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SB o I f t ä tft» dklennu(TexlilarVeiter): Nuch in d'er TeM- Industrie grassiert die Kindcrausbentung. In keinem Bezirk, viel» leicht abgesehen vom schlesischcn Weberbezirke, ist das Heimarbeiter- elend so g r o tz wie bei uns im Erzgebirge . Leider unter» stützen auch die Frauen organisierter Maurer und Bauhandwerker die Heimarbeit, ja, sie beschäftigen auch ihre Kinder mit. Wir sollten unseren Worten endlich auch Taten folgen lassen. Die Agita- tion darf auch vor der Familie nicht Halt machen. Gerlitzke- Dresden (Holzarbeiter) schildert das Elend in der erzgebirgischen Spielwarenindustrie. Alle Versuche des Holzarbeiter- Verbandes, diese Heimarbeiterschaft zu organisieren, scheiterten, weil die Entlohnung so elend ist, dah auch der niedrigste Beitrag noch zu hoch ist. Daher sind wir dazu übergegangen, auf Ausstellungen das ganze Elend der Heimarbeit der breite st en Oeffent- lichkeit vorzuführen. Man hat im Reichstag die Richtigkeit unserer Angaben über die Heimarbeitslöhne bezweifelt. Kein orga- nisierter Arbeiter sollte sein Kind mehr der Heimarbeit zuführen, so daß sie langsam aussterben würde.(Beifall.) Wenzel-Dresden (Tabakarbeiter): An der Beseitigung der Heimarbeit in der Tabakindustrie haben die Arbeiter auch als Konsumenten ein Interesse. Die Arbeiter, die doch fast aus- schließlich den in der Heimindustrie hergestellten Tabak konsumieren, wissen gar nicht, wie gefährlich die Heimarbeit für die Herstellung solcher Genuhmittel ist. Die Löhne sind erbärmlich, und die Woh- nungszustände daher gleichfalls erbärmlich. Niendorf» Bremen (Tabakarbeiter): Zwei Wege stehen uns offen: Gesetzgebung und Selb st Hilfe. Da von der Ge- setzgebung nichts zu erwarten ist. müssen wir selbst Hand anlegen. Sollen aber die Vereinbarungen mit dem Zentralverband Deutscher Konsumvereine einen Erfolg haben, so muh die gesamte Arbeiter- schaft Beistand leisten. Es handelt sich hier um ein gewaltiges Stück Kulturarbeit der deutschen Gewerkschaften. Wenn die Verhält- nisse in'der Heimarbeit das Licht der Oeffentlichkeit nicht zu scheuen hätten, warum dann der Widerstand der Unternehmer gegen die Beteiligung der Gewerkschaften an der Hygiene-Ausstellung?(Sehr gut!) Stein- Nürnberg(Holzarbeiter) kritisiert die vom Stand- Punkt der Unternehmer gegebene Darstellung ddr oberfränkischen Handelskammer über die Lage der Korbmacher. Die Kammer hat sich sogar herausgenommen, von einem Wohl st and der Heim- arbeiter in der Korbwarenindustrie zu sprechen.(Hört! hört!) Blum-Berlin (Sattler): Was unsere Resolution fordert, ist ohne weiteres durchführbar. P a t t b e r g- Elberfeld (Textilarbeiter): Im bergischen Land geht die Heimarbeit glücklicherweise dauernd zurück. Wenn die Gesetzgebung den Heimarbeitern nur das bringen würde, was die Fabrikarbeiter heute haben, dann wäre schon viel geholfen. A r n s w a l d- Oberhausen(Bergarbeiter): In Rheinland- Westfalen kümmert sich die Arbeiterschaft noch immer zu wenig um das Heimarbeiterelend. Es wäre endlich an der Zeit, auf diesem Gebiet einmal etwas außerordentliches zu leisten, um die Auf- klärung in die weitesten Kreise zu tragen. Damit schließt die Debatte. D e i ch m a n n nimmt das Schlußwort. Er stellt die Einmütig- keit des Kongresses fest in der Verurteilung des Heim- arbeiterelends und erhebt Protest gegen die stiefmütterliche Behandlung der Heimarbeiter in der ReichtsversicherungSordnung. Wo der Organisationsgedank« bei den Heimarbeitern Einzug ge- halten hat, da haben wir auch ohne Gesetzgebung dieser Arbeiter- kategorie zu besseren Lohn- und Arbeitsbedingungen verhelfen können.