Ilr.162. 29. ZahrgiMg. 2. KtilU dks„öoriuirtü" Kerl« Kolbliliitt Sonntoj, 14 Infi 1912 VirtichsWcher Nochenbericht. Ernte. Emissionen. Konjunktur. Zementsyndikat. Hansa . Zu dem in der vorigen Woche berüffentlichten Saatenstands- bericht für Preuhen reihten sich in der lausenden der amtliche Bericht für ganz � c�ichiand und E r n t e Vorschätzungen für Sachsen und Preußen.' Der Saatenstandsbericht faßt sein Urteil dahin zusammen, „daß im großen und ganzen der Stand der Winterung zurzeit als recht befriedigend zu bezeichnen ist". Die Schätzungen der voraus- sichtlichen Erntemengen für Roggen in Sachsen und Weizen weisen geradezu Rekordziffern auf. Da auch die Nachrichten aus Rnßland, den Donauländern und Nordamerika befriedigend lauten, haben die Börsenpreise etwas nachgegeben. Es wurden notiert: am 22, Juni am 12, Juli Weizen Juli... 232,75 M. 226,75 M. also weniger 6,<X> M. Weizen September. 208,25„ 203,50„„, 4,75„ Roggen Juli... 197,25„ 188,75„ 8,60„ Roggen September 176,00„ 166,00„„„ 7,00„ Haser Juli... 190,25„ 186,00„„„ 4,25„ Hafer September. 168,50„ 163,50„ 5,00„ Die Getreidenotierungen an der Börse variierten nach der Lieferungszeit der gehandelten Ware. Da die in Aussicht stehende gute Ernte noch nicht eingebracht ist, Vorräte offenbar aber nur sehr knapp vorhanden sind, stehen die Preise für im Juli zu liefernde Ware noch recht hoch. Für den September und die folgenden Monate rechnet die Börse dagegen mit Preisrückgängen, So schätzen die Händler der Getreidebörse, daß im September Weizen um 23 Mark, Roggen um 20 Mark, Haser um 23 Mark niedriger stehen werden, als im laufenden Monat Juli, Ob der Konsum zu dem Preise dieser Spekulations- kaufe Getreide wird erhalten können, ist allerdings sehr zweifelhaft. Schon ermahnt die„Deutsche Tageszeitung": Hoffentlich sind die Landwirte jetzt ebenso vorsichtig, wie sie in den vorigen Jahren waren und liefern das neue Getreide nicht zu rasch und in zu großen Mengen an, damit nicht der Preisfall ein allzu großer werde." In diesen Togen veröffentlichte die„Frankfurter Zeitung " ihre gewohnte Halbjahrsübersicht über die Neu ausgaben von Wertpapiere», die einen neuen zahlenmäßigen Beweis für die herrschende Hochkonjunktur und das daraus folgende Kreditbedürsnis bildet. Besonders instruktiv wirkt ein Vergleich der Emissionen des vergangenen Halbjahres mit denen des zweiten Semesters 1911. Es wurden an Werlpapieren ausgegeben sin Millionen Mark) Infolge der politischen Wirren war die Emission, die noch im ersten Halbjahr 1911 rege gewesen war, im zweiten Halb- jähr vergangenen Jahres recht ichwach. Es fehlte an Unter- nehmungslust. Im Anfang d. I. aber hob sie sich ganz außer- ordentlich. Eine Steigerung zeigten insbesondere Jndustrieaklicn und private Obligolioneti. die auch fast ganz der Industrie zuflössen. Allein um 319,20 Millionen Mark, die einen Kurswert von 444,32 Millionen Mark repräsentieren, nahm das Aktienkapital von In- duitriemilernehmungen zu. Elcktrizitätsunternehmungen, Schiffahns- gesellichaften, Montanwerke und große Maschinenfabriken vornehmlich brauchten zur Ausführung und Erweiterung ihres Geschäftsbetriebes diese Kapitalien. lieber die Ausdehnung der Produktion laufen immer von neueni Rekordzifiern ein. So hat sich Deutschlands Roheisen- erzeugung nach den Ermittelungen des Vereins deutscher Eisen- und Stohlindustrieller im vergangenen Halbjahr auf 8.425 Millionen Tonnen belaufen. Für die ersten sechs Monate der beiden Vorjahre betrugen die Produktionskosten nur 7,682 und 7,202 Millionen Tonnen. Ob die günstige Lage bereits Abflauungen