Nr. 220. 29. Jahrgang. 1 Keilm des Juniiiitls" Kerl« UslksdlM. Freitag, 20. September 1912. Sozialdemokratikber Parteitag. Chemnitz , 18. September. Nachmittagssitzung. Haase eröffnet die Sitzung. Zur Verhandlung steht Punkt i Tie Reichstagswahlen. Scheidemann : Zum sechsten Male seit dem Fall des Sozialistengesetzes kann ~m deutscher Parteitag den Bericht über allgemeine ReichStagswahlen entgegennehmen. Zum sechsten Male können wir feststellen, dost die Äraft unserer Parole sich im Wahlkampfe glänzend bewährt hat. Die.Sozialdemokratie ist eine vorübergehende Erscheinung,' hiest es früher.»Die Sozialdemokratie hat ihren Höhepunkt überschritten,' so sagte man 1890, 1893, 1898, 1903 und 1997. 1912 hat man eS nicht mehr gesagt. Nach den Wahlen vom Januar dieses Jahres war wohl alle Welt überzeugt, dag sich die Machtzunahme der Sozialdemokratie fortgesetzt zeigt, daß sie sich vollzieht geradezu nach scheinbar unabänderlichen Gesetzen. Der Rückschlag, den unsere Partei 1907 erlitten hatte, was ist er jetzt anders, ivenn wir zurückblicken, als eine Wolke, die für einen Augenblick unseren Stern verhüllte, aber nicht am weiteren Auf- stiege verhindern konnte. Der Schmerz unserer Gegner nach den oicsmaligen Wahlen wäre wohl weniger groß geweien, wenn der Sprung, den wir machen konnten, nicht ein gar so großer gewesen wäre. Und auch die Liberalen hätten m. E. wohl nicht allzuviel zu verlieren gehabt, wenn wir schon 1907 eine MandatSzahl errungen hätten, die einigermaßen wenigstens den Stimmen, die wir damals bekommen haben, entsprochen hätte. Bei den viel bejubelten Block- wählen von 1907 waren es doch, wie immer wieder gesagt werden muß, in Wirklichkeit die Liberalen, die sich selbst die Rute gebunden haben, mit der sie nachher so schwer gezüchtigt worden sind. Eine »Finanzreform, wie wir sie jetzt haben, wäre niemals Wirklichkeit geworden. wenn bei den Wahlen vor fünf Jahren die Liberalen nicht dutzendweise die Mandate den preußischen Junkern zugeschanzt hätten. Wenn damals bO Sozial- dcmokraten mehr und ebensoviel Konservative und Zentrums- lcute weniger gewählt worden wären, dann hätte sich zweifellos manches anderes gestaltet. Von höheren Gesichtspunkten ist sehr oft gesprochen worden bei all den Experimenten, die damals gemacht worden sind von unseren Gegnern. Ich will kein Hehl daraus machen, daß auch ich sage, von höheren Gesichtspunkten aus be- trachtet bat es jedenfalls unserer Partei nicht zum Schaden ge- reicht, daß damals unsere Gegner in dieser Weise Politik machte». Jedenfalls steht das eine fest, daß unser angeblicher Ueber- winder, der Fürst B ü l o w. von dem kaum noch ein Mensch jetzt redet, das Sprungbrett für uns gewesen ist, das wir jetzt so glänzend benutzt haben. Sie werden von mir nicht erwarten, daß ich über die Tatsachen der Wahl selber, die Ihnen allen bekannt sind, mich hier in Einzel- heilen ergehe. Was gesagt werden mußte über die von unserer Partei geleistete Arbeit in bezug aurxdie Verbreitung von Flugschriften, Abhaltung von Versammlungen usw. ist alles enthalten in dem Ihnen vorliegenden schriftlichen Bericht. Außerdem ist es ergänzt worden in den Reden der Genoffen Eberl und Braun. Sie werden auch nicht von mir erwarten, daß ich mit besonderen Aus- drücken erhebender Freude über unseren großen Wahlsieg mich er- gehe. Gewiß weiß ich, daß eS leinen hier im Saale gibt, der sich nicht von ganzem Herzen gefreut hat, als damals die Wahlresultote bekannt wurden.