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yr. 117. 29. Jahrgang. 4. SeilW iicaÜlotiiiiiilü" Sftliiift Vslksdlitt. UiN«°ih. 22. K-i 1912. Partei- Angelegenkeiten. Achtung, Protestversammlungen! Die Leiter der heutigen Protestversammlungen werden gebeten, sofort nach Schluß der Versammlung der Redaktion desVorwärts" durch besonderen Boten einen kurzen Bericht über Zahl der Besucher, Person des Referenten, etwaige Zwischenfälle usw. zukommen zu lassen. Steglitz . Die Parteigenossen beteiligen sich an der Versamm- lung in der Schloßbrauerei zu Schöneberg . Treffpunkt abends 8 Uhr am Rathaus. Stralau. Der Wahlberein beranstaltet am Sonnabend. den t. �htni, abends 8>/z Uhr, von der»Alten Taverne" aus eine Mond- scheinfahrt. Billetts find noch zum Preise von 50 Pf. bei I. Walter. Alt-Stralau 4L und L. Piechotta, Markdrafcndamm 2, zu haben. Zu der heutigen Versammlung treffen sich die Genossen pünktlich 8 Uhr in den Bezirkslokalen. Die Bezirksleitung. Fichtenau , Klein-Schönebeck, Schöneiche , Rahnsdorf . Die Partei- genossen und Genossinnen beteiligen sich an der heute in Friedrichs Hagen stattfindenden Protestversammlung. Abfahrt 8 Uhr 18 Min. vom Bahnhof Rahnsdorf . Teltow . Heute, Mittwoch, den 22. Mai. abends 8% Uhr. im Lokal von Bonow: Regelmäßige Mitgliederversammlung des Wahl« Vereins. Auf der Tagesordnung steht u. a. ein Vortrag des Ge« nossen T h u r o w. Der Vorstand. Spandau . Heute, Mittwoch, abends 8% Uhr, in der Brauerei Pichelsdorf: Oeffentliche Prote st Versammlung. Tages- ordnung:»Der Wahlrechtskampf im preußischen Abgeordnetenhaus." Referent: Dr. Julius Moses. berliner I�admcKtm Muß man seine Kinder konfirmieren lassen? Die Annahme, daß man verpflichtet sei, seine Kinder konfirmieren zu lassen, soll so versichert uns ein Vater noch ziemlich weit verbreitet sein. Er selber, der zusammen mit seiner Ehefrau längst aus der Kirche ausgeschieden ist, hatte bisher gemeint, daß der Konfirmandenunterricht ebenso. wie in der Schule der Religionsunterricht, erzwungen werden könne. Nachdem er von dieser irrigen Annahme aus seinen Sohn zum Konfirmandenunterricht hatte gehen lassen, wurde er eines Tages durch den Pastor selber allerdings ohne daß dieser es wollte und ahnte darüber belehrt, daß er das nicht nötig hat. Der Pastor, dem der Vater die wertvolle Aufklärung verdankt, amtiert an der Lazaruskirche in der Ro- mintener Straße und heißt R a u n a u. Vor 14 Tagen lvar's, da fragte in der Konfirmanden st unde der Pastor Raunau, wer denn am letzten Sonntag die Kirche be- sucht habe. Als.sich aus der ganzen Schar ein einziger Knabe meldete, rief der Herr Pastor schmerzlich bewegt: Einervonfünfzig? Das glaubt einem ja gar keiner, wenn man es weitererzählt I" Nun, wir würden es dem Herrn Pastor ohne weiteres glauben, und wir würden uns nicht wundern, wenn er sogar das erleben wüßte, daß keiner von fünfzig sich ihm als Kirchenbesucher melden könnte. Daß ihm etwa auch das noch blüht, hat Herr Pastor Raunau einst­weilen zu verhüten gesucht, indem er verkündete, ein Kon- firmand müsse die Kirche besuchen, sonst sei Ausschluß vom Konfirmandenunterricht zu gewärtigen. Hieran knüpft jener Vater in seiner uns übersandten Zuschrift die Schlußfolgerung:Wenn der Herr Pastor das Recht hat, darüber zu bestimmen, wer am Unter- richt teilnimmt und wer nicht, müßte ja auch jederVater das Recht haben, seinen Jungen nicht mehr hinzuschicken. Ich habe bisher angenommen, daß der Konfirmandenunterricht sowie der Religionsunterricht in der Schule zwangsweise erfolgt, das scheint