öT8 Niktel..,?er Slcä!tfoR eine vikionSsähige MeHicheik enlgigen. zustellen", ein Mittel, das bei den nächsten Reichstagswahlen zur Anwendung kommen soll, wo die Sozialdemokratie Arm in Arm mit den Nationalliberalen bor die Wähler treten müsse, um für Deutschland die Freiheit zu erobern, für die die Nationalliberalen bekanntlich seit jeher bereit waren, ihr Herzblut hinzugeben. Nur als Vorbereitung für die Wahlpolitik ist der badische DiS- ziplinbruch zu verstehen Nur daher auch das plötzliche Hervor- 'kehren der Untertänigkeit der badischen Republikaner . Es gilt, sich bei den Nationalliberalen lieb Kind zu machen, ihnen zu beweisen, daß die Sozialdemokratie bereit ist, alle ihre Prinzipien an den Nagel zu hängen, wenn ihr dafür von den Nationalliberalen gnädigst erlaubt wird, in dem von ihnen kommandierten.Großblock" mit- gutun. Das ist des Pudels Kern. Und deshalb jetzt, vor dem Eintritt in die Agitation für die Reichstagswahlen, der Vorstoß. IV. Die Idee des Blocks öon Bassermann bis Bebel sieht auf den «ersten Blick ganz vernünftig aus: zersplittert sind wir nichts, der- eint sind wir eine Macht. Und die nächsten Interessen der Liberalen wie der Sozialdemokratie sind die gleichen:„die Ueberführung Deutschlands aus einem bureaukratischen Feudalstaat in einen verfassungsmäßigen, parlamentarisch geleiteten, liberal und in- dustrialistisch geleiteten Staat". Stellen wir also alles zurück, was uns trennt, die Revolution und das Endziel, heben wir die gemein- tamen Aufgaben hervor, dann werden wir im Bunde mit den Liberalen einen gewaltigen Wahlsteg erfechten, der doch die Bour- geoisie nicht erschreckt, sondern an uns fesselt, so daß wir mit ihr gemeinsam einen„regierungsfähigen Block der Linken schaffen, der Zentrum und Konservative auf die Dauer in der Minderheit hält und durch seine positiv-fruchtbare Politik vor allem Volke den Beweis zu liefern vermag, daß ihm die Zukunft des deutschen Volkes auf die Dauer anvertraut werden darf". Dies der Weg zur Macht, den Maurenbrecher vorschlägt und den die Badenser offenbar bereits eingeschlagen haben. Die Gangbarkeit dieses Weges hängt davon ab, ob eS möglich tst. das zurückzustellen, was uns trennt, ob unser nächster Weg in derselben Richtung geht, wie der des Liberalismus. Das erweist sich sofort als unmöglich, wenn man die politische EntWickelung nicht als rein parlamentarische aufsaßt, nicht die Parteien ins Auge faßt, sondern die Klassen, die hinter ihnen stehen. Da zeigt sich es, daß die ökonomischen Interessen der Kapitalisten und die der Proletarier nicht erst in der fernen Zukunft, sondern bereits in der Gegenwart auf Schritt und Tritt auseinandergehen. Und das„Endziel" selbst, ist es ein bloßer Traum der fernen Zukunft, der auf unsere Praxis nicht den mindesten Einfluß hat? Das Endziel ist nicht eine Forderung, die man nach Belieben auf. stellt oder beiseite schiebt. Es entspringt der Erkenntnis, daß die kapitalistische Gesellschaft auf der Ausbeutung des Proletariats begründet ist, und daß sich das Proletariat in dieser Gesellschaft zu keiner Lage erheben kann, die es befriedigt. Daß alle Verbesse- rungen seiner Lebens- und Arbeitsbedingungen durch GeWerk- schaften und Sozialpolitik den auf seiner Ausbeutung beruhenden Klassengegensatz nicht verringern; daß ihre soziale Bedeutung vielmehr