schaften. Wenn er«nS ein günstiges englisches Urteil über die deutsche Sozialdemokratie vorgetragen hat, so bin ich überzeugt, daß auch Dr. Davids Rede morgen in der engtischen Presse günstig beurteilt werden wird. iZurufe des Abg. L e d e b o u r.) Ach, er- gänzen Sie doch bitte Ihre Lun�enkraft durch Deutlichkeit der AuS sprrache I(Heiterkeit.) Unser diplomatisches Korps stammt zum geringsten Teil aus den vermaledeiten Agrarierkreisen. Nach der Eignung zu höfischen Funktionen hat man vielleicht unter Ludwig XIV. oder XV. die Diplomaten ernannt. Zum sandten des Zukunft st aateS wird sich ja auch der Kollege Dr. Südekum besser eignen, wie zum Beispiel Herr H o s f m a n n aus dem Abgeordnetenhaus.(Große Heiterkeit,. Es wäre nicht wünschenswert, wenn alle Botschafter erst die KonsulatSkarrrere durchmachen sollten. DaS, was die Herren dort lernen, können sie auch anderswo sich aneignen. Dr. David hat ferner über die Geheimnistuerei in der auswärtigen Politik geklagt, Ich habe darüber nicht zu klagen.(Heiterkeit.) Man sollte aber mit Berichtigungen und Aufklärungen nicht zu lange warten Die Presse ist über das ihr bewiesene Entgegenkommen befriedigt, Man sollte sich auch nicht auf alle Nachrichien einlassen, die auS irgend einer unbekannten Quelle stammen. Der Dreibund hat einen hi st arischen Wert.(Heiterkeit.) Im Volke meint man— nicht hier, wo ja die erlauchten Geister beisammen sitzen(Heiterkeit),— im Dreibund seien wir nur die Gevenden. Solche Untersuchungen nützen dem Dreibund nicht, der die Gewähr seines Bestandes in sich trägt. Oesterreich-Ungarn war eine Zeitlang kühl bis zur Eiseskälte, unter Graf Berchtold scheint es wärmer werden zu sollen, Der Dreibund ist eine Sicherheit für Europa . Herrn v. M a r s ch a ll s llebergang von Konstantinopel nach England wurde in der Presse der Westmächte wie ein Komet begrüßt. Wir hoffen, daß ihn seine den Eigenschaften der Engländer ähnliche Natur befähigen wird, korrekte Beziehungen zu England aufrecht zu erhalten. Ilm solche zu erhalten, dürfen nicht bloß wir sie wünschen. Preisgeben dürfen wir kein deutsches Jntereffe, in die Rüstungen sollen sich beide Staaten gegenseitig nichts hineinreden.(Sehr richtig I rechts.) Die Haltung unserer Diplomatie zum tllrkisch-italienifchen Krieg verdient unsere volle Billigung: nur nicht zu eifrig ver- Mitteln l— In Frankreich herrscht immer noch eine recht er- hebliche Nervosität. Lesen Sie die dortigen Militürschriftsteller— da sitzt der Chauvinismus I Die letzten Ereignisse in Marokko zeigen, wie recht wir taten, davon fernzubleiben und gewissen überdeutschen Forderungen nicht zu folgen.(Hörtl hört 1 und Zustimmung bei den Soz.) Erstaunt war ich, daß Abg. Bernstein ein übrigens mir gewidmetes Anekdotenbuch über Agadir von Andrö Tandieu als Dokumentenwerk zitiert hat; wenn ich den Namen nicht richtig ausspreche, entschuldigen Sie— ich bin Sachse I(Große Heiterkeit.) Der Redner verlangt Aufklärung über den Ueberfall einer franl zöfischen Truppe auf die Farm der deutschen Firma R e n s ch hausen in Marokko. — Wir legen großen Wert auf die A u f l rechterhaltung guter Beziehungen mit Rußland . Sasonows letzte Rede war aber etwas merkwürdig, da sie von Opfern Rußlands spricht, die wir nie verlangt haben. Auch Dr. David wird nicht die Knochen eines pommerschen Grenadiers Hafür opfern wollen, Ruffland abzuhalten, die chinesische Re- publik in ihrer Entwickelung zu beeinflussen.