(Beifall.) Das müßte ein merkwürdiger Partei- genoffe fein, testen Herz in dem Bewußtsein, daß jeder dritte Mann. der zur Wahlurne gegangen ist. sozialdemokratisch gewählt hat, nicht höher geschlagen hätte.(Beifall.) Aber wir«vollen davon ab- sehe», in freudigen Gefühlen zu schwelgen. Das ist ja gerade mit ein Teil der Größe unserer Bewegung, daß wir»jemals Zeit ge- funden haben, uns aufs Faulbett zu legen in dem Gefühl, wie herrlich weit wir es gebracht haben. Wir müffen stets bestrebt sein, auS unseren Niederlagen wie aus unseren Siegen zu lernen. Es ist gut und gesund für unsere Partei, daß jeder Hurrastimmung, die etwa aufkommen könnte, von vornherein begegnet wird durch nüchterne Betrachtungen und durch die jederzeit bei uns einsetzende Kritik. Nur so wird eS möglich sein, daß wir wachsen mit unseren neuen Auf- gaben..- Vor und nach jeder Wahl hat uns immer das Problem der Stimmen- und Mandatszahl sehr eingehend beschäftigt. Die einen haben immer gegenüber der Stimmenzahl und der UeberzeugungS- kraft unserer Anhänger die Zahl der Mandate sehr gering eingeschätzt. Andere wiederum haben, wie mir scheint, ein allzu großes Gewicht auf die MandatSzahl gelegt. Nun meine ich. darüber könnte wahr- hastig Klarheit bei uns bestehen, daß selbstverständlich die Massen. die hinter uns stehen, unsere Kraftmcster sind, daß die Zahl unserer Anhänger ihre UcberzeugungSkraft das einzige und alleinige sind, das unS die Siege, die wir uns erkämpfen wollen, verbürgen kann.— Aber deshalb braucht man doch die Mandate nicht als gan) neben- sächlich und bedeutungslos ein�uschähen.(>vehr richtig!) Wir haben gerade im Interesse der werktätigen Bevölkerung alle- zu tun, was wir tun können, um in den gesetzgebenden Körperschaften so stark als irgend möglich vertreten zu sein.(Lebhafte Zustimmung.) Wie haben sich nun die Dinge bei unS im Reich vorher ent- wickelt? Wir haben immer viel weniger Mandate gehabt, als unS nach der Stimmenzahl hätten zukommen mästen. Auch bei der legten Reichstagswahl hätten wir bei einem Proportionalsystem statt 110 etwa 140 Vertreter im Reichstage haben müsten. Bei allen Wahlen hat die Regierung und haben die konservativen Parteien die eigenartige WahIkre,Sgeometrie und auch unsere grundsätzliche Isoliert- heit, die sich aus unserer Eigenschaft als Klasten Partei ergibt, sich «unutze gemacht, um uns nicht hochkommen zu lasten, um noch Röglichkeit zu verhindern, daß Sozialdemokraten in den Reichstag hinein können. Sie haben sich die größte Mühe gegeben, um durch Kunststücke aller möglichen Art die Sozialdemokratie niederzuhalten und das Wahlergebnis direkt zu fälschen. Was ist demgegenüber .insere Aufgabe? Sie ergibt sich nicht allein aus dem augenblick- (ichcn Parteiintereste, sondern auch aus unserer ganzen grundsätzlichen demokratischen Auffassung, d. h. wir müssen uns gegen derartige Bestrebungen kräftig wehren. Wir dürfen uns unter keinen Um- länden unterkriegen lasten, wir müsten alles tun, was wir können, im dem Volke den Reichstag zu geben, den das Volk haben will. >Sibr gut l) Den Reichstag, den das Volk haben wollte, konnten «vir uns am Abend des 12. Januar ja vorstellen, denn das hatte sie Stimmenabgabe deutlich gezeigt.