mit dunklem Haar und einer ganz Breiteil Stirn gewesen. Melke dagegen hat ganz blondes Haar und eine schmale Snrn. Ferner ist jetzt oer Schuhmacher ermittelt worden, der am 7. Dezember mittags t'/z Uhr in der Gastwirtschast von K. gesehen hat, dag Mielle dort zu Mittag speiste. Neuerdings haben sich Personen gemeldet, die bei Melle Hand- schuhe gesehen haben wollen. Ob der bei Frau Hoffmann gefundene Handschuh einer von denen ist, die Melle angeblich getragen hat, wird nachgeprüft. Die Leiche eineS Mannes wurde gestern morgen im Hausflur des Hauses Linienstr. 29 gefunden. Wie uns berichtet wird, habe der Mann, der den Eindruck eines Arbeiters machte, bereits am Abend vorher im Torweg gelegen. Da man annahm, er sei be- trunken, liest man ihn liegen und kümmerte sich nicht weiter um ihn. Es ist nicht recht verständlich, warum in der langen Zeit, als der Mann im Hausflur lag, sich niemand um ihn bekünmiert hat. Wie wir hgpen, soll in einem ähnlich liegenden Falle früher von der Polizei gesagt worden sein, die Polizei könne erst nach Einwilligung des Wirtes eingreifen. Für Angler. Alle Gesuche der in Berlin wohnhaften Personen um Erteilung der Erlaubnis zum Angeln mit der Rute während der wöchentlichen Schonzeit find unter Beifügung der für das Jahr tött gültigen Angelkarte direkt bei dem Polizeirevier anzubringen, in dessen Bezirk der Antrag. steller wohnt. Gesuche ohne Beifügung der Angelkarte für das Jahr 1911 sind zwecklos. Nicht in Berlin wohnende Per- sonen haben ihre Anträge bei der Polizeibehörde ihres Wohn- ortes einzureichen. Festgenommen wurde eine Schwindlerin, die seit einiger Zeit in Moabit , Lichtenberg und Berlin , besonders im Osten und Süd- osten, Uhrmacher brandschatzte, indem sie ihnen unter allerhand Vorspiegelungen Uhren ablockte, die andere Leute zur Ausbesserung gegeben hatten. Sie gab sich als Beauftragte der Eigentümer aus und fing es so geschickt an, daß sie in der Regel ihr Ziel erreichte. Jetzt wurde sie endlich erwischt und als eine 34 Jahre alte, aus Leipzig gebürtige ehemalige Buchhalterin Margarete Borrmann festgestellt. Durch einen Sturz vom Balkon tödlich verunglückt ist gestern vormittag um 19 Uhr der 34 Jahre alte Kaufmann Schaler in der Jerusaleme? Straße 4-S an der Ecke der Zimmerstratze. Schaler kam vor acht Tagen als Leiter einer englischen Wollhandlung nach Berlin , um hier ein Zweiggeschäft aufzumachen. Für dieses be- sichtigte er gestern vormittag in dem Neubau an der Ecke der Zimmer- und Jerusalemer Straße Räume im dritten Stock. Dabei trat ev auch auf einen schmalen Balkon hinaus, der mit einem niedrigen Gitter versehen ist. Um hinabzusehen lehnte er sich wahr- scheinlich zu weit über die Brüstung hinaus und verlor das Gleich- gewicht. Plötzlich lag er mit zerschmetterten Gliedmaßen auf dem Bürgersteig der Jerusalemer Straße . Der Verunglückte wurde mit einer Autodroschke nach der Unfallstation in der Kronenstraße gebracht, starb aber schon auf dem Wege dorthin. Eine große Blut- lache, die das Unglück auf dem Bürgersteig hinterlassen hatte, wurde von der Feuerwehr, von der ein Mannschaftswagen erschien, ab- gewaschen. In ernster Lebensgefahr schwebten gestern mittag vier kleine Kinder in dem Hause Jablonskistr. IS. Im vierten Stock wohnt dort der Maurer K r es s e r mit