VorsttzenjM, Samtt dieser einet AuSardeikung eines Erkenntnisses� durch Zwang der Parteien zum Vergleich vorbeuge. Erklärlich, aber bedauerlich, daß die Klägerin sich schließlich breitschlagen ließ, statt gegen die Art der Verhandlung und die Hinauszögerung einer Entscheidung Beschwerde im Aufsichtswege zu erheben. Ist Dr. Leo nicht imstande, die ihm obliegende, wahrlich nicht zu große Arbeit in einer das Vertrauen der Rechtsuchenden erweckenden Weise zu erledigen und sucht er deshalb der Billigkeit ins Gesicht schlagende V«gleiche durchzusetzen, so mag er baldigst um seine Pensionierung einkommen. Niemand würde ihn ungern vermissen. Diese Ver- gleichsmühle ist ein Armutszeugnis ersten Grades, das Dr. Leo sich selbst ausstellt, aber leider auch auf das Ansehen der Institution des GewerbegerichtS zurückwirkt. Eine ähnliche Hinzögerung einer Rechtssache durch einen Amtsrichter dürfte kaum vorkommen. £iiis Indurtrle und Handel« Saatenstaud Mitte Juni. Zu den letzten Begutachtungsziffern schreibt die.Statistische Korrespondenz" u. a.: Der Stand der Winterhalmfrüchte kann im ganzen als durch- aus zufriedenstellend bezeichnet werden. Der Wtnterweizen be- rechnete sich im Staatsdurchschnitte wieder wie im Vormonate auf SP. Der in Preußen wenig gebaute Winterspelz hat nach guter Blüte beträchtliche Fortschritte gemacht. Der Winterroggen hat ab- geblüht und schöne volle Aehren, ist aber etwas kürzer im Stroh und auch dünner bestanden als sonst in guten Jahren. Gegen den Vormonat hat sein Stand im ganzen 0,2 gewonnen; denn seine Ziffer beträgt jetzt 2,5 gegen 2,7. Ueber die Oelfrüchte Winterraps und-Rübsen finden sich sehr selten, dann aber günstige Bemerkungen, wonach die Früchte nach schön verlaufener Blüte guten Ertrag versprechen; ihre Note stellte sich demgemäß noch besser als im Vormonate heraus, nämlich 2,3 gegen 2,4. Der Stand der Sommerhalm- und Hülsenfrüchte wird zwar vielfach ungünstig beurteilt; im ganzen sind aber die guten Nach- richten doch ausschlaggebend gewesen, so daß sich ein nicht unerheb- lich höherer Durchschnitt als das Mittel ergibt. Fast durchweg günstig lauten die Nachrichten über die Mutter- pflanzen und die Wiesen, besonders die Rieselwiesen, die einen vorzüglichen Graswuchs haben sollen. Der Klee und die Luzerne haben zumeist schon einen zufriedenstellenden Schnitt gegeben; nur in den westlichen Gegenden hat man damit stellenweise wegen der Nässe noch warten müsien. Auch die Wiesen sind vielfach bereits gemäht, und das Heu ist�zum Teile gut �eingefahren worden. Berlin » 20. Juni. Dem Deutschen Landwirtschaftsrat wird au» Rom gemeldet: Nach den bei dem Internationalen landwirt- schaftlichen Institut eingelaufenen Berichten war der Saatenstand am I. Juni unter Zugrundelegung des zehnjährigen Durchschnitts- ertrages von Winterweizen in Bulgarien 120(gegen 118 im Mai), Dänemark 101(07), Ungarn 120(180), Luxemburg 98(01), Ru- mänien 107(105), Schweden 100(100), Sck»weiz 103(100), Ver- einigte Staaten von Amerika 07,7(04,7), Tunis 105(100); von Winterroggen in Bulgarien 120(116), Dänemark 98(07), Ungarn III(120), Luxemburg 87(08), Rumänien 102(105), Schweden 105 (100), Schweiz 101(05). Vereinigte Staaten von Amerika 100,8 (102,1); von Sommergerste Dänemark 102, Ungarn 108, Luxemburg 100, Schweiz 102, Schweden 106; von Sommerhafer Dänemark 