Kr. 114. 29. ZahkMS. 1. Sdliijie to.Amiirls" getlintt WllisblM Somtabend, 18. Pal 1912. Reichstag 64 Sitzung. Freitag, den 17. Mai 1912, nachmittags 1 Uhr. Lim BundeSratStisch: von Bethmann Hollweg , Von Kiderlen-Waechter , Lisco. Auf der Tagesordnung stehen zunächst Kleine Anfragen. Aög. Colshorn Weife) fragt nach dem authentischen Wortlaut der Kundgebung deS Kaisers an den Bürgermeister von Straßöurg. und ob der Reichskanzler den authentischen Wort- laut bekannt zu geben in der Lage i st, und die v e r- fassungsmästige Verantwortung für die Kundgebung übernimmt. Reichskanzler v. Bethmann-Hollwcg: Ich werde zu der An» gelegenheit bei der unmittelbar bevorstehenden Beratung meines Etats sprechen. Abg. Dr. Quarck(Soz.) fragt, ob der Reichskanzler darüber Auskunft geben will, ob nach dem Vorgange Frankreichs nun- mehr auch der Abschluß einer Literaturkonvention zwischen Deutschland und Rußland zu erwarten steht. Gcheimrat Lehmann: Ueber den Abschluß einer Literaturkonven- tion zwischen Deutschland und Rußland sind gegenwärtig VerHand- l u n g e n im Gange. Es folgt die Beratung des Etats des Reichskanzlers. Hierzu liegt ein Antrag Bassermann und Genosten(natl.) vor, der Reichskanzler möge darauf hinwirken, daß die den Staats- bürgern zustehenden Vereins- und Versammlungsrechte nicht seitens der Landespolizeihchörden durch allgemeine polizeiliche Bestimmungen und Anordnungen in einer dem Wortlaut und dem Geiste des Gesetzes widersprechenden Weise eingeschränkt werden. Präsident Kaempf schlägt vor, zunächst die Frage der inneren Politik zu behandeln und dann erst die der äußeren Politik in Verbindung mit der Beratung des Etats des Auswärtigen Amtes. Diesem Vorschlag wird zugestimmt. Abg. Schcidcmann(Soz.): Undank ist der Welt Lohn und speziell auf dem Gebiet der Politik kennt man Dankbarkeit nicht. Ein neuer Beleg hierfür liegt in der Tatsache, daß wir Sozialdemokraten auch in diesem Jahre die für den Reichskanzler verlangten 100 000 M. n i ch t b e« willigen können. Sie werden zugeben, daß wir Sozialdemo» krnten mit den Ergebnissen der Politik des Reichskanzlers a m meisten zufrieden sein können. Sein Name wird in der Geschichte fortleben, als der Nanie des Mannes, unter dessen Regime die Sozialdemokratie bei den Wahlen mehr als 4'/« Millionen Stimmen zählte, unter dessen Regime wir Sozialdemokraten in dieses Haus in der Stärke von 110 Mann einziehen konnten. Sie werden begreifen, daß wir unter diesen Umständen für den Reichskanzler eine Art Zärtlichkeit empfinden(Heiterkeit) oder empfinden könnten, wenn wir nicht wüßten, daß die Ergebnisse seiner Politik fatalerweise genau das Gegenteil von dem waren, was er erreichen wollte.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) In der Geschichte der Parteien geht es ebenso wie im Kriege nicht immer so. wie die Feldherren es wünschen. So wurhe denn auch der 12. Januar ein sehr kritischer Tag für den Reichskanzler. Wir haben uns gefreut, daß damals auch dieser Mcdina Sidonia einen gnädigen Philipp gesunden hat. Wenige Tage nachher war der Reichstag freilich in einer nierlwürdigen Situation. Es wurde ein Etat vorgelegt, in dem das Gehalt für den Reichskanzler verlangt wurde. Es war auch zweifellos, daß die Mehrheit eS bewilligen würde; denn welchem Reichskanzler würden Sie das Gehalt nicht bewilligen I Zweifelhast war nur, für welche Person es bewilligt würde. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Aber die Wolken verzogen sich; sie zerteilten sich unter der ewigstrahlenden Sonne vonKorfuund mit großem Vergnügen konnten wir in den illustrierten Zeitungen das strahlende Gesicht eines treuen Dieners sehen, der sich in dem Bewußtsein freute, daß ihm die Gunst seines Herrn erhalten blieb, und mit noch größerer Freude lasen wir in der.Norddeutschen Allgemeinen Zeitung'', daß aus der Insel des Odysseus mit Liebe und Sorgfalt eine passende Schlaf- gelegenheit für den Reichskanzler besorgt wurde.(Heiterkeit.) Mir will es aber scheinen, daß in einer kritischen Zeit, wie der unsrigen, das Vertrauen des kaiserlichen Herrn zu wenig ist, wenn man der Mann deS allgemeinen Mißtrauen? ist.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Keine Partei nehme ich davon aus, nicht eine ist hier, die dem Reichskanzler rückhaltlos ihr Vertrauen aussprechen würde. Nach der Auffassung des Reichs- kanzlers allerdings von der Regierung, die über den Parteien steht, könnte dieser Umstand als Beweis dafür angesehen werden, daß er sich auf dem richtigen Wege befindet. Die Kunst. eS keinem recht zu machen, wäre nach dieser Theorie der Inbegriff der höchsten Staatskunst. Unser früherer Kollege, jetzt der Kollege des Reichs- kanzlers, der Freiherr v. H e r t l i n g. hat freilich eine andere An- schauung. Er sagte bei seinem Antritt in der Zweiten Bayerischen Kammer:.Wir wollen und können nur auf das V e r t r a u e n der Mehrheit gestützt die Regierungsgeschäfte führen." Schwerer als unter dem heiteren Himmel Griechenlands und schwerer als bei der bayerischen Gemütlichkeit lasten allerdings unter unserem unfreundlichen Himmel die Sorgen auf dem Reichskanzler. Wenn wir bedenken, wie er auf dem Felde der inneren Politik so manches, was er wollte, hat schief gehen sehen, und wie auch auf dem Gebiete der auswärtigen Politik, auf welchem wir infolge der verschleiernden Künste der Diplomatie weniger klar sehen, eS ebenso gehen könnte, so könnte uns ein banges Grausen erfassen. Wenn der Reichskanzler zweifellos die Erhaltung des Friedens und die Verständigung mit England wünscht, so hoffen und wünschen wir. daß er hier mehr Erfolg haben möge, wie auf dem Gebiete der inneren Politik. Anzeichen fenug liegen allerdings vor, daß auch da es nicht so geht, wie es oll. Von der angekündigten ... BerständigungSaktion mit England) haben wir feit Jahren nichts mehr gehört, desto intensiver haben wir uns hier mit R ii st u n g s v o r l a g e n beschäftigen müssen, die daS genaue Gegenteil davon bedeuten.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wenn man jetzt den neuen Botschafter in London als den Mann predigt, von dem alles Heil kommen soll, so erinnert daS in unheimlicher Weise au gewisse frühere Vorgänge. Wir sind weder überzeugt, daß die deutsche Balkanpolttik eine glückliche war. noch sind wir bereit, dem Frhrn. v. M a r s ch a l l für seine englifche Mission Vorschußlorbeeren zu spenden. Wenn wir sehen, waS Frankreich in Marokko und Italien in Tripolis erleben, so wird unS bange für das, was der neue Botschafter in London alS Morgengabe der deutsch -englischen Ver- ständigung nach Hause bringen soll. Wir wünschen die Berständi- gung um ibrer selbstwillen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozial» demokraten.) Präsident Kaempf bittet den Redner, jetzt nicht über Fragen der auswärtigen Politik zu sprechen. Abg. Schridemann(fortfahrend): Ich wollte nur diese paar Worte sagen und komme wieder in tzit eigene Häuslichkeit zurück. Hier können wir mit der Freude, die man als die reinste bezeichnet, feststellen, daß die Früchte gegenwärtigen Regierungsbemühungen fast ausschließlich unserer Partei zugute gekommen sind. Nicht nur, daß die Wahlen ganz entgegengesetzt den Intentionen der hohen Obrigkeit ausgefallen sind(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.), nicht nur, daß der Reichstag trotz seiner Bewilligungsfreudigkeit doch nicht immer so will wie die hohe Obrigkeit— auch die dem Reichskanzler nachgeordneten Stellen fangen ja an unbotmäßig zu werden. Wir haben die Herren v. L i n d e q u i st und Mermuth gehen sehen, und wir haben sagen hören von ironischen Leuten, daß die starke Persönlichkeit des Reichskanzlers selbständige Naturen in s einer Nähe nicht verträgt.