daß die Maßregeln zugunsten t>er Agrarier geboten sind, um uns einen gesunden Nachwuchs zu erhalten. Wir sehen bielmehr gerade, daß die Agrarier, je mehr sie prämiiert werden, umso schlimmer mit der Kraft des Volles wüten.— Die Junkerherrschaft im Reiche ist gegründet auf der preußischen Junkerherrschaft. Es ist also im Grunde derselbe Kampf, wenn in Preußen um das Wahlrecht und im Reiche gegen die Junker ge- kämpft wird. Erst mit dem Sturz der Junrerherrschaft kann er- reicht werden, was im Interesse der Arbeiterklasse geboten ist. Keine Periode hat einen solchen Mangel an positiven Leistungen in der Sozialpolitik aufzutvcisen, wie die Zeit des Kanzlers, der uns Mangel an positiven Leistungen vorwarf. Doch will ich Bülow keinen persönlichen Vorwurf daraus machen, denn es ist die Junkerherrschaft im Reich, die jede Sozialpolitik zum Still- stand verdammt, weil die Junker rn der Schlechterstellung der Ar- beiter ein persönliches Interesse haben. Graf Kunitz wettert gegen hohe Bergarbeiterlöhne, weil sie die Landflucht begünstigen und dadurch die Junker zu höheren Löhnen nötigen.(Sehr richtig!) Wenn wir einmal so weit sind, die Besitzenden zum Steuerzahlen gebührend heranzuziehen, dann wird sich der Kanonen- und Panzerplattenpatriotismus erheblich ab- kühlen. Nur solange sie nicht zu zahlen brauchen, sind jene Leute große Patrioten. Die Abkühlung des Panzerplattenpatriotismus wäre aber sehr zu begrüßen im Interesse des Friedens. Wenn man die Thronreden hört, so könnte man glauben, als müßten die Völker mit Gewalt von den Regierungen zurückgehalten werden, daß sie sich nicht gegenseitig die Hälse abschneiden und die Schädel ein- schlagen.(Sehr gut!) Aber das Voll ist nicht kriegerisch, es ist friedliebend und gerade die edelsten Menschen haben die Herbei- führung des Friedens als das größte Ideal betrachtet. Ich erinnere an die Gründer des Christentums, wenn freilich auch im Namen desselben Christentums die blutigsten Kriege geführt worden sind; ich erinnere an Jean Paul , an Schiller , an Beranger. Aber die schönen Ideale können erst in die Wirklichkeit übersetzt werden, wenn die Völker zusammenwirken im vereinten Streben nach einem gemeinsamen Ziele. Der Sozialdemokratie ist es gelungen, die Völker zu gemeinsamen Streben zu einigen. Die Arbeiter aller Länder haben sich zusammengefunden in der einen sozialdemo- kratischen Bewegung. Durch die EntWickelung des Sozialismus werden auch die Aussichten des Friedens gesteigert. Die eine sozial- demokratische Partei aller Länder— und wir können von einer einzigen Partei sprechen, weil wir uns alle eins fühlen— ist die eigentlich reale Grundlage für die Völkerverbrüderung geworden. Wenn der Parteitag durch den Ausbau der Grundsätze und durch die Förderung der Einigkeit unter den Arbeitern eine weitere Stärkung der Macht des Proletariats herbeiführt, so fördert er damit auch die Sache der Kultur und der Menschheit.(Sehr wahr! i Wir wollen hoffen, daß auch dieser Parteitag dazu beitragen wird, die Wünsche des Proletariats, nicht nur des deutschen Prole- tariats, sondern der Proletarier aller Länder, zu erfüllen, indem wir weiterschreiten auf dem Wege, den wir bisher beschritten haben, und weiter unsere Macht entwickeln auf dem Gebiet, auf dem wir zu der herrlichen Machtentwickelung gekommen sind.