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Nr. 226.

Erscheint täglich außer Montags. Breis pränumerando: Viertel­jährlich 8,30 Mart, monatlich 1,10 mt, wöchentlich 28 Big tret in's Haus. Einzelne Nummer 6 Pfg. Sonntags- Nummer mit tluftr. Sonntags- Beilage Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 8,30 Mt.pro Quartal. Unter Kreuz­ band : Deutschland u. Defterreich­Ungarn 2 Mt., für das übrige Ausland 3 Mt.pr.Monat. Eingetr. in der Poft Beitungs- Breisliste für 1893 unter Nr. 6708.

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10. Jahrg.

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Berliner Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.

Dienstag, den 26. September 1893. Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.

Ein Marimalarbeitstag für die Handlungsgehilfen. kontingent zu jenem Heer von Halbproletarieru ftellt, läuft ja genau wie die Sonntagsruhe lediglich auf eine

Maffe für ernste Bestebungen in vielen Fällen nicht den wäre, daß sie nicht von jedem Ladengeschäft leicht binnen geringsten Sinn zeigte und noch heute das Haupt- acht Tagen eingeführt werden könnte. Die ganze Maßregel die sich nach dem Elend des Geschäfts in die fadesten bessere Gewöhnung des Publikums an zeitigen Einkauf hin­Biele Tropfen höhlen den härtesten Stein aus. Der Vergnügungen stürzen, denen der Sinn für Solidarität aus; auch für die Arbeiter ist bei jener Stundenfestsezung Bewegung unter den Handlungsgehilfen ist es gelungen, und Weiterbildung gänzlich abhanden gekommen ist und noch Zeit, nach Verlassen der Werkstätte einzukaufen. Das der Reichsregierung ein neues Zugeständniß abzuringen. Die in ihrer Mehrzahl in stumpfer Gleichgiltigkeit weiter Ganze bedeutet nur eine größere Zusammendrängung des Durch kaufmännische Fachblätter ist der neue Fragebogen leben, wenn sie Montag früh wieder unter das Joch ge- Umsatzes auf wenige Stunden, da niemand deswegen auch bekannt geworden, den der Reichskanzler vor kurzem im trochen sind, von Ausnahmen, die sich in der letzten Zeit nur ein Körnchen Salz weniger gebrauchen wird. Gegen Verfolg der bekannten Reichs- Enquete über die Arbeitsver- erfreulich gemehrt haben, natürlich abgesehen. die Gestattung vieler Ausnahmen aber sollten sich die Ge­hältnisse im Handelsgewerbe an kaufmännische Vereinigungen So erklärt sich also, daß man sich amtlich endlich hilfen grundsätzlich wehren. Es ist gar kein Grund versandt hat, und in diesem Fragebogen ist zum ersten Male zu einer Umfrage über die Einführung des Maximal vorhanden, etwa den Droguisten eine längere Geschäfts­im Deutschen Reiche die Frage des Maximalarbeitstages arbeitstages in Ladengeschäften aufgerafft hat. Als selbst zeit zu gestatten als dem Manufakturisten, oder für Handlungsgehilfen aufgerollt, allerdings zunächst nur verständlich darf bei dieser Umfrage wohl vorausgesetzt dem Bigarrenhändler eine längere als dem Materialisten. für die in Ladengeschäften Angestellten. Weiß die bürger- werden, daß die Regierung keine Gehilfenorganisation über- Auch wer einmal den Bäcker- oder Fleischladen nicht bald liche Presse von dieser wichtigen Thatsache nichts, oder gangen hat. Bei dem bureaukratischen Verfahren, das auch genug aufgesucht hat, wird sich dies ein für alle Male sehr ist sie ihr so unbequem, daß sie sie einstweilen in diesen Dingen noch beobachtet wird, läßt sich dies nicht gut merken. Allerdings müßte auch durch eine Be umgeht? Jedenfalls werden die Handlungs- Gehilfen feststellen. Der amtliche Fragebogen hätte längst im ftimmung der Gewerbe- Ordnung dafür gesorgt werden, daß ihr Beispiel nicht nachahmen und dafür sorgen, daß Das Reichs- Anzeiger" veröffentlicht werden müssen, mit der die Lohnzahlungsstunden auf eine passende Zeit festgelegt jenige, was jetzt nur gefragt wird, sehr bald als Parole allgemeinen Aufforderung, daß ihn jede Gehilfenorganisation würden. Die Kaufleute sind nicht dazu da, um für die durch ihre Reihen laut und öffentlich weitergegeben wird: beantworten möge. So steht er bisher nur in den Fach- Bummelei säumiger Hausfrauen zu büßen. Unseres Er­gesetzliche Beschränkung der übermäßigen Arbeitszeit im blättern, die dem größeren Publikum weniger zugänglich sind. achtens wären höchstens Apotheken auszunehmen. Auch Handelsgewerbe! Die Fragen gehen hauptsächlich