erfährt, ist noch immer nicht erkennbar. Die seit Anfang Juni gemeldeten Preis- rückgänge am deutschen und belgischen Eisenmarkt, die in Deuischland durch die offiziellen Börsenuolierungen zum Teil ge- leugnet wurden, sind in den letzten Tagen zum mindesten zum Still- stand gekommen. Zurzeit weisen die Weltmarktpreise bereits wieder Erhöhungen auf. Besonders am englischen Markt soll sich ein Mangel an Material bemerkbar machen. Die Ausfuhr und das Aufreckt- erhalten der hohen Inlandspreise werden dadurch gefördert. Selbst die Skeptiker in der Beurteilung der Geschäftslage gestehen zu, daß ein Rückschlag für die nächsten Monate nicht zu erwarten ist. Sie machen ober darauf aufmerksam, daß Buchbestellungen noch keine wirkliche Abnahme bedeuten. Der Unterschied in der Beurteilung läßt sich leicht auf die Stellung der Produzenten zurückführen. Die großen gemischten Werke, die außerdem rm Herbst und Winter Neu- anlagen fertigstellen, haben«in Interesse, die Lage sehr günstig darzustellen, um zu Bestellungen und hohen Preisen anzuregen. Tritt dann Ueberaugebot und Preisrückgang ein, so sind sie den reinen Werken immer noch überlegen und vermögen die Situation auszuhalten. Die reinen Werke aber sehen mit gemischten Gefühlen auf die je!3ge günstige Lage. Zwar sind auch sie voll beschäftigt; weitere Aufträge können sie aber nicht aitnehmen, die nun an die leistungsfähigeren gemischtei» Betriebe übergehen. Sie sind schon jetzt sehr damit unzufrieden, daß der Slahlwerksverband, in dem die gemischten Werke herrschen, die Preise für Halbzeug vom Juli ab um 5 M. erhöht und die Aussuhrvergütung herabgesetzt hat. Sie müssen ihr Rohmaterial, das jene selbst herstellen, teurer kaufen nird verlieren noch die Exportprämie. Diese Benachteiligung hindert sie schon jetzt an der völligen Ausnutzung der Situation, und läßt sie erst recht mit Sorge in die Zukunft schauen. Recht eigenartige Verhältnisse herrschen noch immer in der rheinisÄ-westfalischen Z e m e n t i n d u st r i e. Einige Werke hatten den Lieferungsvertrag mit dem rheinisch-westsälischen Zementsyndikat für Ende 1912 gekündigt, obgleich der eigentliche Kartellvertrag erst Ende 1913 abläuft. Die Werke glaubten nun, daß mit dem Auf- hören des Lieferungsverlrages auch das Kartell auseinanderfalle und suchten neue Verkäufe abzuschließen. Auf eine Klage des Syndikats hin gab das OberlandesgericktHamm den Werken recht; das Reichsgericht aber verwies die Klage zurück zur Untersuchung, ob die Kündigung einen wichtigen Grund zur Auflösung des Kartells darstelle. Es besieht also der eigentümliche Zustand, daß zwar die Werke nicht mehr an das Syndikat zu liefern brauchen, aber bei Androhung hoher Konventionalstrafen auch nicht an Dritte verkaufen dürfen. Inzwischen sind die großen Zementwerke Westfalens zu einer Vereinigung zu- sammengetreten, die sich noch weitere Werke angliedern will, so daß das Syndikat noch erfolgter Auflösung wahrscheinlich in neuer Form wiedererstehen wird. An der Börse geht eS ohne einige Spielpapiere nicht ab. Die Linke-Hoffmann, Vogtländische Maschinenfabrik , Deutsche Waffen usw. find jetzt abgelöst worden durch Naphtha- und Hausa-Aktien. Die Kurse der„Deutschen Dampfschiffahrts- Gesellschaft Hansa in Bremen " sind seil dem Ende vorigen Jahres von 216 auf 294 ge- stiegen. Diese Bewegung ist um so auffälliger, als die anderen durch die Konjunktur ebenfalls gut rentierenden Schiffahrtsgesell- schaften leine oder weit geringere Kurssteigerungen aufzuweisen haben. Die Hansa steht unter unseren Schiffahrtsgesellschaften an dritter Stelle. Es betrugen im Jahre 1911(in Millionen Mark): Gewinn®u,:§ Aktienkapital Hapag . 