darin ruht, die Kampffähigkeit des Proletariats zu der- mehren. Daß es daher die politische Macht nur dazu benutzen kann, der kapitalistischen Ausbeutung durch die Expropriation der Kapitalisten für imnier ein Ende zu machen; daß es jeden Bruchteil politischer Macht, den es erringt, dazu benutzen muß, die Macht dl» Kapitals einzuschränken. Das ist eine Erkenntnis, die, einmal gewonnen, nicht wieder verlotc« gehen kann. Und wenn wir selbst diese Erkenntnis ver- dunkeli wollten, würde dies bloß auf das Proletariat zurückwirken, n:cht m'.f die Bourgeoisie. Diese hat ein zu ausgebildetes Klassen- bewusstscstb als daß sie den Klassengegensatz zwischen Kapital und Arbeit und die Gefahr der politischen Macht deS Proletariat» nicht schon frübzeftkg begriffen hätte— lange vor Marx. Seit den Tagen der französischen Revolution hat jeder wirkliche Machtzuwachs des Proletariats die Bourgeoisie erschreckt und ins Lager der Reaktion getrieben, indeS er gleichzeitig die Anforderungen des Proletariats an den Staat steigerte. Die Arbeiterklasse hat bisher noch keinen großen Sieg errungen, der nicht die Kluft zwischen ihr und der gesamten Bourgeoisie erweitert hätte. Nicht anderes kann auch di» Folge der nächsten Reichstagswahl sein, wenn sie wirklich für unsere Partei den großen Sieg bringt, den alle Welt erwartet. Sollte es aber nächste„gemeinsame Aufgaben" von Liberalis- muS und Sozialisinus geben, so großartiger Natur, daß sie die Gegensätze zwischen- beiden Parteien wenigstens vorübergehend zu überwinden vermöchten? Die eine dieser Aufgaben soll darin bestehen, Deutschland in einen„industrial regierten Staat" zu verwandeln. DaS ist eine jener nationalsozialen Phrasen, die Maurenbrecher seinem Lehrer Naumann nachschwäzt. eine schillernde Seifenblase, die platzt, so- bald man sie beriührt. Leidet das deutsche Volk etwa unter einem Mangel an JndustrialismuS? In keinem Lande der Welt, mit Ausnahme der Vereinigten Staaten , hat sich in den letzten vierzig Jahren der i.ndustrielle Kapitalismus so gewaltig entwickelt wie in T.eutschlcrnd. Die Verwandlung des jetzigen Deutschlands aus einei» Fs-udalstaat in einen Industriestaat zu fordern, ist eine Sinnlosigkeit. Soll Deutschland etwa kein Industriestaat sein, weil die pr<--üßischen Junker noch solche Macht haben? Da könnte man «bento gut England einen Feudalstaat nennen, wo der Großgrund- besttz und das Haus der Lords mindestens ebenso fest wurzeln, wie in Preußen das Junkertum. Die Macht der preußischen Junker beruht heute nicht auf ihrer Beherrschung der Kapitalisten, sondern auf ihrer Unterstützung durch die Kapitalisten. Das Junkertum selbst ist völlig dem Feudalismus entwachsen, durch und durch industrialisiert und kapitalisiert und an der weiteren Jndustriali- fierung Deutschlands aufs lebhafteste beteiligt. Was heißt aber überhaupt„industrialistisch" regieren? Doch nicht die Industrie künstlich stärker entwickeln als die Landwirt- fchaft? Daran denkt niemand. Tatsächlich handelt eS sich aber auch den industriellen Kapitalisten ebenso wenig um die Industrie wie den Grundbesitzern um die Landwirtschaft. Das sind schöne Worte, um die Jnteressenpolitik für die naive Masse zu verstecken. Die Kapitalisten treiben Industrie um des Profits willen, wie die Grundbesitzer Landwirtschaft treiben oder, beim Pachtshstem, treiben