(Lebhafte Zustimmung.) Wenn wir nun wissen, den und den Reichstag will das Volk, so stand es am 13. Januar auf einem ganz anderen Blatte, welchen steichstag da« Volk bekommen wird. Sofort nach den Wahlen ,ing das Treiben bei unseren Gegnern los, um für die Rechte so viel Mandat« al» möglich h-.auSzuschinden. ES sollten Dreillasten- wählen gemacht werden, auch ohne da« Dreiklastenwahlrecht.(Sehr gutl) Nun die Bemühungen unserer Gegner, uns bei den Stich- wählen wie' in früheren Jahren an die Wand zu drücken, sind zum guten Teile abgeschlagen worden, ich bin unbescheiden genug, zu lagen, daß ein kleiner Teil deS Verdienstes da wohl unterer Partei- leitung zuzusprechen ist Von den 12Vz Millionen Stimmen am 12. Januar erhielten Konservative. Reichspartei. Zentrum und Anti- semiten zusammen 3'/. Millionen, also noch 400 000 Stimmen weniger als wir für uns allein.(Hört! hört!) Trotzdem bestand die große Gefahr, daß je nach dem Ausgang der Stichwahlen die schwarzb'? v Parteikoalition als Mehrheit in den Reichstag zurück- kehren lovviti Schon rein zahlenmäßig hatten diese Parteien zu- sammen nach den von mir wiedergegebenen Stimmen einen Anspruch Iauf insgesamt 127 Mandate. Sie hatten in der Hauptwahl schon 116 errungen, wir Sozialdemokraten dagegen bei dem zahlenmäßigen Anspruch auf 138 im ganzen 64 Mandate. Und die Liberalen? Die hatten bei 3'/« Millionen Stimmen sage und schreibe vier Mandate erobert. Wir haben keine Ursache, dem Gegner gegenüber auch in dieser Frage mit einem offenen Urteil zurückzuhalten und ich glaube mit Recht sagen zu können, daß schlimmer als der Liberalismus unter diesem erbärmlichen Wahlsystem geschlagen worden ist, keine Partei jemals geschlagen werden kann. Nach dem Proporzrecht hätten die Liberalen 107 Mandate bekommen müsten, die Rechte 127 und wir Sozialdemokraten 133. Trotzdem haben nun die Liberalen — ähnlich die Nattonalliberalen, die Fortschrittliche Volkspartei hat ja überhaupt kein Mandat errungen— nur vier Mandate bekommen. Nun beachten Sie, wie die Situation stand und dann überlegen Sie sich, was auf dem Spiele stand, als wir vor die Frage gestellt wurden: was nun? Hätten wir es verantworten können, frage ich Sie, daß dieselbe blauschwarze Mehrheit, die eben durch den Volks- willen aufs Haupt geschlagen war, die Sitze im Reichstage wieder eingenommen hätte, von denen sie eben durch den Unwillen des Volkes davon gejagt waren? Nein, ich meine, wir konnten eS nicht. (Sehr richtig l) Es war unsere Pflicht, den Wahlfälschern, die uns die uns zukommenden Mandate durch taktische Manöver wetzfangen wollten, gehörig in die Parade zu fahren, Es war aber nicht nur unsere Pflicht deshalb, weil die große Wählerschaft von 4'/� Millionen für uns eingetreten war, sondern es war auch unsere Pflicht, wenn man bloß von organisierten Parteimitgliedern, von Parteiorganen usw. sprechen will. Dann mußten wir daran denken, daß inmitten des großen politischen Kampfes wir selbstverständlich die Aufgabe hatten, grundsätzliche Politik und Agitation zu treiben und daß das Ziel in diesem großen politischen Kampfe, das nächste Ziel die Niederschlagung des blauschwarzen Blockes war.