(Beifall.) In der Abstimmung werden die Resolution Deichmain» und folgender Antrag Sabbath einstimmig angenommen: Der organisierten Arbeiterschaft macht der Kongreß eS zur Pflicht, die Bestrebungen zum Organisieren der Heimarbeiter nach besten Kräften zu unterstützen und vor allen Dingen dafür zu sorgen, daß.ihre gewerblich tätigen weiblichen Familienangehörigen jich ihren Berufsorganisationen anschließen." Der nächste Punkt der Tagesordnung lautet: Arbeiterschutz und Arbriterversicherung. Der Referent Slobert Schmidt« Berlin legt hierzu folgende Resolution vor: »Die Arbeiterschutzgesetzgebung hat in allen von den kapita- listischen Produktionsweise beherrschten Staaten mit einem zähen Widerstand großer Interessengruppen der organisierten und kar- tellierten Unternehmer zu rechnen. Das organisierte Unternehmer- tum ist stets bestrebt gewesen, den Einfluß der Arbeiterschaft auf die Gesetzgebung auszuschalten, und die Scharfmacher in diesem Streit haben wiederholt die Unterdrückung der Arbeiterbewegung durch Ausnahmegesetze und drakonische Polizeimaßnahmen ge- fordert. Wenn der Sozialpolitik trotzdem nicht gänzlich Einhalt geboten werden konnte, so ist dies dem regen Eifer zu verdanken, mit dem die Arbeiterbewegung die Schäden der kapitalistischen Produktions- weise darlegte und im Hinweis auf ein schweres Anklagematerial den Schutz für Leben und Gesundheit der Arbeiter forderte. Die Gewerkschaftsbewegung ist berufen, den Kampf gegen diese politisch und wirtschaftlich reaktionären Tendenzen zu führen, sie wird diesen unheilvollen Einfluß um so mehr zurückdrängen können, je mehr die Arbeiterschaft in der Organisation zum AuS- druck bringt, daß sie die ihr drohenden Gefahren erkannt hat und gesonnen ist, die politische und wirtschaftliche Gleichberechtigung zu erringen. Der Gewerkschaftskongreß kann in der soeben im Reichstag verabschiedeten Reichsversicherungsordnung keine den Anforderungen der Arbeiter entsprechende Reform der Arbeiterversicherung er- kennen. Der Kongreß verurteilt auf daS entschiedenste die Beeinträchti- gung der Rechte der Arbeiter in der Krankenversicherung , das Weiterbestehen der Betriebs-, Jnnungs- und Sonderkassen, die un- genügende Fürsorge für die Landarbeiter, die Benachteiligung der Ausländer, die vollständige Ausschaltung der Selbstverwaltung in den Landkrankenkassen, das Fehlen einer Mutterschaftsversicherung, die Begrenzung der Versicherungspflicht für Privatangestellte, die ungenügende Entschädigung bei Betriebsunfällen, daS Ausscheiden zahlreicher Arbeiter aus der Unfallversicherung, die Verschlechterung des Verfahrens, die niederen Invaliden- und Altersrenten, die Verweigerung der Altersrenten bei Vollendung des 65. Lebens- jahres, den Ausschluß der Heimarbeiter aus der Jnvalidenversiche- rung und das Herabdrücken der Witwen, und Waisenrenten auf gänzlich unzulängliche Beträge. Der dem Reichstag unterbneitete Entwurf eines Gesetze? betreffend die Versicherung der Privatangestellten bringt abermals eine Zersplitterung in der Arbeiterversicherung, die nicht zum Vorteil der Versicherten dienen kann. Die Begünstigung der Werks- pensionskassen ist ein großer Mangel des Gesetzes, nicht minder die unbedeutenden Leistungen, verbunden mit sehr langen Karenz- zeiten. Der Kongreß bedauert, daß die sozialpolitischen Gesetze, die dem Reichstag vorlagen, nicht mehr- zur Verabschiedung gelangten. Die Regelung der Heimarbeit entspricht einem unabweisbaren Be- dürfniS, eine