demnach ein Irrtum zu sein." Die Folgerung ist zutreffend. Der Pastor hat das Recht und sogar die Pflicht, von seinen Konfirmanden den Besuch der Kirche zu fordern. Auch das ist sein Recht und möglicher- weise sogar seine Pflicht. Konfirmanden vom Unterricht aus- zuschließen, wenn sie die Kirche meiden. Es ist aber auch das Recht jedes Vaters und jeder Mutter, ihre Kinder von vornherein dem Konfir- mandenunterricht fernzuhalten und für sie aufdieKonfirmation zu vernichten. Eltern, die selber mit der Kirche gebrochen haben, werden es meist sogar als eine Pflicht empfinden, ihre Kinder nicht konfir- mieren zu lassen. ImVorwärts" ist wiederholt gesagt wor- den, daß niemand kein Dissident und auch keiner, der noch der Kirche angehört gezwungen werden kann, sein Kind dem Konfirmandenunterricht zuzuführen. Auch Kinder, die etwa nachgetauft worden sind, braucht niemand konfirmieren zu lassen. Wir sind eigentlich erstaunt, zu hören, daß die An- nähme, es bestehe ein Zwang zur Konfirmation, noch weit ver- breitet sein solle. Jener Vater bittet uns. doch mal über diese Dinge etwas mitzuteilen. Wir haben das, wie schon oben ge- sagt, bereits früher getan, aber wir wollen heute noch einmal feststellen, daß es einenZwang zur Konfirmation nicht gibt. Der Vater erklärt uns, daß er nach der durch Vermittlung des Pastors ihm zuteil gewordenen Belehrung, seinen Sohn nunmehr aus dem Konsirmandenunterricht her- ausnehmen werde. Und er spricht die Vermutung aus, daß mit ihm noch andere Väter kein Verlangen danach haben werden, ihre Kinder zur Konfirmandenstunde zu schicken, wenn es nicht sein muß. Die ganze Frage erhält noch eine besondere Bedeutung im Hinblick auf den Prozeß, der am letzten Sonnabend gegen einen der vorsätzlichen Mißhandlung ange» klagten Pastor verhandelt wurde. Wir haben am Sonn- tag berichtet, daß der an der Pfingstkirche(Petersburger Platz) amtierende Prediger Sylvester beschuldigt wurde, im Konfirmandenuntericht einen Knaben so an den Ohren ge- schüttelt zu haben, daß die Ohrmuscheln einrissen. Das Ge- richt sah das als erwiesen an. sprach aber den Gottesmann frei, weil er durch schlimme Ungezogenheiten seiner Konfir- manden gereizt worden sei und dann unbewußt sein Züchtigungsrecht überschritten habe. Sein Verteidiger. Rechts- anwalt Ulrich, hatte sich bemüht, den Nachweis zu führen, daß von den Konfirmanden dieses Predigers Sylvester die tollsten Rüpeleien veriibt worden seien. Die Schuld schob er nicht auf den Pastor, gegen den die Jungen sich der- artiges herausnehmen zu dürfen geglaubt hatten, sondern auf Ate Jungen selber und vor allem auf deren F a- mjlien. Dabei vergaß er n»r. auch d e n Nachweis zu ver- suchen, daß in den Arbeitervierteln Berlins es unter den Kon- firmanden anderer Pastoren ebenso toll zugehe. Wir nehmen nicht an, daß die Geistlichkeit Berlins dem Amtsbruder Syl- bester und seinem Verteidiger für die Ausdeckung dieser fast unglaublichen Geheimnisse eines Konfirmandensaales danken wird. Wir aber fühlen uns verpflichtet, beiden unseren auf- richtigen Dank für ihre Enthüllungen abzustatten. Beson- deren Dank schulden wir noch dem Verteidiger auch dafür, daß er kein Geheimnis daraus gemacht hat, wie man in den Kreisen der Frommen über unfromine Eltern denkt, die ihre Kinder zum Konfir- mandenunterricht schicken. Den Rechtsanwalt Ulrich brachte die Schilderung des Konfirmandenstunden- unfugs in Stimmung, über trllbeFolgenhäuslicher Z u st ä n d e zu klagen. Zur Entschuldigung des Pastors, der als Erzieher so schlecht abgeschnitten hat, hob er