(Lebhafte Zustimmung.) Ich will mich auf einige Aeußerungen der Parteipresse beziehen. Es hat nachher Aus- einandersetzungen gegeben über das Sttchwahlabkommen und da ist später gesagt worden, als wir schon vom Rathause heruntergekommen waren <H:itelkeit), man hätte das ganz anders machen müsten. Mehring hat in der.Neuen Zeit' vom 24. Februar 1911 geschrieben:«Die Sozialdemokratie hat längst vor dem Junkertum.klar zum Gefecht' gemacht. Sie ist zu einem taktischen Wahlbündnis mit dem Liberalismus bereit, um die Macht des Junkertums zu brechen.' In der.Neue» Zeit' vom 17. März war zu lesen:.Die Aus- führungen, die wir vor einigen Wochen über die Notwendigkeit machten, daß der Freisinn, wenn er überhaupt noch etwas bedeuten wolle, ein taktisches Stichwahlbündnis mit der Sozialdemokratie schließen müsse, werden von der„Kreuz- Zeitung ' im Sinne eines heißen Liebeswerbens um die Gunst des f* reisinns ausgelegt.' Mehring schreibt dann später in der„Reuen eit' vom 24. März in einer Polemik gegen den fortschrittlichen Ab- geordneten Naumann, der wieder einmal gegen die Sozialdemokratie wegen ihres Klassenstandpunktes sich gewandt hatte:.Hoffentlich bildet er sich nicht ein, daß seine Donnerkeile der Arbeiterpartei auch nur ein Haar krümmen. Aber wenn man billig genug dentt, ihm diese Torheit nicht zuzutrauen, so haben seine Tiraden nur die Wir« kung. das Spiel der,— seitdem eine freisinnig-sozialdemokratische Taktik ins Bereich der Möglichkeit gerückt ist usw. usw."(Hört I hört!) Ich darf vielleicht noch daran erinnern, daß in dem von der Reichs- tagSfraktion und dem Parteivorsiand gemeinsam verfaßten und ver- öffentlichten Wahlaufruf auch gesagt worden war, nachdem das Volk auf die Verbrechen des blauschwarzen Blocks hingewiesen war,„sorgt für eine andere Mehrheit im Interesse des Volkes'. Das waren alle die Dinge, die uns veranlaßten, da« Stich Wahlbündnis mit der Fortschrittlichen Volkspartei einzugehen. Hätten wir anders gehandelt, hätte:: wir, wie es manche unS nachher empfohlen haben, darauf verzichtet, hätten wir zugesehen, wie die preußischen Junker, die vorher herausgejagt worden waren, durch die Stimmzettel unserer Wähler, dennoch ihre Sitze im Reichstage einnahmen, dann hätten wir gehandelt wie ein Befehlshaber, der die Festung dem Feinde ausliefert. Dann hätten wir unS als durchaus unfähige Politiker gezeigt, als sehr un politische Köpfe, und dann hätten Sie uns zum Teufel jagen müssen.(Lebhafte Zustimmung.) Wir haben eS nicht getan, wir sind den Wahlfälschern in die Parade gefahren. Wir haben getan, was die Not, die Gefahr des Augenblicks damals erheischte. Was uns in das Stichwahlabkommen hincinttieb, war noch etwas anderes: Wer in bestimmten Situationen nicht sehr schnell handelt, der wird unter Umständen im Handumdrehen zum Objekt der Handlungen anderer gemacht.(Sehr gut!) Und die Junker waren damals schon dabei, unS als Objekte ihrer Revolverpolitik gegenüber den Liberalen zu benutzen. Durch die Drohung, daß sie in Stichwahlkämpfen zwischen Freisinn und Sozialdemokratie Gewehr bei Fuß stehen wollten iind durch die etwas mehr verblümte Drohung, daß trotz dieses Gewehr bei Fuß das eine oder andere Gewehr losgehen könnte, in der Richtung nach den Liberalen, dadurch sollten die Liberalen in Angst und Entsetzen versetzt werden, sie sollten ge- Wonnen werden für die schwarz-blauen Herrschaften, um dem Block wieder auf die Beine zu helfen. Ich verrate auch kein Geheimnis, wenn ich hier sage, daß damals die konservativen Katilinarier und Kalastrophen-Fabrikanten sich mehr als verdächtig in jeder Beziehung verhalten haben. Sie wissen aus Zeitungsberichten, daß Agenten der schwatzblauen Parteien an verschiedenen Stellen auch versucht haben, sich bei uns anzubiedern. Wenn ich denke an Parchim -LudwigS- lust