dahin, ob die gegenwärtige Bugeständnisse an die sogenannten Saisonzeiten" vor Weih­Bezeichnend genug war ja die Art und Weise, wie Arbeitszeit nachtheilige Folgen für Gesundheit, geistige Fort- nachten u. s. w. müßten nur mit der äußersten Vorsicht ge­man endlich auch an maßgebender Stelle zu der Einsicht bildung und Familienleben(!) des Personals habe, ob eine macht werden; es tönnte gar nicht genug begrüßt werden, tam, daß es so nicht fortgehen kann. Die schändlichste tägliche Ladenzeit von 14 Stunden, sowie eine zwölfftündige wenn dem Saison"-Unfug auf diese Weise an den Leib Ausdehnung der Arbeitszeit im Handelsgewerbe besteht Arbeitszeit für das Personal( ausschließlich Bausen) er gegangen würde. schon seit Jahrzehnten, nicht blos Gehilfen, sondern wünscht und durchführbar" sei, oder ob nur eines von bei- Der von Hunderttausenden von Handlungsgehilfen heiß Brinzipale namentlich in Ladengeschäften des Kolonial- den nöthig wäre; daran reihen sich die unvermeidlichen ersehnte Wagimal- Arbeitstag ist also jetzt bei rühriger waaren und Zigarrenhandels seufzten unter der Fragen nach den unvermeidlichen Ausnahmen, ohne die Agitation erreichbar geworden. Mögen die jungen Kauf­felben und versuchten, den Mißbrauch stellenweise durch unsere jetzige Sozialgefeßgebung mun einmal nicht aus leute keinen Tag bis zum 1. November, an dem die amt­freie Vereinbarung abzuschaffen, natürlich ganz vergeb- kommen kann. Wir meinen, dieser vorsichtigen Fragerei lichen Fragebogen beantwortet eingeliefert werden sollen, lich. Erst vor ein paar Tagen fand in Elberfeld eine gegenüber giebt es nur einen entschiedenen Standpunkt: unbenugt vorübergehen lassen. Und die Organisationen, Versammlung von Geschäftsinhabern, nicht Gehilfen, der eine anständig beschränkte Ladenzeit, vor und nach welcher welche nicht gefragt wurden, mögen ungefragt ihre Petitionen Detailbranche statt, von der der Schluß der Läden 8 Uhr Personal so wenig beschäftigt werden darf, wie während der und Gutachten beim Reichskanzler einreichen. Das Eisen Abends verlangt wurde, aber bereits auf geseglichem Wege, Sonntagsruhe. Eine Arbeitszeit von 12 Stunden für das Per- ist jetzt warm, es muß geschmiedet werden! weil man sich von der Freiwilligkeit nichts versprach. sonal und daneben eine 14 stündige Ladenzeit haben gar Redet das nicht Bände? So wenig ist der Maximal- feinen Zweck. Die bloße Beschränkung des Arbeitszeit ist Arbeitstag eine revolutionäre" Forderung, so unerträglich nämlich so gedacht, daß jeder Angestellte zwar mir werden die Auswüchse der freien Konkurrenz" schließlich 12 Stunden beschäftigt werden darf, daß aber der Geschäfts­auch den Kapitalisten. An die entsittlichende Wirkung der inhaber durch Schichtenwechsel und Ablösungen eine weit übermäßigen Arbeitszeit im Handelsgewerbe glaubte man längere Ladenzeit herausschlagen kann, indem er beispiels­aber amtlich erst, als die im September und Oktober weise die eine Hälfte seines Personals von früh bis gegen vorigen Jahres veranstaltete Reichsenquete trotz ihren Abend, die andere Hälfte von Mittag bis in die Nacht be­handgreiflichen und bureaukratischen Fehlern so scheuß schäftigt. Das hieße Mißbräuchen und Uebertretungen liche Thatsachen über die Ausmuzung der Lehr- geradezu Thür und Thor öffnen. Das einfachste und natur­linge, und Gehilfen im Ladengeschäft gemäße ist, wie bei der Sonntagsruhe, die Vorschrift: Ge­zu Tage förderte. Den Vorstellungen der Betheiligten, die schäfte mit Lebensmitteln und Zigarren dürfen nicht vor fich feit Jahrzehnten wiederholten, hatte man nicht glauben 6 Uhr früh öffnen und nicht nach 8 Uhr Abends wollen; jetzt war alles Ableugnen vergeblich, Der Vor- schließen; alle anderen Geschäfte dürfen erst 7 Uhr wärts" hat seiner Zeit die Zahlen aus dem Enquetebericht früh öffnen und müssen 7 Uhr Abends schließen. An mitgetheilt: 15 und 16 stündige Arbeitszeit für Lehrlinge, Pausen sind dem Personal mindestens 2 Stunden täglich 14 bis 15 stündige für Gehilfen, in der Saison" womöglich zu gewähren. Das ergebe eine 10 bis 12stündige effektive noch mehr war es ein Wunder, daß der Handlungs- Arbeitszeit, die einerseits ein gewaltiger Fortschritt gegen gehilfe hinter seinem Ladentisch geradezu verkam, in seiner jetzt, andererseits aber auch keine so plötzliche Beschränkung