umfassende Aenderung der Gewerbeordnung erscheint geradezu unaufschiebbar und eine Erledigung deS Arbeitskammer- gesetzes in einer den Ansprüchen der Arbeiter gerecht werdenden Fassung dringend geboten. Der Kongreß erachtet den Einwand auS Unternehmerkreisen, die Industrie werde bei weiteren Ansprüchen auf dem Gebiete der Sozialpolitik ihre Konkurrenzfähigkeit einbüßen, als unbegründet. Die finanzielle Belastung durch die Arbeiterversicherung ist auf den Preis deS Produktes berechnet, gering und wird weit überholt durch die höheren Löhne in den Staaten, die als hauptsächlichste Konkurrenten für die deutsche Industrie in Betracht kommen; ab- gesehen davon, daß die Arbeiterversicherung im Ausland immer mehr Eingang gefunden hat und damit der ausländischen Industrie ähnliche Verpflichtungen auferlegt werden. Eine Begrenzung der Ausbeutung der Arbeitskraft durch die Otnführung eines Maximalarbeitstages, Verbot der Kinderarbeit, Schutz der Arbeiterinnen kann die Leistungsfähigkeit einer Industrie nicht herabdrücken, sondern gibt ihr leistungsfähige intelligente Arbeitskräfte. Die Arbeiterbewegung, die sich der Erfüllung ernster sozial- politischer Aufgaben widmet, ist mithin ein bedeutsames Mittel für den kulturellen Aufftieg der Arbeiterklasse." Zur Begründung der Resolution führte der Referent unter anderem folgendes aus: War das vorige Jahrhundert das d.s Dampfes, so wird man das neue Jahrhundert das der Elektrizität nennen müssen. Gewaltige Umwälzungen auf allen Gebieten voll- ziehen sich. Selbst vor Küche und Haus macht die Revolution nicht Halt. Eine künftige Gesellschaft wird sich in weitgehendstem Maße der Elektrizität selbst in der Küche bedienen. Es wird garnicht bis zum Jahre 2000 dauern, bis Bellamhs Schilderungen sich be- Wahrheiten werden. Welches wird nun der Anteil der Arbeit in dieser gewaltigen technischen Entwickelung sein? Wird sie nicht zu kurz kommen, wird die Abhängigkeit des Arbeiters nicht zu groß werden, wenn das Kapital sich immer mehr kon- zentriert, wenn immer mehr nur der Großbetrieb sich als kon- kurrenzfähig erweist? Die Zahl der A l l e i n b e t r i e b e in der Industrie ist, was die neue Berufszählung uns lehrt, von 1237 349 auf 994 743 gesunken. Und die Mittelbetriebe haben zwar um 16 Prozent zugenommen, die Bevölkerung aber um 19,22 Prozent. Dagegen ist die Zahl der Großbetriebe mit mehr als 50 Arbeitern von 17 941 auf 29 033 gestiegen, also um mehr als 61 Prozent. Noch drastischer wird diese Entwickelung beleuchtet, wenn man die Zahl der beschäftigten Arbeiter heranzieht. 1882 waren in den Betrieb» bis zu 50 Arbeitern 73,8 Prozent der Arbeiter be- schäftigt. 1907 war diese Zahl gesunken auf 54,5 Prozent.(Hört! Hört!) Und die Zahl der in Großbetrieben beschäftigten Arbeiter stieg von 26 Prozent im Jahre 1882 auf 45,5 Prozent im Jahre 1907. Zugenommen hat auch die Zahl der weiblichen Arbeitskräfte und zwar vor allem in der Landwirtschaft. Diese Entwickelung illustriert treffend das an höchster Stelle gefallene Wort:»Die Frau gehört ins Hau s." In der Landwirtschaft beträgt die Zunahm« der Arbeitskräfte 38 Prozent der männlichen und 90 Prozent der weiblichen Arbeiter. Die Zahl der weiblichen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft stieg von 1558 939 auf 2 937 040. Noch eins lehrt uns diese gewaltige Entwickelung, nämlich daß keine Lerbessrung der Lohn- und Arbeitsbedingungen möglich ist . ohne eine gewerkschaftliche Organisation. In der Landwirtschaft fehlt die Organisation und wir sehen, wie da auf möglichst billige Arbeitskräfte zurückgegriffen wird, auf Kräfte, die in die Industrie nicht hineingelangcn können. Wie töricht ist«S, zu glauben, daß die Sozialpolitik ein Geschenk des wohlwollenden Unternehmertums ist. Die Sozialpolitik muß er- zwangen werden im zähen Kampfe der Organisationen und frei- willig wird nichts gewährt und nichts gegeben.