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Nr. 65. 29. Jahrgang.

1. Beilage des Vorwärts " Berliner Volksblatt. Sonntag, 17. Mär 1912.

Damals und

heute.

Wieder, wie jedes Jahr, tritt Deutschlands Arbeiterklasse ruhig die Waffen überließ und sich in den Dornröschen- Die Arbeiterklasse endlich hatte sich als Klasse noch nicht an die Gräber der Märzgefallenen und senkt grüßend ihre schlummer der Frankfurter Nationalversammlung hinein- gefunden. Das Wort Klassengegensätze," schildert Stephan Fahnen vor den Toten der deutschen Revolution. schwaste. Mit alledem ist nicht gesagt, daß die Wortführer Born in seinen interessanten Erinnerungen eines Achtund­Das ist nicht etwa ein revolutionär- theatralischer Schnick- dieser Klasse, fast ausschließlich den liberalen Berufen des vierzigers die Verhältnisse, hatte damals, an den wirklichen schnack, sondern es steckt ein tiefer Sinn darin, hat doch die Advokaten und Professors entstammend, nicht viel gescheidtere Zuständen Deutschlands gemessen, kaum eine Berechtigung. Arbeiterklasse und sie allein das Erbe jener Achtundvierziger und vor allem gebildetere Männer waren als ihre Nachtreter Wenn man wenige Gewerbe, die der Maschinenbauer, der angetreten, nicht um es gleich den fortschrittlichen Epigonen von heute. Mit alledem ist auch nicht gesagt, daß Deutschland Buchdrucker und noch einige andere ausnahm, so gab es wohl unwürdig zu verschleudern, sondern um es mehrend zu ver- gänzlich einer Großindustrie und einer Großbourgeoisie ent- Arbeitgeber und Arbeitnehmer, der Meister aber war in der walten. Aber uns Sozialdemokraten ist die Weltgeschichte behrte. Am Niederrhein , wo am Ausgang des achtzehnten Regel nichts anderes als ein ehemaliger Gefelle. In den nicht etwa ein Herbarium, in dem wir blättern und uns Jahrhunderts der unstete Weltwanderer Georg Forster die Köpfen herrschten dabei noch die Vorstellungen von den ver­- heute an den getrockneten und gepreßten Märzveilchen des Tätigkeit eines nie geahnten Gewerbefleißes staunend be- schiedenen Standesstufen, die aus dem Zunftwesen in die Zeit Jahres 1848 finnig ergößen, sondern ein klar sprudelnder obachtet hatte, rauchten Schlote und dröhnten Maschinen, die der Gewerbefreiheit sich hinübergerettet hatten..." So Quell ist sie, aus dem wir immer wieder Erkenntnis schöpfen sich neben denen Englands sehen lassen konnten, und hier saß haben wir im Jahre 1848 ein Proletariat, das über sich am für neue Tat. Am besten ehrt die Kämpfe der Vergangenheit, auch eine großbourgeoise Opposition, die der Berliner Re- Himmel keine klaren ewigen Sterne, sondern wehende Wolken wer aus ihnen für die Kämpfe der Gegenwart und Zukunft lernt. gierung die kräftigsten Schalmeientöne blies. Freilich ahnte sah und das unkundig war der Richtlinien der Entwickelung. Das bunte Durcheinander des Revolutionsjahres mit man hier, wo zum erstenmal in Deutschland ein modernes Aber was trotz allem dieses Proletariat weit hinaushebt über seinem Chimborasso von papiernen Resolutionen und Pro- Proletariat zu größeren Klumpen sich zusammenballte, am die beiden anderen Klassen, ist der stürmische Idealismus und grammen, mit seinem Stimmengewirr von Parlamenten und ersten etwas von der sozialen Revolution, die hinter der der revolutionäre Elan, mit dem es sich überall, wo die Fahne Volksversammlungen löst sich in die großen Linien alles welt- politischen lauerte, und vom allgemeinen, gleichen, geheimen der Freiheit weht, auf die Barrikaden wirft, auch hier aus­geschichtlichen Geschehens für den, der es unter dem Gesichts- und direkten Wahlrecht wollten diese rheinischen Liberalen genutzt von der eigensüchtigen Bourgeoisie, die 1848 die Ar­winkel des Klassenkampfes betrachtet. In der Macht seßhafte nun schon gar nichts wissen. Noch unverhüllter zeigte sich der beiter genau so als Kononenfutter auf dem Schlachtfeld der Klassen, nach der Macht hungernde Klassen, noch nicht zum reaktionäre Kern dieser Industriefeudalen, als sie mit den Revolution verbrauchte, wie sie sie allezeit als Kanonenfutter Bewußtsein ihrer selbst erwachte Klassen sie waren es, die Märzministern Camphausen und Hansemann zur auf dem Schlachtfelde der Industrie verbraucht hat. in scharfem Streit die Waffen gegeneinander trugen, und Macht gekommen zu sein wähnten. Man muß, um den Heut haben sich die Dinge von Grund auf gewandelt. zwar waren es dieselben Klassen, deren Gegensatz und Kampf reaktionären Stumpffinn und den skrupellosen Volksverrat Das Junkertum treibt gewiß noch dieselbe Gewaltpolitik wie noch in den politischen Ereignissen unserer Tage sich ausdrückt: dieser Sippe kennen zu lernen, die Briefe lesen, die während damals, aber was 1848 entschlossen und folgerichtig war, ist Junkertum, Bourgeoisie und Proletariat. seiner kurzen Ministertätigkeit Camphausen an Friedrich heute dumm und tolpatschig. Gegen die Demokraten von Die Bourgeoisie des Jahres 1848, die den Anstoß zu Wilhelm IV. schrieb: da ist immer wieder die Rede davon, 1848 halfen Soldaten, aber die Millionenheere der modernen einigermaßen entschlossenem Handeln erst von Paris her er- daß man den Schwerpunkt aller parlamentarischen Macht in Arbeiterklasse lachen der Maschinengewehre, so wie ein guter halten mußte, war freilich keine Bourgeoisie nach englischem die Erste, vom König zusammengetrommelte Kammer legen Schüße mit neuer Flinte des Armbrustbewaffneten lacht. Die oder französischem Muster: keine Industrieherrenkaste, die müsse und das waren bourgeoise Minister von der Re- Arbeiterbewegung von heute läßt sich mit den schönsten ausgedehnte Arbeiterheere kommandierte und die Anwartschaft volution Gnaden!