Mädchen

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Feuilleton.

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Der Aufruhr in den Cevennen. faßt Euch, was ist Euch widerfahren?"

Eine Erzählung

von Ludwig Tied.

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Politische Lebersicht.

Berlin , den 25. September. Die Tabak Fabrikatsteuer. Ueber die geplante Tabak- Fabrikatsteuer weiß die Deutsche Tabakzeitung", das bekannte Unternehmer- Fachblatt, folgendes zu melden:

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Die Einführung der Fabrifatsteuer foll so bemessen wer­den, daß die von den Fabrikanten hergestellten Zigarren und Tabake nach dem Fakturenpreise mit 50 pet. belastet werden. Die versteuerte Waare wird mit Banderolen versehen in den Handel gebracht und sollen diese Banderolen für Preis­abstufungen von 5 zu 5 Mart angefertigt werden. Die Banderolen werden dem Fabrikanten unter Gewährung eines Kredits von sechs Monaten verkauft. Zur Kontrolle sollen Fabrikanten sowohl als Händler verpflichtet sein, den Beamten auf Verlangen die Fakturen vorzuzeigen. Außerdem muß der

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kommen, die Thüren sprangen auf, und herein stürzte der das Dorf ab, welches den Rebellen Lebensmittel gegeben Pfarrer von St. Sulpice, blaß und zitternd; ihm folgten hatte, als sie sich dort einquartirten; darauf zogen wir einige Bürger, und unter diesen ein junger Mensch, der aus, fünfhundert Mann start, und dreihundert Soldaten völlig außer sich zu sein schien. Was giebt's?" fragte der marschirten zugleich mit hundert Dragonern jenseits des Marschall gebieterisch, und der Intendant erhob sich und Fluffes. Das arme abgebrannte Gesindel lief in die begab sich zum jungen Bürger. Nun, Clement," sagte er, Wälder heulend hinein, und wir verfolgten unsere Straße, Ist dieser indem wir etwa einhundert Rebellen flüchtig vor uns laufen nicht der Anführer von der Bürgermiliz von Rismes?" sahen. Hinter dem Walde vereinigten wir uns mit den fragte der Marschall mit Berachtung." So ist es," er föniglichen Truppen und schlossen bei Nages die Wein­widerte der Herr von Basville, er führt den Streifzug berge von drei Seiten ein. Es zeigten sich von der Seite der Freiwilligen." Er scheint die Sprache auf seinem Kamisards, die sich aber nach einigen Schüssen aus dem Wir fanden Sie todt vor unserm Hause, wir er- Buge verloren zu haben," sagte der Herr von Montrevel Staube machten. Nun rückten wir nach: wir rechts, die Soldaten links zwischen die Berge hinein; wir gerathen tannten Sie gleich", fuhr er, zu mir gewandt, fort; lachend. , wir durften Sie nur ohne Hilfe lassen, so hatten Sie sind hinter uns fie werden gleich hier sein," in das Gebüsche, und als wenn es von allen Seiten wir Sie nicht ermordet. Aber ich habe das Blut ge- stotterte der junge