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DarLver hat ims der vom 8. dtZ 10. Juni d. I. vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts Altona gegen die Firma Mohr u. Co. durchgeführte Prozeß Aufschluß gegeben: in der Farbe, im Geruch und im Geschmack. Außerdem ist Giftfreiheit und ein der Butter konformer Fettgehalt Bedingung. Unähnlich darf das Präparat also in seiner sonstigen Zusammensetzung sein, sofern diese nicht direlt gesundheitsschädlich ist. Die Unähnlichkcit erstreckt sich also gerade auf den wichtigsten Punkt, die chemische Zusammensetzung, und dies muß um so bedenklicher erscheinen, als es zumindest heute noch rechr fraglich ist. ob die für den menschlichen Organismus so günstige Wirkung des Milchbutterfettes nicht gerade durch feine Bindung mit der Milchsäure verursacht wird und ob nicht gewisse Fette, die in Bindungen mit anderen, vielleicht absolut harmlosen Stoffen dem Körper' verabfolgt werden, einen mehr oder weniger großen Teil ihres Nährwerts einbüßen. Ja selbst die Giftfreiheit muß der Fabrikant nur chemisch fest- stellen lassen, obwohl der Direktor des kals. Gesundheitsamtes, Geh. NegierungSrat Dr. W. Kerf in einem am S. August d. I. in der .Umschau" über.die Verwendung unbekannter Fette" veröffentlichten Artikel zugeben mutz, daß der Chemiker bei dem jetzigen Stand feiner Wissenschaft hierüber noch kein entscheidendes Uneil abgeben kann, sondern einzig der Arzt auf Grund des pharmatologiswen Tierexperimentes. Aber selbst wenn die Behörden nach den trüben Erfahrungen der leylsn Jahre schärfere Vorsichtsmaßregeln ergreifen sollten, um das Volk vor direkten Vergiftungen zu schützen, die Frage nach der Bekömmlichkeit der Margarine und ihrer Fähigkeit, die Milchbutter zu ersetzen, bleibt deswegen immer noch offen. Die Pflanzenteile, aus denen Margarine bereitet wird, wie das Baumwoll- samen-, Erdnuß-, Sesam-, Mowraöl usw. kommen vorwiegend aus dem Orient und werden in den meisten Fällen von den Ein- geborenen jener Zonen nicht als Nahrungsmittel sondern äußerlich gegen Wunden und Geschwüre verwendet. Bei uns dienten sie früher zur Kerzen- und Seifenfabnkalion. Im heutigen.sozialen" Klassenstaat aber muß sich das Volk von diesen der Butter künstlich angenäherten" Kerzen- und Seifenstoffen ernähren. Die Margarine- fabrikanten freilich, die die hohen Profile einstreichen, führen sich indessen in Gesellschaft der edlen Junker, deren Politik sie die glänzenden Geschäste verdanken, beim leckeren Mahle die feinste Tee- buller zu Gemüte._ Allgemeine Elektrizitäts-Gcscllschaft. In der heutigen AufstchtS- ratssitzung berichtete der Vorstand über das Ergebnis des Geschäfts- jahres vom 1. Juli 1910 bis 30. Juni 1911. Nach Abzug von Un- kosten, Steuern, Obligationszinseu und Wschreibungen stehe» 22 140 729.29 M.(i. V. 18 425 225,78 M.) und zwar wieder aus- schließlich auS dem FabrikationS- und Warenverkaufsgescbäft zur Ver- fügung. Der Generalversammlung wird die Verteilung einer Dividende von 14 Prozent(wie im Vorjahre) auf 100 Millionen Mark alte Aktien und von 7 Prozent auf 30 Millionen Mark, vom 1. Januar d. I. ab dividendenbereibtigte, neue Aktien vorgeschlagen werden. Die Umsätze in den ersten zwei Monaten deS neuen Geschäftsjahres zuzüglich der vorliegenden Aufträge ü b e r st e i g e n die in der gleichen Periode des Vorjahres sehr be­trächtlich. Kriegsfolgen. AuS Solingen wird vom 10. Oktober ge- meldet: Die Folgen des türkisch - italienischen Kiieges machen sich bei der b e r g i s ch e n K l e i n e i s e n i n d u st r i e, die einen be- deutenden Handel nacb der Levante treibt, bereits sehr stark be- merkbar. Aus den Bahnhöfen deS bergijchen Landes, besonders aber in Solingen , lagern große Mengen für die Levante bestimmte Waren. Der Betrieb ist um ein Drittel eingeschränkt worden. Soziales. Der Bergmann . Wenn viele Kinder einen Segen des Himmel? bedeuten, ivie die katholische Kirche lehrt, dann ist der BergmannSberuf in ganz besonderem Maße begnadet. Oesters schon haben Nationalökonomen auf die hohe Geburtenziffer bei der Bergarbeiterbevölkerung hin- gewiesen. In sehr eingehender Weise beschäftigte sich mit dem Problem Dr. Hannes Pyßk a.*) Unter Verwendung des ein- schlägigen Materials, wobei die Berufszählungen und die statisti- fchen Veröffentlichungen der Bundesstaaten die Quellen abgaben, hat der Verfaffer die Verhältnisse scharf beleuchtet. Eine minutiöse Verarbeitung und Gliederung der Zahlen, auf der Basis einer zweckentsprechenden Berufsgruppenbildung nach großen, mittleren und kleinen Gemeinden gesondert, erlaubt ihm ein ziemlich sicheres Urteil. In Anlehnung an die deutschen Berufszählungen greift er die Gruppe B. III(Bergbau, Hütten, Salinenwesen, Torfgräbcrei) heraus. Bezirke, in denen von je 1000 Einwohnern mehr als 500 zu dieser Berussgruppe gehören, bilden bei Phßka eine Abtei- lung A; in die Abteilung B rangieren die Bezirke mit je 300 bis S00 Berufszugehörige: die Abteilung C umfaßt Bezirke mit je 200 bis 800 Berufszugehörige, und Bezirke mit weniger als 200 Berufs- zugehörige von je 1000 Einwohnern gehören zur Abteilung O. In den Bezirken der ersten beiden Abteilungen ist keine andere Berufs- gruppe stark vertreten; dagegen sind die Bezirke der Abteilungen C und D teilweise stark durchsetzt mit Landwirtschaft. Textilindu- strie oder Metallverarbeitung. Ein wichtiges Moment bei der Untersuchung bildet die Untermischung der Bevölkerung mit Polen , Massuren. Kassuben. Betrachten wir nun die von Phßka gewonnenen Resultate, dann läßt sich folgendes feststellen: Während für die gesamte Bevölkerung Preußens nach den standesamtlichen Aufzeichnungen die Geburten- Ziffer von 39,1 Promille im Jahre 1882 auf 88,1 Promille im Jahre 1895 zurückging, und im Jahre 1907 ein weiteres Sinken der Ziffer auf 34 Promille sich ergab, war sie bei der Berufsgruppe B, III nicht nur allgemein größer, sie tritt auch mit einer Steige- rung in denselben Jahren aus dem Gcsamtrahmen scharf heraus. Die Geburten Promille nahmen zu von 45.2 im Jahre 1882 auf 51.5 im Jahre 1895 und sodann auf 53.4 im Jahre 1907. Als weiteres charakteristisches Merkmal ist hervorzuheben, daß die rela- tive Geburtenhäufigkeit konform geht mit der Stärke der Berufs- gruppe B. in in der Gesamtbcvölkerung. Die Abteilung A steht mit 52,9 Promille Geburten über dem Durchschnitt der ganzen Berufsgruppe, dagegen bleiben die Abteilungen B mit 46, C mit 40,8 und D mit 35,5 Promille hinter der mittleren Ziffer zurück. Weiter ergibt sich, daß die Bezirke mit der schwächsten polnischen Durchsetzung die höchste Geburtenziffer aufweisen. So hatte, um nur ein Beispiel anzuführen. Gelsenkirchen mit 631 Bergarbeiter- bevölkerung und 84 Polen pro 1000 Einwohner 56.2 Geburten; da- gegen Tost-Gleiwitz mit 132 Bcrgarbeiterbevölkerung und 822 Polen auf je 1900 der Gesamtbevölkcrung nur 44,4 Geburten. Diese Tat- fache kann jedoch nicht als Beweis dafür