hervor, in Berlin habe die Geistlichkeit im Konsirmandenunterricht großenteils Kinder von Eltern, die selber der Kirche feindlich gegenüberstehen. Hoffentlich lassen alle Unfrommen sich das gesagt sein und befreien die Pastoren von der Last der Kinder unfrommer Eltern. Nein, es muß wirklich nicht sein, daß m a n seine Kinder konfirmieren läßt. Es gibt keinen Zwang zur Konfirmation, wenn auch durch den Eifer, mit dem manchmal die Schule den Kindern die Konfirmation empfiehlt, immer wieder dieser Irrtum genährt wird. Daß unfromme Eltern ihre Kinder nicht konfirmieren lassen, er- fordert die Ehrlichkeit und das Ehrgefühl. Können sie Gefallen finden an der Rolle, die zum Schutz des der Miß- Handlung angeklagten Pastors der Verteidiger ihnen zuge- wiesen hat, um den Pastor vor Strafe zu retten? Die Waldvcrkäufe des Fiskus. Der Zweckverband Groß- Berlin hatte in seiner Ausschußsitzung am 24. April nach einem Referate des Herrn Oberbürgermeisters Kirschner über die Erwerbung von Freiflächen beschlossen, an den Fiskus heran- zutreten und eine Offerte für den Wald- und Wiesengürtel Groß-Berlin zu verlangen. Wie dieVossische Zeitung" er- fährt, ist die Antwort des Forstfiskus vor einigen Tagen an den Zweckverband ergangen. Diese Antwort bewegt sich, wie sie mitteilt, ganz auf der Grundlage der Vorbesprechungen des Vorjahres. Die Forderung des Forstfiskus beträgt also für rund 44 000 Morgen Waldes etwa 178 Millionen Mark, für den Grunewald in Größe von 12 000 Morgen allein etwa 60 Millionen Mark. Der Fiskus besteht also vorerst auf seinem alten, für den Zweckverband völlig unannehmbaren Angebot. Es zeigt sich in der Tat immer klarer, daß der Zweck- verband den Zweck haben soll, ein leistungsfähiger Abnehmer für die forstfiskalischen Wälder zu werden. Als ob nicht nur allein der Staat die Verpflichtung hätte, für geeignete Er- holungsmöglichkeiten der Staatsbürger zu sorgen. Ueber den Stand der Untergrundbahnbaute» wird uns folgen­de? gemeldet: Die schwierigen Tunnelbauten auf dem Alexan- d erplatz, von denen wesentlich der Eröffnungsiermin der Stadt- strecken abhängig ist. werden zurzeit aufs äußerste gefördert. Be- kanntlich bestehen die Schwierigkeiten hier nicht nur darin, daß es nötig ist, den ganz ungewöhnlich starken Verkehr auf dem Platz dauernd über die Baugrube hinweg zu leiten, sondern sie haben ihre Ursache auch darin, daß unter der jetzigen Haltestelle bereits «in Stück der künftigen Ostlinie(Alexanderplatz Frankfurter Allee) mit zur Ausführung kommt. Außerdem werden noch umfangreiche und zeitraubende Bauwerke von der städtischen Kanalisation aus- geführt,. Auch am Spreetunnel sind die Bauarbeiten seit einiger Zeit wieder planmäßig im Gange, nachdem der Bauvorgang, welcher mit Rücksicht auf den Wassereinbruch eine Modifikation er- fahren mutzte, mit der zuständigen Wasserbaubehörde vereinbart worden ist. Das Programm für die Bauarbeiten ist derart auf- gestellt, daß ihre Beendigung für Ende März nächsten Jahres zu erwarten steht. Unabhängig von diesen beiden Hauptbaustellen der Stadt strecken wird in der Schönhauser Allee , in der Klosterstraße und in der Wvllstraße aufs eifrigste gearbeitet. Inzwischen haben auch die Bahnerweiterungsarbeiten im Westen erhebliche Fortschritte ge macht. Es wird daher beabsichtigt, bald nach Pfingsten die alten Bahnsteige der Haltestelle Wittenbergplatz zu sperren und die beiden neuen Autzenbahnsteige vorläufig an Stelle der alten Bahnsteige dem Betriebe zu übergeben. Nach erfolgter Betriebs- Umleitung wird dann der von den neuen