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it. 195. N.Ichgws. 1. WIM des Amiirk" Mm WliMM 5onntl»g. 21. Augnß 1910. Hua der Partei. Zum Parteitage. In ekier von über SSV Parteigenossen und Genossinnen be. suchten Mitgliederversammlung nahm der Sozialdemokratische Der» ein für Halle und den Saalkreis Stellung zum badischen DiSzi. plinbruch. Redakteur Genosse H e n n i g besprach die Tagesordnung des Parteitages, wobei er in prinzipiell klaren Ausführungen na- mentlich die Bedeutung der badischen Auflehnung behandelte. Er gelangte zur schärfsten Verurteilung des Verhaltens der Budget- bewilligec und Hofgänger, von denen der Parteitag Unterwerfung unter die Parteidisziplin oder Niederlegung der Mandate ver- langen müsse. Einhaltung der Parteidisziplin würde gleichzeitig das Aufhören der in Baden betriebenen verderblichen Großblock- Politik bedeuten, ein großer Gewinn für die kommenden Reichs- tagSwahlen. Die Diskussion währte bis 12 Uhr nachts. Die Mehrzahl der Redner verlangte den Ausschluß der bewußt gegen das Partei- intcrxsse verstoßenden badischen Landtagsabgeordneten. Gerade jetzt seien in Dortmund wieder einige Proletarier ausgeschlossen, weil sie anarchosozialistische Propaganda getrieben haben. Es würde die Masse verbittern, müßte sie gewahren, daß Parlamen- tariern ein anderes Recht zustände, als den einfachen Partei- genossen. Bemerkenswert ist auch, daß mehrere Gewerkschafts- angestellten die Handlungen der Badenser scharf verurteilten. Einstimmig wurde folgende Resolution angenommen: Die Mitgliederversammlung des Sozialdemokratischen Ver- eins für Halle und den Saalkreis beantragt, der Parteitag möge beschließen: Der Parteitag bekräftigt von neuem die Resolution des Nürnberger Parteitages zur Budgetbewilligung und fordert von jedem Abgeordneten eines deutschen Landtages die E r k l ä r u n g, daß er sich der Resolutron unterwerfe. Wird diese Erklärung verweigert oder im ablehnenden Sinne abge- geben, so hat dieser Abgeordnete sein Mandat niederzu. legen, andernfalls er als bewußter Disziplinverweigerer aus der Partei ausgeschlossen wird." Am Donnerstag fand in Königsberg eine außerordeni- liche Generalversammlung des Sozialdcmokraiischen Vereins statt, die sich mit dem bevorstehenden Magdeburger Parteitag beschäftigte. Genosse Hugo Haase referierte. Er kritisierte unter anderem kehr scharf, aber durchaus sachlich, den groben Disziplinbruch der badischen Abgeordneten, der angesichts des Nürnberger Partei- tagSbeschlusses geradezu unerhört sei. In gleicher Weise wie Haase verurteilten alle Redner in der folgenden Debatte die Taktik der Wodener, die zur politischen Vernichtung der Partei führen muß, falls es nicht endlich gesingt, durch geeignete Matznahmen solche trostlosen Vorgänge unmöglich zu machen. In diesem Sinne sprachen die Genossen Kassenfübrer Otto Braun , Dr. Gottschälk, Redakteur Marckwald, Gelverkschaftsbeamter Seemann u. a. Am Schlüsse der Debatte empfahl Genosse Haase die An- «ahme folgender Resolution zum Magdeburger Parteitag: Der schwere Tisziplinbruch der badischcn Landtagsfraktion bedeutet die denkbar schärf st e Herausforderung der Gesamtpartci, der diese mit allem Nachdruck entgegentreten mutz, um die Geschlossenheit im Kampf gegenüber den Gegnern aus- rcchtzuerhaltcn. Die Zustimmung der badischen Fraktion zum Budget, trotz des Nürnberger Parteitagsbeschlusscs, und die Teil- nähme von Sozialdemokraten an höfischen Kundgebungen, ist auf das entschiedenste zu verurteilen. Der Magdc- bvrger Parteitag beauftragt den Parteivorstand überall, namentlich in Baden, eine umfassende Agitation zur prin- zipiellen Durchbildung der Parteimitglieder zu veranstalten und dafür zu