gelten, daß die Polen weniger fruchtbar seien als die Einheimischen; sie rechtfertigen nur die Annahme, daß weniger die Abstammung als der Berus die Geburtenhäufigkeit beeinflußt. Weiter glaubt der Verfasser die Beweislette so enge geschlossen, um behaupten zu können, daß ebenso wie die Nationalität, auch die Lehre der katholischen Kirche höchstens als mitwirkev-e Faktoren, v-�t aber als die hauptsächlich bestim. Menden für die hohe Fruchtbarkeit der Bcrgarbeiterbevölkerung angesprochen werden könnten. Wr. müssen unS hier darauf be- schränken, auf diese, durch detaillierte Zahlenangabe unterstützte Beweisführung hinzuweisen. Registriert sei an dieser Stelle auch nur, daß Pytzka die von ihm ermittelte hohe Fruchtbarkeit der Berg- arbeiterbevöllcrung an der Hand von Vergleichszahlen auS Nord *) I. Bergarbeiterbevölkerung und Fruchtbarkeit. Hannes Svßka. Doktor der Staatswiffenschaften. München 1911. Perlag. , Birk u. Co. 1 und Süd, West und Ost und auS verschiedenen Berufsgruppen er- j härtet. Das Fruchtbarkeitsverhältnis wird durch folgende Haupt- zahlen dargestellt: Deutsches Reich 151, Berufsgruppe B, III Ab­teilung A 247,4, Abteilung B 199,5. Bemerkenswert ist sodann noch, daß in den Bergarbeiterbezirken die Zahl der unehelichen Geburten geringer ist als im Reichsdurchschnitt. Die Vergleichsziffern find diese: Deutsches Reich 29,2, Berufsgruppe B. III Abteilung A 19,4, Abteilung B 18,6. Ehe wir auf die Ursachen der Erscheinung ein- gehen, müssen noch die Sterblichkeitsziffern kurz berücksichtigt wer- den. Die allgemeine Sterblichkeit ist in der Bergbaubevölkerung größer als im Reichsdurchschnitt. Sie beträgt in der Berufs- gruppe B, III Abteilung A 25,6 Proz., in der Abteilung B 25 Proz., im Deutschen Reich 24,3 Proz. Günstiger gestaltet sich für die Bergarbeiterbevölkerung die Säuglingssterblichkeit. Dem Durch- schnitt für Preußen mit einer Ziffer von 18,9 Promille steht die Abteilung B mit 18,3 Promille und die Abteilung A mit 18,1 Promille gegenüber. Hier beträgt infolge der höheren Geburten- ziffer und niedrigeren Sterblichkeitsziffer der Geburtenüberschuß 27,3 Promille, bei der Abteilung B 20 Promille und im Reichs- durchschnitt nur 13,3 Promille. Pyßka weist dabei nach, daß bei den Polen die Säuglingssterblichkeit etwas größer ist als bei der übrigen Bergarbeiterbevölkerung. Seine Ursache dürste das in dem Umstände finden, daß bei der einheimischen Bevölkerung, speziell in Rheinland-Westfalen , der Kinderpflege und Körperhygiene etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als bei der polnischen Be- völkerung, wenn auch im allgemeinen auf diesem Gebiete noch so sehr viel zu wünschen übrig bleibt. Für die von ihm ermittelte hohe Fruchtbarkeit Hai der Ver- fasser verschiedene Ursachen gefunden; teilweise sind sie physischer, fast mechanischer, teils aber auch psychischer Natur. Die letzteren Einwirkungsfaktoren haben für uns vom Standpunkt der sozialen Würdigung gesellschaftlicher Erscheinungen die größere Bedeutung. Zu der ersten Art Erscheinungsursachen gehört die starke Zuwande- rung junger Elemente in die Bergbaubezirke und ihr Eindringen in den Bergmannsberuf. Hinzu kommt, daß der Bergmann schon in verhältnismäßig fiühem Alter ein relativ hohes Einkommen erzielen kann, und damit die Voraussetzung zu einer Familien- gründung gegeben ist. Drittens darf nicht unerwähnt bleiben, daß infolge der aufreibenden Tätigkeit die schwächlichen Elemente schnell