seiner aus Frau und vier Kindern bestehenden Familie. Die Frau besorgt nebenbei die Portierarbeiten, während der Mann auf einem Bau beschäftigt ist. Auch gestern hatten die Eheleute die Wohnung verlassen und die vier Kinder im Alter von S, 4, 3 und 2 Jahren eingeschlossen. Beim Spielen in j>er Küche rissen die Kleinen den Verbindungsschlauch von dem Gaskocher, so daß das Gas ausströmte. Nach einiger Zeit machte sich in dem Hause ein starker Gasgeruch bemerkbar. Als der Ver- Walter dem Geruch nachging, stellte sich heraus, daß er aus der LLohnung der Familie Kresser kam. Beim Oeffnen der Korridortür fand man die vier klein en�Kinder- bewußtlos in der Wohnung vor. Man benachrichtigte sofort die Feuerwehr, die bald mit mehreren Sauerstoffapparaten zur Stelle war. Nach längeren Bemühungen gelang es, die Kinder sämtlich wieder ins Leben zurückzurufen. Allerdings werden die Kleinen noch auf längere Zeit krank bleiben, da sie durch die Gaseinatmung schon arg mitgenommen waren. Der mysteriöse Leichenfund in der EberSwalder Stadtforst, über den wir vor kurzem berichteten, hat nunmehr feine Aufklärung ge- funden. Der Tote ist als der 17jShrige Handlungsgehilfe Emil Blankenburg auS Boxhagen-Rummelsburg rekognosziert. Der junge Mann, der in einer Berliner Fabrik angestellt war, hatte sich am 13. Dezember gegen Vs® Uhr morgens aus der elterlichen Wohnung entfernt, um sich angeblich nach seiner Arbeitsstätte zu begeben, ist dort jedoch nicht eingelroffen. Seit diesem Tage war B. spurlos verschwunden. Was ihn zu dem Selbstmord— denn ein solcher ist zweifelsfrei festgestellt— veranlaßt hat, ist vollkommen unbekannt und den Eltern und Angehörigen des Verstorbenen unerklärlich. Ein Arbeitsloser hat am Montag ein Portemonnaie mit zirka 20 M. Inhalt, 2 Badclarten und einem Gutschein für zwei Theater- Billetts in der Berliner Straßenbahn 73 verloren. Der ehrliche Finder wird gebeten, dasselbe bei Kratz, Kopernikusstraße 2, ab- zugeben._ Vorort-]Nad) richten* Schöneberg . Aus der Stadtverordnetenversammlung. Zunächst berichtete der Referent Friedemann(lib.) über die Benutzung der Schulhöfe während der großen Ferien. Die Freigabe dieser Plätze für die Kinder zum Spielen, habe sich sehr gut bewährt. Auf einigen Schul- Höfen spielten 70, auf anderen Schulhöfen blö 120 Kinder trotz des schlechten Weiters im vergangenen Sommer. Einigen kleinen Un- liebsamkeilen sei soweit wie möglich sofort abgeholfen worden. Es sei erforderlich, daß alle Schulböfe zum Spielen freigegeben werden. Dem wurde zugestimmt. � Bei Angelegenheiten, die das höhere Schulwesen beireffen, soll in Zukunft eine fachmännisch gebildete Frau mit beratender Stimme zu den Sitzungen der Deputation für das höhere Schulwesen hinzugezogen werden.— Im Juni v. I. wurde beschlossen, den Finanzminister um eine Erhöhung der für die Wahr- nehmung der Auftragszahlungen durch die Stadlhauptkasse an die Milirärinvaliden und Witwen sowie an Offiziere, Beamte und deren Witwen, zu ersuchen und zwar von 10 000 aus 13 000 M. Wenn dem nicht zugestimmt werde, sollte die Kündigung ausgesprochen werden. Der Finanzminister hat die Erhöhung abgelehnt und die Kündigung abgenommen und gleichzeitig versngt, daß sämtliche Zahlungen nunmehr durch die Kreiskassen Nieder-Barnim und Teltow zu ersolgen haben. Genosse Obst wie? auf die Schwierigkeiten und Scherereien hin, die nun für die Pensionäre entstehen, wenn dieser Zustand aufrechterhalten bleibt, jedenfalls müsse auf die Empfänger Rncksichi genommen werden; man möge versuchen, eS bei dem früheren Zustand zu belassen.