Clement. Feuer spie, fahren die Kugeln in uns hinein, ohne wir jemand sehen; wir stußen, wir machen stillt, Sie können Morgen zur Stadt zurück, und ich Wer?" fragte der Marschall, der sich wieder gesezt daß wir jemand sehen; Halt. Nun richten sich die Kerle in den Bergen werde dafür sorgen, daß Sie mit dem Frühesten zum nächsten hatte. Dorfe auf eine bequeme Weise geschafft werden, denn ,, Cavalier und die Kamisards!" rief der junge Mensch. auf, Heulen und Singen gellt mit den pfeifenden Kugeln wenn unsere Brüder in Haufen ankommen, wie es morgen So schlimm, ganz so schlimm ist es wohl nicht," auf uns ein; wir wehren uns und hoffen auf die könig­wohl geschieht, so dürfte ich Sie nicht mehr schützen können." nahm der Pfarrer das Wort, der gesammelter schien. Aber lichen Truppen, aber die Uebermacht ist zu groß, unsere So geschah es. In der Nacht wurden einige streifende Re- unser Streifzug ist total geschlagen, und die Rebellen sind Leute fallen, wir müssen zurück. Schwer war es, aus den bellen abgewiesen, die nach mir suchten; noch in der Dämme- immer hinter uns drein gewesen und zeigen sich wirklich in Bergen wieder zurückzukommen, der größte Theil unserer rung ward ich auf einem kleinen Wagen bequem nach dem der Ebene von Nismes, so frech, als wenn sie die Stadt Mannschaft bleibt dort liegen; und wie wir endlich wieder in der Ebene sind, sehen wir das Militär auch schon in die Ausgange des Thales geschafft, von wo ich mich sicher zur selbst bedrohen wollten." Stadt fonnte bringen lassen." " So geht es," sagte der Marschall schneidend, wenn Flucht geschlagen." Geschlagen!" schrie der Marschall. Ueber diese falsche Tugend," sagte der Intendant, Bürgervolk sich in Sachen mischen will, denen es nicht ge= tönnen wir uns wohl wundern, aber wir müssen ihr unsere wachsen ist. Gebt dem jungen Menschen ein Glas Wein, Achtung versagen, denn sie wäre nicht nöthig, wenn diese daß er sich erholt." Zugleich sah er den Intendanten von Sehen Sie sich, Herr Pfarrer," fuhr er Unglücklichen dem Könige treu blieben und seinen Befehlen der Seite an. dann fort, Sie scheinen gefaßter, erzählen Sie etwas um­gehorchten." Wian war jetzt beim Dessert und den feineren Weinen, ständlicher." als sich plöglich im Hause ein lautes Getümmel erhob. Nach dem Befehl des gnädigen Herrn Marschalls," Man hörte verschiedene Menschen eilig die Treppe hinauf- fagte der Pfarrer, sich tief verbeugend, brannten wir gestern

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Geistliche.

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Sie kommen wahrscheinlich uns nach," antwortete der Die Freiwilligen," sagte der Intendant, scheinen wohl nicht gehörig unterstützt zu sein, wie es schon oft geschehen ist; und wie soll der Bürger standhalten, wenn der Soldat flüchtig wird?"

Der Marschall, hochroth im Gesicht, wollte etwas Bors