125 40,5 Lloyd. 125 41,5 Hansa. 25 11,7 Dividende am 13. 7. 9 144 5 120 15 264 der Hansakurse hat 12 Unter den Gründen für das Steigen der Hansakurse hat man nun den hervorgesucht, daß eventuell der Fürstenkonzern die Hansa aktien aufkaufe, um mit den beiden größeren Schiffahrtsgesellschaften zu konkurrieren. Wie erbittert man einen solchen Kampf aufnehmen würde, zeigte schon die Androhung der Boykottierung Emdens durch die Hapag in der Frage des Auswandererverkehrs. Jetzt finden wir einen neuen Beleg in einer Zuschrift an die„Hamburger Nach- richten"; es heißt da: „Eine Kontrolle der Hansa durch den„Fürstenkonzern" könnte den alten Aktionären unter Umständen recht unbequem werden. Die Hansa ist eine Bremer Gesellschaft, die von Hamburg aus fährt und genährt wird. Da sind beide Hansestädte interessiert. Die Ham- burg-Amerika-Linie respektiert die Hamburg -Jndische Linie der Schwesterstadt— im bedauerlichen Augenblick aber, da die Hansa Fürstenkonzern werden sollte, wird die Hamburg- Amerika- Linie ihrer Pflicht gedenken, die indische Linie für Hamburg zurück zu erobern. Der Norddeutsche Lloyd hat nur Interesse an der Bremer Hansa -Linie.— gegen die Berliner Hansa würde er mit der H.-A.-L. gemeinsam zu Felde ziehen,-- zum sichern Ruin der Hansal— Solch ein Kontrollversuch des Fürsteykonzerns könnte also außerordentliche Folgen nach sich ziehen, die Expansionstätigkeit der Hamburg -Amerika -Lmie, die vor Jahren Halt" machte vor der tadellosen Einzelleitung der Deutsch- Austral, der Kosmosgesellschaft, der Hamburg-Süd , könnte von diesen Linien direkt angerufen werden,— lieber geeint mit der H.-A.-L. als. wenn auch zu tollen Preisen, aufgekauft vomFürstenkonzern!" Derart ist die Kriegsstimmung angewachsen, und als solches Zeugnis geben wir die Züschrist wieder, wenn sie auch in ihren Ber- mutungen über die Gründe der hohen Hansakurse auf falschem Wege gehen mag._ Hub Induftrie und DandeL Ein„verschwenderischer" Generaldirektor. Im Winler d. I. ist der frühere Generaldirektor der Hohenlohe- werke entlassen worden. Als Grund wurde von ihm unter andern angegeben, daß der Fürst Hohenlohe , einer der Finanzmänner des bekannten Fürstenkonzerns, an seiner Betätigung bei der Reichs- l a g s w a h l Anstoß genommen und ihn zu beeinflussen gesucht habe. Schon damals wurde behauptet, daß der Generaldirekior verschwenderisch mit Gesellschaftsgelderu umgegangen sei. Zu gleicher Zeit schieden aber auch die Vertreter der Deutschen Bank aus dem Aufsichlsrat aus und die Deutsche Bank löste offiziell ihre Beziehungen z» dem Fürstentrust und allen seinen Unter- nehmungen. Offenbar haben die rein geschäftlichen Gegen- sätze der beiden Kapitalgrnppen die Hauptrolle dabei gespielt, und um sich gegen diese dem Fürstenlonzern sehr unan- genehme Deutung zu verwahren, hat in der Generalversammlung am letzten Sonnabend der Vorsitzende des Aufsichtsrals die Anklage gegen den früheren Direktor in ungewöhnlicher Schärfe in den Vordergrund geschoben. Er erklärte u. a.:„Wir müssen uns auf die Versicherung beschränken, daß wir bei der Aushebung des Lob- scheu Dienstvertrages ausschließlich das Jntereffe der Gesellschaft im Auge gehabt und es für unsere Pflicht gehalten haben, einem. ohne Beispiel d a st e h en den verichweirderischen Treiben, einer unerträglich gewordenen GünstlingSwirtschaft und einer selbstherrlichen Nichtachtung der Be« s ch l ü f s e des Aufsichtsrals ein Ziel zu setzen. Im engen Zusammenhange mit dem Falle Lob steht das Ausscheiden der