abgestoßen werden hohe allgemeine Sterblichleit. Die Bergarbeiterbevölkerung weist aus allen diesen Gründen einen ge- ringen Prozentsatz älterer Personen auf. Die Altersskala zeigt fol- gendes Bild: Von je 100 Personen hatten ein Alter bis zu 18 Jahren: im Reich 40,6, in der Bcrufsgruppe B, III Abteilung A 48, Abteilung B 44,4; im Alter von 18 bis 50 Jahren: im Reich 43,9, Abteilung A 43,4, Abteilung B 44,8; 50 bis 70 Jahre waren alt: im Reich 12,8, Abteilung A 7,5, Abteilung B 9,1; über 70 Jahre: im Reich 2,7, Abteilung A 2, Abteilung B 1,5. Die frühzeitige Verheiratung in der Bergarbeiterbevölkerung kommt noch in fol- genden Ziffern in die Erscheinung. In Preußen waren von je 1000 Frauen 491 im gebärfähigen Alter, aber nur 261 verheiratet; die Berufsgruppe B, III Abteilung A dagegen hatte unter 1000 Frauen 469 gebärfähige und 301 verheiratete, die Abteilung B 480 gebärfähige und 292 verheiratete. Die genannten rein physischen und wirtschaftlichen Gründe erklären aber nicht restlos die über- wiegende Fruchtbarkeit der Bergarbeiterbevölkerung. Pyßka glaubt mit Recht, daß ein psychischer Faktor eine Hauptrolle spiele; er er- blickt ihn in der Eigenart der beruflichen Arbeit und der daraus resultierenden geistigen Verfassung der Bergarbeiter. Leider erlaubt das Material kein Urteil darüber, ob und in welchem Grade daß psychische Moment auch auf die Frauen sich überträgt, oder ob für sie lediglich die äußeren Umstände die Fövderer höherer Fruchtbar- keit bilden. Pyßka faßt sein Urteil also zusammen: Daß sich dieselbe Erscheinung hohe Fruchtbarkeit sowohl bei den Bergleuten des Ostens wie bei denen des Westens ergab, weist auf das gemeinsame der Berufsarbeit hin. Diese Berufsarbeit ist in ihrer Schwierigkeit, in der damit verbundenen LebenSgefährdung, in ihrer den Menschen abstumpfenden Eigenart in ZolaSGerminal", in Aeußxrungen von Bergleuten selbst(AuS der Tiefe", Arbeiterbriefe, Morgen-Verlag, Berlin 1909), ferner erwähnungsweise in Arbeiten von Brentano und Momhcrt geschil- dert worden. Höhere Bedürfnisse, zu denen auch eine intelligente Masse nur langsam gewonnen wird, bleiben dem Bergmann trotz seiner pekuniär nicht schlechten Lage nahezu versagt. Die Lebens- Haltung hat sich bei ihm nur materiell gebessert, die Steigerung der geistigen Lebenshaltung wird ihm durch den Beruf erschwert oder unmöglich gemacht." Die Arbeit des Bergmannes, speziell die unter Tage, ab- geschlossen von der Außenwelt, wobei die Dunkelheit den Gebrauch der Sinnesorgane beschränkt und das ganze Milieu leicht zum Mystischen neigen läßt, ist kein Wecker geistiger Bedürfnisse. Ihre Befriedigung, soweit sie vorhanden sind, erschwert die oft auf'das private Leben sich erstreckende Abgeschlossenheit. Die Bergarbeiter domizilieren vielfach in Kolonien, eng zusammengepfercht, nur mit Berufsgenossen zusammen. Das Wohnen in den schmuck- und reiz- losen, jeden künstlerischen Geschmack entbehrenden Werkskasernen schwächt natürlich nicht die aus den übrigen Faktoren resultierende Neigung zum Grobsinnlichen. eS wirkt nach dieser Richtung ganz erheblich begünstigend. Den auf Anerziehung edlerer und höherer Genüsse gerichteten Bestrebungen der modernen Arbeiterbewegung stellt gerade daS Grubenkapital die größten Schwierigkeiten in den Weg. In der Konservierung der Unwissenheit und primitiver Be- dürfnisse sieht das Unternehmertum seine Interessen am besten ge- schützt. Daher stemmt daS Kapital sich allen Bestrebungen