideal der Männlichkeit und deS ritterlichen AnstandS erblicken, haben wir nichts dagegen. Jedem nach seinem Gout. Immerhin wird eS die Ritter von der traurigen Gestalt schmerzen, daß trotz allen Entgegenkommens selbst ihre schwarzen Blockgefährten die Verrohung des parlamentarischen Tones durch die kon- servativcn Kapazitäten rügen und ihnen empfehlen, Herrn v. Oldenburg an die Kette zu legen. So schreibt z. B. die„Germania ": Die Konservativen werden Herrn Abg. von Oldenburg hoffent- lich jetzt darüber belehrt haben, daß sein Auftreten und seine Ton» art nicht zur Hebung des VerhandlungsniveauS im Reichstage beiträgt, und daß sie ihrerseits jedes Recht verlieren, sich über die Tonart der Sozial- demokraten zu beklagen, wenn sie selbst einen Gracchen in ihrer Mitte haben. Wir haben seinerzeit die Aeußerung des Herrn v. Oldenburg über den Leutnant mit zehn Mann nicht tragisch genommen, sondern sie dem Bedürfnis des Redners zugeschrieben, durch starke Worte und forsches Gebaren die Gegner zu ärgern. Die Methode hat schließlich ihre Korrektur in sich selbst, denn wer sie öfters an- wendet, wird nicht mehr ernst genommen. Die Kritik, die der bayerische Kriegsminister an einer anderen„forschen" Auslasiuug des„JanuschauerS" geübt hat, war aber vollkommen berechtigt. und wir verstehen nicht, was Herr v. Oldenburg gestern mit der Jnterpellierung des bayerischen Bundesratsbevollmächtigten eigentlich bezweckte. Wollte er den Minister zum Zweikampfe herausfordern, wenn«r keine befriedigende Erklärung erhielt? Mit einem solchen Versuche, italienische und französische Sitten in unser parlamentarisches Leben einzuführen, würde er bestenfalls nur Heiterkeit erregt haben." Die in der Presse aufgetauchte Meldung, wonach der Ab- geordnete v. Oldenburg den bayerischen KricgSminister zum Duell gefordert habe, wird von einer bayerischen halbamtlichen Korrespondenz bestritten. Dem Junker v. Oldenburg wäre auch diese Hanswurstiade zuzutrauen gewesen. Sein Auftreten in der Sitzung des Reichstag am Donnerstag wird von der bürgerlichen Presse— mit Ausnahme agrarisch-konservativer Organe— entschieden verurteilt. Herr von Oldenburg vertritt im Reichs- tag den Wahlkreis Elbing . Jüngst war davon die Rede, daß er mandatsmüde sei. Dem trat daS in Elbing erscheinende konservative Blatt sofort entgegen mit dem Bemerken, daß die Wiederwahl Oldenburgs sicher sei, denn die bäuerliche Be- völkerung hat in dem Kreise die Mehrhett und sie betrachtet den Junker von Oldenburg als einen„forschen Kerl", der dem Reichstag nicht entzogen werden dürfe.
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