(Große Heiterkeit links.) Wir haben dann das BerichtignnzSspicl erlebt und daraus den Schluß ziehen müssen, daß tiefgehende Un- st im m i g k e i t e n in der Regierung vorhanden sind. In dem Kanzlernckrolog wird der Geschichtsschreiber allerdings Herrn v.. Bethmann zugute halten müssen, daß es nicht leicht ist. in einer Zeit des Ucberganges eine klare, zielsichere Politik zu niachen. Daß wir in einer Zeit des Ucberganges leben, daran besteht kein Ztoeifel. Alte Autoritäten werden baufällig, neue Ansprüche werden gestellt, und Herr v. B e t h m a n n hat die Aufgabe, das Alte zu halten, Wankendes zu stützen und Leichen ein- zureden, daß noch Leben in ihnen ist.(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Er befindet sich im Widerspruch mit den Empfindungen des ganzen Volkes, das von diesem Hause ertvartet, daß es sich eine seiner Bedeutung entsprechende Stellung verschafft, nötigenfalls erkämpft.(Lebhafte Zustimmung bei den So- zialdcmokraten.) Die Aenderung der Geschäflsorduung, durch die wir das Recht bekommen haben, auszusprechen, daß der Reichskanzler in bestimmten Fällen so gehandelt hat, wie cS der Anschauung des Reichstages entspricht oder nicht entspricht, gibt dem Reichstage eine solche Stellung nicht. Sie wird zunächst nur die Ohnmacht dieses Hauses feststellen, die Ohnmacht, die darin besteht, daß das Haus zwar die Nichtübereinstimmung seiner Wünsche mit dem Reichskanzler ausspricht, daß es aber nicht sich die Kraft zutraut, hinter seinen Aussprüchen auch den nötigen Willen zu setzen, um die Dinge zu ändern. Sie stehen vor der Wahl, ob Sie diesen Weg einschlagen wollen oder nicht, ob Sie das HauS zum Fassen konscquenzenloser Resolutionen erniedrigen, oder ob Sie hinter den Willen auch die Tat setzen wollen. Schrecken Sie vor diesem zweiten Wege zurück, so werden Sie sich klar machen muffen, daß Sie über kurz oder lang Platz machen mnsien entschlosseneren Männern, die bereit sind, nicht allzulange nach der Errichtung derRe publik China auch Preußen-Deutschland zu einem modernen Staatswesen zu machen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten, große Unruhe rechts.) Auch an einer zweiten Stelle ist das Reichssystcm morsch, auch hier bereitet sich ein Uebergang vor: auf dem Gebiet der Finanz- Politik. Auf diesem Gebiet müssen Sie wohl zugestehen, daß Sie am Ende Ihres Lateins angekommen sind. 1906 hatten wir eine Finanzrcform, 1009 hatten wir eine Finanzreform und 1912 haben wir wieder eine Finanzreform. Alle drei Jahre neue Stenersorgen und neue Steuerkämpfe. Vom rein agitatorischen Ge- sichtspunkte aus werden Sie zugestehen, daß wir damit e i n v e r» standen sein können. Wir fahren dabei nicht schlecht. Trotzdem sind wir nie erlahmt, Sie darauf hinzuweisen, wie Sie die Finanzen auf gesunde Füße stellen können. Wir haben Ihnen andauernd Vorschläge zur Sparsamkeit gemacht und haben Ihnen direkte Steuern empfohlen. Sie sind nie darauf eingegangen. Die neue Heeresvorlage erfordert wieder große Summen. Sie haben jetzt nicht den'Mut, wieder mit einer neuen indirekten Steuer zu komme». Selbst zahlen wollen Sie auch nicht. Deshalb haben Sie Herrn Mermuth über den Stock springen lassen und machen jetzt in der Kommission und in den Zirkeln und Konventikeln hinter der Kommission statt einer neuen indirekten Steuer in verschleierter Weise eine Verstärkung einer bestehenden(Lebhafte Zustim» mung bei den Sozialdemokraten), und dann hat man den Mut, das Volk zu belügen, als handle eS sich bloß um die Abschaffung der Liebesgabe. Präsident Kaempf: Ich kann nicht zugeben, daß Sie daS HauS beleidigen, indem Sie ihm Lüge vorwerfen. Abg. Scheidemann(fortfahrend): Ich habe gesagt, man belügt das Volk. Niemand wird mir zutrauen, daß rch das hohe Haus beleidigen werde.