sorgen, daß den badischen Partei- genossen die Bedeutung der Budgetbewilligung nach allen Rich- tungen klar gelegt wird." Im Anschluß hieran brachte Genosse Otto Braun eine Re- Solution ein, die nach seiner Begründung dem Streit über die Eugetbewilligung, der nun bereits in unserer Partei über Ein- «inhalbjahrzehnt die Geister gegeneinander treibt, ein Ende be- reiten könnte. Er führte aus, daß darüber nicht bei allen führen- den Genossen Klarheit zu bestehen scheine, ob die Budgetbewilligung für die Regierungen ein Vertrauensvotum sei ober nicht. ES heißt in dieser Resolution� Um gleichen Vorkommnissen wie in Baden mit ihren für die Partei so nachteiligen Begleiterscheinungen tunlichst vorzu- beugen, wird eine Kommission eingesetzt, die auf Grund des von den Genossen der einzelnen Bundesstaaten zu liefernden und in derNeuen Zeit" zu veröffentlichenden Serlin die f�ufikrtadt. Weil", sagt unser trefflicher englischer Genosse Walter Crane , dessen Schriften über das Kunstgewerbe leider noch zu wenig be- iannt sind:weil", sagt er dem Sinne nach,die Menschheit in ihrem gewissermaßen reglementierten Jdiotendasein einer Abwechselung bedarf, haben wir uns eine Spezialgruppe für unsere Zer st reuungen zugelegt. Sowie der mittel- alterliche Burgherr sich den Hofnarren hielt, um sich wenigstens etwas geistige Anregung zu sichern, so unterhalten wir unsere Künstler, Dichter. Musici und Schauspieler oder wir lassen sie vor Hunaer umkommen." Crane schrieb dies, wenn ich nicht irre. ums Jahr 1690. und Crane als Maler, der sich mit seinen Worten besonders an die für Malkunst Interessierten wandte, konnte zu jener Zeit noch nicht mal über die ganze Sachlage unterrichtet sein. In einer wohlgeordneten Kulturstcrdt wie Berlin , wo keine Ob- dachlosen die Nacht schlafend auf den Bänken im Park verbringen. wie in London , wo weder Hund noch Mensch ohne Maulkorb herum- Ipazieren, wo jeder, anständige" Künstler sein Brot verdient in lieser Riesenstadt lernt man die Kunstverhältnisse nach allen Seiten bin besser kennen. Vor Hunger umkommen tut hier kein Maler, kein Bildhauer, kein Schauspieler, kein MusikuS, kein Dichter. Das ist ein romantischer Ausdruck, wogegen sich unser gesunder Verstand auflehnt. Nein,vor Hunger umkommen" lassen wir schon niemand mehr. Aber wir ermorden daS Talent. Wir ermorden das Talent, indem wir eS ohne viel Radau, ohne besonderen Klimbim, ohne daß Huhn oder Hahn danach kräht, zur Ruhe und Ueberlegung zwingen. Was bleibt im täglichen Ringen umS Dasein von den Absichten der Jugend, von den prächtigen Idealen, von dem Ungestüm und der Beseelung zurück? Was wird aus den jungen Künstlern, die da träumten und Berge versetzen wollten und sich leuchtenden AugeS auf den Pfad begaben? Lebt nicht in jedem angehenden Künstler der Trotz gegen Unrecht und Zwang? Wo begraben sie in der Stille und ohne feierlichen Sermon ihre Ideale, ihrerevolutionären Empfindungen", ihr« Schaffensfreudigkeit, ihre Jugendhoffnungen? Lernen sie nicht, sich unterwerfen, wie Lohndiener, die dieKunst von Gottes Gnaden" verschachern? Die kapitalistische Gesellschaft be. zahlt. Sie hat den Liebesdienst in den Krankenhäusern, den Liebes- dienst in den Irrenanstalten , den Liebesdienst bei Beerdigungen. den Liebesdienst auf religiösem Gebiete, den Liebesdienst der Künste j» Lohndienst umgesetzt. Die Freude an allem ist tot. Nicht allein der Magen kommt vor Hunger um. AuchderGeist... Ich sprach schon flüchtig über die Tagesliteratur und über die Thealcrindustrie. Auf musikalischem Terrain wiederholt sich die- selbe monotone Geschichte. Berlin ist zumMittelpunkt" der musi- kalischen Bildung geworden, hat Wien verdrängt. Wer heute etwas al» Solist