— Abgeordneter Dr. Oertel bespricht dann die Verhaftung des Grenz lommissarS Hauptmann Dreßler von Eydlkuhnen wegen an- gcblicher Spionage, während wir eine» deshalb verhafteten Ruffen freiließen, der dabei drohte. Dreßler hineinzulegen. Hoffend lich geschieht alles, um Dreßlers Enthaflung zu beschleunige», damit die llnfreundlichkeit eines Staates gutgemacht wird, dem wir doch immer nur Freundlichkeiten erwiesen haben. (Vielfaches Sehr richtig I links.) Ach, Herr Müller- Meiningen. bei Ihnen spricht gewiß etwas Antipathie gegen Rußland mit. (Abg. Ledebour : Haben Sie denn Sympathie für den Zarismus?) Jawohl, ich habe Sympathien für alle Regierungen, die mit voller Energie die sozialistischen und nih i listi sch en B e w eg u n g e n niederdrücken.(Stürmischer Beifall rechts.— Hörtl hört I bei den Sozialdemokraten.) Keinem Deutschen darf irgendwo in der Welt Unrecht geschehe». Dazu haben wir unsere Rüstung! Chauvinismus kennt das deutsche Wesen nicht, sondern nur selbstsichere völkische Gesinnung, die wünsche ich unserem Volke I(Beifall rechtS.) Abg. Bassermann(natl.): Such der Gesandte a. D. R a s ch d a u beklagt die Bevorzugung des Adels in der Diplomatie. Da spielt eben das Geld die Hauptrolle, eS werden die größten Zu- fchüsie zum Gehalt von den Bewerbern gefordert. Die wirtschaftliche Vorbildung der Konsulaisbeamten durch Vorträge erfahrener Praktiker ist unerläßlich und wird sich wahrlich lohnen.— Daß wir immerhin in unruhigen politischen Zeiten leben, haben außer dem Reichskanzler auch die auswärtigen Minister Oester» reich-UngarnS und Rußlands erklärt. Wir dürfen nicht vergessen, daß in der Marokkoaffäre uns Oesterreich nur in be- schränktem Maß zu unterstützen bereit war. Der Redner äußert sich dann über Rußland . Frankreich und Marokko ähnlich wie der Vorredner. Einmal wird Marokko doch pazifiziert sein. Wie steht eS mit der uns zugesicherten Handelsfreiheit? Dr. David sieht immer nur Deutschland und die.Panzerplattenpatriolen' als Störenfriede an. Können Sie(zu den Sozialdemokraten) übersehen, daß hier alle bürgerlichen Parteien die Wehrvorlage bewilligt haben, die doch nach ihrer eigenen Ueberzeugung, nicht beeinflußt durch eine Hetzpresse urteilen I Tie letzten 40 Jahre sind doch an unS nicht spurlos vorübergegangen. Unser Anteil am Welt- Handel und die Unruhe der anderen ist gestiegen. Welche Aufregung, wenn heute die Nachricht kommt, daß Deutschland eine Kohlenstalion erwerben will I Die Flotte»vorläge trägt keinen' aggressiven Charakter, sie ist nur organisatorisch; anders ist es mit der HeereS- Vorlage. Churchills Rede richtet sich gegen die neue Konkurrenz, die, England nach der Vollendung des Panamakannls im Stillen Ozean zu erwarten hat.— Marschalls Verdienste in Konstantinopel müssen wir hoch anerkennen, auch sein liebenswürdiges Verhalten f gegenüber der deutschen Kolonie. Aber Vorschußlorbeeren ollten wir sein lassen, die deutsche Politik soll von der Zentrale auS orietttiert werden. Freilich kommt es auch auf den Mann an. Ein starkes Heer bleibt stets die Grundlage unserer auswärtigen Politik, die friedlich, aber zielbewußt sein soll. Dazu wünschen wir eine starke Flotte zur Verteidigung unserer Landesinteressen und eine gut durchgebildete Diplomatie.(Beifall bei den Nationalliberalen.) Staatssekretär des Auswärtigen Amtes v. Kiderlen-Wacchter: Ich kann meinen Ausführungen in der Kommission über unsere Beziehungen zu England nichts hinzufügen. Man weist immer aus „freiere" Staatswesen hin, wo mehr Auskunft gegeben werde. Am selben Tage, an dem ich in der Kommission sprach, sagte der eng- lische Premierminister fast dasselbe. Aber dort war man zu- frieden und sagte weiter nichts. Deg Schluß können Sie selber ziehen.