(Stürmischer Beifall.) Damit erkläre ich den Parteitag für eröffnet. Der Parteitag konstituiert sich: Auf Vorschlag von Schmitt- München werden zu Vor- sitzenden mit gleichen Rechten D i e tz- Stuttgart und Klütz Magdeburg gewählt. Zu Schriftführern werden auf Vorschlag von L i p i n s k i- Leipzig gewählt: Fräulein V a d e r- Berlin, B üh l e r- Niederbarnim, Grosser- Hamburg, L i m b e r tz- Essen, S ch a d o w- Kottbus, Franz Schmitt- München , W a s e n e r- Stuttgart, Vizerowski- Staßfurt und R h s s e l- Leipzig. Vorsitzender Dieh: Die schon auf 19 Parteitagen bewährte Ge schäftsordnung liegt Ihnen wieder vor. Der Parteitag genehmigte debattelos die Geschäftsordnung aufs neue. Vorsitzender Tief?: Das Bureau dankt Ihnen für das ihm er wiesene Vertrauen und wird sich- bemuhen, die Geschäfte unpar» teiisch zu führen. Hoffentlich werden die Verhandlungen dazu beitragen, die prinzipielle Geschlossenheit der Partei in allen ihren Handlungen zu dokumentieren.(Bravo !) Die offene Aussprache der Delegierten über die entstandenen Differenzen wird die nötige Klarheit und Einigkeit bringen, die zu einem gedeihlichen Wirken angesichts der schweren Aufgaben, denen die Partei gegenübersteht, unter allen Umständen erforderlich ist.(Lebh. Beifall.) Ich spreche wohl in Ihrer aller Sinne, wenn ich Ihnen vor schlage, unserem langjährigen, verdienstvollen Vorsitzenden Singer, der durch Krankheit verhindert ist, an unserer Tagung teilzunehmen, ein T e l e g r a m m zu schicken, das ihm baldige voll- ständige Genesung wünscht und die Hoffnung ausdrückt, ihn auf unserer nächsten Tagung wieder in vollster Gesundheit begrüßen zu können.(Lebh. Beifall.) In die Mandatsprüfungskommission werden ge- wählt: Linchen B a u m a n n- Hamburg, F i s ch e r- Hannover, G r u n e r t- Chemnitz. Leid- Berlin . L i p p o l d- Eisenach, S t u b b e- Hamburg, Vogel- Nürnberg, W i t t i ch- Frankfurt am Main, Vogt- München . In die Beschwerdekommission werden gewählt: Bartels- Wernigerode, B r e c o u r- Kiel. D o n a l i e s- Königsberg, Frau P o e t s ch- Leipzig, Ried er- Köln, Riem- Dresden, S t o ck i n g e r- Pforzheim, Stalten- Hamburg. Vorsitzender Dich: Zur Tagesordnmrg des Parteitages schlägt Ihnen das Bureau vor, die Reihenfolge der Beratungsgegenstände folgendermaßen festzusetzen: I. In den Geschäftsbericht des Partei- Vorstandes») Allgemeines, Berichterstatter W. Pfannkuch, b) Kasse und Presse, Referent E b e r t an Stelle des erkrank- ten Gerisch. Unmittelbar in Verbindung mit diesen beiden Punkten sollen die dazu gestellten Anträge und der Bericht der Kon- t r o l l e u r e verhandelt werden. Dann würde als La die b a- dische Budgetbewilligung folgen. An das Referat Bebels anschließend würden sämtliche zur Budgetbewilligung ge- stellten Anträge— es sind schon jetzt sechs e n g g e d r u ck t e F o l i o s e i t e n— zur Diskussion gestellt werden. Dann käme der parlamentarische Bericht usw. Zu Punkt 8, I n t e r- nationaler Kongreß, wird an Stelle des erkrankten Ge- nassen Singer Genosse Fischer referieren. Der Parteitag stimmt diesen Vorschlägen ohne weitere De- batte zu. Die Tagungszeit des Parteitages wird von 9 bis 1 und 3 bis 7 Uhr festgesetzt. Sachse: Die Knappschaftswahlen im Ruhrrevier sind von unse- ren Gegnern als Probe für die nächste Reichstagswahl proklamiert worden. Alle unsere Feinde, die Zechenknechte, die Christlichen, die Evangelischen und die Gelben, hatten sich vereint, um den roten Bergarbciterverband niederzuringen. Das sollte das Vorspiel dazu sein, daß bei den nächsten Reichstagswahlcn in Westfalen kein sozialdemokratischer Abgeordneter mehr durchkäme. Nun will ich Ihnen das Resultat mitteilen. Von den Gelben sind gewählt 7 mit 5309 Stimmen, die Polen erhielten 29 Vertreter mit 22 009 Stim- men, der„christliche" Mischmasch 82 Vertreter und S3 000 Stimmen. der Bergarbeiterverband, der vernichtet werden sollte, aberJ2 99 Vertreter, auf die 98099 Stimmen entfielen.