102, Ungarn 95, Luxemburg 07. Rumänien 103, Schweden 108, Schweiz 102. Die Kleinhandelspreise für Zucker sind in letzter Zeit so in die Höhe gegangen, daß sie die vorjährigen ganz beträchtlich überragen. Im Durchschnitt von 50 Städten stellte sich der Preis für ein Kilogramm Zucker im Mai dieses Jahres aus 57 Pf., während eS im Mai vorigen Jahres nur 51 Pf. gekostet hatte. Es ist dies eine Preissteigerung um mehr als Iv Proz. Eine eigenartige Erklärung findet die vom Rhemifch-Wesffälischen Kohlensyndikat angekün» digte Preiserhöhung für Koks um l'A— 2 M. pro Tonne in der Zeitschrift„Die Bank". Als in den letzten Tagen des Mai die Mcloung zuerst auftauchte, wurde sie nirgends geglaubt, weil man weih, daß enorme Mengen Koks haben auf Lager genommen werden müssen und daß die Koksöfen der Shndikatszechcn noch immer mit 27Z-!, Proz. Einschränkung arbeiten. Inzwischen ist die Meldung aber offiziell bestätigt worden. Daß nun die Syndikats- lcitung zu einer Zeit, die sich keineswegs durch sonderlichen Auf- schwung auszeichnet, einen solchen Preisaufschlag wagt, wie man ihn sonst sogar in Zeiton der Hochkonjunktur nicht vorzunehmen pflegt, erklärt„Die Bank" wie folgt: Man ist in den Kreisen der schweren Industrie schon seit längerer Zeit der Meinung, daß alle Vorbedingungen für einen günstigen Geschäftsgang vorhanden seien und daß es nur eines Anstoßes bedürfe, um eine neue Hochkonjunktur auszulösen. Die leitenden Personen im Kohlen- syndtkat sind nun welterfahren genug, meint„Die Bank", um die enorme Bedeutung zu kennen, welche in unserer Zeit die Sug- g e st i o n hat. Die alten Praktiker wissen nur zu gut, daß das wirtschaftliche Grundgesetz von der Einwirkung der Nachfrage und des Angebots auf die Preffe auch in seiner Umkehrung gilt. d. h. daß der Konsum bei steigenden Preisen zu» nimmt(!), bei sinkenden abnimmt. Und sie glauben, daß man im gegenwärtigen Moment der Bankwelt, dem Handel und der Spekulation nur den Glauben an eine neue Blütezeit zu sugge. rieren brauche, um diese tatsächlich herbeizuführen.„Die Bank" neigt auch zu der Meinung, daß dieser Schachzug glücken werde. Schon sei der Handel und ein Teil der Hütten stutzig geworden und rufe vermehrte Koksmengen ab. so daß sich in den letzten Tagen die übervollen Kokslager bereits etwas gelichtet haben. Diese? Symptom der Belebung werde kaum verfehlen, seine Wir- kung wellenförmig in wettere Kreise des Handels und der Spekula- tion zu tragen. Das könne wiederum zur Folge haben, daß schwe- bende Erweiterungsprojekte beschleunigt durchgeführt, früher auf. gegebene Bauprogramme wieder hervorgesucht und finanziert wür- den. So sei bald die Hochkonjunktur da!„Vielleicht ein kurzer Hochgang mit der nahen Aussicht auf den kommenden Rückschlag, aber jedenfalls ein Hochgang."— Möglich ist es schon, daß die Syndikatsherren die Preiserhöhung zum 1. Oktober hauptsächlich zu dem Zwecke angekündigt haben, damit in der Zwischenzeit noch recht viel Koks zum jetzigen Preise gekauft werde. Das würde also, wie sich von selbst versteht, eine Belebung des Geschäfts fü r d i e s c paar Monate nach sich ziehen. Tritt nachher die Preiserhöhung wirklich in Kraft, so wird der Rückschlag nicht lang« auf sich warten lassen. Wir glauben übrigens auch gar nicht, daß die Herren vom Kohlensyndikat gewissermaßen den lieben Gott spielen