(Heiterkeil rechts.) Lesen Sie doch mal die Haager Ver- Handlungen über oaS Seebeulerecht!(Abg. David: Ich habe gar nicht behauptet, daß Sie gegen die Aufhebung des SeebeuterechtS sindl) lieber unser Verhältnis zu Rußland hat der Reichskanzler schon gesprochen. Man sagt uns. wir sollen bei Reklaniationen erklären: So und so viel Schiffe und Soldaten haben wir, jetzt muß unsere Reklamation durchgehen!(Heilerkeit.) Wir versolge» berechtigte Reklamationen natürlich mit aller Energie, bei anderen aber sagen wir: Jetzt sei Du et»e Weite still I(Herlerleit.) Man wirst uns vor, daß wir öfter etwa« aufgeben, zumeist etwas, was u»S gar nicht gehört.(.Heiterkeit.) Bei all den Schwierigkeiten haben unsere Beziehungen zu Italien wie zur Türkei nicht gelitten. Wenn Abg. Dr.„Davids"(der Staatssekretär sagt immer Davids, über welche-Unkenntnis das Haus in Heiterkeit gerät) von einem FiaSko spricht. daS wir erlitten hätten, so will ich nur hoffen, daß er dabei sich nicht auf die wirklich unbeträchtlichen Lokalblatt-, Enthüllungen" des Herrn„spoctator" stützt, der voin Vater„germamcus" abstammt, jenes spectator germanious. (Heiterkeit.) Herr Bassermann fragte, wie eS mit den Beschwerden unserer Kanfleute in Marokko stehe. Erfreulicherweise sind in der letzten Zeit fast gar keine Beschwerden vorgekommen. Beim Fall Renschhausen find zweifellos Uebergrtffe vorgekommen. Wir haben sofort sehr energische Verwahrung bei der französischen Regierung eingelegt und wir hoffen, daß die Sache unter allen Um- ständen zu unseren Gunsten geregelt wird, weil das Recht auf unserer Seite steht. Dann ist gesagt, wir antworten nicht auf die kurzen An- fragen, nicht einmal auf die Frage nach dem Stande der Ver- Handlungen mit Holland über die Schiffahrtsabgaben; das Volk habe ein Recht, das zu wissen. DaS Volk hat aber auch ein Recht, zu verlangen, daß derartige Verbandlungen nicht durch Indiskretionen gestört werden.(Sehr richtig I rechts.) Gefragt ist dann nach der Grenzreguliernng von Neu- Kamerun. Wir haben uns über die Einsetzung einer Kommission mit Frankreich verständigt, und ich hoffe, daß sie demnächst in Bern zusammentreten wird. Viel ist auch über die Ausbildung der Diplomaten gesprochen und manche Vorschläge sind gemacht worden. Diese Frage kann im Plenum wohl kaum erledigt werden. Gewiß sollen die jungen Leute etwas Tüchtiges lernen; aber alles können sie hier nicht lernen, etwas müssen sie auch draußen lernen, sonst sind die Leute, bis sie ausgebildet sind. tot.(Große Heiterkeit.) Mit der Resolution H e ck s ch e r kann ich nicht sympathisieren. Ein gewisses Vermögen ist ja schon notwendig, wenn ein junger Mann eine höhere Schule besuchen soll. Eine Resolution H e ck s ch e r(Vp.) ist eingegangen, welche unsere Diplomaten so zu besolden verlangt, daß sie nicht mehr auf Zu- schüsse aus eigenem Vermögen angewiesen find, damit die Auswahl der Diplomaten nicht auf die vermögenden Kreise be- schränkt bleibt! Abg. Hebel(Z.) begründet die Resolution Spahn, die einen Gesetzentwurf gur Regelung der Arbeitsverhältnisse der fremdländtschen Landarbeiter verlangt. Diese Regelung ist unbedingt notwendig, lieber'/z M i lli 0 n ausländischer Arbeiter ist bei uns während des Sommer» allein in der Land Wirtschaft beschäftigt. Gute Behandlung erfahren sie