werden will, kommt nach Berlin . Hier gibt es beinahe 6! viele Konservatorien wie Poussierkneipen und Pensionen mit immern aus Monate, Wochen. Tage. Und außer den Konserva- Materials, die Budgetfrage eingehend studiert und dem nächsten Parteitag eine Vorlage zur endgültigen Regelung dieser Angelegenheit unterbreitet, und zwar so frühzeitig, daß sie vorher in Versammlungen und in der Presse noch eingehend erörtert werden kann." Nachdem über die beiden Resolutionen noch mancherlei für und wider gesprochen, gelangte die des Genossen Haase mit allen gegen zwölf Stimmen zur Annahme. Es wurde dann auch noch über den Kommissionsantrag des Genossen Braun besonders ab- gestimmt, der aber keine Mehrheit fand. Als Delegierte zum Parteitag wurden die Genossen Rechts- anwalt Hugo Haase und Parteisekretär Doualit gewählt. Die Genossen in Bremen beschäftigten sich in drei auf- einandereinanderfolgenden Parteiversammlungen mit der b a d i- schen Budgetbewilligung. Der Reichstagskandidat Ge- nosse Henke legte als Konsequenz seines Referates die folgende Resolution vor, die auch von dem Genossen Pannekoek unter- zeichnet war: Die Versammlung fordert vom diesjährigen Parteitag: a) Die Bestätigung der Nürnberger Budgetresolution; b) daß er alle Genossen, welche erklären, dieser Budget- resolution nicht Folge leisten zu können, für ungeeignet erklärt, fernerhin mit dem Landtagsmandat betraut zu werden; c) daß er beschließe, die Genossen haben sofort ihre Mandate niederzulegen, anderenfalls sie aushören, Mitglieder der Partei zu sein; 6) und endlich, daß er den Parteivorstand beauftragt, in Baden und überall dort, wo es ihm notwendig erscheint. Ein- richtuitgen zu einer prinzipiellen Durchbildung der Partei» Mitglieder zu treffen." Nach umfassender Diskussion wurde die Resolution an- genommen. Als Parteitagsdelegierte wurden gewählt: Henke, Pannekoek, Wellmann und Rauch. Die ersten beiden hatten im Sinne ihrer Resolution gesprochen, die letzten beiden hatten für Ausschluß der badischen Abgeordneten plädiert. Tie Landesorganisation der sozialdemokratischen Partei Hamburgs hielt am Freitagabend eine Generalversammlung ab, in welcher der Ja hresbericht erstattet wurde. Auf allen Gebieten des Parteilebens wird ein erfreulicher Fortschritt konsta- tiert. Die Mitgliederzahl ist von 39 931 auf 4 3 2 3 5, die Zahl der Abonnenten auf dasHamburger Echo" um 5999 ge- stiegen, so daß die Auflage 63 699 beträgt. Durch die Krise von 1993, die sich namentlich in Hamburg stark bemerkbar machte, ging die Auflage um mehrere Tausend zurück. Jetzt ist der Höchststand vom 1. Januar 1998 um beinahe zweitausend überholt. Di« Gleichheit" hat ein Plus von 339 Abonnenten zu verzeichnen, der Abonnentenstand beträgt jetzt 1919. Die Notwendigkeit prinzi- pieller Durchbildung erkennend, hat der Landcsvorstand vor einigen Jahren mit der Herausgabe guter Schriften zu einem sehr niedri- gen Preise begonnen. Neben diesen Broschüren sind für Bücher, Broschüren. Kalender und Protokolle 22 885 M. eingegangen. Was die Parteibuchhandlung umgesetzt hat, ist hier nicht mit aufgeführt. Gute Fortschritte gemacht hat die Jugendorganisation. Nach Vereinbarungen zwischen Partei und Gewerkschaftskartell soll die Gcwerkschaftsbibliothek in gemeinsamen Besitz übergehen. Zwi. schen beiden Gliedern der Arbeiterbewegung hat bei Erledigung aller Angelegenheiten immer ein gutes Einvernehmen geherrscht. An Einnähmen aller Art verzeichnet der Bericht 269 523 M. Der Parteikasse in Berlin sind 88 999 M. überwiesen. Den Ausgesperr. ten in Schweden wurden 19 999 M. bewilligt, für Agitation im 19. hannoverschen Wahlkreis 3116 M., für Fortbildungs» wesen und K i n d e r f ch u tz über 