Nr. 262.
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Vorwärts
Berliner Volksblatt.
27. Jahrg.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.
Dienstag, den 8. November 1910.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.
Scharfmachermärchen als Anklageschrift.
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Die reaktionäre Hetzpresse hat die Losung ausgegeben, ist. Wird doch in der Anklageschrift behauptet, daß die Widerstand der Masse zu brechen und die gefährdeten daß der Aufruhr" in Moabit das Werk sozialdemokratischer Verbandsleitung in der Versammlung das Schreiben der Stadtteile vor der Wut der Menschen zu Hezer oder zum mindesten der Ausfluß sozialdemokratischer Firma Kupfer nicht ganz vorgelesen zu haben scheine(), schüßen". Wir wollen mit der Anklagebehörde nicht Berhebung gewesen sei. Und alle Scharfmacher haben seit weil sie den Streit auf jeden Fall haben darüber rechten, daß sie nur 400 Schußleute in Betracht zieht, Wochen diese ebenso törichte wie perfide Verleumdung tag- wollte! Dagegen 10 000 Tumultuanten. Ebenso gut hätte sie ja auch täglich wiederholt. Da ist es schließlich kein Wunder, daß sich Eine wunderbare Objektivität der objektivsten Behörde! 20 000 oder 50 000 Tumultuanten"" berechnen" fönnen. diese strupellosester politischer Gehässigkeit entsprungene Auf- Aber es kommt noch viel besser. Die Anflageschrift be- Aber das eine wollen wir doch feststellen. Gerade nach den fassung auch allmählich in den Köpfen solcher Leute eingenistet richtet weiter, daß am 9. September 113 Arbeiter und spezialisierten Angaben der Anflageschrift sind so gut wie hat, die, ohne politisch unmittelbar interessiert zu sein, doch 33 Kutscher in den Streit eingetreten seien. Am 26. Sep- sämtliche Verlegungen von Schutleuten bis den reaktionären Anschauungen sehr nahe stehen. tember habe der Transportarbeiter- Verband der Firma Kupfer 3 um 26. September einschließlich vorgeDaß die Staatsanwaltschaft, die die Anklage in die Absendung von Vertretern zum Zwecke kommen! Bis dahin wurden nämlich von den etwa 50 verSachen Moabit zu erheben hatte, im Grunde ihres Herzens einer Einigung angeboten. Diese Tatsache verträgt sich letzten Schußleuten 49 verletzt, davon am Montag, dem durch die scharimacherischen Legenden beeinflußt werden würde, sehr schlecht mit der Behauptung, daß die Verbandsleitung 26. September, allein 39. Und wenn die Anklageschrift an war von vornherein anzunehmen. Man weiß ja, aus welchen auf jeden Fall den Streit gewollt habe. Aber das nur einer anderen Stelle erklärt, daß an dem Aufruhr fein Kreisen sich unsere Staatsanwälte rekrutieren, man weiß, daß nebenbei. Ihre Objektivität bezeugt die Anklageschrift weiter I anha gel beteiligt gewesen sei, da fast ausschließlich fie mit politischen und sozialen Vorurteilen, die sich aus ihrer durch folgenden Satz: fleine Handwerker, Fabrik- und Lohnarbeiter verhaftet und gesellschaftlichen Stellung und ihrer politischen Zugehörigkeit Hierauf konnte die Firma nicht eingehen. Sie wollte unter Anklage gestellt worden seien, so wollen wir nur darauf ergeben, förmlich imprägniert sind. Es hätte uns also nicht zunächst auf keinen Fall mit dem Transportarbeiter- Verband ver- hinweisen, daß nach den polizeioffiziösen Dargewundert, wenn sich die vorgefaßte Meinung des Staatshandeln und wurde hierbei von anderen Arbeitgebern unterstügt, stellungen in der Presse an dem Krawall am Montag, den anwalts im ganzen Aufbau der Anklage fundgegeben, wenn da die Einleitung des Streifs ergab, daß dieser vom Ver 26. September, ausschließlich Janhagel", 3uband inszeniert war, um seine Macht au erhälter, Dirnen und sonstiger Abschaum der Be. sie hie und da durch die Zeilen hindurchgeblickt hätte. proben..." Die Staatsanwaltschaft ist ja bei uns bekanntlich die„ objektivste Behörde der Welt"; allein man kann eben von