und in weit- schauender Voraussicht die gesamte Wirtschaftslage zum allgemeinen Segen heben wollen. Sie sind von jeher gute Kaufleute gewesen, die auf den eigenen Profit sehen, und so geht vermutlich auch diesmal ihre Absicht nicht weiter, als daß sie durch Schröpfung ihrer Abnehmer die eigenen Einkünfte erhöhen wollen. Konzeuttatiou im Braugewerbe. Wie die„Allgemeine Berliner Korrespondenz" aus zuverlässigster Quelle erfahren haben will, soll die Fusion der Patzenhofer-Brauerei mit der Berliner Bock-Brauerei beschlossene Sache sein. Beide Brauereien haben in Berlin ein Riescnabsatzgebiet und dürfte diese» nach erfolgter Fusion noch bedeutend vergrößert werden. Welche weiteren Pläne nach erfolgter Verschmelzung zur Ausführung gelangen werden, ist noch nicht bekannt und wird hierüber Stillschweigen gewahrt. Die Patzenhofer Brauerei hat im Osten und Nordwesten Berlins , die Bock-Brauerei im Süden und Norden Brauereianlagen. Die Brauereien find somit in vier verschiedenen Stadtteilen domiziliert, was für den Versand und die Expedition von großer Bedeutung ist. Sericbts- Leitung. Der Horcher am Nebentisch, glaubt manchmal das zu hören, was er zu hören erwartet, und das kann mehr sein, als tatsächlich gesagt wird. So ein von drüben erhorchtes Gespräch, das vielleicht auch nur halb und unrichtig auf- gefangen wurde, gilt den Gerichten im allgemeinen nicht als ein einwandfreies Beweismittel, aber wir möchten keinem raten, sich auf diese Praxis zu verlassen. Wenn drüben ein Schutzmann und sein Freund saßen und vor Gericht als Zeugen— in gutem Glau- ben natürlich— bekunden, daß sie eine Polizeibelcidigung aufge- fangen haben, dann wehe dem Angeklagten. Denn Schutzleute und ihre Begleiter gelten in solchem Fall den Gerichten— das haben wir jetzt in sogenannten„Demonstrationssachen" oft genug erlebt — zumeist als unbedingt zuverlässige Zeugen, die gute Ohren haben. Eine Art„Demvnstrationssache" war auch die Anklage wegen Polizeibelcidigung, die vor dem Amtsgericht Berlin-Mitte(130. Ab- teilung unter dem Vorsitz des Amtsgerichtsrats Prost) am Montag gegen einen Geschäftsführer V. verhandelt wurde. V. hatte am 5. April in einer Gastwirtschaft mit einem Bekannten ein Gespräch geführt, das zunächst unpolitisch war, aber dann aus Anlaß eines ihm zu Gesicht kommenden Zeitungsartikels auf das Gebiet der Politik hinübergriff. Der Artikel betraf das vom Polizeipräsidenten damals erlassene Verbot einer von der demokratischen Vereinigung geplanten Versammlung im Humboldthain, und in diesem Zu- sammenhang kam V. auf den Wahlrechtsspaziergang vom 6. März zu sprechen. Er schilderte die Erfahrungen, die er selber im Tiergarten gemacht hatte, vor allem die Säbelattacke berittener Polizei am Großen Stern, und knüpfte daran eine Reihe kriti- sierender Bemerkungen. Am Ncbentisch saß ein Herr Schmitz, ein früher bei Siemens beschäftigt gewesener Elektromonteur, der ihm gut bekannt war, aber nicht zu seinen Freunden gehörte. Dieser Schmitz und sein Begleiter, ein Schutzmann Schorle, der in Zivil- kleidung war, hielten es, als sie V. über die Polizei sprechen hörten, für ihre Pflicht, aufzuhorchen. Sie verließen dann das Lokal, doch kehrte Schmitz später allein noch einmal zurück und äußerte, dem V. werde es besorgt werden. Besorgt wurde ihm eine Anzeige wegen Polizeibeleidigung. Die