und ArnSwalde -Friedeberg, auch schließlich an andere schöne Gegenden und mir vorstelle, daß man sich in jenem Lager schon allerlei Hoffnungen gemacht hat, obwohl wir unS jederzeit gänzlich ablehnend verhalten haben solchen Versuchen gegenüber, dann frage ich mich: Was würden wir unter Umständen alles für Kuhhandel angeboten kriegen, wenn wir auch nur ein ganz klein bißchen Entgegenkommen gezeigt und unS nicht absolut ablehnend jenen sauberen Burschen gegenüber benommen hätten. Wenn wir nicht trotz dieser Situation zum Werkzeug der kon- servativen Erpresserpoliiik uus machen lassen wollten, dann war noch ein anderes möglich, und das ist die zwar nicht allzuviel, aber sehr heftig kritisierte Dämpfung des Wahlkampfes in 16 Kreise». Außerordentliche Situationen erfordern außerordentliche Mittel. Wir haben mit der Dämpfung zu einem außerordentlichen Mittel gegriffen. Ich glaube aber auch. Ihnen den Beweis geliefert zu haben, daß wir uns in einer ganz außerordentlichen Situation befunden hoben. Wären die Umstände nicht so außerordentlich ge- wesen. wie sie in Wirklichkeit lagen, dann wäre ja der Wahlkampf in den 16 Kreisen, die da in Betracht kommen, soweit eS sich um Mandatsfragen handelt, an sich entschieden gewesen. Ueberall stand uns in diesen 16 Kreisen eine kompakte bürgerliche Mehrheit gegen- über. Ich glaube, wir vernichten auf den Borttag der einzelnen Nachweise. Sie können sich aus der Presse, und wer sich dafür interessiert, auch anderweitig Material verschaffen. eS gab keine Möglichkeit, durch Anwendung anständiger grundsätzlich erlaubter Mittel die Mehrheit, die uns ent- gegenständ, zu_ brechen.(Sehr richtig!) Ueberall handelte eS sich doch um Wähler, die der Rechten angehören, die entscheiden sollten zwischen uns und den Freisinnigen. Daß diese bürgerlichen Parteien. Konservative, Antisemiten usw. in der Stichwahl für die Sozialdemokratie gewonnen werden sollten, ich weiß nicht, wie man das durch einen grundsätzlichen Wahlkamps hätte erreichen wollen. es sei denn � und damit komme ich auf ein sehr interessantes Kapitel— daß die bürgerlichen Wähler von der Rechten zu schäbigen Wahlmanövern zu unserem Gunsten sich hätten gebrauchen lassen. Das mar auch der groß« Trumpf, den die Revolverpolitiker den Llderalen gegenüber immer in der Hand hatten, sind dieser große Trumpfs der wurde den konservativen Parteien durch unsere Taktik aus der Hand geschlagen.(Sehr richtig I) Die Konservativen und das Zentrum hatten den Liberalen gedroht, diese und jene Wahlkreise verliert ihr, wenn ihr uns nicht helft, um die Sozialdemokraten zu schlagen. Das mußte für uns ein deutlicher Wink sein. Was war denn auch insolgedessen der ganze Sinn der Dämpfung? Der Sinn der Dämpfung war, daß wir erklärten: Wir beabsichtigen nicht, die Hilfe politischer Intriganten in Anspruch zu nehmen.(Zustimmung.) Das tvar die Erklärung. Wir wollen keinen Anspruch darauf machen, auf konservativen oder anttsemitischen Krücken in den Reichstag zu humpeln.(Beifall.) Das war die Er- klärung, daß wir nicht bereit waren, ein übleS Manöver mit- zumachen, das letzten Endes sich doch nur gegen uns gerichtet hätte.