einem verbandspamphlet oder in einem Zirkular der beteiligten wohl nur deshalb weil man an dem Montag der wirk Wohlgemerkt, das steht nicht etwa in einem Reichs- bölferung" beteiligt gewesen sind! Wenn trotzdem nur anständige Arbeiter auf der Anklagebant erscheinen, so Menschen nichts Uebermenschliches verlangen. Man kann von Unternehmergruppe, sondern in der Anklageschrift! lichen Grzedenten nicht habhaft werden konnte Trägern einer Institution, die sich berufen fühlt," Thron und Aber es fommt noch besser! Ein paar Reihen weiter heißt und man in Ermangelung solcher Erzedenten an den fol. Altar" und die geheiligte kapitalistische Ordnung zu schirmen, es, daß die Firma auch zu einer Erhöhung der Löhne völlig genden Tagen harmlose Straßenpaisanten nicht erwarten, daß sie für das Wesen und die kulturelle Be- außerstande gewesen sei, da eine solche ihre Stonkurrenz verhaftet hat, die man ohne Wahl aus den Haufender deutung der modernen Arbeiterbewegung wirkliches Verständnis fähigkeit auf das Aeußerste gefährdet haben würde. Das wird Niedergefnüppelten und Niedergefäbelten aufzubringen vermögen. nicht etwa als die einseitige Angabe der Firma Kupfer Aber das hätte man, wenn auch nicht vom sozialen Ver- wiedergegeben, sondern als die ganz selbstverständliche und heraus griff! Daß aber am Dienstag, Mittwoch und ständnis, so doch von der selbstverständlichsten Klug: unerschütterliche Ueberz ugung der Staatsanwalt Donnerstag der Moabiter Woche von Angriffen auf die Poheit der Staatsanwaltschaft erwarten sollen, daß sie bei schaft! Und wieder ein paar Reihen weiter wird erzählt, daß lizei gar feine Rede mehr fein konnte, geht ja aus der der Abfaffung der Anklageschrift sich nicht von vornherein in die Firma Aufforderungen zu Einigungsverhandlungen seitens lizei selbst hervor! So verwandelt sich bei näherem Zusehen von der Staatsanwaltschaft mitgeteilten Verlustliste der Poder auffälligsten Weise auf die Seite der Unternehmer schlagen des städtischen Einigungsamts und des Dber die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft in ein durchschlagenOber- zei würde. Man hätte erwarten sollen, daß sie nicht von vorn bürgermeisters Kirschner ablehnen mußte", weil des Zeugnis gegen die Anklage der objektivsten Behörde herein völlig unbesehen die haltlosesten und sie sich damit zur Unterwerfung unter den Schiedsspruch der Welt. tendenziösesten Verdächtigungen gegen die hätte bereit erklären müssen! gewertschaftliche und politische Vertretung mehrerer Millionen deutscher Arbeiter er feiner Naivität zu solch unglaublicher Parteinahme zugunsten Wenn sich ein junger Anfänger in Pose mudel in heben würde! In Wirklichkeit hat indes die Staats- des Unternehmertums hätte verleiten lassen, so wäre das ja anwaltschaft in ihrem unbegreiflich blinden Eifer, der staats immerhin schon ein starkes Stück gewesen. Daß aber eine erhaltenden Scharfmacherheße zu nügen, all und jedes Gebot Berliner Staatsanwaltschaft etwas Derartiges in eine der Klugheit außer acht gelaffen. In Wirklichkeit hat sie eine Anklage hineinzuschreiben vermag, das verrät denn doch eine Anklagefchrift zustande gebracht, die sich liest wie ein un- so unglaubliche Befangenheit in sozialen Vorurteilen, wie geschickter Abtlatsch aus einem reichsver man sie kaum noch, um mit Herrn Roeren zu sprechen, einem Bändlerischen Pamphlet! Daß wir nicht übertreiben, grünen Assessor" zutrauen sollte. sei sogleich bewiesen
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inzwischen die Scharfmacherbeke fortgesetzt wird, beweist folgende famose Notiz in einer Anzahl bürgerlicher
In welch unglaublich täppischer und frivoler Weise aber
Blätter:
Drohbriefe im Moabiter Krawallprozeß. Der Moabiter Krawallprozeß, der, wie gemeldet, am Mittwoch dieser Woche vor der dritten Strafkammer des Berliner Landgerichts I unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Lieber seinen Anfang nimmt, hat ein bemerkenswertes Vorspiel gezeitigt. Bekanntlich ist die Berliner Staatsanwaltschaft mit Erfolg bemüht gewesen, den Riesenprozeß gerade vor die dritte Straffammer zu bringen, da Nachdem so die Anklageschrift einen lieblichen VorgeDer be- rühmte Nachtrag zur Anklageschrift, der die ganze schmack von dem gegeben hat, wessen sie an sozialpolitischer Landgerichtsdirektor Lieber in dem Rufe steht, ein besonders Anklage aufs politische Gleise zu schieben und der proletari Sturzsichtigkeit fähig ist, beginnt sie das schwerste Geschütz gegen energischer Richter zu sein. Herrn Lieber sind nun in den letzten Tagen zahlreiche Drohbriefe zugegangen. Diese sprechen sich schen Stassenbewegung die moralische Verantwortung für alle die Organisationen der modernen Arbeiterschaft aufzufahren. übereinstimmend dahin aus, daß Herr Lieber mit der Ueberin Moabit , sei es in Wirklichkeit begangenen, sei es auch nur Jahrelange fyftematische sozialdemokra nahme des Moabiter Krawallprozesses sein Leben aufs Spiel in der polizeilichen und staatsanwaltlichen Phantasie eristie- tische Verheyung" ist es, die die Masse zur Niedersezen würde. Man werde, wenn er nicht vorher zurücktrete, das renden Erzesse aufzubürden sucht, beginnt mit einer breiten fn üppelung der Arbeitswilligen" und zur EntKriminalgerichtsgebäude demolieren, bezw. sogar in die Luft Schilderung der Lohnstreitigkeiten bei der Firma Kupfer u. Co. ladung ihres„ Hasses gegen die Polizeibeamten" anreizte. Die sprengen. Landgerichtsdirektor Lieber hat sämtliche Briefe sofort Diese Darstellung soll offenbar dem Zwecke dienen, einen„ organisierte Erbitterung" gegen alle nicht zur Gewerkschaft dem Königlichen Polizeipräsidium übermittelt. Zusammenhang zwischen der Streitleitung und dem Aufruhr" gehörenden Arbeiter und Arbeitswilligen hat in erster Linie nalpost" ersichtlich, von der Polizei selbst! Wird doch in dieser Diese Mitteilung stammt, wie aus der Deutschen Jour herzustellen. Dieser freundliche Verfuch glüdt natürlich voll- bie schweren Ausschreitungen verschuldet. Ja, die Sozial. Korrespondenz weiter gemeldet, daß die Polizei„ aus Anlaß Sozial- alpost" ständig daneben. Nicht einen Anhaltspunkt vermag die demokratie und die Gewerkschaften tragen nach der Drohbriefe folgende Vorkehrungen getroffen" habe: Anklageschrift dafür beizubringen, daß der Transportarbeiter der Staatsanwaltschaft nicht nur die moralische VerantVerband irgend welche Schuld an den Zusammenstößen trägt. wortung für die Niederknüppelung der Arbeitswilligen und Für die Zwecke der Anklagebehörde erscheint dieser Teil die Angriffe auf die Polizisten, sondern sogar für die Beder Anflageschrift also vollständig überflüssig und drohung des Pastors Schwebel, der sich nach der 3 wedlos. Dagegen beweist er die geradezu traffe polizeilichen Darstellung am Montag, dem 26. September, Barteilichteit der„ objektivsten Behörde". Denn un vor der Menge in sein Haus flüchten mußte. Speziell der vorsichtiger um uns keines drastischeren Ausdrucks zu be- or wärts" soll den Angriff gegen den Pastor auf dem dienen läßt sich gar nicht die Sache des Unternehmertums Gewissen haben! Denn, heißt es in der Anflageschrift, nur führen, als es in diesem Teil der Anklageschrift geschehen ist. der fanatische Saß, mit dem der Vorwärts" alles, Dabei in einer Sache, die die Anflagebehörde aber auch in was mit der Kirche und ihren Einrichtungen aller Welt nicht das allergeringste angeht. Denn was schert zusammenhängt, verfolge, fönne in sonst friedlich die Anflagebehörde der Umstand, ob bei der Lohn- gesinnten Arbeitern eine solche Erbitterung schaffen, wie in streitigkeit das Recht auf der Seite der Firma Kupfer der Verfolgung des Pastors Schwebel fast explosiv zutage geoder der der Arbeiter lag. Aber die Staatsanwaltschaft wollte treten sei.