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es

Schrapnells und Kartätschen nicht aus der Welt schießen, und auf die unbeschränkte Herrschaft von morgen in der Tasche Da zeigten sich im Guten wie im Schlechten die preußi- außer den Junkern empfindet darüber niemand mehr Miß­hatte, sondern es war im wesentlichen ein ängstliches, vor schen Junker des Jahres 1848 doch als andere Kerle, die fest behagen als die Bourgeoisie, die längst ihre kleinbürgerlichen politischem Luftzug sorgfältig behütetes Kleinbürgertum, bei und stramm in ihren Stiefeln standen. Das Junkertum ist Kinderschuhe ausgetreten und sich damit auf die Seite der dem eben der Quirl des Kapitalismus zu rühren begonnen die einzige Klasse, die im Jahre 1848 eine folgerichtige und Reaktion geschlagen hat. Junkertum und Bourgeoisie hatte, und das eben deshalb aus seiner beschaulichen Ruhe entschlossene Politik betrieb. Mochten selbst die Potentaten sind beides Klassen, denen nur mehr die Vergangenheit und aufgerüttelt war. Schwankend zwischen den beiden entgegen- beim Wehen der Märzwinde wie Trauerweiden hin und her kaum noch die Gegenwart gehört: die Arbeiterklasse aber ist gesetzten Polen rebellischen Trotzes und kazenjämmerlicher schwanken, die Junker hielten das Auge fest auf das Ziel ge- die Klasse der Zukunft, und sie hat gelernt, daß es die Tat Feigheit, war diese Klasse wie keine andere befähigt und be- richtet und waren weniger darauf bedacht, auf die Tribüne und nicht das Wort ist, die entscheidend in die Wagschale der fugt, eine spezifisch deutsche Revolution zu machen: mit allen der Parlamente als an das Zündloch der Kanonen zu kommen. Geschichte fällt. Anders führt heute die Arbeiterklasse ihren Kompromissen und allen Halbheiten, mit aller Scheu vor Wie Bismarck damals, der rote Reaktionär", mit auf- gewaltigen Kampf um die Freiheit, weit umfassender ist das wirklich revolutionären Taten und aller Ehrfurcht vor über- gestürmter Bauernhaufen zur Niederwerfung der Re- Biel und andere Wege führen dahin. Aber die damals Ge­liefertem Firlefanz. Nur in dem kleinbürgerlich zurück- volution nach Berlin eilen wollte, so wußten sie samt fallenen haben mit ihrer Tat den Kampfplak, auf dem wir gebliebenen Deutschland , das eine Idylle mit friedlich grafen- und sonders die Gewalt als den wesentlichen Faktor der unsere Schlachten schlagen, frei gemacht.

den Lämmern gewesen wäre, wenn nicht die Raubtiere der Politik einzuschätzen, und da der Erfolg ihnen recht gab, Und so grüßt heute durch die Tat Deutschlands Arbeiter­Despoten und Junker darin gehaust hätten, war eine Re- waren die altpreußischen Flüche, mit denen Wrangels klasse die Toten der Revolution: wie Flammenstöße, angefacht volution möglich, die freiwillig darauf verzichtete, positive Grenadiere die preußische Nationalversammlung unter Kolben- zu ihren Ehren, leuchtet der Brand im rheinisch- westfälischen Macht in Gestalt von Flinten und Kanonen hinter sich zu stößen auseinandertrieben, schwerwiegender als alle parla- Rohienrevier zu den stillen Schläfern im Friedrichshain scharen, sondern die ihren Feinden und Widersachern seelen- mentarische Schönrednerei vorher und nachher. hinüber.