lassen um der Grundrente willen. Die einen sagen, sie wollen die Ernährung des deutschen Volkes sicherstellen, und verstehen darunter bie Erhöhung der Grundrente durch Verteuerung der Lebensmittel. Die anderen erklären, sie wollen dem deutschen Volke Beschäftigung geben, und verstehen darunter die Erhöhung deS Profits durch vermehrte Ausbeutung der Arbeiter. Ein industrialistisch regiertes Deutschland ist für sie ein Deutschland , in dem die Staatsgewalt für den Profit der Kapitalisten besorgt ist. Sollte die Sorge für den industriellen Profit wirklich eine gemeinsame Aufgabe sein, die Arbeiter und Kapitalisten zusammen- kettet und aus ihnen eine eherne Phalanx gegenüber den Grund- besitzern macht? Und die andere Aufgabe, die Ersetzung des persönlichen und bureaukratischen Regime? durch ein parlamentarisches, also Unter- wcrfung der Regierung unter das Parlament? Das ist sicher eine der wichtigsten Aufgaben für die Sozialdemokratie. Aber seit wann ist es eine für die Nationalliberalen? Sie ist es heute weniger als je. In dem Maße, in dem daS Proletariat politische Fortschritte macht, schwindet in den besitzenden Klassen da» Bedürfnis, im Parlament die oberste Macht des Lande? zu besitzen, wächst in ihnen das Bedürfnis nach Erstarkung der Regierungsgewalt gegen- über dem Parlament. DaS sehen wir in England, wo das König- tum in den letzten Jahren eine Macht erlangt hat, wie eS sie schon lange nicht besaß. Wir sehen es in der Republik Amerika, wo Roosevelt die Stellung eines ungekrönten König? einnimmt. Wir sehen es in Frankreich , wo der neue Autokrat ausgerechnet ein ehe- maliger Apostel des Generalstreiks ist. Und geraoe jetzt sollen die Nationalliberalen in Deutschland , die so unendlich viel feiger sind als die Liberalen England», Frankreichs , Amerika », entschlossen sein, BTe Mächt Set Seulfchen Regierungen zu Stechen, Gnb dazu ST« Hilfe der Sozialdemokratie anrufen? Die GratulationScour bei der silbernen Hochzeit deS Groß- Herzogs soll wohl den gemeinsamen Kampf der beiden Verbündeten gegen die Regierungen feierlich eröffnen? Es kann nichts Lächerlicheres geben, als den Glauben, ein Bündnis mit den Nationalliberalen zu einem„regierungsfähigen Block" sei der Weg, der das Proletariat zur Macht führt. Selbst toenn wir alle unsere Grundsätze über Bord würfen, aus Sozial- demokraten Nationalsoziale würden, was sich Maurenbrecher offen- bar ebenso einfach vorstellt, wie die Verwandlung aus einem Nationalsozialen in einen Sozialdemokraten; selbst wenn wir kaisertreue Kolonialschwärmer und Flottenpatrioten würden, er- höhte Zivillisten und Kriegsrüstungen mit Begeisterung votierten, um unsere„Negierungsfähigkeit" zu erweisen, würde das„herzliche Einvernehmen" mit den Nationalliberalen schon an der Frage des preußischen Wahlrechts scheitern. Wollten sie eS doch noch pluto- kratischer gestalten, als es ohnehin schon ist! „Der wichtigste Schritt," sagt Maurenbrecher,„auf dem Wege zur Macht ist, daß es uns gelingt, im kommenden Reichstag dje liberal-sozialdemokratische Abwehrmajorität gegen die Konserva- tiven auch zu einer positiv-fruchtbaren Arbeitsmajorität auSzu- gestalten." Man nenne uns eine, aber auch nur eine einzige„positive" Arbeit zugunsten des Proletariats, die von dieser„Arbeits- Majorität" zu erwarten wäre. Die Nationalliberalen und