Nr. 74.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.
Das preußische AntikulturParlament.
Dienstag, den 28. März 1911.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.
Ultramontane Scharfmacherelen.
Freisinn vollständig versagte, so versagte er auch bei den Ver- schule, dem Bildungswesen der großen Masse der Bevölke handlungen des Kultusetats überhaupt. Die Schulideale der rung, hat eben nur die Klasse der Besitlosen, das fortschrittlichen Kreise der Lehrerschaft fanden durch seine flasienbewußte Proletariat. Diejenigen LehrerRedner feinerlei ernsthafte Vertretung. Es blieb dem so freise, denen ihre Schulideale mehr sind als ein hübscher theozialdemokratischen Redner vorbehalten, die Er- retischer Aufpuz, werden sich also ernstlich mit dem Gedanken ziehungsideale der modernen Pädagogik mit Schärfe und vertraut machen müssen, daß das Wohl und Wehe der Der urreaktionäre Charakter des preußischen Geldsack Nachdruck zu vertreten. Und es ist interessant festzustellen, o Iksschule, daß die Entwidelung unseres parlamentes offenbart sich besonders auch in den Debatten daß die Kritik, die von sozialdemokratischer Seite im Drei- modernen Bildungswesens zusammenfällt über den Kultusetat. Daß die ganze dritte Lesung des klassenparlament an unserer Volksschule wie der Gestaltung mit der Entwickelung und der politischen Kultusetats am Montag in knapp zwei Stunden durchgehegt des Stultusetats überhaupt geübt wurde, in der Schrift eines Macht entfaltung der Sozialdemokratiel wurde, wobei natürlich auch dem Vertreter der Sozialdemo- Iiberalen Boltsschullehrers beinahe wort kratie in der rücksichtslosesten Weise das Wort abgeschnitten wörtliche Unterstützung findet. Wir meinen wurde, nachdem von jeder der bürgerlichen Parteien die Broschüre„ Der Kampf um die Schule" von F. Bühler, mehrere Redner gesprochen hatten, charakterisiert die Be- die letter Tage erschienen ist. All das, was die sozialdemo- Der soeben veröffentlichte Jahresbericht vom Ausschuß deutung, die man der so überaus wichtigen Frage der Bil- kratischen Redner an der Rückständigkeit Preußens gebrand- des Gesamtverbandes der christlichen Gewerk. dungsangelegenheiten beimißt. Was von den bürgerlichen markt haben, findet in der Broschüre des Verfassers, der schaften nennt unter den Hindernissen, die der christlichen Be Rednern in der dritten Lesung noch vorgebracht wurde, betraf Lehrer in Zweibrücken ist, seine Bestätigung. So verweist wegung entgegen stehen, auch das Verhalten des Scharfmachertums. nur mehr oder minder belanglose Einzelheiten. Wenn man er darauf, daß in Dänemark die Klassenfrequenz auf 35, in Gegenüber dem Drängen der gewerkschaftlichen Organi deshalb aber annehmen wollte, daß die zweite Lesung um Norwegen auf 40 Schüler festgesetzt ist, während sie in fationen nach weiteren sozialpolitischen Fortschritten werde in so gründlicher gewesen wäre, so irrt, man sich gründlich. Preußen noch 63 Schüler pro Lehrer beträgt. Er verweist jüngster Beit wieder die große fozialpolitische Be Speziell der wichtigste Gegenstand, die Frage der Bolts- darauf, daß Frankreich im Schuljahr 1907/08 in feinen öffent- la ftung der deutschen Industrie mit großer Planbildung, der Volksschule, trat bei den Erörterungen lichen Volksschulen zwar 112 Millionen Schulkinder weniger mäßigkeit hervorgekehrt. Nun will der Berichterstatter die Leistungen der bürgerlichen Redner völlig in den Hinterzählt wie Preußen, trotzdem aber 15 000 Lehrkräfte mehr. der deutschen Arbeiterversicherung nicht verkennen oder herabsetzen, grund, während die Angelegenheiten des höheren Er schreibt: trotzdem aber sei es als eine lebertreibung anzusehen, wenn Schulwesens, an dem die Klassen, die die bürgerlichen Abgeordneten bertreten, selbst interessiert sind, einen unvergleichlich breiteren Raum einnahmen. Die bürgerlichen Abgeordneten betrachten eben das gesamte Bildungswesen unter dem Gesichtswinkel der Bourgeoisie, für die die Volksschule und das Bildungswesen für die große Majse etwas ist, das erst in zweiter oder dritter Linie in Frage kommt. Handelte es sich für die liberalen Parteien nicht darum, auf die Standesinteressen der Lehrerschaft, die ja eine so zahlreiche Beamten- und Wählergruppe darstellt, wenigstens einige Rücksicht zu nehmen, so würde das Volksschulwesen aus den Debatten so gut wie vollends verschwinden!