meist, schon, weil andernfalls der Arbeitgeber keine Arbeiter bekommt; aber eS sind doch viele Mißstände vorhanden, vor allen Dingen in der Unter- bringung. wobei oft die primitivsten Forderungen in sittlicher und hygienischer Beziehung außer acht gelassen werden. Staatssekretär Dr. Delbrück: Die Probleme, die durch die Welle ausländischer Arbeiter, welche sich in jedem Sommer über Deutsch land ergießt, auftauchen sind kaum auf dem Wege der Gesetzgebung zu regeln. Der Ausländer hat dasselbe Recht, wie der Deutsche , nur unterliegt er der A u S w e i s u n g s b e f u g n i S, und diese müssen wir unS aus einer ganzen Reihe von Gründen vorbehalten. Beschwerden werde ich den bundeSstaatlichen Regierungen gern b* kannt geben; im allgemeinen sind ausländische Arbeiter in Deutsche land besser g e st e l l t, als vielfach deutsche Arbeiter im Ausland, pezicll der landwirtschaftlichen Arbeiter nehmen sich die Land- räte an. Abg. Ledebour(Soz.): Ich muß meinem lebhaften Bedauern Ausdruck geben, daß vor hin der amtierende Präsident einem Redner zu einer Sache da« Wort gegeben hat, die nach den Abmachungen nur bei der Einzel- beratung erörtert werden sollte. Vizepräsident D»ve: Die Verteilung der Redner steht dem Präfidenten zu. Abg. Ledebour (fortfahrend): UnS aber steht die Erörterung darüber zu, ob sie zweckmäßig geschieht, und daß eS nicht zweckmäßig war, eine Einzelfrage in die Erörterung der allgemeinen Politik hineinzutragen, beweist schon der Umstand, daß die Herren vom Auswärtigen Amt unterdessen schon eine Siesta abhalten mußten(Heiterkeit), und ein Herr auS einem anderen Ressort das Wort nahm. Zur Sache selbst bemerke ich, daß die Stellung der fremdländischen Arbeiter noch schlechter st, als die der Landarbeiter überhaupt und jeder Anregung, ihre Lage zu verbessern, werden wir gern Folge geben. Hinweisen aber muß ich auch darauf, daß wir großen Wert auf die Einschränkung der AuSweisungSbefugniS legen, durch welche die fremden Arbeiter geradezu einem Z u st a n d tt Gesetzlosigkeit anbeimfallen. Ich erinnere nur an die polnischen und dänischen Arbeiter, auf deren Rücken dann die GermanisierungSpolitik ausgetragen wird. Die unglücklichen Dänen und Polen , die ins Land gerufen werden, find sicherlich keine politischen Agitatoren. Sie aber müssen die Bestrebungen der preußischen Regierung entgelten. Herr Staatssekretär Delbrück wies darauf hin. daß die Landräte sich dieser fremdländischen Arbeiter anzunehmen haben. Run, der preußische Landrat mag ja alle Tugenden haben, aber ein wohlwollender Herr für Arbeiter ist er noch nie gewesen.(Sehr richtig l bei den Sozial« demokraten.) Der Rüstungspolitik gegenüber find wir die einzige wirkliche Oppositionspartei, die gesamten bürgerlichen Parteien haben sich den Wehrvorlagen freundlich gegenüber gestellt. Manchen gebi sie noch n i ch t w e i t g e n u g. Ich bin in der seltenen Lage, dem Staatssekretär einmal zustimmen zu können und zwar in seiner Abwehr gegen den Abg. Oertel. Herr Oertel glaubte, ihn noch besonders scharf machen zu müssen, daß er überall in der Welt den civis gennanus(deutschen Bürger) zur Gellung bringt. Daß dem Helden von Agadir noch von einem Patrioten der Vorwurf gemacht wurde, er wäre nicht scharf genug, das hätte ich wirklich nicht geglaubt. Mit Recht erwiderte der Staatssekretär, was Herr Oertel empfehle, sei eine Tomahawkpolitik. Herr Oertel wehrte sich dagegen. Chauvinist genannt zu werden. Er bestritt, daß wir Chauvinisten in Deutschland haben, wir hätten ja nicht einmal ein deulscheS Won dafür. Er erweist sich als ein poliü�us philo- logua(sprachsorschender Politiker).