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s.» 2. Srilszr des Jontiitte" Serlintt llaliislilatt.«-* j»« Reichstag 21. Sitzung. Mittwoch, den S.März, nachmittags 1 Uhr. Am BundeSratStische: Dr. Delbrück. Die zweite Beratung des Etats des Reichsamts des Inner« wird fortgesetzt beim Titel.Staatssekretär". Abg. Behrens(Wirtsch. Bg.): Die Resolutionen sollten, soweit sie Initiativanträge enthalten, nach Materien zusammengefaßt und bestimmten Kommissionen überwiesen werden. Aus den Ausführungen des Staatssekretärs hörte man gegenüber fast all unseren Wünschen nur das Nein. Herr Wurm sprach wegwerfend von der Sozial- reform als kleiner Abschlagszahlung. Aber in ihren Anträgen ver- langen die Sozialdemokralen selbst lauter solche Abschlagszahlungen. sZurus bei den Sozialdemokraten: Die Sie ablehnen!) Nein, wenn sie vernünftig sind und dem Volkswohl dienen, nicht. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) In der Beurteilung der äugen- blicklichen schweren Lage der Textilindustrie ist Abg. Sachse von ganz falschen Voraussevungen ausgegangen. Es ist ja so bequem, für alles die Wirtschaflspolitik verantwortlich zu machen und noch ein paar Junker dazwischen zu schmeißen. Bequem mag das sein, aber falsch und irreführend ist es.(Beifall rechts.) SachseS Ausführungen gegen die Heranziehung ausländischer Arbeiter waren sachlich be- rechligt, aber er hat nicht die Konsequenzen daraus gezogen.(Zuruf bei den Sozialdemokraten:.Wieso denn nicht?") Er hätte nicht bloß auf die Arbeitgeber schimpfen sollen.(Lachen bei den Sozial- dcmokraten.) Die Shndikatsfrage ist eng mit der Tätigkeit der Groß- banken verknüpft. Eine allgemeine Syndikatsgesetzgebung halte ich für dringend notwendig. Ich stimme in dieser Frage nicht den Ausführungen des Staatssekretärs zu. In den neuen Zolltarif sollte eine Be- stimmung aufgenommen werden, wonach in den Fällen, wo ein Syndikat seine Macht mißbraucht,«ine Herabsetzung des Zollsatzes eintreten kann. Für die syndizierten Industrien muß der Gesetz- gebung die Möglichkeit zustehen, einen Einfluß auf Lohnhöhe und Arbeitszeit auszuüben. Wir stimmen den Resoluttonen zu, die eine Förderung der inneren Kolonisation bezwecken. Be- sonders begrüßen wir die Tätigkeit des Vereins für soziale Kolonisatton. Es wäre zu wünschen, daß auch die Gewerk- schaflen von der äußersten Linken dieser Tätigkeit mehr Beachtung schenken, die die günstigste Lösung des Arbeits- lofenproblems verspricht. Die Schaffung eines einheitlichen Arbeitsrechts wäre die beste Lösung für die vielen kleinen sozialpoli- tischen Wünsche einzelner Gruppen. Die Reichsversicherungsordnung hat zweifellos trotz einzelner Mängel viele Verbesserungen gebracht. Es wäre aber zu wünschen, daß die Rentenansprüche auch auf die Fälle ausgedehnt würden, in denen Invalidität oder Tod schon vor dem 1. Januar d. I. eingetreten find. Der preußische FiSlus hat in seinen Bergwerken die Bestimmungen der Versicherung recht kleinlich angewandt und damit großen Mißmut bei den Bergarbeiten, erregt. Wenn bei der Beratung der ReichSversichcrungSord- nung von der Regierung den weitergehenden Wünschen mit der Begründung entgegengetreten wurde, daß nicht genügend Geld vorhanden sei, so trifft das jetzt nicht mehr zu, denn jetzt haben wir ja erfreulicherweise einen erheblichen Ueberschuß zu ver- zeichnen. Zu der Resolution betreffend den gesetzlichen A r b e i t S- willigen schütz möchte ich sagen, daß ich die Motive dieser Resolution ver st ehe. Ter TerroriSmus der sozialdemokratischen Gewerkschaften gegen Anders« denkende hat einen Unmut erregt, der nun in solchen Resolutionen seinen Ausdruck findet. Wir werden aber gegen die Resolution stimmen, weil wir glauben, daß die in ihr geforderten gesetzlichen Maßnahmen nicht nur die sozialdemokrottschen, sondern auch die übrigen Gewerkschaften scvädigen würden. Wenn unser Wider- stand aber nicht ausreicht, die Resolution zu Fall zu bringen, so trägt die ganze Wucht der Verant- wortung die Sozialdemokratie.