— Kämmerer M a ch o w i c z betont, daß es ausgeschlossen wäre, jetzt nachzugeben. Der Staat würde dann den Koinmunen noch viel mehr aufhalsen, als es bisher der Fall ge« Wesen. Um die Zahlungen erledigen zu können, müßten an jedem Ersten gegen zehn Beamte, die zu den tüchtigste» gehören, aus dem Dienst entnommen werden. Die eigentlichen Arbeiten dieser Beamten bleiben liegen, wodurch das Publikum erheblich benachteiligt werde. Auch sei die Zumessung des Betrages eine ungleichmäßige. Wilmersdorf habe gegen 2000 Zahlungen weniger zu leisten, erhalte aber denselben Zuschuß vom Staat wie Schöneberg . Die Pensionäre sollen sich beim Staat beschweren und Abhilfe verlangen.— L e s s i g(Unabh. Fr.) hält von der Beschwerde des einzelnen nichts Mld meint, die Angelegenheit müsse im kleineren Kreise im Ausschuß besprochen werden.— Die Angelegenheit wurde dem Etatsausschuß überwiesen. Wegen Errichtung einer städtischen Turnhalle teilt der Magistrat mit, daß die Angelegenheil noch nicht spruchreif sei, da die für den Bau erforderlichen Anleihemittel bei der Regierung zwar beantragt. aber noch nicht genehnngt worden sind. Die wegen Ermittelung eines geeigneten Grundstücks schwebenden Verhandlungen seien außerdem noch nicht zum Abschluß gelangt, so daß zurzeit sich nicht übersehen lasse, wann eine Vorlage gemacht werden könne. Ein provisorischer Schul- und Spielplatz soll an der Wilmers- dorser Gemarknngsgrenze zwischen Ringbahn und Stadtpark errichtet werden. Genosse H o f f m a n n verlangt, um Verzögerungen zu ver- meiden, die Sache gleich der Deputation zur Ausführung zu über- weisen, der die notwendigen Kräfte zur Berfügnng stehen. Der Magistrat schwieg sich aus. Die erforderlichen 1750 M. wurden be- willigt.— Bei Nachbewillignngen für die Volksbadeanstalt legte Genosse B ä u m l e r dar, daß die Badeanstalt in der Ebersstraße den Anforderungen nickt mehr entsprichr, die man an eine Volks- badeanstalt stellen muß. Die Anstalt ist ständig überfüllt. Abhilfe werde nicht geschaffen, obwohl vor einigen Jahren schon von dem Bau einer zweiten Anstalt die Rede war. Genehmigt wurde die Einreihung der Zeichcnlehrerinnen in die Kategorie der technischen Lehrerinnen auf eine Beschwerde der städtischen Körperschaften bei dem Unlerrichrsminister, so daß die Ortszulagen in gleicher Höhe genehmigt find. Dann erfolgte die Wahl der ständige« Ausschüsse. Steglitz . Eine in diesen Tagen vielbesuchte Rodelbahn hat der Ort auf dem Fichteberg. Zur erste» Hilfeleistung bei vorkommenden Unglücks- fällen hat die.Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz" einen Gruppenführer mit acht Sanitären nach dem Fichteberg be- ordert, wo in einem Borgarten der Kaiser-Wilhelm-Stratze eine SanitätSwache eingerichtet wurde. Bei 10 Unglücksfällen wurde Hilfe geleistet. Kaulsdorf . In besinnungslosem Zustande wurde vorgestern abend in einem Abieil dritter Klasse eines Vorortzuges ein junger Mann auf der hiesigen Station aufgesunden. Neben dem Bewußtlosen stand eine Flasche, deren Inhalt— Lysol— er ausgetrunken hatte. Es wurde sofort ein in der Nähe wohnender Arzt hinzugerufen, vor besten Eintreffen der Lebensmüde jedoch verstarb. Wiederbelebungsversuche waren erfolglos. In dem Verstorbenen wurde der 16jährige bei der Bahnmeisterei in Erkner angestellte Schreiber Karl Langisch fest- gestellt. Nowawes . Am heutigen Mittwoch, nachmittags S Uhr, findet die erste wichtige Gemeindevertretersitzung im Sitzungssaale des Rathauses, Priester- straße 82, statt. Da jedem Einwohner das Recht zusteht, soweit der zu diesem Zwecke verfügbare Raum eS zuläßt, den Sitzungen bei- zuwohnen, sollten es sich diejenigen Arbeiter, denen es die Zeit erlaubt, nicht nehmen lassen, die Sitzungen zu besuchen, um sich so über die Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten wie über die Tätigkeit der von ihnen gewählten Vertreter auS eigener Anschauung ein klares Urteil bilden zu können. Potsdam . Ein Opfer bcS Rodelsportes wurde auf dem Ruinenberg der Polizeiwachtmeister Claaßen vom Revier Bornstedt , der in Aus- Übung seines Dienstes auf der Rodelbahn weilte und plötzlich von einem heransausenden Schlitten erfaßt und rücklings zu Boden ge- schleudert wurde. Der Verunglückte hatte eine schwere Gehirn- erschütterung und eine Leber- und Lungenquetschung erlitten. Gestern wurde er nach dem Krankenhaus Hermannswerdev trans- portiert. Der Unfall wurde durch die beiden Söhne des Rechnungs- rates Weicker, Viktoriastraß«, herbeigeführt. Außerdem erlitt ein Madchen schwere Verletzungen im Gesicht. Das Mädchen fuhr gegen einen Baum und zerschmetterte sich die Nase. Röche lpö wurde, sie vom Platz geschgsst. Am Brauhausberg kamen mehrere Knochenbrüche, jedoch nicht bedenklichen Charakters, vor. Ende im Schwachsinn. Im Potsdamer Bsirgerstist hat sich gestern der 75 Jahre alte Schiffseigner Stolle, der als Sonderling bekannt war, in seinem Stäbchen offenbar in einem Anfall von Schwachsinn erhängt. Hiid Induftrie und Handel. Ein Rück- und Ausblick. In der am Montag abgehaltenen Sitzung de? ZentralauS- schusseS Berliner kaufmännischer, gewerblicher und industrieller Vereine erstattete Generalsekretär Dr. Koppel den Jahresbericht, aus dem wir folgendes hervorheben. Zunächst betonte der Bericht- erstattcr, daß die von einzelnen Wirtschafispolitikern für das Jahr 1910 gehegten Erwartungen sich nicht erfüllt und das neue Jahr nur wenig Hoffnung auf weiteren gewerblichen Ausschwung gestatte. Als ein Hemmnis der Entwickelung bezeichnete Dr. Koppel den Rückschlag in den Vereinigten Staaten als Folge der Schutzzoll- Politik mit ihrer die Lebenshaltung verteuernden Wirkung. Er bemerkte dazu: Die Vereinigten Staaten find mit Hochschutzzoll begnadet wie wir, mit einer Verteuerung der Lebenshaltung wie wir, mit einer künstlich und staatlich geschwächten Konsumkraft der breiten Massen wie wir; es zeigte sich, daß der forcierte Export des Vorjahres weit eher ein ungünstiges, denn ein günstiges Symptom war; es zeigte sich, daß die führenden Trusts die Kapitalkraft des Landes über- schätzten, als sie in der ersten Hälfte des Jahres ihre Produktion in einem Umfange steigerten, daß z. B. der Stahlwerksverband mit 27 Millionen Tonnen gegen 25,8 Millionen im Vorjahre und 15,9 Millionen 1908 einen Rekord erreicht hat. Die Folge davon war