entgegen, die dahin zielen, der Masse eine höhere, von geistigen Bedürfnissen veredelte Lebenshaltung anzuerziehen. D. Hus der Frauenbewegung. Bürgerlicht Frauentag, ingen. Die deutsche bürgerliche Frauenstimnirechtsbcwegung. die un- gefähr>902 unter Führung Dr. A ugspurgs einsetzte, hat schon manchen Sturm erlebt. Stürme von außen, Stürme in sich. So stürmisch aber, wie es hinter den Kulissen der letzten vierten Generalversammlung des Deutschen Verbandes für Frauen- stimmrecht. die vom 5. bis 7. Oktober in Hamburg stattfand, in der die beiden ersten Führerinnen radikal abgesagt wurden, ist es nie zuvor bei ihr hergegangen. Die Unmöglichkeit eines erfolgreichen Zusammenarbeitens, der in dieser Bewegung vereinten Elemente, konnte nicht krasser zutage treten. Der§ 3 der Satzungen des Deutschen Verbandes, der in seinem ersten Abschnitt erklärt, daß der Verband neutral sei, Frauen aller Parteirichtungen als Mit- glieder aufnehme, dann aber in seinem zweiten Abschnitt hinzu- fügt, daß der Verband da? allgemeine Wahlrecht für beide Ge- schlechter erstrebe, dieser widerspruchsvolle§ 3 war die Ursache, daß der Perband von Geburt an kränkelte und sich jetzt endlich in Hamburg , wo er ja auch seinerzeit daS Licht der Welt erblickte, einer lebensgefährlichen Operation unterziehen mußte. Die Operation, wie eS immer heißt, gelang, ob nun der Patient nach. träglich an allgemeiner Schwäche stirbt, oder zu neuem Leben er- blüht, muß abgewartet werden. Zu der Tagung waren zirka hundert Delegierte erschienen, und einleitend teilte die Vorsitzende mit, daß ein erfreulicher Zuwachs an Mitgliedern zu verzeichnen wäre. Ter zur Tagung eingeladene regierende Bürgermeister und der Senat hatten schriftlich für die Einladung gedankt, und außerdem begrüßte während der Verhandlungen ein Abgesandter der Fraktion der vereinigten Linken der Hamburger Bürgerschaft die Stimmrechtsdamen. Der Bürgermeister von Budapest erwies sich liebenswürdiger, indem er den Damen, weil der Weltbund für Frauenstimmrecht in zwei Jahren in Budapest tagen wird, als zu erwartenden Gästen eine Mappe mit Illustrationen Ungarns übersandte. Die Gesamtzahl der Mitglieder des Deutschen Ver- bandes zählt heute zirka 8000 Köpfe, gegen ungefähr 5000 vor zwei Jahren/ An erster Stelle steht Bremen mit 400 Mitgliedern bei einer Viertel Millimv Einwohnern. Zu dem ominösen Z 3 hatte der hessische Landesverein beantragt, das allgemeine Wahl- recht, das Abschnitt 2 vorsieht, fallen zu lassen, und dafür zu setzen: der Verband erstrebt volle Staatsbürgerrechte für alle Frauen. Um diese total offizielle Verwässerung zu verhüten, hatte der Bayerische Landesverein beantragt, das allgemeine Wahl- recht nicht für beide Geschlechter, sondern nur fürdieFratteu zu fordern. Dieser Antrag wurde akzeptiert. Zwar hatten sich einige der Linksmitglieder zuerst für den§ 3 ic seiner alte« Fassung geäußert, aber zum Teil recht matt, wie Frau Breit- scheid, die gleich darauf mit den drei Stimmen, die sie ver- trat, den bayerischen Antrag unterstützte, und etwas wärmer wie Frau Lindemann- Stuttgart , die erklärte, daß in Württem- berg kein Mensch gegen das allgemeine Wahlrecht zu sprechen wagen würde. Aber punktum, Strich daS allgemeine Wahl­recht der Stimmrechtsdamen verblich. Und zwar au» dem Ge- dankengange heraus, daß der Verband von unten her, au» dem Volke, aus den Sozialdemokratinnen, wahrscheinlich keinen Zu- wachs zu erwarten habe, dagegen von