(Ol o! bei den Sozialdemokraten, Beifall recht« und im Zentrum.) Wir fordern eine Ausgestaltung des Einigungswesens. Was ist bisher vom Reichsamt deS Innern geschehen, um der drohenden Schneider- auSsperrung und dem drohenden Lohntampf im Bergbau vor- znbeugen? Es muß auch die Schaffung von Monopoltarisen ver- hindert werden, die nur den Mitgliedern bestimmter Organisationen ArbeitSmöglichkett gewähren. Dem christlichen Bewerkverein der Bergarbeiter sind wegen seiner Haltung bei der jetzigen Lohn- bewcgung viele Vorwürfe gemacht worden, die durchaus unberechtigt sind. Dt« sensationellen Berichte gewisser der Börse nahestehender Blätter auS dem Ruhrrevier find meist unzutreffend. Im Saar - revier sind die Löhne der preußischen Verwaltung zu niedrig und 'es besteht ein vorsintflutliches Strafshstem. Gewiß ist auch im Ruhrrevier eine gewisse Erregung unter den Arbeitern vorhanden. Die sozialdemokratische Presse führt aber im Ruhr- revier eine unverantwortlich ausreizende Sprache. Die Bundesstaaten sollten den Wünschen der Bergarbeiter mehr Be- rücksichtigung schenken. Abg. v. Oertzen(Rp.) tritt für eine stärkere Besteuerung der Konsumvereine ein. Im Interesse des Mittelstandes sollte auch vor allem eine Einschränkung der Wanderlager in der Weise gesetzlich vorgenommen werden, daß in Ortschaften bis 30(XX) Seelen, über- Haupt keine Wanderlager zugelaffen werden. Remedur ist dringend erforderlich. Abg. Giebel(Soz.): Ich will nicht auf all die Dinge eingehen, in denen sich Herr Behrens als Sachverständiger glaubte aufspielen zu können. Aber seiner unrichtigen Darstellung der Bergarbeitcrbewegung gegenüber möchte ich doch auf die Widersprüche zwischen den eigenen Flugschriften und Zeitungsartikeln sowohl der Zentrumspresse, wie auch der ch r i st l i ch e n Arbeiter- bewcgung und den Ausführungen des Herrn Abg. Behrens fest- nageln. Er sagte, auS nationalwirtschaftlichen Gründen sollten sich die christlichen Arbeiter nicht beteiligen an irgend welchen Lohn- bewegungen oder, wie er sagt, Sympathiestreiks. Nun, eS handelt sich nicht um einen Sympathiestreik. Die beteiligten Bergarbeiter­organisationen nicht nur haben das richtig gestellt, sondern die eng- tischen Bergarbeiter selbst haben ausdrücklich festgestellt, daß ihnen gar nichts daran liege, daß Sympathiestreilbewegungen in benach- barten Ländern erfolgen. Wenn mein Parteigenosse Hue gegen den Sympathiestreik gesprochen hat. so hat er also nur das ausgesprochen, was die Auffaffung sowohl der deutschen wie der englischen Bergarbeiter ist. Im übrigen kann ich die sonderbare Auffaffung des sogenannten Arbeiterführers Hern, Behrens über die Bereit- Willigkeit der Zechenbefitzer, Lohnzulagen zu gewähren, widerlegen mit einem Zitat der.Kölnischen BolkS- z e i t u n g" vom 0. Februar, worin eS heißt, daß nach der ganzen bisherigen Haltung des Zechenverbandes anzunehmen sei, daß eine allgemeine Lohnerhöhung nicht durchgeführt werden würde. Man wolle auf feiten des Zechenverbandes nicht einsehen, daß eS ebenso richtig sei, die Preise der Arbeitskräfte gemeinsam zu regeln, wie die der Kohlen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wenn daS die Zentrumspreffe schreibt, so wiegt das denn doch etwas schwerer, als die sonderbare Beweisführung des Abg. Behrens. Die vielen Anträge und Reden zur Sozialpolittk, die wir in diesen Tagen von den verschiedensten Parteien auf der Rechten und in der Mitte gehört haben, waren wohl eine Folge der vielen Wahl Versprechungen. Dieselben Parteien haben jedenfalls wiederholt bewiesen, wie wenig sie, wenn es gilt, gesetzgeberische Arbeit zu leisten, bereit sind, zu dem zu halten, was sie in Resolutionen selbst ge« wünscht haben. Wenn auch Herr Dr. Oertel für seine