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Auf einen preußischen Volksschüler kommen bei achtjähriger mit den sozialen Lasten die Gefährdung der KonturrenzSchulzeit ganze 424 M., auf einen bayerischen Volksschüler 448 M., fähigkeit der deutschen Industrie einseitig an die Wand also nicht sehr viel über die Hälfte des Jahresaufwandes für einen gemalt wird. Mit Ziffern läßt sich schließlich alles und nichts zu Besucher der Hochschule. Diese Tatsachen bedeuten einerseits eine gleicher Zeit beweisen. Der Begriff soziale Lasten" ist für die beroffenfundige finanzielle Unterstübung und befchiedenen Länder weder einheitlich definiert, noch sind die Aufrufliche Privilegierung der bermögenden
Klasse, andererseits eine finanzielle Vernachlässigung wendungen dafür einwandfrei ermittelt." und geistige Zurüdhaltung der ärmeren Klasse. Das Zur selben Zeit, wo die Leitung der christlich organisierten Arunterschiedliche Maß an staatlicher Liebe wird noch beiter das Vorstehende veröffentlicht, erscheint im Verlage von trasser angesichts der gewiß nicht geringen indiret- 3. P. Bachem in Köln die Schrift eines ultramontanen Juten Besteuerung im Reich, die unwidersprochen den dustriellen in Aachen : Die Industrie, ihre Bedeutung #leinen Mann relativ mehr belastet als den und ihre Lasten", die dem Nachweis dient, daß die deutsche Reichen." Industrie übermäßig belastet ist durch Aufwen
Wie vollständig die bürgerlichen Abgeordneten aller Aber mehr noch. Bühler stellt auch gleich den sozialdemo- dungen für sozialpolitische 8 wede, daß es Zeit Parteien das Boltsschulwesen zu ignorieren gewöhnt sind, fratischen Rednern im preußischen Abgeordnetenhause die ist, im weiteren Ausbau der Sozialpolitik alt zu machen beweist die Art, wie die umfangreiche Modernistendebatte ge- Ausgaben für den Militarismus, die rund 1600 und daß zu diesem Zweck mehr diefem 8wed mehr Industrielle als bisher führt wurde. Ueber die weltbewegende Frage, ob ein Geist- Millionen betragen, in Parallele mit den gesamten Ausgaben in den Reichstag hineingeschickt werden müssen." Der Verfasser, licher, der durch Ablegung des Modernisteneides fich auf be- für das Schulzwangsbildungswesen, die nur 600 Millionen ein Herr Albert Stern, ist selbstverständlich ein warmer Freund stimmte Glaubenssäge festgelegt hat, in seiner Eigenschaft Mark betragen. Für den Militarismus betrügen also die der Arbeiter und ein ebenso warmer Befürworter der Sozialals Professor der Theologie noch als Vertreter Ausgaben pro Kopf der Bevölkerung 25 M., für das Schul- reform", wie das auch der ärgste Scharfmacher von sich behauptet. der unabhängigen, vorausseßungslosen Wissenschaft zu wesen nur 10 M. Für 63 Soldaten stünden 2 Offiziere und aber die Sozialpolitit hat nach seiner Meinung da Halt zu machen, betrachten sei, pflog man stundenlange Auseinandersetzungen. 5 Unteroffiziere zur Verfügung, für 63 Volksschüler nur eine wo die deutsche Ausfuhr- und Wettbewerbsfähigkeit gefährdet zu Desgleichen ereiferte man sich darüber, ob ein durch den Mo- einzige Lehrkraft! Bühler vergleicht ferner die öffentliche werden beginnt, wo die sozialen Lasten die deutschen Industriedernisteneid gebundener Geistlicher noch würdig sei, in den Wertung von Offizier und Lehrer. Leider aber habe es nocherzeugnisse derart verteuern, daß fie die internationale Konkurrenz höheren Lehranstalten Unterricht zu erteilen. Ueber nie einen deutschen Kultusminister gegeben, nicht mehr bestehen können. Und an dieser Grenze ist Deutschland folche Bagatellen echauffierte man sich, stritt man sich mit der vom nationalökonomischen Standpunkt aus angelangt, so erklärt der Aachener Industrielle und 8entrums. einem Eifer, als ob die heiligsten Güter der Menschheit auf die für die Voltsbildung aufgewendeten oder besser mann! dem Spiele ständen, während doch in Wirklichkeit die Theo- aufzuwendenden Summen für die