Thr seid die Kraft.

Der Wasserfall, die Wucht der Welle, Der Sturzbach und der rasche Wind, Gezeitenspiel und Stromes Schnelle Sind Kräfte, die uns dienstbar find. Doch schafft auch Werke, ungeheuer, Der Mächtigen gebannte Wut, Noch ist's ein Nichts vorm Kräftefeuer, Das in der dunklen Kohle ruht. Noch schwache Kinder sind und Zwerge Sie vor dem schwarzen Stein der Berge.

In jeder Form muß er uns dienen, In ihm ist aller Kräfte Sit,

Er treibt Titanen von Maschinen, Er zeugt im Wechselstrom den Blik, Er läßt die Eisenbahnen rasen, Die Dampfer rauschen um die Welt, Er wird zu Licht, zu glühnden Gafen, Er schmilzt das Erz und düngt das Feld, Er wandelt sich ins Mark der Garben, Doch auch in Gold- und Purpurfarben. Die Sonnenkraft, die in den Pflanzen Der Rohlenzeugung Wunder baut, Der Lebenswirkertrieb des Ganzen Hat sich dem schwarzen Stein vertraut.

In ihm gehäuft in Jahrmillionen Harrt still der Auferstehung fie.

Wer wedt fie aus dem Schlaf der Drohnen Zu fürchterlicher Energie?

Wer gräbt fie aus der Nacht der Schächte? Ber macht dem Menschen fie zum Knechte?

Der Bergmann. Er trägt zu ihr nieder Zief in der Erde heißen Schoß Die täglich nen zerschundnen Glieder Und schlägt vom Block die Stüde los. Der Sonne fern in dumpfer Enge, Die Grubenlampe umgehängt, Ift er gebückt mit dem Gezänge In feuchten Steinfarg eingezwängt. Und wirklich, wenn die Wetter krachen, Wird ihm zum Sarg der finstre Rachen.

So macht den Menschen zum Gebieter Der Erde er und stolz und groß. Und was gibt ihm die Menschheit wieber? Proletenbrot, Lohnstlavenlos!

Kein Geld häuft sich in seinen Säden Und nie wird er ein reicher Mann. Für alle Mühfal, alle Schrecken, So viel nur, daß er leben lann. Und das nicht einmal wollen geben Sie, die von seiner Arbeit leben.

Sie, die nicht in die schwarzen Felsen Der Stollen steigen, sic, die nie

Den fleinsten Stein vom andren wälzen, Sie sind die Grubendespotie. Sie schmelzen um die dunklen Steine Zu lautrem Gold, fie machen Geld Daraus und häufen Kassenscheine Auf Kaffenscheine, Herrn der Welt. Für sie nur schaffen im Geschäfte Der Kohle Zaubersonnenkräfte . Nur ihnen baut der schwarze Demant Bruntschlösser und Paläste auf. Und wundert sich darüber jemand, So heißt's: Das ist's der Weltenlauf; Wir sind die Herren, wir diktieren Die Preise, das ist unser Recht, Wie wir die Löhne reduzieren;

Wir sind die Herr'n, du bist der Knecht; D'rum fordre nicht und sei zufrieden Mit dem, was dir von uns beschieden.

Reißt aber die Geduld der Menge, Verflucht sie Fron und Sklavensinn Und legt laut murrend das Gezänge Dem Sklavenvogt zu Füßen hin Und rüstet sich, fed zu erzwingen Ihr gutes Recht, dann strömt herbei, Sie nieder mit Gewalt zu ringen, Gendarm, Soldat nnd Polizei. Die heil'ge Ordnung hat beleidigt, Wer gen den Herrn den Knecht verteidigt. So wird es sein, so lang geschlossen Der Bergmann nicht zum Bergmann steht. Zersplittert, korrumpiert, verdroffen, Bleibt Stlave er und bleibt Prolet. Seid einig drum und cure Stärke Wird gleich der Kraft der Sonne sein, Die vieler Jahrmillionen Werke Geschlossen in den schwarzen Stein, Seid einig wie der Kohle Feuer,

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Wird eure Kraft sein ungehener!

Seid einig! Alle Kräfte ruhen,

Weckt eure Hand die Urkraft nicht. Holt ihr sie nicht aus dunklen Truhen, Steht die Bewegung, lischt das Licht; Die Räder hören auf zu rollen, Die heilge Ordnung bricht und birst, Ohnmächtig wird des Kriegsgotts Groffen Und schwach wird selbst der stärkste Fürst. Owüßtet ihr's, daß Weltgewalten Die schwiel'gen Bergmannshände halten! D, wüßtet ihr's, ihr alle, alle, Borbei wär jede Sklaverei! Wär't einig ihr, ihr alle, alle, Anbräch der Weltenfriedensmai, Und allen flöß der goldene Regen, Den jest nur wen'gen ihr erschafft, Und allen brächte gleichen Segen Der schwarzen Steine Sonnenkraft! D, wär't ihr einig welche Wonne! Uns allen gäbet ihr die Sonne!

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Richard Wagner .