Fraktion glaubt in Anspruch nehmen zu können, daß sie nicht zu den Rück- ständigen zähle, so steht doch diese scheinbare Harmlosigkeit in merk« würdigem Gegensatz zu den Artikeln mit der bekannten Marke in der.Deutschen Tageszeitung". Herr Oertel will keine Ausnahmegesetze, sondern nur einige kleine Schutzmaßnahmen gegen den angeblichen sozialdemokratischen Terror. Er will keine Ein- schränkung des KoalitionSrechtS. sondern nur ein bißchen Schutz der Arbeitswilligen. Dahinter scheint sich doch daS zu ver- bergen, was in den programmatischen Erklärungen deS Herrn Heydebrand im Wahlkampf ganz unverhüllt hervorgetreten ist. Ich glaube, daß für all das harmlose Getue weder innerhalb noch außerhalb deS Hauses die genügende Leichtgläubigkeit vorhanden sein wird.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Herr Delbrück ist auf die verschiedensten Fragen eingegangen, er hat auch manchen richttgen Anlauf genommen, aber es stcls streng vermieden, die nötigen Schlußfolgerungen zu ziehen und namentlich darauf einzugehen, was denn nun gegenüber den von ihm selbst aufgezeichneten Enlwickelungstendenzen seitens der Regierung getan werden soll. Sr konstatierte die Konzentrierungsbestrebungen in der Industrie, ohne daraus den Schluß zu ziehen, daß nun eingetreten werden müsse für die Tausende von Angesteltten, die durch diese Entwickelnng ihre Menschenrechte verloren haben. Die WohnungSreform verwies er an die Kommunen und Landesregierungen, diese verweisen sie wieder an daS Reich. Wenn das so weiter geht, werden die Arbeiter noch lange auf Besserung der Zustände zu warten haben. Jntereffant war der Eifer, mit dem der Herr Staatssekretär sich gegen die Behauptung Rleines feuiUeron- Die Overnhauspläne. Nachdem nunmehr Herr Breitenbach den energischen Forderungen der Presse nachgegeben und die Ent- würfe für oas neue Opernhaus öffentlich ausgestellt hat. kann jeder, der auch nur die leiseste Ahnung von den in Frage kommenden Problemen besitzt, zu dem Urteil gelangen: daß es eine Dreistigkeit war, auch nur einen Lugenblick ernsthaft den Gedanken zu erwägen, irgendeines dieser architektonischen Monstra den Berlinern auf- ftclfen zu wollen. Die preußische Bauverwaltung mag noch so ver- «hchert und mit Blindheit geschlagen sein, es ist dennoch nicht «nöglich, daß sie den Unsinn und die Lächerlichkeit dieser Vorschläge nicht längst, nicht sofort eingesehen hätte. Wenn sie trotzdem für eine dieser Mißgeburten die Bewilligungsmaschine des Äbgeord- netenhauses in Gang gesetzt sehen möchte, so ist das entweder eine bewußte BrüSkierung oder die preußische Bauverwaltung flüchtet sich in die Oeffentlichkeit. Sie flüchtet vor sich selber und vor ihrem Herrn. Man weiß, daß der König von Preußen an diesem neuen Opernhaus ein lebhaftes Interesse hat, daß er es reich mit Re- präsenration auSgestattst sehen und, seiner Art verwandt, im lauten Barock gebaut haben will. Man weiß aber auch, wie die Zeiten deS höfischen Barocks für immer vorbei sind. Man weiß(auch der letzte Schreiber im Bautenministerium weiß es), daß ein großes Theater heute nicht mehr durch schwelgende Treppenhäuser und Freitreppen, durch Wandelhallen und festliche Vorflure bestritten werden kann. Kein Mensch denkt heute mehr ernsthaft daran, etwas zu bauen, wie das große Treppenhaus der Pariser Oper. Es ist eine Binsenweisheit geworden, daß für ein Theater d?r Zuschauer- räum und daS Bühnenhaus entscheidend sind, daß alle Schwierig. keit sich darin erschöpft, dem Bühnenapparat freieste« Spiel und, was noch wichtiger ist, möglichst vielen Zuschauern möglichst be- qucme Plätze zu verschaffen. Das alles weiß man. Was zeigen unS nun die Entwürfe, die Herr Breitenbach und seine Leute vertreten müssen? Wir sehen kolossale Baumassen, die zufällig so etwas wie einen Zuschauerraum verschluckt zu haben scheinen. Dieser unglückliche, notgedrungene Raum