produktiveste a- Die Beweisführung des ultramontanen Sozialpolitikers ist fo logie ohnehin mit ernsthafter Wissenschaft nicht das ge- pitalsanlage erklärt und nach diesem Prinzip alt wie das Bestreben, durch gesetzgeberische Maßnahmen den allzu ringste zu tun hat. Ueber das unerhörte Faktum, daß bei in seinem Ressort gearbeitet hätte! offensichtlichen Schäden des Kapitalismus und der allzu brutalen uns in Preußen Volksschullehrer ohne weiteres auf das So der Lehrer F. Bühler, der übrigens felbft liberaler Bergeudung menschlicher Arbeitskraft Einhalt zu tun. Allemal ist Straßenpflaster geworfen werden, die aus der Landeskirche Landtagsabgeordneter ist, allerdings in Bayern , nicht in dann das Unternehmertum aufgestanden, um über die Belastung ausgeschieden sind, darüber, daß in der Volksschule der Re- Preußen. In Preußen wird solche einschneidende Kritik der Industrie und die gefährdete Wettbewerbsfähigkeit auf dem ligionsunterricht in einem Sinne erteilt wird, über den die von liberaler, Seite niemals geübt, sondern es find internationalen Markte an jammern. Das war immer so und wird moderne Theologie selbst die Achseln zudt, daß unsere Schul- einzig die Sozialdemokraten, welche die Forde immer so sein, so lange es einen Kapitalismus gibt. Und daran aufsicht zum guten Teil der Geistlichkeit überantwortet ist, rungen der modernen Pädagogik und der Mehrheit der Volks- werden auch die Lehren der Erfahrung nichts ändern, die dartun, und daß durch das Volksschulgesetz die Volksschulen vollends schullehrer eindringlich verfechten. Ja mehr noch! Der fort- daß die Industrie die sozialpolitischen Lasten, von denen sie ihren fonfessionalisiert und dadurch dem engherzigsten Belotismus geschrittene Teil der Lehrerschaft verlangt die Einheits- Ruin fürchtete, sehr wohl erträgt, daß sie dabei immer noch einer herrschsüchtigen Alerisei ausgeliefert sind über diese schule, den einheitlichen Aufbau des gesamten Schulwefens, die fettesten Profite abwirft. Jutereffant ist nur, daß es ein ungeheuerlichen Bustände verlor man nicht ein damit die Befähigten aller Bevölkerungsklassen in die höheren Zentrumsmann ist, der offen auf die Seite der Scharfmacher tritt. Mort! Selbst der Redner des Freisinns erging sich Schulen eintreten und an allen Bildungsgelegenheiten, die Im Zentrumslager war man bisher in derartigen Dingen sehr vor lediglich in nationalliberalem Geschwät über die Gefährdung der Staat bietet, teilzunehmen vermögen. Bühler selbst ur- fichtig und hütete sich wohl, mit scharfmacherischen Geständnissen den der Wissenschaft durch den Modernisteneid, während er der teilt in seiner Broschüre über unsere preußische Volksschule katholischen Arbeitern vor den Kopf zu stoßen. Wenn man nun aus Verpfaffung der Schule, der ungeheuer viel schlim- folgendermaßen: der wahren Natur der ultramontanen Arbeiterfreundlichkeit" kein meren Geistestnebelung der Massen durch eine sehl mehr macht, so kann uns das namentlich in der gegenwärtigen mit nationalliberaler Hilfe in die spanischen Stiefel des KonZeit nur willkommen sein. teiner fessionalismus geschnürten Volksschule mit Silbe Erwähnung tat!
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den folgenden Worten festnagelt:
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So stufen sich die Schul- und Schülerkategorien nicht nach der höheren Befähigung, sondern nach der sozialen Schichtung ab. Das sind keine gefunden Zustände. Preußen degradiert seine Volksschule zur Armenschule, in bem es seine höheren Schulen als Domäne der reicheren Klassen privilegiert."
Freisinnsabgeordneten im Dreiklassenparlament Nach solchen Auslassungen sucht man in den Reden, der bergebens. Ja, wenn von sozialdemokratischer Seite in dieser Weise Kritik geübt wird, sind es gar freisinnige Abgeordnete, wie seinerzeit Herr Cassel, die das als berhezende und ungerechte Uebertreibung zurückweisen!