selbst der größte Teil der Frei- sinnigen sind ebenso unsere Gegner, ebenso geneigt, jegliche Reaktion mitzumachen, wie der schwarzblaue Block. Nur eines verbündet uns mit ihnen: die momentane gemeinsame Gegnerschaft gegen daS Zentrum. Diese beruht aber bei uns auf ganz anderen Motiven wie bei ihnen und erfordert bei uns eine ganz andere Art der Bekämpfung. Nicht einmal bei der Propaganda gegen das Zentrum dürfen wir mit den Nationalliberalen ins gleiche Horn blasen. DaS erfordert eine kleine Erläuterung. (Schluß folgto flrps R. verhzstet. Endlich ist in Leipzig der Mann hinter Schloß llnd Riegel, der am 2. November 1S08 das Friedrichsche Ehepaar ermordete, vordem schon einen Ueberfall auf den Geldbriefträger Rllbnrr auS- führte und vielfache Erpressungsversuche gegen den Leipziger Ber- lagsbuchhändler Weber machte. Die Ergreifung ist nicht der In- telligenz der Polizei, sondern dem Zufall und der Entschlossenheit deS Verlagsbuchhändlers Weber und seines Chauffeurs zu danken. Am Sonnabend, den 16. Juli, nachmittags etwa gegen 4 Uhr, betrat ein Schuljunge das Webersche Geschäftsgebäude und überreichte einen Brief an Herrn Siegfried Weber mit der Bemerkung, daß er auf Antwort warten solle. In dem Briefe wurde die Auf- sorderung ausgesprochen, daß dem Ueberbringer ein Geldbetrag mitgegeben werden solle. Durch weitere Fragen stellte man fest, daß der Junge den Brief von einem besser gekleideten Menschen erhalten habe, der in der Nähe des Weberschen Geschäfts wartete. Als dem Boten noch weitere Auskünftie abverlangt wurden, lief er davon. Von Herrn Weber war inzwischen aber bereits das Automobil zur Bereitstellung verlangt worden. Als nun der Junge ausrückte, nahm Herr Weber selbst die Verfolgung auf, wähvend das Auto auf einem andern Wege folgte. In der Salomonstraße wurde der Bote dann wieder bemerkt; er ging die Karlftrahe entlang und begegnete dort zwei Männern, denen er anscheinend Bericht über seine Mission erstattete. Die beiden Menschen gingen nachher bis zu dem Droschkenhalteplatz an der Karlstratze. Herr Weber folgte ihnen. An der Droschkenhaltestelle bemerkten die beiden verdächtigen Männer, denen sich alsbald ein dritter zugesellte, da» Webersche Automobil . Wie nun Herr Weber auf den einen derselben los- ging, knöpfte dieser seinen Ueberrock auf, zog ihn auS und ergriff die Flucht, die andern beiden Verdächtigen blieben zurück. Es entspann sich nun eine wilde Jagd, bei der der sich Flüchtende schließlich durch einen Schutzmann ergriffen wurde. Der Fest- genommene war der nur gelegentlich als Kellner arbeitende 2g Jahr alte Karl Friedrich Koppius. Die Durchsuchung seiner Wohnung ergab viel Belastendes. Es wurde dann auch sein Bruder, der 22 Jahre alte Fritz KoppiuS als der Mittäterschaft verdächtig in Haft gebracht. Karl KoppiuS hat nach Vorhalt der in seiner Wohnung borgefundenen Schriftproben gestanden, die Postan- Weisungen geschrieben zu haben, di« bei der Ermordung der Frie- drichschen Ehrleute eine Rolle spielte«. Sein Bruder nahm in der Wohnung der Ermordeten unter dem Namen Schlingel das an diesen adressierte Geld in Empfang. Wir rufen die Geschichte der schweren Verbrechen in Erinne» rung, denen gegenüber bis jetzt die Leipziger und Berliner Polizei, sowie die Leipziger Staatsanwaltschaft einen so auffallenden Mangel an Geschicklichkeit bewiesen. Am 2. November 1008 wurden die Eheleute Schriftsetzer Friedrich zu Leipzig , Windmühlenstr. 