Herren Klönne und Berve(von der Deutschen Bank) aus dem Aussichtsrat. Die beiden Herren haben im Gegensatz zu den übrigen Mitgliedern des Aussichtsrats einer gut- lichen Lösung der Beziehungen zu dem Generaldirektor das Wort geredet, weil sie es für das Wohl der Gesellschaft ersprießlicher gehalten haben, die notwendig mit einer Entlassung verbundene Beunruhigung der Aktionäre und der Oeffent- lichkeit zu vermeiden. Die anderen Mitglieder des AufsichtSrates haben nicht geglaubt, die Verantwortung auf sich nehmen zu dürfen, die großen Verluste, die die Gesellschaft durch die Verschwendungssucht und verfehlten Maßnahmen des Generaldirektors erlitten, noch durch die Zahlung einer hohen Abfindungssumme zu vermehren. Sie sind zu der Eni- lassung geschritten, trotz und in klarer Erkenntnis, daß damit pein- liche Erörterungen in der Ocffentlichkeit heraufbeschworen würden." Zum mindesten ist es auffällig, daß der Aussichtsrat die großen Ausgaben des Direktors Lob viele Jahre hindurch unbeanstandet ge- lassen hat. So sehr die Hunderttausende, die Lob zu seinem privaten Gebrauch ausgegeben hat, während die Arbeiter des Werkes darben, unsere Kritik herausfordern, so gesucht erscheint uns doch die spartanische Moral des AufsichtSrats. Will man die Oeffentlichkeit wirklich glauben machen,. daß Deutsche Bank und Fürstenlonzern sich nur wegen ein paar lumpiger Hundertausendcr schieden? Eher sind schon die vom Aufsichtsrat zugegebenen Differenzen über Ab- fchreibungen der Grund gewesen. Starkes Steigen der Fleischpreise. Wieder sind im Monat Juni im Vergleich zum Mai die Fleisch- preise gestiegen, diesmal so erheblich, daß man von einer starken F l e i s ch n o t sprechen kann. Bemerkenswert ist, daß diesmal alle Flleischi'orten an der Verteuerung teilgenommen haben. Nach den Erhebungen in 50 preußischen Städten wurde 1 Kilogramm Rind- fleisch im Juni durchschnittlich mit 179,3 Pf. bezahlt. In den genannten Orten kostete das gleiche Quantum Rindfleisch im Mai durchschnittlich 176,3 Pf. Außerordentlich stark ist die Spannung gegen die Vorjahre. Im Juni 1909 kostete 1 Kilogramm Rindfleisch an den nämlichen Märkten im Durchschnitt 155,0 Pf., 1910 bereits 157,6 Pf. und im vorigen Jahre 167,4 Pf. Die Preiskurve war somit ununterbrochen auswärts gerichtet. Am höchsten stellte sich der Mindfleischpreis im Berichtsmonat in Wilhelmshaven , wo 1 Kilo- gramm 214 Pf. kostete. In Magdeburg wurde Rindfleisch pro Kilogramm im Juni durchschnittlich mit 230 Pf. ge- kauft. Der Preis für Kalbfleisch erhöhte sich seit dem Vormonat von 196,8 auf 197,8 Pf. Auch hier entwickelten sich die Preise für den Konsum gegen die vergangenen Jahre un- günstig. Es werden übrigens für Kalbfleisch aus mehreren Städten überraschend hohe Preise gemeldet. So konnte man in Düsseldorf und Magdeburg Kalbfleisch nur zum Preise von 232 Pf. pro Kilo- gramm erstehen, und in Harburg wurde die gleiche Menge im Klein- Handel mit 226 Pf. bezahlt. Stark angezogen haben auch die Vcr- kausspreise für Hammelfleisch, das nach den statistischen Er- Hebungen im Mai mit 185,1, im Juni dieses JohreS mit 191,2 Pf. bezahlt wurde. Auch die S ch w e i n e f l e i s ch p r e i f e waren von der Verteuerung nicht ausgeschlossen. 