Anklage, die von der Staatsanwaltschaft erhoben wurde, legte ihm zur Last, etwa Folgendes gesagt zu haben: Den Sonntag im Tiergarten werde ich nie vergessen, wie die 20 Kerle auf uns cinritten. Wir werden es aber der Bande schon heimzahlen. Aber was kann man von der halbverhungerten Gesellschaft anders ver- langen, in ihrer Jugend lernen sie es ja nicht anders. Vor Gericht erklärte der Angeklagte» er habe sich sehr viel ausführlicher und in ganz anderem Sinne geäußert, aus dem Zusammenhang seiner Rede seien nur einzelne Satzstücke aufgegriffen und zu einem Gau- zen vereinigt worden. Starke Ausdrücke, die etwa darin enthalten waren, seien nicht gegen die Polizei gerichtet gewesen, sondern gegen die ostelbischen Junker, denen man es bei den nächsten Wahlen heimzahlen werde. Der Schutzmann Schorle beschwor, daß V. gesagt habe, was in der Anklage stand. Mehr als diese Sätze habe V. nicht gesagt, mehr habe Zeuge nicht gehört, obwohl sein Tisch nur einen Meter entfernt gewesen sei. V. habe dabei Blicke nach Schorle geworfen, wie wenn er ihn kränken wollte. Er, Schorle, sei erst am Abend vorher in Uniform in demselben Lokal gewefen, da habe V. ihn am anderen Tage in Zivil wiedererkennen müssen. Der Elektromonteur Schmitz, der auf eine Frage des Vorsitzenden den Schutzmann Schorle als seinen„onten Freund" be- zeichnete, unterstützte dessen Bekundungen. Er fügte hinzu, V. habe auch gesagt, wenn er Hausbesitzer wäre, würde er die Schutz- leute mit der Hundepeitsche raushauen, und von ihm würden sie keine Wohnung mehr kriegen. Auf eine Frage des Verteidigers, ob Zeuge mit B. verfeindet sei, bemängelte Schmitz den Ausdruck „verfeindet", gab aber zu, daß das Gegenteil von Freundschaft zwischen ihnen besteht. V.s Bekannter, ein Herr Schaumburg , der mit ihm cm demselben Tisch gesessen hatte, bekundete, daß V. nicht „Kerle" gesagt habe, daß ver Ausdruck„der Bande werden wir es heimzahlen", falls er überhaupt so lautete, sich nur auf' die nächsten Wahlen bezogen habe. Mit der„verhungerten Gesellschaft" sei ge- meint gewesen die vom ostelbischen Junkertum geknechtete Be- völkerungsschicht, aus der so mancher Schutzmann hervorgehe, und V. habe gesagt, daß die Schutzleute froh seien, dieser Lage entrückt zu sein, daß sie aber trotzdem auf ihr« eigenen Klassengenossen ein- hieben. Daß in V.s Ausführungen die behaupteten Beleidigungen gegen die Polizei nicht vorgekommen seien, versicherte auch ein Zeuge BaginSkv, der im Lokal gewesen war. Dem Amtsanwnlt galt die Aussage Schaumburgs, der mit V. an demselben Tisch gesessen hatte, wenig oder nicht? gegenüber den Bekundungen von Schorle und Schmitz, die vom Nebentisch aus gehorcht hatten. Er beantragte gegen V. 100 Mk. Geldstrafe. Auf wie scklvachen Füßen die ganz« Anklage und sshre Beweis- ftihrung ruhte, das zeigte der Verteidiger Rechtsanwält Dr. Kurt Roscnfeld in einer eindringenden Kritik der Aussagen von Schorle und Scbmitz, die durch die Aussagen der anderen Zeugen widerlegt seien. Zur Begründung seines Antrages auf Freisprechung hob er hervor, daß bei V.s Bemerkungen über die Polizeiattacke selbst- -verständlich am Nebentisch der Schutzmann und sein Freund sofort aufmerksam wurden und nun jedes weitere von ihnen aufgefangene Wort irrtümlich gleichfalls auf die Schutzleute bezogen. Der An- geklagte führte in einem Schlußwort