lediglich, daß der Stahlwerksverband in der zweiten Hälfte des Jahres gezwungen wurde, einen Teil seiner Werke, zuletzt so- Sar sein größtes Schienenwerk, still zu legen, daß der Bestand -iner Aufträge am 1. Dezember über 110 000 Tonnen niedriger war als 4 Wochen vorher, daß die großen Eisenwerke Betriebs- reduktionen bis zu 50 Proz. vornehmen mußten und daß die Roh- eisenpreise bis zu dem Nweau von 1908 gefallen find.... Als wesentlichstes Moment, das Zurückhaltung auferlegt,«r- sHeint die Unsicherheit der Verhältnisse in der Montanindustrie. Sie ist heute beherrscht von der Sorge um ihre zukünftige Organi- sation und damit von einem außerhalb der reinen Konjunktur- erwägungen stehenden Moment. Zwar käust der Syndikatsvertrag des Stahlwerksverbandes erst 1912, der des Kohlensyndikates erst 1915 ab, aber all die Betriebserweiterungen, Zusammenlegungen und Verschiebungen in den Montanrevieren stehen unter dem Zeichen der Erneuerung der Verträge. An die Stelle des Kampfes um den Absatz ist der Kampf um die Quote getreten, und die im Hinblick hierauf vorgenommenen Erweiterungen der Betrieve haben zu einer Erweiterung der Produktion über den Bedarf ge- führt, zu einer Verwirrung des Marktes, zu einer Forcierung de» Exports durch Wiederherstellung der am 1. April aufgehobenen Ausfuhrvergütung. Zwar hat der Kohlenbergbau die größte jemals erreichte Produktionsziffer zu verzeichnen, zwar hat die Roheisenerzeugung wieder einen Rekord aufzmveisen, aber die Tatsache der Ueberproduktion zugleich. Weist doch allein die Aus- fuhr des Stahlwerrsvcrbandes gegenüber den ersten 11 Monaten des Vorjahres ein Vlus von 777 000 Tonnen auf, darunter fast 390 999 Tonnen Roheisen.... Die Kauf- und Kapitalkraft der deutschen Bevölkerung er- scheint durch Teuerungen, Lohnbewegungen. Zunahme der Frauen. arbeit gehemmt. Wieder und immer wieder muß auf die Wir- kunyen unserer Zollgesetzgebung sowie der ReichSfinaozreform hin» gewiesen werden. Sowest eine Besserung und ein Fortgang der Konjunktur zu verzeichnen find, verdanken wir sie der gesteigerten Aufnahmefähigkeit tieS Weltmarktes, nicht aber bcS heimische» Marktes. Der Verlauf des Weihnachtsgeschäftes dürste dies belegt haben. Die Finanzreform hat die in allen Ländern zu beobachtende Verteuerung der Lebenshaltung kumuliert. Dazu kam in der Baumwollindustrie die Knappheit und Teuerung des Rohmaterials und eine weiter« Schwächung der Konsumkraft durch die Fleischtcuerung und ihre Folgeerscheinungen. Die erhöhten Kosten der Lebenshaltung setzen sich in das Streben der Arbeiter nach höheren Löhnen um, und die hierher gehören-« beginnende Gärung im Ruhrrevier verdient ernsteste Beachtung. Die Gefahr großer Arbeitskämpfe hat sich im vergangenen Jahre, abgesehen vom Baugewerbe, nicht realisiert, aber sie besteht weiter und es gilt von ihr das, was von künftigen Kriegen gilt, daß sie immer seltener werden, aber wenn sie eintreten, dann um so verheerender in ihren Folgen. Die ausschlaggebende Bedeutung des Arbeits- Marktes für unsere Volkswirtschaft kann nicht stark genug betont werden, und wenn hier auch im vergangenen Jahre eine weitere geringe Besserung zu konstatieren ist, so darf doch nicht übersehen werden, daß wiederum 399 999 Menschen ausgewandert sind, wie denn durch kein anderes Moment