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Vom ersten Tage der Verhandlungen des Moabiter Prozesses ab wird das neue Kriminalgerichtsgebäude in seiner ganzen Ausdehnung durch Polizeifordons abgesperrt werden. Alle drei Portale des imposanten Baues werden mit je drei Schußleuten in Uniform und mehreren Kriminalbeamten in Zivil besetzt werden. Der Eintritt zu der Verhandlung ist nur den Richtern, Staatsanwälten und Verteidigern oder den mit Zeugenladungen oder besonderen Eintrittskarten versehenen Perfonen gestattet. Eine besondere Aufmerksamkeit wird bie Polizei außerdem den 426 8eugen zuwenden, die zu dem Prozeß geladen sind und unter denen viele bisher unentdeckt gebliebene Teilnehmer an den Krawallen bermutet werden.
Wir halten es für ausgeschlossen, daß Herr Lieber die famosen Drohbriefe ernst genommen und die Maßnahmen sowie die Publikation veranlaßt haben könnte. Liegt es doch auf der Hand, daß solche Briefe entweder von Spaßvögeln oder Uebergeschnappten oder aber nur von Locfpigeln geschrieben sein können. Auf diese Spizel freilich sollte die Polizei ein wachsames Auge haben. Ist es doch von den Wahlrechtsdemonstrationen her bekannt genug, daß sich Polizeifreaturen geradezu als Agents provocateurs aufgespielt haben.
offenbar von vornherein nicht den leisesten Zweifel darüber Es macht sich sehr hübsch, daß gerade dieser Beweis ftaatsLassen, daß sie boll und ganz" und unbedingt anwaltlicher Sachkenntnis und Objektivität den Schluß der jederzeit die Partei des Unternehmertums staatsanwaltlichen Expektorationen bildet, und damit zeigt, zu nehmen sich verpflichtet hält. Und dieser daß die ganze Anflageschrift aus dem Geiste scharfmacheBeweis ist ihr in der Tat glänzend gelungen! rischer Zwangsvorstellungen heraus geboren ist. Die Anklageschrift erzählt, aus welchen Forderungen der Arbeiter sich die Differenzen mit der Firma Kupfer ent- Die Verhandlungen des Prozesses selbst werden ja aussponnen haben. Zum Streit, so schildert sie die Situation, reichend Gelegenheit geben, in die Tiefe der staatsanwaltlichen sei es schließlich deshalb gekommen, weil in der fraglichen Psyche und die Oberflächlichkeit des staatsanwaltlichen An- Wenn übrigens in der von der Polizei inspirierten Notiz Versammlung der beteiligten organisierten Arbeiter der Ver- flagematerials gründlich hineinzuleuchten. Für heute sei nur der Deutschen Journalpost" die Vermutung ausgesprochen dacht geäußert worden sei, die Firma wolle die Verhand- noch auf ein Moment hingewiesen. Die Anklageschrift glaubt wird, daß die Polizei unter den 426 Zeugen„ biele noch unentlungen verschleppen( so dürfte ja wohl in verständliches auf die Schwere der Vergehen der Angeklagten aus einem deckt gebliebene Zeilnehmer an den Strawallen vermutet", so Schriftdeutsch der staatsanwaltliche Ausdruck hinterziehen" er gleich zwischen den Verlusten der Schutz- nehmen wir an, daß damit feineswegs ein Versuch zu übertragen sein) und später mit Entlassungen vorgehen. mannschaft und denen der Tumultuanten" folgern zur Bedrohung und Einschüchterung der Selbstverständlich ist die Anklagebehörde davon überzeugt, daß zu können. Bezeichnend sei, daß von den 400 Schuleuten 3e u gen gemacht werden, sondern lediglich der Meinung die Firma Kupfer an so etwas gar nicht gedacht habe. Das etwa 50 verwundet worden seien, von den sicher auf 10 000 zu Ausdruck gegeben werden sollte, daß sich unter den von der Unternehmertum erscheint ihr hier wie überall in schloh berechnenden Tumultuanten" taum 150. Diese Tatsache aber Polizei aufgetriebenen Zeugen eine erfleckliche Anzahl von blütenweißester Unschuld, während den Vertretern der Arbeiter beweise, daß das zielbewußte und strenge Vorgehen der Knüppelgardisten der Streitbrecherfirma Hinte schaft natürlich von vornherein stets das schlimmste zuzutrauen Polizei durchaus erforderlich gewesen sei, um den befinden könnte!