(Heilerkeit.) Den Namen haben wir freilich nicht, aber die Leute. Wie wenig der Name zur Sache tut, beweist daS englische Wort Jingo. Dieser Name ist noch sehr jung, aber der JingoiSmu« ist in England schon mehrere Jahrhunderte alt. Der Name stammt auS einem Bäickelsängerlied:„Wir denken jetzt nicht daran zu fechten; aber beim Jingo. wenn wir fechten wollen, dann haben wir dazu die Schiffe, wir haben die Soldaten, und wir haben das Geld dazu", also ganz wie Herr Oertel(Heiterkeit), Herr Oertel. dieses Lied singend und den Tomahawk schwingend, daS muß ein entzückender Anblick fein.(Große Heiterkeit.) Meinem Freund David wurde vorgeworfen, er habe den Eng- ländern ein Loblied gesungen, weil die Engländer unS gelobt hätten. David hat ja dieses Lob lediglich mitgeteilt, als Be- weis dafür, wie falsch die englischen Kapitalisten uns be- urteilen, lleberall auf der ganzen Welt treten die Sozial- demokraten dem Rüstungswesen entgegen und verlangen die friedliche Berständigung der Völker. Wie kommt eS denn, daß jetzt in England die Befürchtung vor den deutschen Rüstungen um sich greift, und daß bei unS die bürgerlichen Politiker sagen: Wir brauchen uns mit England nicht zu ver- läudigen, die Engländer mögen rüsten so viel sie wollen, wir nehmen nur für unS das Recht in Anspruch, unS zu rüsten. wie wir eS für notwendig halten. Bei solchen Reden wird freilich der Rüstungswetteifer immer weiter- gehen. Nach unserer Anschauung aber ist gerade Deutsch- land verpflichtet, mit dem guten Beispiel der Einildrönkungen der Rüitungen voranzugehen. DaS ist eben der Unteriidied»wiickien unS und Ihnen: Sie pauken auf den fremden Ehauvinisten loS,»vir dagegen wollen im eigenen Lande den Chauvinismus be- kämpien. Ein gutes englisches Sprichwort sogt: Mitdläligkeit beginnt zu Hause. Ueberlragen können wir das aus das Rüstungswesen und sagen: Wenn man den Rüstungswahnsinn bekämpfen will, muß man zu Hause anfangen.(Sehr richtig I bei den Sozial- demokraten.) Politisch betrachtet ist England Deutschland gegenüber in der Defensive, denn England ist bereits imperialistisch gesättigt, eS hat genügend Kolonien; Deutschland hat noch lange nicht genug. Man kann auf Deutschland und England das Heinesche Lied an- wenden: ES gibt zwei Sorten Ratten. Die hungernden und die satten (Hekterkeit),die im beständigen Kampfe miteinander stehen. Die englischen Kapitalisten sind in der Lage der vollgefressenen Ratten, während die deutschen Patrioten sich in der Lage der hungernden Ratten befinden, obgleich der äußere An- schein(auf den überaus dicken Abg. Oertel zeigend) dagegen ist. (Große Heiterkeit.) Mit den Beteuerungen Ihrer Friedensliebe werden Sie den Engländern den Glauben nicht rauben, daß Sie bedroht siud, denn die Tatsache der Rüstungen spricht gegen die Friedensbeteuerungen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Deshalb passen die Leute in England mit Argusaugen auf die deutschen Wciterüstungen auf, deshalb beobachten sie die Dinge in Deutschland , deshalb ver- folgen fie jede Wehrvorlage genau, deshalb hat der Minister Churchill eS klar ausgesprochen, daß die englische Wehrvorlage eine Konsequenz der deutschen ist. Diese Tatsache steht unerschütterlich fest. Angesichts der politischen Lage wirkt jede deutsche Flottenrüstung als Bedrohung gegen England und treibt dadurch die Rüstungen immer weiter.