(Lebhafte Zu- stimmung.) Ohne Organisation kein sozialpoliti- scher Fortschritt!(Beifall.) Auch in der Industrie sehen wir eine Zunahme der weiblichen Arbeitskräfte. Sie ist aller- dingS nicht so gewaltig wie in der Landwirtschaft, beträgt aber immerhin noch 34 Prozent. Anders liegen die Dinge schon bei Handel und Verkehr. Hier gibt das Handelsgewerbe mit feiner starken Ausnutzung weiblicher Arbeitskräfte den Ausschlag und erhöht den Prozentsatz auf 70. So werden die Frauen aus der Familie herausgerissen und teilweise mit ihren Kindern in den Dienst der Arbeit gestellt. Zu dieser wirtschaftlichen Entwickelung nehmen die Arbeiter Stellung als Produzenten und Konsumenten. Als Produzenten sehen sie in der Gewerkschaft den Rückhalt, der ihnen Kraft und Ausdauer gibt, der sie stählt zum Widerstand gegen das Kapital. Als Konsumenten sind die Arbeiter stark interessiert an den ge- waltigen und einflußreichen wirtschaftlichen Gebilden, wie eS die Kartelle, Syndikate, das in wenigen Großbanken konzentrierte Finanzkapital darstellen, diese fein ausgedachten und fein organi- sierten Unternehmungen der modernen kapitalistischen Produktions- weise. Der alte manchesterliche Standpunkt, daß Angebot und Nach- frage die Preise bestimmen, ist überholt, und diese neuen Organisa- tionen diktieren die Preise und schröpfen den Konsumenten. Nur vermöge dieser gewaltigen wirtschaftlichen Organisationen kann man dauernd im Jnlande die Preise hochhalten, während man nach dem Auslände billig verschleudert. Preissteigernd wirkt auch das Hineindrängen des unproduktiven Spekulationskapital». In dem Augenblick, wo sich dieses reine Spekulationskapital vermehrt, wo große Teile des Vermögens von Aktiengesellschaften angelegt sind in Aktienbesitz, der aus Spekulationszwecken heraus eine möglichst hohe Zinsrate aus dem Unternehmen herausziehen möchte, muß natur- gemäß der Preis in die Höhe gehen. Diese Entwickelung können wir nicht beseitigen. Aber wir können sie mildern. Wir müssen alle Kräfte anspannen, um ihre Wirkungen möglichst abzuschwächen. Wenn wir für eine Verbilligung der Ware eintreten, dann bedeutet das eine Ausdehnung des Konsum? und eine Hebunf, der Lebenshaltung oer breiten Massen. Heute ist die Stellung des Konsumenten eine außerordentlich ungünstige. Er steht dem koalierten Unternehmertum mit seiner gewaltigen Macht- entfaltung als einzelner wehrlos gegenüber. Nur die Organisation kann hier helfen. DaS haben die Unternehmer auch eingesehen und Herr Bueck war eS, der auf der Jubiläumstagung des Zentralverbandes Deutscher Industrieller es als die Aufgabe dieses Verbandes bezeichnete, die Gewerkschaften zu ver- nichten.(Hört! hört!) DaS ist der offene Standpunkt dieses extremen Unternehmers, der auS seinem Herzen keine Mördergrube macht. Alle Unternehmervereinigwngsn, bis zur kleinsten Innung herab, sollen eine geschlossene Phalanx gegenüber der vordrängenden Arbeiterschaft sein. Liegt nun«in Grund bor. zagha ft bei Seite zu stehen und vor dieser Macht in die Knie zu sinken? Einer unserer Kritiker hat freilich gomeint, daß in der künf- tigen Periode die Kartelle und die Unternehmerorganisationen triumphieren würden. Ich teile diese Auffassung nicht, bin vielmehr der Meinung, daß auch unsere Kräfte wachsen werden.