8999 M.. für Beschaffung von Versammlungslokalen 19 999 M. hergegeben. Im GeWerk- fcha f t sha u s e sind 59 999 M. investiert, außerdem wurde diesem ein Darlehen von 19 999 M. überwiesen. Gegen den Bericht wurden Einwände nicht erhoben. Der An- trag, die Gewerkschaftsbibliothek in gemeinsamen Besitz übergehen zu lassen, wurde angenommen und beschlossen, seitens der Partei sofort 3999 M. beizusteuern. Die weiteren ErneuerungS-, Er- gänzungs- und Verwaltungskosten sollen gemeinschaftlich getrggen werden._ Barteiliteratur. Im Leipziger Parteiverlag ist soeben einKlei- nerLeitfadenfürArbeiterbibliotheken"mit einem Anhang:Einiges über Privatbibliotheken" erschienen. In seinem Vorwort sagt der Verfasser, Gen. E r n st M e h l i ch:Diese Schrift ist hervorgegangen aus Vorträgen, die der Verfasser auf Veanlassung des Stettiner Bildungsausschusses über die Aufgaben torien existieren hier zu Tausenden die Musiker, die für ein Ei und ein Butterbrot Privatstunden erteilen. Betrachten wir einmal zur Saison" die Menge der Inseraten, worin Konzerte angekündigt werden, studieren wir doch einmal die Fachorgane mit rhren ge- radezu flehenden Offerten, sehen wir den Wochcnplan der Konzert- direktionen, schauen wir die Reklamen der Konservatorien, und wenn man dann schon ein wenig orientiert zu sein glaubt, dann begebe man sich in einen Konzertsaal, der eine Vorspiegelung falscher Tatsachen darstellt, weil der volle Saal einfach Betrug ist. Dann begebe man sich einmal in die Restaurants mit Musik, in die Hotels mit Musik, in die Bars mit Musik, in die Tanzsäle mit Musik, in die abgelegenen Tingeltangel mit Musik. Ueberall treffen wir Musik an, ausgenommen die Orte, wo Musik eine angenehme Abwechselung sein würde, wie das Polizeipräsidium, das Obdach, die Fabriken, bei den Heimarbeitern, in Gesängnissen, Krankenhäu» sern usw. Und eS gibt keinen Musiker, dem nicht auf seinem Gesi sern usw. Und es gibt keinen Musiker, dem nicht auf seinem Gesicht ge. schrieben steht, daß er daSFach" nie erwählt haben würde, wenn er gewußt hätte, daß seine Violine, sein Piano, seine Klarinette ihn so tief in den Existenzkampf herabziehen würden. Bei den Künst- lern auf literarischem Gebiet, auf der Bühne, in der Malerei kann nach draußen geschwindelt werden, bei den Musikern nicht. In den Luxushotels, wieKaiserhof",Esplanade", in den teuren Nestau- rantS sitzen in den Orchestern junge Leute mit großem Talent, die zu essen haben müssen, und die nun, weil sie n i ch t s zu essen haben, als minderwertige Lohndiener beim Tafeln der schlemmenden Bour- geoisie das Geräusch der Messer und Gabeln, das Klirren der Teller maskieren müssen. So wird ein vornehmer und zarter Zweig der Kunst mit der Reitpeitsche zur Prostitution herabgewürdigt. Ist ein stärkerer Hohn, eine ungeheuerlichere Knechtschaft, als dasvor- zügliche Musizieren" unter Leitung eines Maestro Soundso beim Essen, Trinken, Schwatzen, Lachen, Flirten einer Menge, die sich an den teuersten Sachen einer Hotelküche delektiert, denkbar? Ich be- eile mich, hinzuzufügen, daß ich keinStimmungsbild" schreibe. Man schreibt sogenannteStrmmungsbilder" zur Ausspannung für die lesende Bourgeoisie. UnserStimmungsbild" ist die nüchterne Untersuchung nach Ursache und Folge. Es geht heute nicht anders. Es ist heute eisernes Gesetz, daß keine Kunst ihrer selbst wegen aus- geübt werden kann. Und daß drese Erscheinungen auf musikalischem Gebiet auffallend abstoßend zutage treten, kommt uns nur so vor, weil der Musiker andauernd in der Oeffentlichkeit duldet. In Berlin gibt eS einen Trust, einen Trust von Unternehmern, die samtlich auf Kosten ihrer Schlachtopfer ansehnliche Summen verdienen. Ihn bilden die