aus. es werde ihn doch wohl niemand für so töricht halten, daß er in Gegenwart seines„Busen- freundes" Schmitz so unvorsichtige Neußerungen tun könnte. Als er erwähnte, daß am Wahlrechtssonntag im Tiergarten ei« Polizei- offizier das Publikum als„feige Bande" beschimpft Hobe, unter- sagte der Vorsitzende ihm„solche unkontrollierbaren Erklärungen". Das Gericht kam zu dem Ergebnis, daß die Ohren, die vom Nebentisch aus gehorcht hatten, die zuverlässigeren seien, und ver- hängte über V. eine Geldstrafe von 100 Mk. SchutzmanuSaussagen wurden gestern geprüft vor dem Landgericht I, Berlin , dessen Strafkammer 3(unter Vorsitz des Landgerichtsrats Pauli) sich wieder einmal mit einer sogenannten„Demonstrationssache" zu beschäftigen hatte. Der Angeklagte, ein Stellmacher Borchardt, wurde zwar nur beschuldigt, daß er dem Befehl eines Schutz- manns weiterzugehen nicht unbedingt Folge geleistet habe. Weils aber zufällig am 18. März und in der Umgebung des Friedrich- Hain? gewesen war, so wurde das kurzerhand den„Demonstrations- fachen" zugezählt. Das Amtsgericht Berlin-Mitte(Abteilung 141) hatte Borchardt freigesprochen mit der Begründung, daß er:n der Menge nicht rascher habe weitergehen können, doch von der Staats- anwaltschaft wurde Berufung eingeigt. Vor dem Landgericht endete ein Termin mit Vertagung, weil in der Verhandlung Zweifel darüber entstanden waren, ob die vernommenen Schutzleute vor dem Amtsgericht ebenso bestimmt wie hier ausgesagt hätten, daß B.„stehen geblieben" sei. Ter Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfeld hatte sich auf das Zeugnis des Amtsgerichtsrats Seligsohn, des Vorsitzenden jener Schöffenabteilung, berufen und seine Ladung beantragt, es wurde aber dann beschlossen, neben dem Vorsitzenden auch die beiden Schöffen samt Amtsanwalt und Gerichtsschrciber zu laden. Am Montag waren die Geladenen zur Stelle mit Ausnahme des Amtsgerichtsrats Seligfohn, der sich mit Krankheit entschuldigt hatte. Der Angeklagte wiederholte die frühere Darstellung, daß er am Friedrichshain durch Polizei von einer Bank aufgejagt worden fei und weitergehend von einem Schutzmann einen Stoß in den Rücken bekommen habe. Nach wiederholten Versuchen, die Nummer deS Beamten sicher zu ermitteln, habe er schließlich zu diesem Zweck einen Polizeileutnant angerufen, und der habe ihn dann zu seiner großen Ueberraschung sistieren lassen. Das war ge- schehen, weil der betreffende Beamte, ein Schutzmann Off, dem Leutnant gesagt hatte, daß Borchardt nicht weitergegangen sei. Die Frage, ob Off und seine Kollegen das vor dem Amts- gericht mit Bestimmtheit bekundet hätten, wurde durch das Prot»- ioll der AmtsgcrichtSverhandlung nur unvollstänoig beantwortet. Darin stand ein Schutzmann habe gesagt, daß B. immer wieder stehen geblieben fei. Gerichts sekretär Jähniche», der das Protokoll angefertigt hatte, erinnerte sich nicht mehr sicher an die Einzel« Helten der SchutzmannSaussagen. Er erklärte aber, wenn er so geschrieben habe, so sei auch so gesagt worden. Von den beiden Schössen wußte der eine nichts Sicheres mehr, während der andere sich der Aussage erinnerte, daß B. zwar zunächst weitergegangen, aber dann nach der Nummer fragend mehrfach wieder stehen gc< blieben sei. Assessor Langefeld, der als Vertreter der Amtsanwalt- schaff fungiert hatte, wußte nur noch von der