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Herr Albert Kern ist um die Beweisführung nicht verlegen. Er zitiert, was andere Scharfmacher zu dieser Frage gesagt haben. Und fo fommt er denn dazu, vor weiteren gesetzgeberischen Maßnahmen zugunsten der Arbeiter dringend zu warnen, eine Mahnung, für die fcheint, da die politischen Parteien zu einem gewissen, auf fozialihm gegenwärtig besonders dringende Veranlassung" borzuliegen politische Verbesserungen gerichteten Weitstreit gelangt find, in dem leicht erklärlichen erhöhten Bestreben, einen möglichst großen Einfluß in den weitesten Streisen sich zu sichern. In einer ll e ber fülle dahingehender Anträge darf und muß man zweifellos eine nicht zu unterschäzende erhebliche Gefahr erbliden. Immer neue Erschwerungen und Belastungen treten ber Industrie, in ihrer Gesamtheit betrachtet, be
Diese rücksichtslose Preisgabe der Intereffen der Volksschule wird denn auch begreiflicherweise von der Lehrerschaft als eine so gröbliche Unterlassungsfünde empfunden, daß die Pädagogische Zeitung", das Organ des Deut schen Lehrervereins", die klägliche Haltung der Liberalen mit „ Es ist bezeichnend, daß in dieser Debatte die BoIts schule nur von einer Seite erwähnt wurde, und doch wird fie gerade durch den Modernisteneid näher berührt, als die So ergibt sich aus der Haltung des Liberalismus bei Universitäten und die höheren Schulen. Die Lokal. und zum den wichtigsten Kulturfragen die Richtigkeit des Wortes des soTeil auch die Kreisschulaufsicht liegt in der Hand a- zialdemokratischen Redners zur Modernisteneiddebatte, daß der tholischer Priester. Die Inspektion bezieht sich auf den Freifinn selbst auf diesem Gebiet vollständig versagt, daß er jorgniserregend vor die Augen." gesamten Unterricht dieser Kinder. Ganz abgesehen als Kulturpartei vollständig abgedankt und darauf verzichtet Der Verfasser erinnert an die Reichsversicherungsdavon, daß auch eine nicht geringe Zahl evangelischer Kinder der Lokal- und Kreisschulaufsicht katholischer Geistlicher unter- hat, selbst die Kultur- und Erziehungsideale ernsthaft zu ordnung, die Privatbeamtenversicherung, die gesteht, greift die geistliche Schulaufsicht der bertreten, für die die deutsche Lehrerschaft tämpft! plante Einführung des Magimalarbeitstages, die ange. Voltsschule tief in das staatliche Schulhoheits- Manchem liberalen Lehrer mag diese beschämende Tatsache regte Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, und zurecht ein. Die Konfessionalisierung des Voltsschulunterrichts schmerzlich und befremdend sein. Wer jedoch die Triebkräfte stimmend beruft er sich angesichts einer solchen Ueberfülle" sozialmit allen ihren Konsequenzen scheint aber als eine felbft ber unseres politischen Lebens genauer zu erkennen gelernt hat, politischer Pläne auf die Aeußerung einer rheinischen Berufsständliche und unabänderliche Tatsache hin- mer da weiß, daß die Vertreter der besitzenden Klassen ihre genossenschaft, daß Grund genug vorliegt, die weitere Belastung genommen zu werden. Selbst der Redner der Fort- Energie für so I dhe Intereffen einfeßen, die ihnen ihrer der deutschen Industrie durch den weiteren Ausbau der fchrittlichen Volkspartei, Abg. Fund, ging an dieser Tatsache vorüber und beanstandete nur die eigenen Klassenlage wegen am Herzen liegen, der sozialpolitischen Gesetzgebung vorläufig und so lange durch den Modernisteneid der Gymnasiallehrer nähergerückte begreift durchaus, meshalb auch unsere liberalen Parteien in mäßigen Grenzen zu halten, bis sich deutlicher über. Gefahr der Konfessionalisierung auch des höheren Unter- trotz aller liberalen Phraseologie für die Verwirklichung der sehen lassen wird, ob und inwieweit nicht nur einzelne Industrierichts." Einheitsschule und anderer moderner pädagogischer Ideale zweige, sondern auch die übrigen bedeutungsvollen und auf den Wie hier bei der Modernistendebatte, bei dem Kampf nur lässig und widerstrebend eintreten können. Ein Export angewiesenen Zweige der Industrie ihre Konkurrenzfähig um freie Wissenschaft, um Geistes- und Gewissensfreiheit der lebendiges Interesse an der Hebung der Wolfs- keit auf dem Weltmarkte zu erhalten imstande sein werden".