Vermieter der Konzertsäle, die Konzert- direktionen, die Konservatorien, die Musikakademien von Ruf. Die letzteren ziehen die jungen Musiker und Sänger groß. Ob sie viel Talent oder Stimme haben, ist Nebensache. Jeder Anfänger ist ihnen eine Milchkuh. Jeder Anfänger wird so lange wie möglich am Gängelband geführt, und erst nachdem die gröblichst Hintergangenen Eltern lange Jahre alles geopfert haben, den Konzertdirektionen überwiesen. Hier wird die der Funktionäre in der Arbeiterbewegung hielt. Sie beruht auf einer fast zehnjährigen praktischen und theoretischen Beschäftigung mit dem Bibliothekwcsen und will Anregungen und Winke zu dessen Ausbau geben und zu einer Vereinheitlichung der technischen Ein- richtungen beitragen. Daneben soll dies Büchlein den Arbeiterbibliothekaren, die meist ohne jede Vorkenntnisse zu diesem Amte berufen werden, eine systc- matische Einführung in die mannigfachen Aufgaben bieten, die mit diesem Posten verbunden sind. Es will also beitragen zu einer bisher leider vielfach versäumten Schulung unserer Bibliothekare, deren Arbeit für unsere Organisation eine außerordentlich bedeu- tungsvolle ist. Der Verfasser hofft mit dieser Schrift eine fühlbar« Lücke in unserer Literatur auszufüllen und wird seine größte Be- friedigung darin finden, wenn sie allerorts ein regeres Interesse für das Bibliothekwesen weckt." Der Preis der gut ausgestatteten Schrift bon 94 Seiten betragt 69 Pf., geb. 1 M.__ Hua Industrie und Kandel . DaS Einfuhrscheinunwesen. Mit der Ausfuhr von Getreide und Mehl wird im laufenden Jahre ein lukratives Geschäft betrieben. Aus der Reichskasse erlangen die Exporteure durch das System der Einfuhrscheiue eine Aussuhrprämie in der Höhe der Eingangs- zölle. In dem letzten Verrechnungsjahre vom 1. August 1909 bis 81. Juli 1910 wurden nur 3 244 969 Doppcl­zentner Roggen eingeführt, aber 6 791 427 Doppclzentner exportiert. Noch schlimmer gestaltete sich zuungunsten der Steuerzahler die Entwickelung im Mehlhandel. Der Ver- edelungsverkehr, der durch den Einfuhrschein geschützt werden sollte, dient nun auch der Erlangung von Ausfuhrprämien. Es gestaltete sich der Außenhandel mit Mehl in den letzten drei Jahren wie folgt: Roggenmehl_ Weizenmehl Einsuhr 1997/08.. 23 940 1908/09.. 15 397 1909/10.. 10 423 Gegen die Vorjahre AnSfuhr Einfuhr Ausfuhr in Doppelzentner 532 993 297 685 1 126 429 963 497 135 942 1 654 929 1 352 761 166 872 1 683 411 sind die mittels Einfuhrscheinen be- glichenen Zollbeträge wiederum beträchtlich gestiegen. Für die Zeit Januar-Juli ergeben sich folgende Summen: Mark 1998.... 39 539 957 1999.... 54227989 1919.... 6448842? Viele Millionen fließen aus dem Steuersäckel kn die Taschen der Liebesgabcnschlucker, aber unsere Witwen und Waisen können betteln gehen, wenn sie hungrig sind. Für sie hat Vater Staat kein Geld! Der Staat al» Diener de» A. E. G.-KonzernS. Kaum ist bekannt geworden, daß der preußische FiskuS dem A. E. G.-Konzern im Saargebiet eine Monopol st ellung in der Kraft- und Lichtversorgung einräumen will, da kommt schon wieder eine ähnliche Nachricht. Unter den vielen Ueberlandzentralen, die jetzt gebaut werden und die für die Allgemeine ElektrizitätS» gesellschaft die Grundlage zu einem zukünftigen ElektrizitätS« monopol abgeben, erscheint daS Projekt einer solchen, die daS ganze Herzogtum Gotha versorgen soll. Die darüber bekannt werdenden Begleitumstände lassen dies Geschäft besonders interessant erscheinen. 