(Zustimmung.) Das wirtschaftliche Leben wird immer komplizierter. Jeder Streik schlägt heute tiefere Wunden als vor 10 oder 15 Jahren.(Sehr richtig!) Tiefer« Wunden nicht für die Arbeiterschaft, denn wir sind nicht mehr wie vor 15 Jahren ohne jede Mittel, wohl aber tiefere Wunden für die Unternehmer. (Sehr richtig!) So gewaltig die Schwereisenindustrie dastehen mag mit ihrer raffinierten Organisation der Pensionskassen, die die Arbeiter gefügig machen sollen, sie sind doch keine uncr- schtitterliche Macht. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo eines Tages auch der Zentralverband deutscher Industrieller wird sagen müssen, das) er Tarifverträge anerkennt, daß es ohne Tarifverträge einfach nicht mehr geht. (Sehr richtig!) Es wäre traurig, wenn wir Gewerkschaftler glaubten, ständig zur Ohnmacht dem Kapital gegenüber verurteilt zu sein. Ich unterschätze die Macht des Unternehmertums nicht, alle Borteile der Gesetzgebung sind anf seiner Seite, fein politischer Einfluß, die wirtschaftliche Entwickelung dient ihm. Aber ich vertraue auf die Entwickelung unserer Organisation für den weiteren Aufftieg der Arbeiterklasse.(Lebhafter Beifall.) Nur kein Verzagen! Wir haben nicht darzulegen, wie das Elend zu Elend wird, sondern wir müssen auf gewerkschaftlichem Gebiete zeigen, welche Erfolge wir erreicht haben und noch erringen können. DaS wird unsere Organisation stärken und die noch Fernstehenden heranziehen. In der Regelung der Arbeitszeit hat die Gewerkschastsbewc- gung eine Aufgabe erfüllt, die eigentlich Sache der Gesetz- ?[ebung hätte sein sollen. Welch unendliche Arbeit hat es ge- ostet, den Zrhnstundentag für die Frauen durchzuführen. AIS wir in der Kommission den Zehnstundentag auch für die männlichen Arbeiter forderten, sagte der damalige Staatssekretär v. B e t h- mann Hollweg, man müsse warten, bis die Gewerkschaften ihn erreicht hätten, dann könne erst die Gesetzgebung nachkommen. In einer schwachen Stunde, wenn eS gilt, unbequeme Forderungen abzuwehren, erkennt so auch die Regierung unsere Tätigkeit an. Wir betrachten eS aber als die Aufgabe des Staates, den wirtschaftlich Schwachen zu Helfeft Und ihn nicht ausschließlich auf die Selbsthilfe zu verweisen. Je höher der Arbeiter entlohnt wird� um so schwerer fühlt er die Tage der Arbeitslosigkeit. Deshalb fordern wir eine weitere Ausgestaltung der Arbeitslpsenversiche- rung, wobei nicht die ganze Last auf die Arbeiter abgewälzt werden darf, sondern die Allgemeinheit herangezogen werden müßte. Gegen die Preistreiberei aber muß sich der Arbeiter schützen durch die Organisation des Konsums.?luck> hier ist er bereits auf den Widerstand des Unternehmertums gestoßen. Immer stärker setzt die Propaganda für die Besteuerung der Konsumvereine ein. Syste- matisch wird in der Gemeinde und im Staat den Beamten ver- boten, selbst nur ihre Frauen zu Mitgliedern eines Konsumvereins werden zu lassen. Man tut so, als wenn ein Recht darauf be- stände, aus S t a a t s r a i s o n die Beamten zu zwingen, teurer zu kaufen. Dies Vorgehen ist um so unberechtigter, als die letzte Regulierung der Bcamtengehälter außerordentlich unzulänglich ausgefallen ist. Dabei sind die Lebensmittelpreise riesiggestiegen. Betrachten wir jetzt die Stellung deS Arbeiter? als Pro­duzenten. Immer mehr wächst die Unsicherheit in der Dauer der ErwerbSstclle. Wir haben Saisongewerbe mit Hun- derttausenden von Arbeitern, die monatelang feiern müssen. Dazu kommt die Jnnenwanderung des Arbeiters aus der einen Industrie