(Stürmischer Beifall.) Hierauf vertagt sich der Parteitag auf Montag vormittag V Uhr. Nach Schluß der Sitzung tragen die Arbeitersänger den Chor: »ES geht ein Raunen" vor und finden reichen Beifall. Sozialdemokrasie und gegen die letzten Aeußeningen des Absolutismus . Als erster Redner spricht, mit lebhaftem Beifall begrüßt: Reichstagsabgeordneter Ledebour : Der Parteitag ist in einer kritischen Zeit zusammengetreten. Die seit Jahr und Tag llisiienmeetivg in iiisgckeburg. Magdeburg , 13. September 1910. Am Nachmittage vor der Eröffnung des Parteitages der- sammelten sich im Park des Parteitagslokals tausende Proletarier Magdeburgs zu einer mächtigen Volkskundgebung für die Ziele der anschwellende Empörung des ar - beitenden Volkes über die Auswucberung durch die Zölle und Stenern, über die immer gesteigerten Rüstungen und die immer unerträglichere Wirischast der Reaktion drückt sich in allen Nachwahlen zum Reichstage und zu den Landtagen aus. Insbesondere zum Reichstage, wo die Nachwahlen uns bereits acht neue Kollegen ge- bracht haben.(Beifall.) Wenn wir heute allgemeine Reichstags- wählen hätten, dann bliebe es wahrlich nicht bei acht neuen— ich will keine Zahlen nennen, weil es wie Nenommisterei aussehen würde— aber unsere Gegner wissen genau, daß ein gewaltiges Strafgericht hereinbrechen würde, über diese Ausbeuterclique und ihre Handlanger im Parlament und in der Re- gierung. Genossen und Genossinnen, Ihr seid alle dazu berufen, dabei mitzuwirken, daß sich diese Ausfichten noch weit über unsere Erwartungen hinaus erfüllen. Die Reichstags- wähle» lassen sich verschleppen, vielleicht ein Jahr, vielleicht fünf- viertel Jahre, aber dann müssen sie kommen, ümd Genossen, alles, was wir heute in Deutschland zu tun haben, ist, das Feuer wach zu halten, das dann auslodern soll rn ge- waltigen Flammen, um den Freiheitsmorgen des Volkes zu verkünden.(Großer Beifall.) Wie unseren Gegnern dieses Unheil schwant, wenn eS noch einer Kundgebung bedurft hätte, um uns dies zu zeigen— die K ö n i g s- berger Rede Wilhelms ü: hat diesen Zweck erfüllt. Diese Rede ist eine Nachwirkung derjenigen Vorstellungen, die die Bureau- traten wie Bethmann Hollweg , die Hosmarschälle und die Kammer- junker in dem Haupte des Königs und Kaisers erweckt haben. Diese Worte waren ein Sturmsignal, das Verfassungskämpfe der größten Art bei uns in Deutschland für die allernächste Zeit in Aussicht stellt; wenn nicht schon vor den Reichstagswahlen, dann um so sicherer dann, wenn der neue Reichstag die Schreckens- ahnungen der herrschenden Klassen wahrgemacht haben wird. Wenn man die Worte Wilhelms II. auf ihren Wert prüft, so ist es, was auch die offiziösen Zeitungen daran herum und herunter zu deuten versucht haben, ein Bekenntnis zum absoluten Regiment des GottesgnadentumS, zum persön- lichen Regiment des Herrschers. Es find Worte, die in die Zeit gepaßt hätten, sagen wir des Großen ftuv fürsten Friedrich Wilhelm, oder— man könnte viele Momente heraus suchen, nehmen wir ein Beispiel, das auch dem Kaiser geläufig ist — in die Zeit Hammurabbis, des Königs von Affyrien.