'Die A. E. G. verpflichtet sich, eine Anlage zu errichten, die sämt- liche Gemeinden des Herzogtums mit Strom versorgen kann. DaS klingt harmlos I Und doch handelt es sich um ein Monopol für ein Privatunternehmen. Man hat der Gesellschaft, die die A. E. G. zu diesem Zwecke besonders gründen wird, daS aus» s ch l i e ß l i ch e Recht auf die Benutzung der Staatsstraßen für elektrische Zwecke gegen eine bestimmte Abgabe zur Verfügung ge» stellt I Der Entwurf zum Starkstromgesetz sieht bekanntlich dasselbe Privilegium für die-'Elektrizitätsgesellschaften vor. Da wird eS wirkich Zeit, daß sich gegen ein Versahren, das der L. E. G. ein Monopol sichert, in der schärfsten Form Protest erhebt. Der Staat Milchkuh noch einmal gemolken. Es wird kein eisstes Konzert von jemand mit oder ohne Talent gegeben, bei dem wicht der Konzertgeber bei der Konzertdirektion einen Betrag von 599, 1999 oder noch mehr Mark deponiert, deponiert für die Saalmiete, die Inserate in den Zeitungen, die Reklame auf den Litfaßsäulen, die Provision der Konzertdirektionen. Die Vermieter der Konzertsäle, die Konzertdirektionen, die Konservatorien ver- dienen immer die jungen M kuschen, die hochkommen wollen, ziehen sich bis auf das Hemd aus und sind schon froh, wenn im Sturmlauf der Konzerte der eine oder andere Musikkritiker einen Teil ihres Konzertes anzuhören die Güte hat. Denn darum handelt es sich. Und auch das mißglückt meistens. Es wäre denn, daß dieser Kritiker solch einem Konservatorium als Lehrer verpflichtet fei, was heute noch ausnahmsweise der Fall ist, aber morgen viel» leicht schon Regel sein dürfte. Die enorme Anzahl der Konzerte der Stadt, die derMittelpunkt" des musikalischen Lebens heißt, wird durch die schmerzzuckenoen Konzertgeber selbst bezahlt. Besitzen sie Geld, dann können sie das noch einige Male wiederholen, haben sie kein?, dann liegen sie am Boden. ES ist hauptsächlich eine Geld» fache, ausnahmsweise eine Sache des Talents. Wer Geld hat und Talent und ab und zu die Kritiker zum Abendessen einladen kann, hält sich oben. Wer nur Talent hat und eS beim ersten teuer be- zahlten Konzert nicht weiter als zu einem Gelegenheitsspeech bringt, den die bürgerliche Presse für solches Auftreten im Satz stehen hat, sinkt unweigerlich, unwiderruflich zum gewöhnlichen Orchester, dem Orchester für Afternoonteas oder Restaurants herab oder landet auf den Brettern einer Operettengesellschaft oder bei einem Variete. In einer gesunden Gemeinschaft, in einer glück- lichen Gesellschaft, einer Gesellschaft mit Kunst und Wissenschaft für jeden würde das alles natürlich nicht möglich sein, würde der Ausbeutung der Konservatorien und dem Parasitentum der Kon- zertdirektionen ein Ende bereitet werden, würde Halbtalent nicht ermutigt werden, würde das wirkliche Talent sich logisch und normal entwickeln, würde die verwerfliche Industrie, die unzählbare Fami» lien unglücklich macht, dem Tode verfallen sein. Nun vegetiert das Musikleben desMittelpunktes" zu reichlich neunzig Prozent auf dem verpesteten System der Freibilletts. Keine Konzertoirektion besitzt den Anreiz, sich für den neuen Konzertgeber einzusetzen. Sie arbeitet mechanisch mit ihrer bestimmten albernen Freibillettliste und steht mit den Saalvermietern auf intimem Fuß. Jede Ber - liner Konzertsaison ist ein Niesenschwindel, ein industrielles Melken und Martern der Solisten, die mit ihren letzten Moneten ihrem Schicksal zu entrinnen trachten. Jedes Jahr kommen neue Menschen mit Idealen, jedes Jahr verschwinden sie. Aber das an Freibilletts gewöhnte Publikum bleibt und es bleiben die Vermieter der Konzertsäle die Konzertdirektionen die Konservatorien die Musikakademien die Luxushotels mit Musik, die Restaurants mit Musik, die BarS , die Tingeltangel, die Tanzsäle.Vor Hunger um, kommen", so wie Crane das düster meinte, tut so leicht niemand« Nein, eS herrscht steigende Nachfrage nach industrieller Musik. Heinz Sperber«