(Heiterkeit.) Das schlimmste Mißgeschick des Reichskanzlers wurzelt aber nicht im Reiche, sondern auf einem anderen Gebiete seiner viel umfassenden Tätigkeit. Das Schicksal hat ihn dazu bestimmt, Konservator von Altertümern zu sein, und die Geschichte wwd ihn bezeichnen als den Mann, der die preußische W a h l r e f o r m auf die lange Bank geschoben hat. Wir haben daS Wort von der Entwickclung gehört, die nicht stille steht, das Wort von den Aufgaben, an deren Erfüllung daS Volk denkt. Wir haben aber alle auch daS Wort vor Augen von der „wichtig st en Aufgabe der Gegenwart", von der die Thronrede spricht. Ich weiß ja, wie sehr man eS einem ver- übelt, wenn man an Versprechen erinnert, die nicht gehalten sind. Die Verurteilung eines solchen Verhaltens mag die Form, in der sie geschieht, noch so schlimm sein, ist aber lange nicht so schlimm, wie das gekennzeichnete Verhalten selbst.(Lebhaste Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wenn auch so milde wie möglich, so muß doch festgestellt werden, daß auf feierliche Ankündigungen keine Taten gefolgt sind. Es liegen Versprechungen bor , die nicht erfüllt sind, eS besteht eine Ehrenschuld, die bisher nicht eingelöst ist.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Reichskanzler hat sich als wenig einsichtsvoller Staatsmann gezeigt und auch als ein wenig guter Diener der Krone, als der er doch dastehen will. Wir find heute so weit, daß das Volk nichts mehr auf Ver» sprechungen gibt, daß eS das Vertrauen verloren hat und nichts mehr von oben erwartet, sondern es erwartet alles nur noch von semer eigenen Entschlossenheit.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Während man sich in Preußen unter arger Schädigung auch der Interessen der Krone an das Alte klammert, gibt es wohl in keiner Partei einen Menschen, der sich einbildet, die jetzt bestehenden Zustände aufrecht erhalten zu können. Eine Thronrede hat die Wahlreform versprochen; d a s Volk verlangt sie leidenschaftlich; die Regierung hat wenigstens einen Teil des bestehenden Systems als ungerecht an» erkannt und durch ihre Borlage zu beseitigen versucht; die K o n« servativen sogar, die preußischen Konservativen— Sie wissen, was das bedeutet— haben anerkannt, daß hie und da geändert werden müsse und haben für die Beseitigung der indirekten Wahlen bei den Wahlmännerwahlen sich aus- gesprochen. Trotz alledem soll jetzt so verfahren weiden, al» sei gar nichts vorgefallen. Diese Politik zu verfolgen, heißt ein frevelhaftes Spiel treiben und das Unheil geradezu herausfordern.(Sehr wahr! links.) Kein Tag vergeht, an dem nicht nur an Preußen, sondern an dem ganzen deutschen Volk durch diese unhaltbaren Zustände schwerer Schaden verübt wird. Einen typischen Fall, der uns die Schäden der preußischen und Reichspolitik zeigt, haben wir ja soeben erst in Elsaß-Loth» ringen erlebt. Aus die Denunziation der rheinisch» westfälischen Konkurrenz hm und nach dem Einlaufen geheimer Schnüffelberichte eines exzellenten Spitzels(Lebhaftes Sehr gut! bei den So�ialdemo» kraten und im Zentrum) droht die preußische Eisenbahn- Verwaltung der Grafenstadener Lokomotivfabrik init der Ent- ziehung der