Aussage, daß B. habe fortgeschoben werden müssen. Der Verteidiger wies immer wieder daraufhin, daß Amtsgerichtsrat Seligsehn wiederholt er- klärt habe, die gegen B. vorgebrachten Aussagen seien doch gar- nicht belastend. Aber keiner der Zeugen erinnerte sich hieran, und unaufgeklärt blieb, wie dann eine Freisprechung zustande kommen konnte. Vernommen wurden dann aufs neue die Schutzleute Off, Kunz, Carstcnsen und Böttcher, und wie im vorigen Termin vor dem Landgericht bekundeten sie aufs neue, Borchardt fei zunächst zögernd weitergegangen, sei aber dann stehen geblieben und habe Off von oben bis unten angesehen, sodaß das Publikum sich darüber freute. Off versicherte wieder, er habe B.„wcitcrgeschoben", wäh- rend vor dem Amtsgericht er selber von„weiterschubsen" gesprochen hatte, sodaß der Vorsitzende Seligsohn ihm damals sagte:„Na, so sanft werden Sie ihn nicht geschubst haben!" Die Zeugen Ehlert, Sort und Höckendorf , die mit B. zusammen gewesen waren, wieder- holten, daß B. im Gedränge nicht rasch genug vorwärts gekommen sei, einen Stoß bekommen habe und weitergehend sich um- gedreht habe. Das Ergebnis dieser Beweisaufnahme wurde vom Staat?- anwalt dahin zusammengefaßt, daß die Schutzmannsaussagen un- erschüttert seien und der Angeklagte 3 Tage Haft verdiene. Der Verteidiger stellte fest, daß hier Aussage gegen Aussage stehe. In solchem Fall könne man doch nicht immer wieder nur den Aus- sagen der Schutzleute folgen. Der Angeklagte sei freizusprechen. Das Urteil nahm Bezug auf eine Kammergerichtsentscheidung. nach der dem Schutzmannsbcfchl wirklicher„unbedingter" Gehör- sam zu leisten sei. Das habe B. anfangs getan, aber nachher nicht mehr, vielmehr habe er sich schieben lassen. Daß er sich aufgelehnt habe, beweise ja auch der Beifall der Zuschauer. Eben dieser Bei- fall wirke strafschärfend, weil er auf eine Erregung der Menge und eine dadurch bedingte Gefährdung der Polizei schließen lasse. Trotzdem wolle man den Angeklagten mit einer Geldstrafe von 30 Mark davon kommen lassen. Wer glaubt noch nicht, daß Preußen ein Polizeistaat aber kein Rechtsstaat ist?_ Ein Mann mit zwei Frauen mutzte sich gestern in der Person deS aus der Untersuchungshaft vorgeführten Schlächters Adolf Beyer vor der 1. Strafkammer des Landgerichts I verantworten.— Die Verhandlung entrollte ein recht trübes Bild einer Ehe. Der Angeklagte, welcher aus Chemnitz stammt, verheiratete sich dort im Jahre 1890 zum ersten Male. Die Eheleute blieben nur zwei Wochen zusammen, da der Angeklagte entdeckte, daß seine Frau sich des Nachts auf den Straßen herumtrieb und Männcrbekannt- schaften suchte. Eine Ehescheidungsklage wurde aus formellen Grün- den zurückgewiesen. Der Angeklagte kümmerte sich in Zukunft nicht mehr um seine sogenannte„bessere Hälfte", bis diese eines Tages Sehnsucht nach ihm empfand und ihn in Oberschönewcide. wo er in Arbeit stand, aufsuchte. Der Angeklagte ging auch mit nach Chemnitz zurück. Das Zusammenleben dauerte wieder nur acht Tage und endete mit einer Denunziation seitens der Ehe- frau wegen Zuhälterei. Beyer wurde jedoch bald wieder aus der Haft entlassen, da er fälschlich beschuldigt worden war. Der An- geklagte ging dann nach Berlin und heirat£Te hier im Jahre 1007 zum zweiten Male, nachdem ihm, nach seiner Behauptung, seine Eheftau mitgeteilt hatte, daß die