Gleisen umschlossene alte Tunnel zum Abbruch gelangen und neu ausgebaut werden. Die Eckhäuser an der Nürnberger Straße sind fast gänzlich abgebrochen, so daß auch hier die Tunnelausführung demnächst erfolgen kann. Die Unterführung an der Kaise�-Wilhelm-Gedächüniskirche geht ihrem Ende entgegen. Damit fiir die bekannten Bahnerweite- rungen der Hochbahngesellschaft die erforderlichen neuen Betriebs- mittel rechtzeitig montiert werden können, wird der Betriebsbahnhof im G r u n e w a l d im Spätsommer soweit, der Benutzung übergeben werden, daß dort die Wagenmontage begonnen werden kann. Das große Werkstättengebäude und der neue Wagenschuppen sind im Aeutzeren fertiggestellt und bedürfen nur noch des Innenausbaues. Inzwischen werden auch das Verwaltungsgebäude und das W-irb- schaftsgebäude, in welchem die Speise- und Baderäume für das Betriebspersonal untergebracht sind, fertiggestellt. Mit den Gleis- arbeiten wird demnächst begonnen werden. Schließlich ist noch zu erwähnen, daß auf dem Gleisdreieck mit den Vorbereitungen für den Umbau desselben begonnen worden ist. Nach dem Vertrage mit der Stadt Berlin sollte die Strecke bis Alexanderplatz bereits in diesem Jahre betriebsfertig sein. Ein Revolvergefecht zwischen Beamten und Einbrechern, in dem außer zwei Einbrechern auch ein Beamter seinen Tod fand, gab es gestern morgen in der Gemarkung Bredow bei Nauen . In Nauen wurde gestern morgen in der sechsten Stunde ein Einbruch entdeckt. Die Behörde traf sofort alle Matzregeln zur Ermittelung und Ergreifung der Verbrecher. Auf der Eisenbahnstation in Bredow sahen Bahnbeamte, die wie ihre Amtsgenossen aus den anderen Stationen ebenfalls benachrichtigt worden waren, zwei verdächtige Männer den Landweg nach Tezkow zu einschlagen. Sie benachrichtigten sofort den Amtsdiener Kleinschmidt und machten sich mit ihm auf die Verfolgung. Schon nach kurzer Zeit, um 6'Ä Uhr, hatte man die Verdächtigen, von denen einer ein Fahrrad führte, erreicht und gestellt. Als nun Kleinschmidt zu ihrer Ver- Haftung schreiten wollte, wandte sich der Mann, der das Rad führte, plötzlich um und gab vier bis fünf Nevolverschüsse aus nächster Nähe auf seine Verfolger ab. Von zwei oder drei Kugeln in die Brust getroffen, sank Kleinschmidt um und verschied auf der Stelle. Die drei Eisenbahnbeamten, die ihn begleitet hatten, dran- gen trotz, der gefährlichen Lage auf die Verbrecher weiter ein. Beide gaben' jetzt noch mehrere Schüsse ab, die zum Glück aber alle fehlgingen. Als sich dev eine Dieb endlich gepackt und verloren sah. schoß er sich selbst eine Kugel in den Kopf. Weil er aber noch lebte, so richtete jetzt sein Helfershelfer, der Kerl mit dem Radi der Mörder des Amtsdieners, seine Waffe ebenfalls, noch gpf ihn und tötete ihn durch einen Schuß in den Kopf, jedenfalls in der Absicht, ihn stumm zu machen und ihm die Möglichkeit zu nehmen, irgendwelche Angaben zu machen. Dann schwang er sich auf sein Rad und fuhr davon, bevor die Beamten auch ihn fassen konnten. Durch den Fernsprecher und alle anderen Mittel, die zur Verfügung standen, wurden schleunigst die Gendarmen und Förster der ganzen Gegend benachrichtigt. Kurz vor der Bredower Forst stieß denn auch der flüchtige Mörder auf Förster und Gendarmen, die ihm den Weg verstellten. Von neuem kam es zu einem Feuergefechi mit Revolver und Flinten, in dem jetzt auch der zweite Verbrecher blieb, während mehrere Beamte ungefährlich verletzt wurden. Wer die Einbrecher sind, steht noch nicht fest. Kinder als Studienmaterial! Ein an Kindern verübter Mißbrauch, der