rechts her eventuell neue Truppen herangezogen werden könnten. Na, und so ein Prinzip, das werfen diese Damen eben gelegentlich über den Haufen! Sie werden sich auch, wie ja schon L. G. H e y m a n n in derFrauen- stimmrechtszeitung" darlegte, mit einem beschränkten Damenwahl- recht abzufinden wissen. In innerem Zusammenhang mit dieser Paragraphenaffäre standen die beiden Referate von Frau Breitscheid und Fräu- lein Heymann über die Mitarbeit der Frauen in den poli- tischen Männerparteien, in denen sich die erstere für diese Mit- arbeit aussprach, wogegn sich L. G. H e y m a n n zu einer glühen- den Philippika gegen die gesamte parteipolitische Männerwelt auf- schwang und die damit schloß:Verlaß ist nur auf unsere eigene Kraft." Man kann den H e y m a n n s ch e n Standpunkt nicht billigen; was seine Geradheit anbelangt, mutz man ihn gelten lassen. Wie sich die anderen Damen mit ihrer Doppelfecle in der Brust einerseit flammende Begeisterung für Liberalismus oder Demokratische Vereinigung oder sonst eine Partei, andererseits vollständige innere Neutralität als Frauenstimmrechtlerinnen abfinden werden, das zu beobachten dürfte für uns nicht uninter- essant werden. Denn in dieser Doppelehe werden sie in die Lage kommen, heute z. B. in einer Parteiversammlung zu erklären, das intrigante Zentrum hat es schändlicherweise erreicht, daß die Mutterschaftsversicherung abgelehnt worden ist, und morgen dann in einer Frauenstimmrechtsversammlung werden sie erklären: Frauen aller politischen Richtungen(natürlich auch Zentrums- frauen!) gehet hin und unterstützt eure Partei!" Dazu wird allerdingsein feiner Takt" nötig sein, sprach eine der Referen- tinnen. Dieser Halbheitstakt dürste den Damen doch noch etliches Kopfzerbrechen verursachen. Für uns Sozialdemokratinnen ist diese Frauenstimmrechtsbewegung damit erleoigt; wir kennen nur ein Bestreben, einen Kampf für beide Geschlechter und müssen es unseren Führerinnen danken, daß sie von Anfang an die cnnere Morschheit dieser Gesellschaft erkannt'und gebrandmarkt haben. So boshaft differenzierend, wie derBörsencourier", der erklärte, daß es mehr die männlich gearteten Frauen gewesen, die sich gegen die Mitarbeit mit den Männern gewandt, und daß es die weib- kicheren Naturen, die für die Kameradschaft der Geschlechter ein- treten, brauchen w i r heute darum gar nicht zu werden. Auch die Unlogik dieser Idee wollen wir nicht analysieren. In ihrem schar- fcn Referat trat L. G. H e h m a n n auch besonders der Fort- schrittlichen Volkspartei entgegen, deren Sündenregister gar nicht mehr abzubeten sei, und segnete nach Kräften die Sozialdemokratie, gegen die sie die alten Kamellen vorbrachte, daß sie in Ungarn und Belgien in Beziehung auf das Frauenstimmrecht versagt. Die Belehrung über diesen letzten Punkt mußte sie aus den Reihen der eigenen Mitglieder entgegennehmen. Am wütigsten aber kläffte wie immer in der Diskussion die schwergeladen nach der alten Handels- und Bordellstadt gereiste liberale Frau Maria Lischnewska gegen die verflixten Sozialisten. Klara Zetkin , die Vertreterin der 120 000 organisierten sozialistischen Frauen zerschmetterte sie mit dem bedeutenden Satz:Ueber die ist die Zeit hinweggeschritten!" Daß die Politik nicht in der Hasenheide, nicht in Treptow gemacht werde, stehe bei allen denken- den Individuen fest, lautete eine andere ihrer Reminiszenzen. Ihr deutsches Staatsbewußtsein ist dabei im Gegensatz zur Jnter- Nationalität