Ehe auf ihren Antrag hin ge» schieden sei. Tatsächlich war die erste Ehe nicht getrennt worden und in der gestrigen Verhandlung bestritt auch die„Frau Nr. 1" dem Angeklagten jemals mitgeteilt zu haben, daß die Ehe geschieden Sei. Das Gericht verurteilte deshalb den Angeklagten wegen Zigamie zu ö Monaten Gefängnis. VennilcKtm Die eirenbabnfcataftropbc in Villepreux. Bei dem Zusammenstoß der beiden Eisenbahnziige auf dem Bahnhof Villepreux(Frankreich ), über den wir bereits in unserer Somitagnummer berichteten, find nach den vorliegenden Telegrammen 18 Personen getötet und etwa 80 ver» letzt worden. Da die Züge in Brand gerieten, sind die unter den Trümmern der Wagen hervorgezogenen Leichname teilweise bis zur Unkenntlichkeit ver» kohlt. Das Unglück entstand dadurch, daß der ans Paris kommende Eilzug in voller Fahrt auf den im Bahnhof stehenden Personenzug auffuhr. Mehrere Wagen wurden zer- trümmert, während andere in Brand gerieten. Im ganzen sind zehn Wagen ein Raub der Flammen geworden. Der Maschinist deS getroffenen Zuges wurde vor Schreck irrsinnig. Aus dem Bahn- Hof spielten sich herzzerreißende Szenen ab. Als Ursache der Kata» strophe wird angegeben, daß an dem Eilzuge ein Defekt an der Maschine war, den der Lokomotivführer des Zuges zu reparieren versuchte. Dabei habe er daS Signal überfahren und so das Un- glück veranlaßt._ Hanseinsturz in Lemberg . Eine schwere Katastrophe hat sich in der Nacht zum Sonntag in dem dichtbevölkerten Judenviertel der Stadt Lemberg zu- getragen. Ein von vielen Familien bewohntes dreistöckiges Haus stürzte in sich zusammen und begrub eine große Anzahl Personen unter seinen Trümmern. Bisher wurden unter den Trümmern elf Tote und zehn Schwerverletzte hervorgezogen. Ueber das Schicksal vieler anderer Bewohner des Hauses ist bisher nichts bekannt; so wohnten beispielsweise bei einer Familie 26 bis 30 Schlafburschen, von denen noch keine Spur gefunden werden konnte. Auf der Unglücksstelle spielen sich herzzerreißende Szenen ab. Mütter jammern um ihre Kinder, die schrecklich verstümmelt aus den Trümmern hervor- gezogen werden. Ein Familienvater, der seine ganze Familie bei der Katastrophe verlor, ist vor Schreck irrsinnig geworden. »» m Bei dem Einsturz einer Mauer in der Rue Muralla de San Franziska in M a u r e s a(Spanien ) wurden drei Personen getötet und achtzehn schwer verletzt. Von zwei Personen, die sich noch unter den Trümmern befinden, weiß man nicht, ob sie sich noch am Leben befinden._ Gefahren der See. Wie uns ein Telegramm aus London meldet, stieß am Sonntagabend bei dichtem Nebel an der englischen Küste in der Nähe von Holyhead der französische Dampfer„La R o s ch e l l e", von Bilbao kommend, mit dem irischen Dampfer„Jews " zusammen. Die„La Roschelle" sank sofort. Trotz schleunigst vorgenommener Rettungs- arbeiten konnten von der Besatzung des untergegangenen Schiffes nur neun Mann gerettet werden. Zehn Mann, unter ihnen der Kapitän, ertranken. Auch die„Jews " ist bei dem Zusammenstoß schwer beschädigt worden. An der östlichen Küste Frankreichs ist bei dichtem Nebel der englische Dampfer„Odce" auf einen Felsen auf- gelaufen. Es gelang der Mannschaft, sich auf ein Eiland zu retten. Das Schiff wurde bei dem Ausrennen auf den Felsen fast vollständig zerstört.
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