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Deuischland ist eine Kontinental- macht. Zum Schutze der deutschen Küsten brauchen wir die Flotte nicht; kein Geringerer als der frühere Admiral von Hollmann hat das Wort gesprochen: Die deutschen Küsten verteidigen sich selbst. Eine solche Riesenflotte hat also nur den Zweck zum Angriff. (Lebhafte Zustiminung bei den Sozialdemokraten.) Auch der Schutz des Handels läßt sich durch eine solche Flotte nicht erreichen,� wohl aber auf anderem Wege: der beste Schutz für den Handel wäre die Abschaffung des SeebeuterechtS. Wir wissen sehr wohl, daß die deutsche Regierung selbst für die Aufhebung des Seebeuterechts eingetreten ist, aber wir sehen die Erreichung dieses Zieles nur auf dem Wege, daß fich die deutsche Regierung ihrerseits nunmehr auch erkläre für die Einschränkung der Rüstungen. DaS find die beiden Kompensationsobjekte, auf deren Basis fich Deutschland und England verständigen lömun. Wir Sozialdemokraten find die ehrlichen Makler zwischen diesen beiden Regierungen und wünschen im Interesse des Friedens, daß eS zu dieser Verständigung und zur Abrüstung komme. Wir wissen, daß unser Verlangen in England unterstützt wird von den Soziali st en aller Richtungen, aber nicht nur von ihnen. Während seinerzeit die englische Regierung schroff ablehnte, auf die Aushebung des Seebeutereckts einzugehen. hat sich in den Kreisen der Regierung und der herrschenden Klaffen seitdem eine gewaltige Aenderung vollzogen. Im vorigen oder vor- vorigen Jahre ist im englischen Unterhaus unter Zustimmung der englischen Regierung ein Beschluß gefaßt worden, wonach sich England bereit erklärt, auf die Aufhebung des SeebeuterechtS«inzugehen. Allerdings hat das � englische Oberhaus diesen Beschluß umgestoßen; da sehen Sie wieder, daß die Privilegierten immer die bösartigsten Volks- feinde, die wahren Feinde ihrer Nation sind.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten. Lachen rechts.) Es lag doch nicht im Interesse der englischen Nation, daß diese Entwickelung zur Friedfertigkeit, wie fie fich in dem Beschluß des Unterhauses ausgesprochen hatte, durch die LordS gestört wurde I(Erneute Zustimmung bei den Sozial- demokraten.) Die Tatsache muß festgestellt werden, daß in Eng- land eine Entwickelung zugunsten des Friedens besteht, die auch schon zu Taten geführt hat. Wir hoffen also, daß dieser Wandel sich durchsetzen wird und wir werden alles tun, diese Entwickelung zu unterstützen.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Der Abg. Oertel meinte, daß nur in Frankreich Chauvinismus zu finden sei, aber nicht in Deutschland . Nach unserer Auffassung find die französischen Chauvinisten, die englischen JingoeS und die deutschen — Oertelinge(Stürmische Heiterkeit� links) überall das» selbe, nämlich die bösartigsten Feinde ihrer eigenen Nation. Wäre dock ein Krieg zwischen den großen Klilturnationenk Europas das allergrößte Unglück, das die Welt erleben könnte.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Es ist nichts auffälliger, als daß sich die herrschenden Klaffet? der großen Kulturnationen in eine solche Feindschaft gegeneinander hineingearbeitel haben, daß die beiden rückständigsten Staatswesen Europas mit ihren barbarischen Re« gierungen, nämlich der russische Staat und wir... Bizepräsident Dove: Ich mutz Sie ersuchen, hier nicht aus« ländifche Staaten als barbarische zu bezeichnen.