Aufträge, also mit wirtschaftlicher Vernichtung, wenn sie nicht einen angeblich deutschfeindlichen Direktor maßregelt, das heißt auf die Straße werfen will. Auf dem Rücken von 2000 Arbeitern, deren Kompottschüssel nicht voll ist(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten), die mit der Brotlosmachung bedroht werden, soll sich dieser schäbige Kleinkrieg abspielen. Die Arbeiter haben in der Sorge um ihre Existenz gegen das ganze Verfahren Protest erhoben. Die Zweite Kammer des elsaß -lothringischen Landtags hat sich einstimmig diesem Protest an- geschlossen. Und was geschah? Der von dem elsaß -lothringischen Parlament am schwersten getadelte und durch sein ganzes Verhalten zweifellos mit als der Hauptschuldige in dieser ganzen unglücklichen Affäre dastehende Mann, der Unterstaatssekretär Mandel, der über den Kopf des Statthalters und der ihm sonst übergeordneten Behörden die geheimen Nachforschungen angestellt und ihr Ergebnis direkt nach V e r l i n berichtet hat, wurde in ostentativer Weise durch die Verleihung deS ExzellenztitelS ausgezeichnet.(Hört! hört! links und im Zentrum.) Außerdem sind Aeußerungeu des Kaiser? bekannt geworden, daß er die elsaß -lothringische Berfassmig in Scherben schlagen werde(Hört! hört! links und im Zentrum.), daß er das ReichSland Preußen einverleiben werde.(Lebh. Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Wir begrüßen es als ein schwer- wiegendes Geständnis, daß von kompetenter Stelle au? die Ein« verleibung in Preußen angedroht wird als die schwerste Strafe(Lebhafte Heiterkeit und stürmische Zustimmung links.), die ein Volk wegen seiner Widerspenstigkeit treffen kann, als eine Strafe, die gewissermaßen gleich neben dem Zuchthaus steht, und die ja auch insofern mit der Zuchthausstrafe im Einklang steht, als durch ihre Verhängnug, d. h. durch die Einverleibung in Preußen der Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte in bezug auf das Wahlrecht ausgesprochen wirb?(Levh. Zustimmung b. d. Soz„ immer stürmischer werdende Pfui I»Rufe rechts, worauf sich die Beifallskundgebungen der Sozialdemokraten erneuern, anhaltender Lärm.) Herr Abgeordneter Graf Westarp , Sie dürfen froh fein, daß Sie nicht im preußischen Landtage sitzen und Sozial» demokrot sind, sonst würden Sie wegen Ihrer störenden Zwischen- rufe von derPolizei herausgebracht werden.(Lebhafte Heiterkeit.) Wir meinen, daß man mit solchen Drohungen, die der mit der Versetzung in die zweite Klasse des SoldatenstandeS gleich» kommt, oder mit der Versetzung in dieuntersteKIasse der Reichszugehörigkeit, nämlich der zu Preuße n, etwas weniger unvorsichtig fein sollte.(Lärmende unausgesetzte Pfui l-Rufe und Rufe„Unerhört!" rechts, starker Beifall bei den Sozialdemokraten. Großer Lärm.) Präsident Dr. Kaempf: Ich bitte, sich in Ihren Ausdrücken zu mäßigen, da sie fönst dahin führen müßten, baß ich Sie zur Ordnung rufe.(Rufe rechts: Das wäre das richtig«, eS wäre schon längst die Zeit dazu gewesen I Auszug der ReichSregiernng k Der Reichskanzler, der bisher auf seinem Eckplatz am stechten BundeSratStisch gesessen hatte, erhebt sich und schreitet eilig der Tür zu. Mitten auf dem Wege wendet er sich um und winkt den Staatssekretären und preußischen Bundesrats» bevollmächtigten, ihm zu folgen. Darauf erheben sich diese und ziehen hinter dem Reichskanzler her zum Saale hinaus. Diesem Beispiele folgen auch die nicht mehr zahlreichen BundeSratSbevollmächtigten der anderen Bundesstaaten, die auf der linken Bundesratsestrade Platz genommen hatten. ES bleiben zunächst nur einige G e h e i m r ä t e auf den Bundesrats- Plätzen, die aber, nachdem sie ihre Sachen gepackt, ebenfalls