für eine be- schränkte Oeffentlichkeit ist förmlich belagert, bcdräut, zugeschnürt durch eine Sturzflut der Repräsentation und des höfischen Pompes. Wcnn je durch architekwnifche Bildungen wirtschaftliche und poli- tisch« Zustände zum Ausdruck kamen, so geschah das durch diese Grundrisse: sie zeigen t>zndgreiflich die Rechtlosigkeit der Masse vor den Anmaßungen einer privilegierten Gruppe. Was wir ahnten, ist prompt eingetreten. Man plant ein Opernhaus für die Bevor- zugten, eine feudal« Orgie, an der uns irgendwie zu beteiligen wir keinerlei Ursache haben. ES handelt sich jetzt gar nicht mehr um die Architektur, die unS vorgeschlagen wird, es handelt sich um etwas Wichtigeres: um daS Bauprogramm. Dieses vor allem muß revidiert werden, bevor die Taler auS dem Kasten springen. Es geht nicht an. unter der Etikette eines öffentlichen Opernhauses ein königliches Lustschloß zu bauen und obendrein durch solch« fatale Idee den plebejischen Rest künstlich beeinflussen und zu un- natürlichen Anstrengungen sich steigern zu lassen. So etwas heute noch ernsthaft zu wollen, muß die rücksichtsloseste Abwehr heraus- fordern. U. Lr. Die Entdeckung eines Genies. Durch einen Zufall hat der Leiter des Eolonne-Orchesters in Paris ein musikalisches Genie entdeckt, da» seit mehr als dreißig Jahren in Paris in der Stille seine Werke schuf. Der Held dieser Geschichte ist ein bescheidener schüchterner alier Herr,«in geborener Italiener namens Fanelli, der sich seit langen Jahren mühselig als Musiker durchschlug. Be- scheiden nahm er inmitten des Orchester» seinen Platz ein und erfüllte seine Pflicht, ohne daß einer seiner Kollegen je ahnte, daß dieser einfache alte Musiker daheim in seinem Pulte seldstgeschaffene Meisterwerke barg. Als nun die Not den alten Musiker mit harter Faust anpackte, sprach er den Dirigenten, Gabriel Pierne , mit der Bitte an. ihm doch gelegentlich Notenschreibarbeiten zu über- trage». Pierne versprach dem Alten Arbeit, und bei dieser Ge- legenheit zeigte ihm Fanelli ein paar von ihm geschriebene Noten- seilen, damit der Dirigent die Deutlichkeit und Korrektheit der Notenschrift sehen möge. Piernä warf einen Blick auf diese Blätter und war erstaunt: es war eine Sinfonie, die Fanelli vor nahezu dreißig fahren komponiert hatte. Der Kapellmeister behielt das Manuftnpt, sah es durch unid teilte wenige Tage später dem völlig überraschten Notenschreiber mit, daß diese Sinfonie im nächsten Colonno-Konzert aufgeführt werden würde. Und die Uraufführung dieser Sinfonie des bisher unbekannten Komponisten fand in der vergangenen Woche in Paris auch statt: das Werk wurde mit stür- Mischer Begeisterung aufgenommen und Musiker wie Musikfreunde Nstd sich darüber einig, daß mit dieser Sinfonie die musikalische Kunst um ein Meisterwerk bereichert worden ist. Pierne berichtet selber:In dieser Komposition sind alle Prin- zipien moderner Musik verkörpert. Die sinfonische EntWickelung von außerordentlicher Kraft und Schönheit: es schien kaum glaub- lich, daß dies bereits 1883 komponiert sein soll.... Als ich Fanelli vorschlug. daS Werk aufzuführen, fiel er aus allen Wollen. Er meinte, er wolle lieber etwas Neues komponieren, aber ich setzte meinen Willen durch. Die aufgeführte Sinfonie ist nur ein Teil aus einer Folge, die.Sinfonische Bilder" heißt, die jetzt alle auf» geführt werden sollen." Die vergwerftwnie« im Sonnenlicht. Man kennt daS traurige Schicksal der armen BcrgwerksponieS, di« in die Schächte hinab- geführt werden, um dort in schwerer Arbeit ihr Leben zu ver- bringen, im Dunkel, im ewigen Dunkel, denn sie bleiben bis zu ihrem Tode in den Schächten und sehen gewöhnlich das Sonnenlicht nie Wieder. ES war ein merkwürdiges und rührendes Schauspiel. als am Sonnabend in Sunderland aus der Weamouth-Orubx die zur Wehr setzte, daß ein Stillstand in der Sozialpolitik eingetreten ei. Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich feststelle, daß das ein Erfolg der antreibenden Arbeit der Sozialdemokratie ist, die der biirger- lichen Gesellschaft allmählich das Gewissen für ihre Pflicht gegen- über den Millionen von Industriearbeitern geschärst hat. Im übrigen sind wir als Vertreter derjenigen, die alle sozialen Schäden an ihrem eigenen Leibe erfahren, natürlich anderer Meinung über das Maß dessen, was geleistet ist, als die Konservativen, die in erster Linie bestrebt find, die Interessen des Kapitals hoch zu halten. Wir sind der Meinung, daß das Kapital durch die Arbeits- leistung der Millionen von Arbeitern und Angestellten allmählich in Demfchland so reich geworden ist, daß ihm großere Opscr sehr wohl zugemutet werden können.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Einen breiten Raum hat in der Debatte die Frage des kleinen selbständigen Mittelstandes eingenommen; man sagte, er ginge nicht zurück, nur bei den Handwerkern wurde ein Rückgang kon- statiert. Demgegenüber braucht man nur darauf hinzuweisen, daß die Bevölkerung von 18821007 um 36,48 Proz. zugenommen hat, während die Zunahme der selbständigen Gewerbetreibenden eine wesentlich geringere ist. Herr Dr. Oertel sprach auch für die Versicherung der Handwerker. Warum sind denn aber all die Anträge, die meine Fraktion bei den verschiedensten Gelegenheiten in der Richtung gestellt hat, abgelehnt worden? Warum hat man nicht die selbständigen Handwerker und die kleinen Gewerbetreibenden mit einbezogen in die soziale Versicherung deS Deutschen Reiche«. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Warum haben Sie da- mals, als es galt, durch die Tat Ihre Mittelstandsfreundlichkeit zu beweisen, unseren Antrag abgelehnt?(Sehr gut! bei den So- zialdemokraten.) Der Staatssekretär meinte, der neue Mittelstand könne nicht als ein Sttefkind der sozialpolitischen Gesetzgebung behandelt werden. Große Massen des Mittelstandes aber sind in der Tat außerordentlich kümmerlich durch die Gesetzgebung berücksichtigt worden. Die Bureauangestellten der verschiedenen Branchen hat man bislang völlig ignoriert, obwohl der Reichstag schon mehr- fach in einstimmig angenommenen Resolutionen die gesetzliche Regeluug der Berufsverhältnisse dieser wirtschaftlich und sozial äußerst schlecht gestellten Berufsgruppen gefordert hat.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Herr Delbrück verwies auf das PensionSgesetz. Daß dies Gesetz nur eine Art Angstprodutt vor den RcichStagswahlen gewesen ist, wird keiner bestreiten können, und auch die Privat« angestellten find sich über die eigentlichen Mottve dieses Schnell- schachers durchaus klar. Die Versicherung der Privatangestellten wurde von der Rechten und den, Zentrum vor allem aus parteipolitischen Er- wägungen so beschleunigt. Es war eine Art parteipolittscher Prophylaxe, man wollte verhindern, daß auch die Privatangestellten, die infolge der Industrialisierung und des Vordrängen« der Groß- industrie von Jahr zu Jahr an Zahl zunehmen, auch fast restlos der Sozialdemokratie folgen, wie das bei der Jndustriearbeiterschast der Fall ist. Es ist eigentlich kein neuer Mittelstand, sondern mehr ein neuer mittelloser Stand.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten), der durch die wirtschaftliche Entwickelung ge- schaffen ist. Der Name ist hier wirklich Schall und Rauch. Es be- steht durchaus kein gemeinsames Interesse zwischen diesen Angestellten und Unternehmern, sondern sie werden genau so ausgebeutet, wiedieJndustriearbeiter. Kollege Marquart sang das hohe Lied der Erhaltung des sozialen Friedens zwischen Privatangestellten und Unternehmern; aber das Verständnis für den sozialen Frieden ist aber nur so lange vor- Händen, als die Angestellten sich jede Ausnutzung durch das Unter- nehmcrtum widerspruchslos gefallen lassen. Wie weit diese geht, das beweisen die sogenannten Eheveriote, wonach der Privatangestellte, wenn er eine Ehe eingehen will, erst die Erlaubnis des Arbeitgebers einholen muß, die bei dem Kattowitzer Jndustriewerk z. B. verweigert wird, wenn das Gehalt nicht ausreicht, wenn der betreffende eine Polin heiraten will oder die Frau nicht als Beamtenfrau anerkannt ward.