1 Kilogramm Schweinefleisch kostete im Detailverkauf im Mai durchschnittlich 159,9, im Juni 162,8 Pf. In Köln stellte sich der Preis kür genannte Qualität im Berichtsmonat auf 195 Pf., in Hanau auf 191 Pf. Zur Einführung eines Getreidemonopols in Rnßland. Der in der Dum-, gestellte Autrag auf Einführung eines Ge- treidemonopols in Rußland war seinerzeit einer Kommission über- wiesen worden. Die Kommission hat sich' jetzt gegen eine Annahme des' Projekts ausgesprochen. Hub der frauendewegung. Eine weibliche Professur in Holland . Fräulein Dr. Johanna «.efterdijk, Direktorin der Zentralstelle für Pilzkulturen der Association Internationale des Botanistes in Amsterdam , ist zum außerordentlichen Professor in Utrecht ernannt worden. Die Dame beschäftigt sich mit Pflanzen-Pathologie und hat besonders über Krankheiten der Tomaten und Hyazinthen gearbeitet. Leseabende. Steglitz . Montag, den 15. Juni bei Heizmann Vortrag der Ge- nossin Frau Berta Selinger-Wülfrath über:„Bürgerliche und proletarische Frauenbewegung". Es wird um zahlreiches Er- scheinen ersucht._ Hub aller Melt. Ein Brief. Man schreibt uns aus Brüssel : Während großer Wirtschaft- licher Kämpfe bekundet sich in Belgien ein eigenartiger Akt von Solidarität. Um die Streikenden von der Sorge für ihre Kinder zu befreien und ihnen damit die Möglichkeit zu geben, im Kampfe auszuharren, werden die Kleinen in andere Orte, oft in eine andere Provinz gebracht, wo sie für die Streikzeit in Familien, die sich dazu bereit erklärt hatten, Aufnahme finden. Gewöhnlich versammeln sich die„Adoptivmütter" in den sozialistischen Volkshäusern, wo sie ihre Schutzbefohlenen übernehmen. Für wie viele dieser Kinder ist damit die Zeit, die für ihre Eltern die bitterste Entbehrung brachte, zu einer Art Festzeit und„Ferien" geworden. Um ihnen Vater und Mutter zu ersetzen, hat man sie nicht nur behütet und ge- pflegt, sondern auch„verhätschelt. Und die Streikenden konnten kämpfen, hungern, wenn es fein mußte: ihre Kinder waren versorgt. brauchten leine Not zu sehen oder zu leiden.— Man begreift, daß die belgische Arbeiterpartei zu den wichtigsten Vorbereitungen für einen etwaigen Generalstreik die Organisierung der Unterbringung von Kindern zählt. Ein Prälu- dium zu dieser Aktion ist ein Brief, den der„Peuple " veröffentlicht und der zeigt, daß es just nicht gerade die Begütertsten sein müssen, die den Anfang mit der Betätigung idealistischer Akte machen. Um der Menschlichkeit willen, die aus ihm sprich:, sei der Brief, den auch eine liebenswürdige Schlichtheit auszeichnet, wiedergegeben. Der Schreiber des Brüses hält den Generalstreik für unausweichlich und macht schon jetzt sein Angebot:„Meine Frau und ich, schreibt er, haben beschlossen, nach Maßgabe unserer Mittel zum Erfolg der Bewegung beizulragen, wenn das Zeichen zum Kamps gegeben werden wird. Sie würden mich demnach verpflichten, wenn Sie die Person, die mit dieser Sache beauftragt ist, verständigten, daß wir bereit sind, gegebenenfalls zwei Kinder von Streikenden bei uns aufzunehmen.— Wir besitzen vier Kinder, einen Jungen von 16 Jahren und drei Mädchen von 13. 6 und 5 Jahren. Man könnte uns zwei ganz kleine Kinder geben, meine Frau wird ihnen die nötige Pflege angedeihen lassen. Statt zweien wird sie eben, vier Gestchtchen säubern. Bei Tisch wird man ein wenig zu« sammenrücken und für die zwei kleinen Brüderchen(oder Schwesterchen) werden sich zwei annehmbare Plätzchen zum Schlafen finden. Wir fühlen wohl, welches Opfer es für die Eltern sein wird, sich von ihren Kindern zu trennen. Sie können daher auch vollkommen beruhigt sein, daß wir jenen, die uns anvertraut werden, alle körperliche und sonstige Pflege zuteil lassen werden. Wir wohnen im einem gesunden Viertel,, haben einen. Kleinen Garten und wohnen gaüz nahe vom Land. Unsere Sprößlinge sind nicht schlimmer als der Durchschnitt, wenngleich die zwei Jüngsten rechte Lärmgeister und. Racker find. Aber