(Sehr richtig I) So kam das Stichwahlabkommen zustande als das Produkt unseres ungerechten Wahlsystems und der Taktik des preußischen Junkertums. Wenn wir mit diesen beiden Dingen nicht zu rechnen gehabt hätten, dann natürlich hätten wir ein Stich- wahlabkommen nicht abschließen brauchen, und das wäre sicherlich das beste gewesen, wenn wir es nicht nötig gehabt hätten. Gegen die Dämpfung namentlich sind zwei Einwände gemacht worden: man hat hingewiesen auf zwei Kreise, die trotz der Dämpfung für unsere Partei erobert wurden, Hagen und Nord- hausen. In der Rede einer Genossin wurde gesagt:�„Von jenen sechzehn Wahlkreisen, die wir selbst der Fortschrittspartei preisgegeben haben, haben wir zur Ueberraschung der Welt zwei gewonnen. Es hieß, es seien aussichtslose Kreise; wie ist das gekommen? Als am ersten Stichwahltage die erschütternde Kunde von dem Verrat der Fortschrittler gekommen ist, da haben unsere Genossen gesagt: Hol der Teufel das ganze_ Abkommen. Und sie haben gesiegt.(Heiterkeit.) So soll man eigentlich keine Geschichte machen.(Sehr richtig I) Wenn in beiden Kreisen gesiegt wurde, so wurde nicht gesiegt trotz der Dämpfung, sondern infolge der Dämpfung.(Sehr richtig!) Das wollen wir doch als ehrliche Leute sagen und unS kein 3£ für ein II machen. Hagen war gewisser- maßen nur bedingungsweise in das Abkommen eingeschlossen und es wurde sofort auf den Wunsch der dortigen Genossen aus- genommen. Darüber will ich jetzt gar nicht reden, aber über Nord« hausen. Ueber Nordhausen um deswillen schon, weil unser Genoffe Cohn eS mit zu seiner Aufgabe gemacht zu haben scheint, möglichst viel in seinem Wahlkreise Resolutionen zu extrahieren gegen unser Sttchwahlabkommen. Wie lagen denn die Dinge in Nordhausen ? Bei- der Hauptwahl hatte Cohn 7462 Stimmen bekommen, der Freisinnige 6208 und der Antisemit 3811. Nun ist keiner hier im Saale, der bezweifeln wird, daß Genosse Cohn ein außerordentlich tüchtiger Mensch, ein guter Parteigenosse, ein glänzender Agitator ist. Wir waren alle überzeugt, daß wenn einer etwas dort herausholen konnte, er es wäre. Aber daß er der richtige Mann sein tollte, der es verstand, sogar sämtliche Kriegervereine sllr sich mohil zu machen, das hätte keiner angenommen, das schien uns über seine Kraft zu gehen.(Heiterkeit.) Er hat es trotzdem sertiggebracht. Wir wissen aus der Parteipresse heraus, daß mit einer wahren Begeiste- rung die Kriegervereine die Parole für Cohn ausgegeben haben.(Heiterk,) Vor der Hauptwahl waren die Dinge so: auf der einen Seite stand der Antisemit, der Judenfresser, auf der anderen Seite Dr. Cohn, und zwischen beiden stand der Kandidat der Fortschrittliche», Dr. Wiemer. Dr. Cohn kennen Sie alle, Dr. Wiemer werden Sie nicht alle kennen; ich will Ihnen deshalb sagen, loie er ungefähr zu charakterisieren ist. Wer Dr. Wiemer jemals gehört hat oder ihn sieht in seinem ganzen Auftreten, der wird zu der Ueberzeugung kommen, an dem Mann ist jeder Zoll ein KricgervereinSmitglied. (Sehr gut I und Heiterkeit.) Dem gegenüber hatte unser Genosse Cohn nach unserer Ueberzeugung einen sehr schweren Stand, soweit es auf die Hilfe der Kriegervereine ankam.(Heiterkeit.) Selbstverständ- lich war es, daß die Antisemiten vor der Hauptwahl mit all den Dingen, mit denen sie ihren Wahlkampf führen, mit der Parole aufttaten: gegen Juden und Sozialdemokraten, mit Gott für König und Vaterland wählt den und den I Dann kam das Stich- wahlabkommen. Da wollten die Antisemiten einen Kuhhandel entrieren zwischen Nordhausen und Eschwege -Schmalkalden . In Eschwege - Schmalkalden sollten die Freisinnigen den Antisemiten unterstützen und dafür sollte in Nordhausen dann Dr. Wiemer von den Antisemiten herausgehauen werden. Daraus wurde natürlich durch unser Abkommen nichts. In Eschwege unterstützten die Frei- sinnigen unseren Genossen Thöne, der auch gewählt wurde. Nun aber sagten die Antisemiten in Nordhausen : Rache ist Blutwurst!