21, ermordet vorgefunden. Die Schädeldecke der beiden alten Leute, die sich mit Zimmer» vermieten befaßt hatten, war mit einem stumpfen, schweren Jnstru- ment eingeschlagen. Die Recherchen der Staatsanwaltschaft und Polizei ergaben, daß Sparkassenbücher und Wertsachen entwendet waren. Auch der Polizeihund vermochte aber von der Spur des Täters oder der Täter nichts weiter als einen Schraubenschlüssel und eine Sportmütze, die sie am Ort der Tat zurückgelassen hatten, aufzufinden. Die Ermittelungen ergaben folgende?: Am Vor- mittag des MordtageS hatte der Briefträger eine Nachnahme an einen gewissen LeSzinSki(unter diesem Namen hatte ein unter Polizeiaufsicht stehender Mann namen» Hemsing«ine Zeitlang bei Friedrich gewohnt) zu bestellen. Ein unbekannter Mann, wahr- scheinlich der Mörder, nahm das Nachnahmepaket in Empfang; währenddessen kam der GeldbrieftrLgcr Froburg, um eine kleine Postanweisung an einen gewissen Schlegel zu bestellen. Der Un- bekannte behauptete, er sei der Schlegel und quittierte über den Empfang de? Geldes. Hernach stellte sich heraus, daß die Unter- fchriften, die dieser Mann geleistet hatte, dieselbe Handschrift trugen wie ein in der Wohnung vorgefundener PoftanweisungSabschnitt an Schlegel, der nie bei Friedrich gewohnt hatte. Mit an Gewiß- heit grenzender Wahrscheinlichkeit ließ sich annehmen, daß die Postanweisung zu dem Zweck geschrieben war, um den Geldbrief- träger zu überfallen, und daß die armen Wirtsleute von ihm und seinem Komplicen ermordet sind, um Zeugen der Tat zu beseitigen. Dir Ausführung der schändlichen Tat wurde lediglich durch da» Zusammentreffen beider Briefträger vereitelt. DaS Manöver er- innert an das hier in Berlin am 7. Mai IVOS in der Kürnerstraße versuchte Attentat gegen einen Geldbriefträger und die schwere Verletzung der Witwe Räschke in der Körnerstraße. Die Ermittelungen der Staatsanwaltschaft und Polizei er- gaben ferner, daß von derselben Handschrift eine nach dem PeteeS- steinweg gerichtete Postanweisung geschrieben war. Auch hier hatten die Täter ein ähnliches Verbrechen in Aussicht genommen. ES wurde eine Belohnung von bOO Mk. ausgesetzt. Von dem Täter wurde aber nichts entdeckt. LeSzinSki wurde in Magdeburg festgenommen und später wegen einer anderen Straftat abgeurteilt; zur Zeit der Leipziger Tat soll er sich in Magdeburg aufgehalten haben. Ein ähnliche? Ntlenla? Kar zKel Jahre früher, SM 17. De- zember 1966, in Leipzig gegen den Gcldbriefträger Rübner verübt. Dieser war mit einem schweren, stumpfkantigen Instrument nieder- geschlagen, bewußtlos zusammengebrochen und seiner Barschaft in Höhe von 9666 M. beraubt. Die von dem Täter damals ge- schriebenc Postanweisung trug dieselbe Handschrift wie die im No- vember 1908 gefertigten. Zu Weihnachten 1968 erhielten die Berlagsbuchhändler Weber ein seltsames Angebot durch einen anonymen Brief. Ter Schreiber stellte sich als einen Verbrecher bor, der auf seinen jetzigen Lebens- wände! durch den Staat getrieben sei. Er führe ihn erst seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Er habe unter anderem 29 Morde, darunter drei in Leipzig , begangen, und wolle seine Taten in packender Weise in einem Buch beschreiben, das er der Verlagsbuchhandlung anbiete. 