(Ruse der Verwunderung bei den Sozialdemokraten.) Abg. Ledebour (fortfahrend): Da» mag wohl nickt die konventionelle Anschauung Deutschlands sein(Heiterkeit), aber sie ist die der deutschen Nation und eines immer größeren Teils der rusfifchen Ration, die unter den Zuständen. die man in diesem Hause nicht barbarische nennen darf(Hörtl hört! und Heiterkeit links), leidet. ES ist nichts interessanter, aiS daß der Abg. Dr. Oertel mit dem freundlich süßen BiedermannSton, der ihm zu Gebote steht(Große Heiterkeit, Abg. Dr. Oertel nickt freundlich lächelnd), seiner Bewunderung für die russische Regierung Ausdruck gab. für dieselbe russische Regierung, die jetzt soeben noch nicht bloß bei jedem Kulturmenschen, sondern bei jedem an- ständigen Menschen der Welt überhaupt die t i e f st e Empörung hervorgerufen hat durch die schauderhafte Nieder« mctzelung von 500 Arbeitern in den Lena-Goldwäschereieu.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Davon muß doch auch Dr. Oertel wissen, trotzdem die„Deutsche TogeSztg." sonst immer unbequeme Tatsachen zu verschweigen pflegt, aber diese Tatsachen werden ihm doch als Leser sonstiger Zeitungen nicht entgangen sein.(Heiterkeit und Sehr gut l bei den Sozialdemokraten.) Durch dieses brutale Borgehen, durch diese schändliche Arbeitermetzelei hat sich die russische Regierung selbst in Ländern wie Persien , der Türkei und Japan diskreditiert.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Vizepräsident Dove: Es ist nicht zulässig, über fremde Regierungen in dieser Weise zu sprechen und ihnen Nieder« metzelung von Arbeitern zum Borwurf zumachen. Oho l bei den Sozialdeinokratenl Abg. Ledebour: Ich will eine längere AnSeinandersetzung mit dem PrSfidenten vermeiden, weise aber darauf hin. daß hier sogar schon unserer eigenen Regierung gegenüber von Arbeiterniedermetzelungen ae- prock« wurde, ohne daß dafür Ordnungsrufe erfolgt wären I Die Niedcrmetzeluug von Arbeitern durch Polizisten und Toldatc« kommt leider heute in de» kapitalistischen Ländern noch überoll vor, und wird in den Parlamenten von den Männern, die ein Empfinden dafür haben, gebrandmarkt. Aber— diese schlimmste Art von«u»- derweltschafsu.ng von Arbeitern mit Kanonen, Bajonetten und Gewehren— das ist etwa«, was allerdings in die Diskussion der auswärtigen Politik hineingehölt. weil eS geeignet ist, die Luffaffung deS ganzen deutschen Volkes vom russischen Staatswesen sehr zu beeinflussen. Ich hoffe, daß die wilde Empörung(Lachen recht«), die sogar im russischen Parlament zum Ausdruck gekommen ist— Sie(nach reckt«) glaubten wohl, ich würde bei Ihnen eine Empörung darüber annehmen? Sie empören sich nur. wenn sich tin M i l i t S r a r, t nicht duellieren Willi(Sehr gutl und Heiterkeit bei den Sozial- demokraten.) Die wilde Empörung, die sogar im russischen arlament zum Ausbruch gekommen ist, sollte uns doch den deutlichen� Beweis dafür geben, daß hier eine Tat geschehen ist. die zum Himmel schreit und in allen Kultur- Völkern und gewiß auch bei den Regierungen aller anderen Kulturvölker den Entschluß zeitigt, ihrerseits daraus hinzuwirken, daß die russische Regierung nicht in der bisherigen Weise ihre Politik ortsetzen kann. Auch die deutsche Kapitalistenklasse hat eine Mög- lichkeit, die russische Regierung fühlen zu lassen, daß sie eine solche Politik verdammt. Die deutsche Regierung könnte ja die Auf- legung russischer Anleihen in Deutschland ver« bieten, weil eine solche Regierung, die ich mit Rücksicht aus den
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