derartig ausgewachsen, daß sie bei dem etwas unge- schickt angefangenen Satz einer Referentin betreffs der Stammes- Verschiedenheit in Deutschland fast einem Krampfanfall unterlag, was sie aber nicht verhinderte, in einem anderen Atemzug zu be- haupten, die höchstbedeutsame Kraft der englischen SuffragetteS müsse unbedingt auf die altgermanische Mischung zurückgeführt werden. Die erste Abendversammlung brachte vier Referate vor über- fülltem Saale und den Glanzpunkt bildete eine extra zur Feier verschriebene Suffragette, die zum Teil deutsch , zum Teil englisch über die SuffragettcSbewegung berichtete und deren ganzer Herzenswunsch darin auSklang, nicht in die politischen Männer- Parteien sollen die Frauen eintreten, sondern kämpfen wie wir, auch in Deutschland ! In der zweiten öffentlichen Versammlung mit dem Thema:Der alte und der neue Reichstag, Kritik und Forderungen der Frauen," hielt Dr. AugSpurg eine gründliche Abrechnung mit dem deutschen Liberalismus und sprach eingehend über die Reichsversicherung und insbesondere über Mutterschafts- Versicherung; auch die Reichsfinanzreform wurde gebührend von ihr beleuchtet. Sie strich Bebel und P o t t h o f f als Vertreter der Frauen heraus und erklärte, daß die Frauen mit ihrer Kritik nicht zurückhalten würden. Die zweite Referentin Dr. S ch i r- macher besprach die Bedeutung der Teuerungsfrage, der Reichs- gcwerbenovelle, die Strafgesetzreform(K 175) und hielt es für not­wendig, daß den Abgeordneten andauernd Vorträge der Frauen ge- halten würden. Wie derartige Angelegenheiten neutral besprochen werden können, ist nicht recht klar, jedenfalls wurden von den ge- samten Referentinnen die Referate nicht neutral gehalten. Die übrigen Verhandlungen fanden unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Zunächst handelte es sich um dieFrauen- stimmrechtszeitung", die von dir Frauenbewegung losgelöst und zu einem großen Verbandsorgan ausgestaltet werden soll, dann aber in der Hauptsache um die Vorstandswahl. Es gähnt eine tiefe Kluft zwischen den Mitgliedern, vor allen Dingen zwischen den Preußen und Süddeutschen. Zunächst schien es, als ob die alten Leiterinnen wieder das Schwert in Händen behalten würden. Dann aber siegten die reinen Persönlichkeitsfragen, die schon ge- wählten beiden' Vorsitzenden legten nieder und der neue Vorstand setzte sich aus Frau Stritt, �ra» Lindemann, Frau Z i etz, Dr. Schirmacher, Frl. von Welczck und Frau Vogt zu- sammen. Die Redaktion des neuenFrauenstimmrechtsblattes" war Dr. Augspur g zuerkannt. Ob aber unter obwaltenden Umständen die Redaktion von ihr ausgeübt werden wird, erscheint fraglich. ES ist dagegen wohl möglich, daß sich nach dieser Wand- lung in der Leitung die bereits bestehenden anderen deutschen Frauenstimmrechtsvereine gemäßigter Richtung mit dem Verband für Frauenjtimmrecht zu einem großen Sammelsurium, ähnlich dem Bund deutscher Frauenvereine, den Frau Stritt ja auch lange mühsam zusammengehalten hat. verbinden. Koiitrolleurinnen der Kiiidcrschutzkonnuisstou für R i x d o r f sind noch die Genossinnen Heuelmann, Richardstr. 54, Müller, Wanzlicl- straße 13 und Rademacher. Thomasstr. 26. Hl Leseabcnde. Grünau . Am Mittwoch, den 11. d. M.. abends 8% Uhr findet im Lokal.Zur grünen Ecke". Köpenicker Str. 83. der Frauenobend statt. Tagesordnung: i. Vortrag über die Wirt- schastliche Stellung der Frau. Referentin: Genossin I u ch acz. 2. Freie Aussprache. S. Verschiedene«.