(Stürmische Heiterkeit und Beifall.) Als auserwähltes Instrument des Himmels steht sich Wilhelm II. an(Lachen) und als solches will er seine Regenten- und Herrscherpflichten versehen, ohne Rücksichten auf TageS Meinungen seinen Weg gehen. Ich bin überzeugt, er meint es so. D a ist ja gerade das Schlimme, daß er dazu hat kommen, können, eine Regierung des Königs für möglich zu halten, die nur seinen eigenen Eingebungen folgt, und die fich durch nichts anderes bestimmen läßt. Es ist ja noch nicht so lange her, da hatten wir uns im Reichstage mit ähnlich lautenden, wenn auch bei weitem nicht so scharf ausgedrückten Meinungen und Kundgebungen desselben Herrn zu beschäftigen. Da waren, auch weit in die bürgerlichen Parteien hinein, alle Leute in Deutschland darin wenigstens einig, daß die Zeiten einer absoluten Fürstenmacht, in welcher Verschleierung auch immer fie auftritt, in Deutsch land vorbei sein müsse. Daß damals vom Reichstage nicht die nöttgen Schritte getan worden sind, um gesetzliche Maßregeln durch' zuführen, die es dem Könige unmöglich machen, gegen den Willen der Nation zu handeln, ist nicht unsere Schuld. Wir haben uns alle Mühe gegeben, aber die bürgerlichen Parteien, die wollten vielleicht morgen, vielleicht übermorgen etwas tun Bei solchen platonischen Redensarten beruhigte sich das Bürgertum. Wenn jetzt der Reichstag zusammentritt, wir haben ja die s o- fortige Einberufung verlangt, aber selbstverständlich hütet sich die Regierung davor, wenn wir jetzt unsere Stimme erheben, dann muß und wird die Masse des Volkes entschlossen und kainpfbereit hinter ihren öl Beauftragten stehen; nicht bloß die Dreiviertelmillionen organisierter Sozialdemokraten sondern all die Millionen des gesamten arbeitenden Volkes. Das Glück, die Freiheit der Menschen ist in unsere Hand ge- geben, wenn wir um'ere Pflicht tun in den Aufgaben, die uns das Geschick stellt. Führen Sie den Klassenkampf mit aller Kraft, dann dürfen Sie mit größerem Stolze als irgend ein Bureaukrat, als irgend ein Bethmann Hollweg , ein General oder ein Kronenträger in Deutschland von sich sagen, daß Sie es sind, deren Aufgabe, deren Stolz und deren Pflicht eS ist, für die Freiheit und Wohlfahrt Deutschlands und der ganzen Menschheit zu sorgen.(Brausender Beifall .) Stanning-Kopenhagen (lebhaft begrüßt) überbringt der Ver- sammlung den herzlichen Gruß der danischen Arbeiter und ihren Dank an die deutsche Partei für die bedeutsame Arbeit. Mit großer reude verfolgt das kleine Dänemark die Siege der Brüder in iemschland, mit großer Anteilnahme folgt eS Euren Kämpfen. Wir wollen darin gute Mitarbeiter sein, die stets in einer Reihe mit den deutschen Genossen marschieren. Glückauf zu Eurer Zukunft, zu Euren Kämpfen für die große Sache des Sozialismus.(Lebhafter Beifall.) Hieran fügt der Vorsitzende, Genoffe Holzapfel, einige DankeSworte. Wir geloben am Vorabend dieser bedeutsamen Tagung Deutschlands , nicht früher zu ruhen und zu rasten, bis die Freiheit für Deutschland und die ganze Welt erkämpft ist. (Bravo !) Reichstagsabgeordncter Dr. Frank (mit Beifall begrüßt) knüpft an die Worte deS Vorredner? an und stellte ihm die Warnung des Kronprinzen vor den»intcrnationali- sierenden Tendenzen" in seiner Königsberger Rede entgegen: Nach- dem der Vater anderthalb Jahre geschwiegen hat, hat jetzt auch der Sohn zu reden angefangen.