in die andere oder aus dem einen Bezirk in den anderen. Hunderttausende von Arbeitern werden verfrachtet und wie das Vieh verschachert. Der Landarbeiter im Osten verlätzt Frau und Kinder und sucht bessere Produktionsgebiete auf. Uns wirft man die Zerstörung der Familie durch unsere Agitation vor und hier greift die industrielle Entwickelung roh und rücksichtslos in da? Familienleben ein. Monatelang mutz der Mann von seiner Familie, von seiner Scholl« weg, die ihn nicht ernährt und so klein bemessen ist, daß wenigstens seine Frau sich in den Frondienst des Gutsherrn stellen muß. Jähr- lich kommt eine halbe Million Arbeiter aus dem Auslande herein, um an die Plätze zu treten, die die bedürfnislosen deutschen Arbeiter im Osten verlassen haben, sie sind noch bedürfnis- loser. Ist es eine nationale Aufgabe, diese fremden Ar- beiter hineinzunehmen, nur um den Lohn möglichst niedrig zu halten? Und diese Gesellschaft, die so verfährt, füllt ihre Säckel auf Kosten der Konsumenten durch ihre Preispolitik und ihre Zoll- gefetzgebung.(Lebhafte Zustimmung.) Dabei hätte sie Mittel ge- nug, um Arbciterverhältnisse auf dem Lande zu schaffen, die er- träglich werden. Die soziale Gesetzgebung soll die Arbeiterschaft hüten vor den besonderen Gefahren für Leben und Gesundheit; sie soll die Arbeitszeit beschränken, besonders da. wo diese Beschrän- kung nicht durch die Organisation herbeigeführt werden kann; sie soll den Schutz von Frau und Kind bringen gegen die wüsten Ausschreitungen des Kapitalismus . Hier ist noch unendlich viel zu tun, hier gilt es noch die Gewissen zu schärfen. So sehr es uns unbefriedigt ließ, daß wir von der Hygieneausstellung zu» rückgewiesen wurden, das muß doch jeder sagen, der auch nur einen Blick in die Ausstellung geworfen hat: diese Ausstellung ist doch ein Stück guten Anschauungsunterrichts über die Verwüstungder Ar- beitskraft in der modernen Industrie.(Zustimmung.) Die Auf- gäbe einer Hygieneausstellung soll ja nicht bloß sein, zu zeigen, welche Schutzmaßregeln die Technik bereits erfunden hat, nein, sie soll auch dokumentieren, was durch Verderb und Verwüstung, durch Tötung und Jnvalidisierung der Arbeitskraft an nationalem Reich- tum verloren geht. Damit steht die Arbeiterderstcherung in enger Verbindung. Sie soll die Wunden, die die Industrie schlägt, heilen. soweit sie zu heilen sind, sie soll den Schwachen, Kranken« Juva» liden Linderung bringen. Hat die Sozialversicherung diese Aufgabe erfüllt? DaS kann man nicht sagen, wenn man sich den letzten Abschluß dieser Gesetz- gebung im Reichstage ansieht. Immer verschanzt sich die Industrie hinter der Behauptung, sie könne eine weitere Belastung nicht tragen. Ich bestreite das. Die Arbeiter haben sich nie geweigert, die nötigen Beiträge zu übernehmen, wenn tue Gesamtorganisation der Arbeiterversicherung ihnen wirkliche Hilfe brachte. Ein bürger- licher Sozialpolitiker. Dr. Ernst Kahn , hat in der»Franks. Ztg." berechnet, daß die Gesamtbclaftung der Industrie etwa 6,75 Proz. des Lohnes beträgt. Dabei greift die Schätzung sicherlich noch zu weit noch oben. Es ist auch nicht richtig, daß höhere sozial- politische Lasten die Konkurrenz der deutschen Industrie mit den» Ausland unterbinden würde. DaS Ausland bat zum guten Zieik auf diesem Gebiete schon Forderungen erfüllt, die wir bei unS noch immer erheben müssen. Schon hinkt die deutsche Gesetzgebung dem Auslande nach, das uns auf dem Gebiet der Arbeiterverfiche- rung in nicht zu ferner Zukunft ebenso überflügelt haben wirt� wie es uns auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes bereits überflügelt hat. Vergessen wir nicht, daß im Ausland der Arbeiter bei Unfällen durch die allgemeine Gesetzgebung. viel besser geschützt ist als bei unS. Zudem geht nur ein Fünftel unserer Gesamt» Produktion ins Ausland. Auch daS beweist, wie wenig auSschlag» gebend der Hinweis auf die internationale KonTurtenz ist. Die Industrie kann höhere Belastung ohne jede Beeinträchtigung er» tragen, aber es fehlt der gute Wille. Wir wären töricht, wenn wir den Wert der Arbeiterversicherung nicht anerkennen wollten. Bei aller Mangelhaftigkeit bietet sie eine gute Grundlage; aber fie muß au S g e sta l t.e t werden. Dos wollten wir bei der ReichSverstchernngSordnung. Wäre sie abgelehnt wor- den, so wäre die Regierung binnen kurzem zu einem besseren Reformwerk gezwungen gewesen.(Lebhafte Zustimmung.) Mas bietet nun jetzt die Krankenversicherung? Bis auf die Dauer von 26 Wochen erhält der Arbeiter im Minimum die Hälfte deS fingierten Lohnes, der heute auf 4 M.. künftig auf 5 oder 6 M. bemessen ist. Sie soll sich auch auf die Landarbeiter er- strecken. Aber hier ist die Bestimmung getroffen worden, daß diese bei den außerordentlich geringen Lohnsätzen im Winter nur die Hälfte des Krankengeldes erhalten sollen, das sie im Sommer bekommen. Nebmen wir an. der Mann hat 1 M Tagelohn, dann erhält er im Sommer 50 Pf. Krankengeld, im Winter aber nur 25 Pf. Warum diese Ausnahmestellung, für die eS gar keinen anderen Grund gibt als den, der auch offen genannt worden ist: die Landarbeiter werden, weil sie im Winter keine Arbeit haben, so viel simulieren, daß deshalb das Krankengeld niedrig bemessen werden muß. Diese SimulationSriecherei. diese Verdächtigung einer Arbeiterschaft ist geradezu frivol, wenn sie von Leuten ausgeht, die mit 50 Pf. nicht einmal früh- stücken gehen, geschweige eine ganze Familie damit ernähren. Dazu kommt die vollkommene Rechtlosigkeit der Ausländer. Ein ausländischer Arbeiter kann nicht einmal auf Grund des Haft- Pflichtgesetzes Ansprüche erheben. Soll nnS daS Herz höher schlagen für unsere herrliche Sozialpolitik, wenn der invalide Arbeiter im Durchschnitt 174 M. im Jahre bekommt, und wenn wir sehen, daß die Schwereisenindustrie Arbeiter über 40 Jahre über. Haupt nicht mehr einstellt? Mit 40 Jahren ist der Arbeiter also verbraucht. Weg mit ihm zum verbrauchten Material und herein in die Betriebe neues junges Blut! Und nun die Kr ö n u n g unserer sozialpolitischen Gesetzgebung: die Hinterbliebenenversicheruug mit ihren JabreSrenten von 64 SN. für die Witwe und 32 M. fiir die Waise. Angesichts dieser Eni- rechtung der Arbeiter hat sich der Zentralrat der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine mit einer leisen Mißbilligung begnügt. Viel schlimmer aber ist das Verhalten der Christlichen . Sie haben über- Haupt nicht protestiert, sondern erklärt, an diesem Punkt das Gesetz nicht scheitern lassen zu können.(Hört! hört!) Zwar in Köln auf dem christlichen Gewerkschaftskongreß hat Herr Becker noch ge- fragt, ob eS Zufall fei, daß die Beamten der Berufsgenossenschaften immer nur einer bestimmten Partei angehören. Und Herr Im- b u s ch wandte sich unter stürmischem Beifall gegen die geplante Entrechtung der Krankenkassen. Im Parlament aber baben die christlichen Arbeitervertreter alles mitgemacht.(Be- weguna.) __(Schluß im Hauptblatt.)_ Lerantwortlit�i Dlünitsuti tUittt Vachs. Bsrliu, Für t>tn Lnjcratcytxil verantv.: Th.Glvcke, Berlin . Druck u. Verlag: Vorwärts Luchdrucksrei u. VerlagSanstalt Laul Singer u-Co.. Berlin LW.