5000 M. Vorschuß wolle er haben, 5000 M. wenn das Werk erschienen ist. Zum Zeichen, daß er nicht renommiere und für die Unfähigkeit der Polizei, führte er an. daß er den Mord in der Windmühlcnstraße ausgeführt habe. Das Bild, daS die Staatsanwaltschaft nach Zeugenaussagen von ihm angefertigt und veröffentlicht hatte, entspreche dem Gesicht, das er außerhalb des Hauses der Tat trage, nicht. Den Verbleib der Sparkassenbücher habe die Polizei nicht ermitteln können, weil er diese verbrannt habe. Daß die Polizei den Verbleib der beiden geraubten Uhren nicht ermittelt habe, liege nicht an ihm. Er habe sie noch am 2. November auf dem Leihaint für 27 M. versetzt. Wenn die Adressaten auf das Anerbieten nicht eingingen, so würde eS ihr Schaden sein. Am 24. Dezember um 6 Uhr sollen die Adressaten nach einem Zeitungskiosk den Vorschuß senden. Unter- zeichnet war der Erpresserbrief mit ArguS R. Die Verlagsbuchhändler erhielten den Brief erst am 25. De- zember. Sie setzten sich mit der Polizei in Verbindung. An- gestellte Recherchen ergaben, daß in der Tat die Uhren (und noch eine Kette, von deren Entwendung die Staats- anwaltfchaft erst jetzt Kenntnis bekam) auf dem städtischen Leih- amt, so wie der anonyme Briefschreiber angegeben hatte, versetzt waren. Ferner ergab sich, daß die Handschrift deS Briefes mit der auf den Postanweisungen gebrauchten identisch war. Kein Zweifel: der anonyme Schreiber des ErpresserbrirfeS und der Mörder der Friedrichsche» Eheleute waren identisch. Die Herren Weber hatten auf Veranlassung der Polizei und der Staatsanwaltschaft dann Inserate in den«Leipziger Neuesten Nachrichten" erlassen, in denen mitgeteilt war, der Brief sei erst am 25. Dezember erhalten, Antwort läge an der erbetenen Stelle. Am 8. Januar erhielt Weber einen zweiten Erprrsserbrief. In diesem gab der Schreiber noch weitere Momente als Beweis dafür an, daß er der Mörder gewesen sei, höhnte über die Ungeschicklich- keit der Polizei und forderte, falls Weber auf das Verlagsgeschäft nicht eingehen wolle, 1090 M. Abfindungssumme» die an einer �stimmten Stelle abgegeben werden sollten. Diesem Verlangen entsprechend wurde ein Paket abgegeben. In einem Brief vom 11. Januar höhnte dann der unbekannte Briefschreiber den Herrn Weber wegen seines unverwüstlichen Zu» trauens zur Polizei:„So waschlappig Ihr Philister, so stumpf» sinnig Eure Polizei." Die Kriminalpolizistqn, die als Straßen- kehrer verkleidet waren, hätte er sofort erkannt und natürlich sich gehütet, daS Paket entgegenzunehmen. Tatsächlich waren mehrere Polizeiagenten, darunter auch ein Berliner Polizeiagent, altz Straßenkehrer verkleidet, an dem bezeichneten Ort gewesen. Nach vielerlei Inseraten, die die Behörde erließ, erhielt Weber unterm 23. Januar abermals einen Brief des Erpressers. In diesem verlangte der Schreiber, der schon in einem vorauf- gegangenen Brief vom 13. Januar Drohungen an ihn gesendet hatte, 1000 M. bei einem Bäckermeister zu hinterlegen und unter einer Stichmarke durch ihn abholen zu lassen. IfiO M. wurden bei dem Bäckermeister hinterlegt, auch püntt- lich am Abend deS 27. Januar durch einen Mcssenger-Boy abgeholt. Der nichtsahnende Messenger-Boy entging der Aufmerksamkeit der zahlreich zur Beobachtung aofgrstelltea Kriminalbeamten. Spätere Nachforschungen