(Heiterkeit.) Hoffentlich olgen nicht alle Hohenzollernprinzen seinem Beispiel, sonst kommen wir mit den Protestversammlungen gar nicht mehr nach. Was der Kronprinz mit den internationalisierenden Tendenzen gemeint hat, können wir nur ahnen. Vielleicht im Fürsten F ii r st e n b e r g(Heiterkeit) oder dein Zeutrumsabgeordneten Prinz A r e n b e r g, die im Aus- lande große Reichlümer besitzen �Heiterkeit) oder die Kohlen- und Eisenindustrie, die an das Ausland zu billigen Preisen verlauft und den Deutschen die hohen Wucherpreise abnimmt. (Pfuirufe.) DaS Proletariat wird sich jedenfalls nicht hindern lassen, weiter dem Friedensbund der Arbeit zuzustreben.(Beifall.) In einem Wiener Blatt fand ich jüngst ein Bild des Kaisers, der zu seinem Reichskanzler sagt: Wozu habe ich denn zun: Teufel einen Reichskanzler, wenn er mich nicht einmal am Reden hindern kann.(Große Heiterkeit.) Aber Bethmann H o l l w e g, die längliche Unzulänglichkeit(Schallendes Gelächter), denkt nicht daran, den Kaiser am Reden zu hindern. Er ist schmiegsam und biegsam, wie ein junger Baumzwcig, war erst die stärkste Stütze des Bülow-Blocks, danach der Prokurist des schwarz- blauen Blocks und hat heute den Ehrgeiz, selbst einen neuen Block zu gründen, den A n g st b l o ck(Große Heiterkeit.), deffen einziges geistiges Band, das Zentrum, Nattonal- liberale und Konservative zusammenhalten soll, die schlotternde Aug st vor der Sozialdemokratie ist. Für dieses Pro- gramm hat Bethmann Hollweg offenbar auch den Kaiser gewonnen, der den Landwirt, den Kaufmann und den Industriellen aufgefordert hat, einander die Hand zum Bunde zu reichen. In weniger romantischer Sprache heißt das. daß Hansabund und Bund der Land- Wirte gegett die Sozialdemokratie zusammengehen sollen. Von einer Hand hat der Kaiser nicht gesprochen, von einer schweren Hand, ohne die Deutschland nicht der große Industriestaat wäre, von der Arbeiterhand. Wenn es dahin kommen sollte, daß die anderen Hände zum Angstblock ineinander greifen, dann wird sich die Arbeiterhand zur Arbeiterfaust ballen und da- zwischen schlagen, daß den Volksfeinden Hören und Sehen vergehen wird.(Stürmischer Beifall.) Der Kaiser hat in einer seiner vielen Reden aus der letzten Zeit auch die Wahlparole ausgegeben, daß die Lücken unserer Rüstungen ausgefüllt werden müßten. Mit einer solchen Wahlparole würde Bethmann Hollweg den bürgerlichen Parteien einen schlechten Dienst erweisen. Das deutsche Volk hat es satt, sich in Friedenszeiten für Heer und Marine den letzten Pfennig aus der Tasche holen zu lassen. Es will nicht mehr Soldaten, sondern mehr Sozialpolittk, mehr Fürsorge für die Massen. Keine Forderung findet heute in Deutschland größeren Widerhall, als die nachFrieden, Abrüstung und Berständi- gungrinter den Völkern. Wir gehen in den nächsten Monaten großen Kämpfen entgegen. Schon wird jetzt bei den Nachwahlen dem Hunde der Reaktion der Schwanz stückweise abgehackt; wenn aber das deutsche Volk zu den allgemeinen Wahlen ausgerufen wird, dann wird es der Regierung rot vor den Augen werden. Schwere Kämpfe stehen uns bevor, aber auch die Gegner wissen, daß sie führen müssen zum sicheren Siege des Volkes.