sie sind alle gutherzig und ich weiß, daß die kleinen Gäste bei ihnen di«' beste Aufnahme finden werden, dank der Belehrung, die wir ihnen im Zusammenhang der Dinge über die menschliche Solidarität einschärfen werden." Wie anders klingt dieses vom sozialen Bewußtsein inspirierte Dokument menschlicher Solidarität gegenüber der landläufigen dürren oder protzigen Wohltätigkeit, aus der man weniger das Herz deS Menschen schlagen als seine Goldmünzen klappern hört.... Wieder eine Hitze- und Trockenperiode in Sicht? Die„Rheinisch-Westf.-Ztg." bringt ein Gutachten der Aachener Wetterwarte, nach der es keineswegs auS- geschlossen sein soll, daß wir in Deutschland auch in diesem Jahre wieder von einer andauernden Hitze- und Trocken- Periode heimgesucht werden könnten. Optimistischer urteilt ein anderer meteorologischer Sachverständiger im„Berliner Tageblatt", der seine Wetterprognose dahin zusammenfaßt: -„Unter solchen Umständen scheint also in diesem Sommer nur eine Tendenz zu S ch ö n w e t t e r und Trockenheit, nicht aber zu einer Dürre vorhanden zu sein, die den vergangenen Sommer zum Sckaden unseres ganzen wirtschaftlichen Lebens in sehr nachteiliger Weise ausgezeichnet hat." Auch diese Vorhersage klingt nicht allzu tröstlich. Hoffen wir, daß es auch hier wieder einmal anders kommt! Kleine Notizen. Die Wittener TyPhuScpidemie nimmt fortgesetzt an Ausdehnung zu. Die Zahl der Erkrankten in der Stadt Witten allein beträgt jetzt nahezu 209. Als Ursache der Epidemie ist folgendes festgestellt: In der Familie eines Milchhändlers in der Umgegend ereignete sich ein Krankheitsfall, den der behandelnde Landarzt als Lungen- entzündung behandelt, in Wirklichkeit aber T y p h u s w a r. Da die Ehefrau des Händlers gleichzeitig den Kranken bediente und in der Milchwirtschaft tätig war, so sind sämtliche Bezieher dieser Milch mit Typhusbazillen infiziert worden. Ein Lehrer, der nur einen Tag die Milch genossen hatte, dann eine militärische Uebung ableistete, ist bei seiner Rückkehr erst von der Seuche befallen worden. Borsicht be»m Hantieren mit SpirituS. In Zuffenhausen bei Stuttgart goß gestern niittag eine siebzigjährige Frau, die sich bei ihren dort verheirateten Söhnen vorübergehend aushielt, auf ein Kohlenbügeleisen Spiritus, nm es schneller zu erhitzen. Dabei explodierte das Gefäß mit Spiritus. Der Frau verbrannten die Kleider buchstäblich auf dem Leibe, so daß sie schwerverletzt in ein Krankenhaus gebracht werden mußte. Auch zwei kleine Enkelkinder der Frau, die in der Nähe spielten, erlitten schwere Brandwunden. Nächtliche Ueberscefahrt eines Zeppelin. Das Luftschiff Viktoria Luise ist von der in der Nacht zum Sonnabend 12 Uhr be- gonnene» Fahrt über die Ostsee heute vormittag 9 Uhr nach Ham - bürg zurückgekehrt und um 9� Uhr glatt gelandet. Die Fahrt führte über Segeberg und Niendorf nach der Ostsee , die um 2 Uhr früh erreicht und bis zum Grönsund zwischen Mön und Falster überquert wurde. Von dort wandte sich das Luftschiff in gerader Richtung über die Ostsee zur mecklenburgischen Küste nach Heiligen- dämm, und die Weiterfahrt erfolgte über Wismar , Schwerin und Friedrichsruh nach Hamburg . Ein hannoversches Dorf in Flammen. DaS Kirchdorf Debstedt im Kreise Lehe ist heute nachmittag durch ein verheerendes Feuer heimgesucht worden. Bis 5 Uhr SonnabendnachmiNag waren mehr als 26 Gehöfte eingeäschert. Auch die alle schöne Kirche ist ein Opfer der Flammer geworden. Das Feuer greift noch weiter un: sich. Es besteht Gefahr, daß das ganze Dorf zer- stört wird.
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