unsere Wirtschaft derartig beein» flußt wird, wie durch die Tatsache einer Bevölkcrungsvermehrung von jährlich 999 999 Menschen. Sind doch heute bei uns 65 Mil- lionen gezwungen, auf engem Spielraum zu konkurrieren, während die Hoffnungen, die in dieser Hinsicht auf unsere Kolonien gesetzt werden, sich im besten Falle nur langsam erfüllen können und tatsächlich durch den Rücktritt Dernburgs eine nicht wegzuieug- nende Abschwächung erlitten haben. So zeigt sich auch auf dem Gebiete der WirtschaftS« und Sozialpolitik kein allzu erfreuliches Bild: nach außen haben wir einen schlechten tzandelsvertray mit Portugal und Zollerhöhungen in Frankreich und den Vereinigten Staaten zu konstatieren, wäh- rend Schweden und Japan dabei sind, ihre Zollmauern zu erhöhen. Im Innern ist uns das Kaligesetz beschert worden, das inzwischen bereits Fiasko gemacht hat, während die sozialpolitischen Vorlagen. vor allem das Arbeitskammergesetz und die ReichsversicherungS- ordnung noch der Verabschiedung harren und Wohl kaum mehr von dem gegenwärtigen Reichstage erledigt werden.... In Wirtschafts- und sozialpolitischer Be» ziehung steht das neue Jahr im Zeichen der kommenden Reichstagswahlen. Handel und Industrie müssen ihnen mit besonderem Interesse entgegensehen, müssen ihren Ausfall mit allen Mitteln in ihrem Sinne mitzubestimmen suchen. Wenn jemals Wahlen nicht so sehr politische als vielmehr Wirt- schafts-politische waren, so werden es diese nächsten Wablen sein. In dieser Hinsicht hat die Reichsfinanzreform eine wohltätige Wirkung ausgelöst; der heimische Gewerbefleiß ist er- wacht, ist politisiert worden. Er hat sich eine Organisation geschaffen in dem Hansabund; diese Organisation ist erstarkt und hat bereits erhebliche Erfolge zu verzeichnen. Die Schläge, die Handel und Industrie versetzt worden sind— zuletzt noch ein kleiner Backenstreich in Form der Telephongebührenvorla�e— waren denn doch zu nachdrücklich und hageldicht, als daß sie sich nicht fest in das Gedächtnis eines jeden einzelnen hätten ein- geprägt haben sollen. Und wehe jedem einzeliien, wehe der ge- samten Volkswirtschaft, wenn sie es wieder vergessen sollten, wenn nicht jeder Kaufmann, jeder Industrielle, jeder Gewerbetreibende die Forderung des Tages erftillen würde, die zur Forderung dieses Jahres geivorden ist: seine Pflicht zu tunund bereit zu sein! Dieses Jahr wird zum Schicksalsjahr für den deutschen Gewerbefleiß; versäumt er diese Gelegenheit, d,e sich ihm bietet, sich die Rechte zu erobern, die ihm gebühren, sich Licht und Luft zu erobern, die er gebraucht, die Schranken zu sprengen und sich die Bewegungsfreiheit zu schassen, die mit ihm auch dem Vater- lande notwendig ist zu seiner Fortentwickelung, so wird sie ihm ein zweites Mal so bald nicht wiederkehren— und das von Recht» wegen!