(Lebhafter Beifall.) Als letzter Redner des Meetings erhält das Wort Genossin Klara Zetkin : Wir leben in schwierigen Zeiten, aber auch in Zeiten der Hoff- nung, hat uns doch soeben Genosse Stauning den Gruß echter proletarischer Brüderlichkeit überbracht, die jüngst in Kopeu- Hagener Kongreß ihren gewaltigen und erhebenden Ausdruck ge- funden hat. Immer tiefer wird die bürgerliche Welt durch die Jnteressenkämpfe zerklüftet und ihre letzten Kulturbande zerrissen und durch den nackten brutalen Willen zur Herrschaft und Au?- beutung ersetzt. Währenddem faßt das Proletariat immer fester seine Lftäste brüderlich zusammen, all ihr Kampf gilt einem große» Kultiirziele, derErschließnng des Reiches der Freiheit. Gerade der Internationale Kongreß hat jetzt allen Ausgebeuteten und Unterdrückten zugerufen: glaubt und vertraut. Aber mit den, Glauben und Verttauen allein ist es nicht getan, wir müssen auch kämpfen, und zum Kampfe ist auch die proletarische Frau berufen. (Lebhaste Zustimmung.) Der Kaiser hat ja neuerdings die Frauen wieder einmal an den Strickstrumps verwiesen. Er hat fich für diese Anschauung ans seinen Großvater berufen, der hochselig ist(Heiter- keit); er hätte sich auch auf seinen Urgroßvater berufen können, der nach dem Zeugnis des Junkers von Marwitz der Königin Luise , wenn sie sich polittsch betätigen wollte, den Strickstrumpf in die Hand drückte. Mögen uns nur die Frauen der Herrschenden mit dem Sttümpfestricken und Kartoffelschälen vorangehen, dann würden fie vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben nützlicheArbert tun.(Große Heiterkeit und Beifall.) Wir proletarischen Frauen aber gehen über den Ausspruch des Kaisers lächelnd zur Tagesordnung über zum Kampf, wie die Geschichte schon lange über diese kleinbürgerliche Auffassung hinweggeschrittcn ist. Die Frau hat nichts im öffentlichen Leben zu suchen? Aber müssen nicht neun Millionen Frauen dem Kapital fronden? Greift nicht die Polittk in den Kochtopf hinein, indem die agrarischen Schnapphähne das Brot verteuern und das letzte Stückchen Fleisch aus dem Topfe stehlen, das die Mutter ihren Kindern geben möchte.(Lebhafter Beifall.) Leiden nicht gerade die Frauen unter den Verweigerungen der Sozialpolitik, die die arbeitenden Mafien schützen könnte, vor über- mäßiger Ausplünderung und Auspowerung? Sollen die Frauen dem Kampfe fernbleiben, wenn sie ihre Kinder verkümmern sehen, weil die kapitalistische Gesellschaft die Bildung zu einem Monopol derbesitzendenKlassen macht? So lange die kapitalistische Ausbeutung dauert, so lange wird auch der Kampf der proletarischen Frau dauern.(Stürmischer Beifall.) Kein.Instrument des Himmels' wird ihn aufhalten, denn dieses.Instrument" muß das Volk bezahlen.(Sehr richtig.) Die Erhöhung der Zivilliste gerade in diesen Zeiten der Not ist den proletarischen Frauen mit feuriger Schrift ins Gedächtnis geprägt. Nicht Instrumente des Himmels sind die Herrscher, sondern Geduldete deS Volles und weiter nichts.(Stürmischer wiederholter Beifall.) Je schrankenloser und rücksichtsloser das Gottesgnadentum fich gibt, um so ernster werden die arbeitenden Massen'die Forderungen der demokratischen Republik� . vertreten.