geradezu wie eiir Märchen erscheint, wird uns aus der Umgebung des Oranienburger Tores gemeldet. Am Montag wurden nach der Mittagstunde in der benachbarten Friedrichstraße mehrere: Kinder von einem Knaben aufgefordert, ihnen zu einem Arzt zw folgen. Der Knabe kündigte ihnen an, es wird dort für sie etwas- zu verdienen geben. Die Kinder gingen darauf ein, und er führte sie nun in die Poliklinik des Augenarztes Professor Dr. A b e l s d o r f f, die sich im Hause F r i e d r i ch st r a ß e 131a befindet. Nachdem er seinen Auftrag erledigt hatte, verschwand er in den Räumen der- zu der Poliklinik gehörenden Wohnung. In. der Poliklinik wurde von einem Herrn, den die Kinder für einen Arzt hielten, jedem Kind in ein Auge eine Flüssigkeit geträufelt. Aus einer Gruppe von Herren, die wohl Studiercns halber in der Poliklinik weilten, machten sich dann einzelne daran, die Augen der Kinder zu untersuchen. Dabei gaben sie Erklärungen, die von einem älteren Herrn verbessert und ergänzt wurden. Offenbar dienten die von der Straße hereingeholten Kinder als Studienmaterial und waren hierzu durch jene in die Augen geträufelte Flüssigkeit präpariert worden. Herr Professor Abelsdorff hält in der Poliklinik am Montag und am Donnerstag für Studierende einen Kursus ab, in dem er über den Gebrauch des Augenspiegels und über die übrigen Methoden der Untersuchung des Auges lehrt. Die Kinder, die am Montag als Studienmaterial benutzt worden waren, wurden aufgefordert, am Donnerstag wiederzukommen. Am Montag wurde einem Knaben eine Vergütung von 25 Pfennig gezahlt, ein anderer sollte seine 25 Pfennig mit einem Dritten teilen, ein vierter behauptet, nur 5 Pfennig erhalten zu haben. Uns wird gesagt, für das nächstemal seien jedem, der noch einen andern Knaben mitbrächte, 5 Phennig extra versprochen worden. Wir haben es hier mit einer ganz besonder» interessanten Spezialität der Erwerbsarbeit schulpflichtiger Kin­de r zu tun. Man sieht, daß auf diesem Gebiet das schier Unmög- liche immer wieder zur Wirlilichkeit wird. In den un» bekannt- gewordenen Fällen hatten die Eltern keine Ahnung da- von gehabt, daß ihre Kinder sich in der Poliklinik als Studien- Material benutzen ließen. Die Kinder waren, ohne daß die Eltern zuvor um ihre Einwilligung ersucht wurden, direkt von der Straße hereingeholt worden. Die Eltern erftihren erst davon, als sie hinter- her an den Kindern zu ihrem Schrecken die Folgen der Einträufe» lung bemerkten. Noch am Dienstag war bei jedem der Kinder, die wir zu sehen bekamen, die Pupille eines Auges so stark erweitert, daß das Auge beträchtlich dunkler als das andere erschien. Die Pupillenvergrößerung war so auffallend, daß wir einen uns bisher unbekannten Knaben, den wir nach der uns angebenen Adresse in der Wohnung seiner Eltern auffuchen wollte«, schon auf der Straße cchne weiteres an dem Auge als den Gesuchten erkannten. Einige Mütter sind nach der Poliklinik gegangen, uyi sich darüber zu beschweren, doßohneihrWissendieKinder mißbraucht worden seien. Eine wurde von dem Diener der Poliklinik ausgelacht, sie sollte sich doch nicht so haben. Was da mit ihrem Kinde und auch mit vielen anderen Kindern gemacht worden sei, schade ihnen nicht, sondern sei sogar gesund. Einer anderen Mutter gab der Diener eine ähnliche Antwort. Er fügte hinzu, auch bei der Polizei werde man sie auslachen, wenin sie dorthin gehen wolle. Diese Mutter ging dessenungeachtet zur Polizei, um zu melden, was ihrem Sohn widerfahren war. Ausgelacht wurde sie dort nicht, aber der Polizeileutnant, der ihre Meldung entgegen!