— Wir möchten hierzu jetzt nur bemerken, daß man jedenfalls arge Enttäuschungen erleben wird, wenn die Beteiligten auf den offensichtlich immer mehr in das Fahrwasser der hochschutzzöll- ncrischen rheinisch-wesffälischen Großindustriellen steuernden Hansabund große Hoffnungen setzen. Mg der frauenbewegung. Emma Ihrer . Ter Besten eine ist von uns gegangen! Eine von denen, dle mit zu den Pionieren der proletarischen Frauenbewegung gehören, und die bis an ihres Lebens Ende ihr bestes Können und all ihr warmes Empfinden in den Dienst dieser Bewegung stellen. AIS unsere Genossin Ihrer begann, die Mühseligsten und Be» ladensten, die Frauen, um das Banner des Sozialismus zu scharen, da waren die Hindernisse noch schier unübersehbar, die eS zu über- winden galt. Die ganze Arbeiterbewegung war noch Verhältnis- mäßig jung, unentwickelt und schwach. Der bleierne Druck deS Sozialistengesetzes hemmte die Bewegungsfreiheit und die öffent- liche Agitation. Und wo sich doch hier und da die Bewegung wieder zu regen begann, da griffen Polizei und Justiz rücksichtslos und brutal ein, um jedes neue Aufleben im Keim zu ersticken. ES gehörte ungemein viel Geduld, Ausdauer, Kraft und Mut dazu, immer und immer von neuem wieder anzufangen und zehnmal Zertrümmertes wieder aufzubauen. Um so mehr, da eS gleich- zeitig noch den Kampf zu führen galt gegen die vielem Widerstände, gegen Rückständigkeit und Unverstand in den Kreisen der Arbeiterschaft selbst. Denn im Beginn der Arbeiterbewegung schleppten auch die Proletarier, männliche und weibliche.»Ach einen ganzen Sack alter Ueberlieferungen und Anschauungen mit einher. besonders gegenüber der Frau, ihrer Stellung in Staat und Gesell- schaft und ihrer Betätigung im öffentlichen Leben. Und mochte auch gerade unsere Emmy solche rückständigen Anschauungen begreiflich finden, mochte sie ihre geschichtliche Bedingtheit voll erfassen, da sie ja selbst sich hatte erst frei machen müssen ans orthodox-kirchlichen und kleinbürgerlichen Anschauungen, furchtbar mühsam und—. bitter waren diese Kämpfe darum doch, denn sie hemmten da? Vor- wärtskonlmen der Bewegung und waren für sie selbst ein perma- nenteS Golgatha: Unverstanden zu sein und bekämpft zu werden von denen, für die sie ihr Herzblut hergab! Doch auch daS ward überwunden mit dem Erstarken der Be- wegung, und sie selbst hat durch ihr treues Ausharren, wozu ihre Begeisterung für die Bewegung und ihre Frohnatur ihr die Kraft gegeben, nicht wenig dazu beigetragen. Nach dem Fall des Sozialistengesetzes, als überall unker den Proletariern es sich kraftvoller zu regen begann, da war eS in erster Linie unsere Emmy, die in Nord und Süd, in Ost und West be- müht war, neben den Männern auch die Frauen zum Klassenkampf auszurufen. Und wenn auch fast überall die neuoegründeten Frauenvereine den reaktionären Bestimmungen der vielgestaltigen Vereinsgesetze zum Opfer fielen, so war auch diese Arbeit gewiß keine vergebliche. Der Gedanke:.Ihr Frauen müßt selber um eure Befreiung aus Geschlechts- und Lohnsklaverei kämpfen", er war unter die Massen geworfen. Und mochte auch, wie beim Säemann, manches Samenkorn auf steinigem Boden gefallen, manche? vom Unkraut überwuchert, manches zertreten sein, gar viele Samen- körner hatten fruchtbaren Boden gefunden, find aufgegangen und haben tausendfältige Frucht getragen! Nachdem die eine Form der Organisation für die Frauen zer- schlagen war. galt es eine neue zu finden, und gemeinsam mit anderen Genossinnen ward beraten und beschlossen, die lose Form der Organisation, das VertrauenSpersonensystem zu wählen. Die erste Frauenkonferenz in Mainz , an der auch die Genossin Ihrer teilnahm und mit ihrem klugen Rat und ihrer reichen ErfahrunD
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