(Lebhaftes Hört! hört! links.) Solche ungeheuerliche Ein- griffe in ihre persönliche Freiheit werden von den Angestellten auf das bitterste empfnnden. Auch die Dienstordnungen unter- scheiden sich in ihrem rücksichtslosen Hinwegschreiten über die persön- lichen Rechte und Empfindungen der Angestellten vielfach in garnicht« von den Arbeitsordnungen für die Industriearbeiter. Der Angestellte muß jeden Befehl eines Vorgesetzten unbesehen ausführen, auch wenn e« der blühendste Unsinn ist. DaS ist die Urbertragung des preußischen Militarismus ans das Dienstverhältnis der Angestellten. Von der tt o n k u r r e n z k l a u s e l sprach der Staatssekretär nur hinsichtlich der kaufmännischen Angestellten. Aber ebenso rück- Ponies ans Tageslicht geschafft wurden. Wearmouth ist die tteffte Grube Großbritanniens , und in den dunklen Schächten des Kohlen» Werkes fristen jahraus, jahrein 4 500 Pontes ihr Leben. Seit Jahren haben sie kein Tageslicht gesehen, und als sie jetzt wieder aus der Finsternis zum Licht emporstiegen, zeigten viele von ihnen Zeichen der Angst und des Schreckens: sie fürchteten sich vor dem Sonnenlicht. Eine stattliche Anzahl der armen Tiere lebt bereit« seit zwanzig Jahren im Schacht. Aber nicht alle hatten vergessen, was das Sonnenlicht ist: die jüngeren, die noch nicht so lange in die Tiefe verbannt tvaren, begrüßten mit frohem Schnauben den Tag und wälzten sich übermütig am Boden. Sie hatten die schönen Tage ihrer Jugend noch nicht vergessen, waren noch nicht stumpf geworden wie die anderen älteren Tiere, die sich im Wandel der Jahre allmählich der ewigen Finsternis angepaßt hatten und nun vor den Sonncusrrahlen zitterten. Doch ob jung oder alt, jedem von ihnen hat die Grube ihren Stempel aufgedrückt: In der Dunkel- heit haben ihre Augen gelitten, und sie vermögen im hellen Lichte des Tages nicht mehr deutlich zu sehen. Notizen. Vorträge. Im Hörsaal der Urania in der Tauben- straße findet am Freitagabend, 8 Uhr, der zweite Vortrag über Naturdcnkmalpflege statt. Prof. Eckstein spricht über den Schutz der einheimischen Tierwelt. Rochus v. L i l i en c r o n, ein fruchtbarer Sammler vnd hervorragender Herausgeber, ist im 92. Lebensjahre in K o b l e n z gestorben. Er war der Herausgeber der.Allgemeinen Deutschen Biogravhie", jenes großen Unternehmens der bayerischen Akademie, worin das Leben aller Hervorraaenden Deutschen dargestellt werden sollte. Unter seinen sonstigen Arbeiten steht die Sammlung.der historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrhundert" an erster Stelle. L. war ein Onkel de» Dichters Detlev von Liliencron . Die Strindbergspende. Die Nationalspende, für die in ganz Schweden gesammelt wurde, ist Auflnst Strindberg im Betrage von 45 000 Kronen überreicht worden. An der Spitze der Deputation, die eine Adresse überbrachte, stand Genosse Hjalmar Branting . Strindberg beabsichtigt, einen Teil der Summe alsbald für humanitäre Zwecke zu verwenden. Der Bierbrauer a l s Heldentenor. Ein ehe- maligcr Kölner Bierbrauer, der noch im Herbst hinter dem Schank- tisch saß, hat am Aachener Stadttheater einen außergewöhnlichen Erfolg als Siegmund in derWalküre " errungen. Der Sänger hatte bis zu seiner Entdeckung nie Gesangsunterricht gehabt. Neue Entdeckungen in Pompeji . Wie auS Pompeji gemeldet wird, haben die vor zwei Monaten begonnenen Ausgrabungen zur Entdeckung eines neuen wichtigen Teiles der vergrabenen Stadt geführt. Man hat auch Inschriften von größtem historischen Wert und reiche Schätze antiker Kunst gefunden.