ergaben, daß auftragsgemäß der Brief mit 100 Mark vom Messenger-Boy einem Knaben, von diesem dem Mörder übergeben war. Nunmehr erhöhte die Untersuchungsbehörde die Belohnung auf 5000 M„ also auf soviel, wie der unentdeckte Täter als Vorschuß für sein Vcrlagswerk verlangt hatte. Am 4. Februar traf ein sechster langer Brief des Erpressers an Weber ein. In diesem wurden die an der Abfindungssumme noch fehlenden 900 M. ver- langt. Der Schreiber gibt in diesem Brief unter anderem auch an, wie der Raubmordversuch in der Gottschedstrahe im September 1907(gegen Frau Wagner) begangen sei. Der Täter habe ver- sucht, der Dame den Hals zu durchschneiden. Da» Messer habe sich in der Boa verfangen. Die Frau habe„unerhört laut" um Hilfe gerufen, und so sei, da der Täter gerade seinen Dolch zu Hause gelassen habe, das Attentat mißglückt. ES erfolgten dann noch verschiedene Briefe im Februar seitens des Erpressers, in denen er ersucht, den Vorschußrest bei einem anderen Bäcker niederzulegen. AuS einem Schreiben vom 11. Fe- bruar ergibt sich, daß der Schreiber das zufällige Verlassen der Verkäuferin des Bäckerladens für einen Polizeicoup gehalten und dessentwegen weitere Schritte unterlassen hatte. Nach weiterem Hin und Her wurde, dem Verlangen de» Briefschreibers entsprechend, ein Päckchen bei einem Bäckermeister hinterlegt. DaS Päckchen wurde aber nicht abgeholt.-Der Ver» brecher schrieb in einem zwölften Brief, er sei zu der angegebenen Zeit in dem Bäckerladen als Tame verkleidet gewesen. Die Polizei. Häscher hätten ihn freilich nicht entdeckt. Seitdem erhielt Weber noch eine Reihe Erpresserbricfe. Der Verbrecher wurde, wietv-hl die Berliner Kriminalpolizei von der Dresdener Staatsanwaltschaft um HilfStrnppe» ersucht war und diesr auch uach Leipzig rntsendet hat, bislang ebensowenig wie ber Täter deS früheren Leipziger Mordes oder deS vcberfallS in ber Gottschedstrahe oder deS Raubanfalls in Berlin entdeckt. Im Prozeß Pleißner, der im Oktober 1909 zur Verhandlung stand, stellte sich heraus, daß Weber vorschußweise das an die Ber. liner Polizei zu zahlende Geld verauslagt hat. weil— bjz zur Einholung der justizministeriellen Genehmigung zur Zahlung der Summe etwa 14 Tage tatlos verstrichen wären. Außer den hier geschilderten Verbrechen sollen dem Argu» R. noch ein Raubmordattentat auf das Dienstmädchen Hulda Seifert und der Giftmord an dem Buchhändler Ziegler in Leipzig zur Last fallen. Wiegen deS Giftmordes wurde die Haushälterin Minna Doll zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Trifft es zu. daß auch der Giftmord Kobbiu» und seinen Komplizen zur Last fällt, so wäre in ihr eine Unschuldige verurteilt. Der Zufall hat e» gefügt, daß einer der gefährlichen Leute fest. genommen wurde. Weder der Schuljunge noch die entkommenen Begleiter de» ArguS R. haben bislang von der Polizei und Staat», anwaltfchaft ermittelt werden können. Wenn nach den Tätern der mit beispielloser Dreistigkeit unter blutiger Verhöhnung der Polizei ausgeübten Verbrechen fast zwei volle Jahre ergebnislos von Staatsanwaltschaft und Polizei gesucht wurden, so hat die Resultatlosigleit der Bemühungen dieser Be» Hörden nicht zuletzt darin ihren Grund, daß diese Behörden, statt allein Verbrechen und der Entdeckung von Verbrechern nachzu,
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