(Lebhafter Bei-. fall.) DaS personliche Regiment hat sich w Deutschland stets feigenblattlos als Feind des kämpfenden sozialistischen Proletariats gezeigt, um so stärkeren Widerhall wird diese Forderung bei den Massen finden. Die Frauen werden in den großen Verfassungskämpfen der nächsten Jahre um so mehr in den Reihen der Sozialdemokratte mitkämpfen müssen, als fie die einzige große politische Partei ist, die nicht ManneSrecht, sondern Menschen- recht fordert, deren Demokratte nicht vor dem Geschlecht Halt macht. Die Bourgeoisie herrscht heut über die Produktionsmittel deS Lebens wie über die Produktionsmittel deS Todes, die Mordwerkzeuge aller Art. Machen wir den Herrschenden zunächst diese Waffen untauglich zum Kampf gegen den äußeren wie den inneren Feind, stellen wir den DreadnoughtS, de».Fürchtenichtsen". wie die großen modernen Panzerkolosse heißen, den Dreadnought des organisierten Proletariats entgegen, der Tod bedeutet für Ausbeutung und Knechtschaft. der Leben bedeutet für das auffteigende Reich deS Sozialismus. Seid frei, seid einig, seid brüderlich.(Minutenlanger stürmischer Beifall.) Mit einem Hoch auf den internationalen völkerbefreienden Sozialismus schloß Genosse Holzapfel das Meeting. Die versam- melten Tausende erhoben sich und jubelten begeistert Beifall und nur die beiden überwachenden Polizeibeamten tn Uniform blieben mürrisch sitzen._ Aerbandstag der Gmerbegenchte Atutschlands. Köln , 17. September. Ueber da» Recht der Gratifikationen, wie es sich zurzeit herausgebildet hat. sprach MagiftratSaffessor Landsberger. Charlottenburg . Die Rechtsprechung auf diesem Gebiete sei sehr unterschiedlich und das habe dazu geführt, daß neuerdings Arbeitgeber zwar im Dienstvertrag Gratifikationen nicht zusicherten, sondern sich nur vorbehalten, sie zu gewähren. ohne dem Angestellten ein klagbares Recht einzuräumen.— Ge- nevalsekretar B o r cha rd t- Berlin, von, Verband der deutschen Kaufleute, fordert die Abschaffuna der Gratifikationen unter Fest- setzung auskömmlicher Gehälter, also Ersetzung des unsicheren durch ein sicheres Einkommen. Bezüglich der Tantiemen, deren rechtliche Natur vorher der Kaufmannsgerichtsbeisitzer Grün- f e l d- Berlin erörtert hatte, kommt der Referent zu dem Ergebnis. daß eine Gewinnbeteiligung der Angestellten nur dann einwandfrei sei, wenn sich mit ihr ein auskömmlich bemessenes Gehalt verbinde und damit die Wirtschaftssührung des Angestellten gesichert sei. Ueber das aktive und passive Wahlrecht der Frauen bei den Kaufmanns,- und Gewerbegerichten redet Frl. Dr. Bern- h a r d- Charlottenbiirg. Persönlich tritt die Niednerin für das aktive und passive Wahlrecht der Frauen ein. sie hält aber schon bielcs für erreicht, wenn sich der �rbandstag wenigstens für das aktive Wahlrecht aussprechen würde. �- Kaufmann Fuß- Hannover vom deuffch-nationalen Handlungsgehilsenverband will weder vom aktiven noch erst recht vom passiven Wahl- recht der Frau etwaS wissen. Den weiblichen Ange- stellten fehle dafür die Befähigung<!>; wenigstens in ihrer Mehr- heit; außerdem fehle das Bedürfnis, da ihnen auch bei Besetzung der Gerichte frurch Senner chr Recht werde. Zu dem letzten Punkt der Tagesordnung: Rechtsverhältnisse der Werkpensionskasscn sind fünf Referenten bestellt. Rechtsanwalt Dr. Sauer- Köln führt aus, daß die �er.pensionSkassen, trotz aller gegen sie ge- richteten Angriffe, sich weiter ausbreiten werden. Eine gesetzliche Regelung sei geboten. Die gegen die Kassen erhobenen Beschwerden seien zum� großen Teil gerechtfertigt. Der Redner verlangt, daß da? Vermögen der Kasse von dem des Werks getrennt werde, wozu die Kasse Rechtspersönlichkeit haben müsse. Die Arbeiter seien an der Verwaltung der Kasse mindestens mit halbem Recht zu de-
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