- nahm, schien die Sache nicht sehr aufregenb zu finden. Er sagto der Mutter:Warum gehen denn die Kinder dahin!" Es wird beabsichtigt, die Angelegenheit auch der Staatsanwaltschaft niitzuteilen. Wir sind begierig zu hören, wie sie darüber denkt. Drei schwere Straßenunfälle ereigneten sich gestern nachmittag im Zentrum der Stadt. Von seinem eigenen Fuhrwerk überfahren wurde der 45 Jahre alte Kutscher Wilhelm Bott au» der Bosse- straße 14. Als er mit seinem Wagen vom Alexanderplatz in die Alexanderstraße einbiegen wollte, fuhr er so heftig gegen die Bord- schwelle, daß er von seinem Sitz auf das Pflaster flog, unter die Räder geriet und sich Brüche mehrerer Rippen und des linken Oberarms zuzog. Ebenso verunglückte der 26 Jahre alte Rutscher Johann Lenz, der bei dem Fichrgeschäft von Fink in der Friedrich. straße 40 beschäftigt ist, als ihm in der Poststiraße die Pferde scheuten, an der Ecke der Spandauer Straße. Ihm gingen die Räder über den Unterleib, und er zog sich außer schweren inneren Verletzungen auch noch einen Beinbruch zu. Die Pferde rasten weiter die Posfftraße hinunter, wurden aber dann angehalten» be- vor sie noch weiteren Schaden anrichten konnten. Die 13 Jahre alt« Tochter Gertrud des Tischler» Erkner aus der Lietzmann- straße 5 wurde auf dem Heimweg von der Schule an der Ecke der Gollnow - und Landwehrstraße von einem Radler so unglücklich mn» gestoßen, daß sie unter einen Wagen geriet. Die Räder gingen ihr über Brust und Leib und brachten ihr schwere innere Verletzungen bei. Die Verunglückten wurde alle drei von der Hilfswache in der Keibelstraße, die ihnen die erste Hilfe leistete, nach dem Kranken- haus am Friedrichshain gebracht und liegen dort schwer darnieder. Das Opfer einer Prahlerei, die an sich harmlos war, wurde gestern abend der 19 Jahre alte Hausdiener Johann Katzmarek, der bei dem Bäckermeister Rebin in der Scharnhorststraße beschäftigt war und wohnte. Der junge Mann ging zwischen, v und 10 Uhr mit mehreren Freunden spazieren. Als man so auch an die Kieler Straße und den Spandauer Schiffahrtskanal kam, prahlte er, daß er bei der Marine gewesen sei und sehr gut schwimmen könne. Seine Freunde bezweifelten da» und drängten ihn, dann doch ein- mal zu zeigen, was er könne. Statt nun einzugestehen, daß er weder bei der Marine gewesen, noch de» Schwimmen» kundig sei, kleidete er sich auf der Ladetreppe vor dem Hause Kieler Straße 1 aus und sprang ins Wasser. Nachdem er ein Weilchen herum» geplätschert hatte, ging er unter und kam nicht wieder zum Vor» schein. Seine Freunde, die nun doch überzeugt waren, daß er schwimmen könne, glaubten, daß er tauche. Als ihnen dann aber doch Bedenken kamen, liefen sie erst zu dem Meister, der in der Nähe wohnt, und holten ihn und einen Gesellen, anstatt selbst gleich Rettungsversuche zu unternehmen. Als der Untergegangene dann mit dem RettungÄahn aufgefunden und gelandet wurde, war schon eine halbe Stunde vergangen. Der junge Mann war tot. Wahr- scheinlich hatte ein Herzschlag seinem Leben ein Ende gemacht. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Ueber den Selbstmord eines Veteranen wird au» der Philipp- straße berichtet: Der 77 Jahre alte frühere Schlosser Franz Sobek bewohnte nach dem Tode seiner Frau» die vor sieben Jahren starb, in der Philippstraße 14 bei einer Witwe für sich allein ein möblier- tes Zimmer. Der alte Mann, der die Feldzüge 1866 und 1870/71 mitgemacht hatte, lebte seit Jahren imRuhe"stande. Ein Magen­leiden upd qssge meine.Hinfälligkeit gher verleideten ihm das Lehen.