(Gr. Heiter- keit.) Jetzt kamen die Kriegervereine natürlich in die schwerste Kalamität. Was nun machen? Da ergaben sich folgende Tatsachen: Die Kriegervereinler gingen im hellen Entsetzen und großer Wut zum Amtsvorsteher, zum Rittmeister a. D. Soundso, zum Kriegervereins- Vorsitzenden Soundso und fragten, was machen wir nun? Da sagt der Rittmeister, der sich noch am diplomatischsten ausgedrückt hat von den Vertretern der Reaktion in Nordhausen :„Ich habe heute meinen roten Tag, macht was ihr wollt I(Heiterkeit.) Ein anderer aber wurde vor eine viel kritischere Frage gestellt. Als nämlich die Krieger- vereine nun diese Parole hatten, daß heute der Rittmeister a. D., der Kriegervereinsvorsitzende und Amtsvorsieher seinen roten Tag hätte, so ivollte er auch den anderen nicht verwehren, auch ihren roten Tag zu haben, da erklärte einer der Kriegervereinler dem Amtsvorsteher: Ja, aber Sie wissen, daß wir wegen der früheren Wahle», weil man angenommen hat, wir hätten Sozial- demokraten in den Kriegervereinen, bis jetzt noch kein Fahnenband bekommen haben. Da sagte der Amtsvorsteher: Wählt den Cohn, dann knegt Jhr'S Fahnenband.(Stürmische anhaltende Heiterkeit.) Also die Parole hatte sich vollständig geändert. Vor der Haupt- wähl, ehe man eine Ahnung von unserem Sttchwahlabkommen hatte, da hieß die Parole:.Mit Gott für König und Vaterland!' Nach der Hauptwahl hieß die Parole:„Mit Gott für Cohn und Vater- land— ohne Cohn kein Fahnenband I'(Erneute stürmische Heiter- keit.) Ich meine, dieses eine Beispiel genügt wohl für Unterstützung memer Behauptung, daß man nicht komnien soll und sagen, man hätte dadurch, daß man besonders tapfer kämpfte und auf unsere Parole psiff, die Leute zu überzeugten Sozialdemokraten gemacht zwüchen Haupt- und Stichwahl. Man soll unS mit solchen Argumenten vom Leibe bleiben und bessere zu bringen versuchen. (Beifall.) � Stichwahlentscheidungen und Sttchwahlabkommen haben selbstverständlich immer etwas Unerquickliches an sich, und unerquicklicher war doch das diesmalige Abkommen auch nicht als das von 1907.(Sehr richtig!) Waren wir damals nicht auch dazu gezwungen? Man soll doch nicht den Blick verlieren für politische Notwendigkeiten. Es ist das eine ebensowenig schön, wie da« andere, aber das Abkommen von 1912 war ebenso not- wendig, wie das von 1907. Warum verlangen itü» denn den Proporz? Um unS und auch die andern bor derartigen Ueberein« kommen zu bewahren. Je mehr es uns ermöglicht ist, auch unter den bestehenden Gesetzen schon dem Volke so viel Mandate zu chaffen, wie eS beanspruchen kann auf Grund seiner Sttmmen, um o mehr nehmen wir doch den Gegnern die Argumente aus der Hand gegen den Proporz. Ein unmittelbarer Erfolg des Stichwahl- abkommens war, daß die Sammlung aller bürgerlichen Parteien ver- eitelt worden ist.(Sehr richtig l) Das hat doch auch einige politische Bedeutung. Am 12. Januar war gewählt worden und am IS. Januar rief Bethmann die Vertteter der bürgerlichen Parteien zum Kuhhandel zusammen an die würdigste Stätte die er dafür finden konnte, in da» DreiklaffenhauS. Da kamen Kon-
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