verschwinden. Der AuSzug der Reichsregierung wird von der Rechten mit Beifall, von den Sozialdemokraten mit Beifall und Heiterkeit begrüßt. Abg. Schridemann(Soz., fortfahrend): Nach dem Auszug der hohen Herren von der Regierung werden Sie sich(nach rechts) vielleicht wieder beruhigen. Die Konservative« ziehen hinterdrein! Bei diesen Worten erheben sich die Konservativen und ziehen unter großer Heiterkeit der Linken sowie unter heiteren Rufen Raus I raus I der Sozialdemokraten hinaus. Nur die Abgg. Graf v. Schwerin - Läwitz und Herr v. Normann bleiben auf ihren Plätzen. Der Abg. v. K r ö ch e r geht ebenfalls der Saaltür zu, über» legt sich dann die Sache aber und kehrt wieder auf seinen Platz zurück. Auf diesen AuSzug hin erklärt Präsident Dr. Kaempf, daß er nach der Fertigstellung dev steno- graphischen Berichts dem Abg. Scheidemann den Ordnungsruf erteilen werde, wenn dessen Aeußerungen ihn erfordern. Abg. Scheidemann(Soz. [fortfahrend]): Ich protestiere dagegen, daß eine Stelle, die nach bei Reich?» Verfassung nur ein Faktor der ReichSgesetzgebung ist, au? eigener Machtvollkommenheit eine derartige Erklärung abgibt, ohne den Reichstag und den Bundesrat zu befragen, ob sie mit einer solchen Drohung und ihrer Ausführung einverstanden sind.(Lebhafte Zustimmung.) Ich werde sicher nicht desavouiert werden, wenn ich hier zur Beruhigung der durch dir unverantwortlichen Aeußerungeu tief erregten Bevölkerung von Elfaß-Lothringen sage, daß de« eine Faktor der Gesetzgebung, nämlich der Reichstag , das, was da an» gedroht wurde, nicht mitmachen wird.(Lebhafte Zustimmung auch im Zentrum.) Ob jene Aeußerung bei den Vertretungen der süddeutschen Bundes st aaten große Begeisterung hervorrufen wird, weiß ich nicht, aber ich hätte gewünscht, daß einer der Herren, die sich natürlich dem ExoduS angeschlossen haben, nachher sagt, waS sie sich eigentlich bei der Sache denken.(Sehr gut I links.) Ich stelle fest, daß die Presse keiner Partei und keines Bundes st aateS sich mit dem einverstanden erklärt hat. was der K a i s e r i n Straßburg gesagt hat, und daß überall die lebhaftesten Proteste erfolgt sind.(Sehr wahr I) Ich bedauere, daß zu den Herren, die sich entfernt haben, auch der Abg. Dr. O e r t e l gehört, der die Verantwortung trägt für die.Deutsche Tageszeitung", an deren Kopf das Motto steht:„Für deutsche Art, für Kaiser und Reich, für deutsche Arbeit in Stadt und Land I" Diese kaisertreue und deutschnationale Zeitung fand die Worte deS Kaisers so unverantwortlich, daß sie zunächst dazu sagte: Derartiges könnte sich der deuschseind» liche„Matin" nur aus den Fingern gesogen haben. (Hört I hört I) Damit möchte ich übrigens nur den Charakter der auf der Rechten zur Schau getragenen Entrüstung beleuchten.(Sehr gut k links. Rufe: Komödie I) Ganz Elsaß-Lothringen ist aufgeschreckt und aufgescheucht, von allen Seiten erfolgen P r o t e st e, aber diel schlimmer noch ist es, daß nicht nur in Elsaß , sondern namentlich auch tn Frank» reich sehr schlimme Gesinnungen, nämlich die nationalistische Er- regung aufgepeitscht wird. ES handelt sich hier wieder um eines jener umgekehrten Meisterstücke der Politik(Sehr gut! links), durch die niemals genützt, aber an hundert Stellen geschadet wird. Die Politik ist doch ein schwierigeres Handwerk, als mancher glaubt und— als mancher gelernt hat.(Leb» hafte Heiterkeit links.) Ich will nur ganz kurz zurückkommen auf die Devatten de? November? 1908, als wir uns bedauerlicherweise auch mit de, Person des Kaiser? beschäftigen mußten. Damals sagte d-, Abgeordnete Dr. v. Hey beb ran d:«Man muß es ganz off»
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