SeretnS fn München bewiesen. Wie selbstverständlich ist. redete der Minister speziell über die Flcisckteuerung und die zu ihrer Linderung vorgeschlcigenen Einfuhrerleichterungen. Mit der Genauigkeit eines Grainnophons wiederholte Frhr. V. Soden die von den bayerischen ländlichen Zentrumsblättern gegen die Einfuhr von ausländischem Vieh und Fleisch erhobenen Einwände, um sich dann Hinlerher doch für die in der„Nordd. Allgem. Ztg." veröffentlichten Erleichterungsmagnahmen der Reichsregierung zu erklären. Nach telegraphischer Meldung sagte er: Es sei durchaus notwendig, in bezug auf die hoben Fleisch- preise und den relativen Fleischuiangel. der jetzt voraussichtlich noch ein Jahr herrschen werde, im Interesse der Konsumenten Abhilfe zu schaffen. Der Minister kam dann auf die Ausführungen in der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" am Sonnabend über Maßnahmen zur Erleichterung der Vieh- und Fleisch- einfuhr zu sprechen und bemerkte, einige der darin angesührten Richtpunkte würden auch in Bayern sofort durchgeführt werden. Das entscheldeiidste unter den neuen Vorschlägen sei wohl der>Ge- danke einer zeitweiligen Herabsetzung der Kleiichzölle. Da« sei auf den ersten Blick hin eine Maßregel, welche in den Kreisen der Landwirte nicht allseitig begrüßt werden würde. Er teile diese Ansicht, wenn nicht besondere Begleitumstände damit verbunden lein würden. Weite Kreise der Landwirtschaft würden die Ansicht vertreten, daß das Prinzip des Zollschutzes aufrechtet halten werden müsse. Denn ihm verdanke man die Existenz der deutschen Landwirtschast, und ohne den Schutzzoll würde sie sich nicht aus dem Stande befinden, auf dem sie jetzt trotz aller Schwierigkeiten sei. Der Zollschutz müsse der Landwirtschaft erhalten bleiben, und er dürfe auch nicht geschwächt werden vor dem Abschluß neuer Handelsverträge, die sehr viel schwerer durchzubringen wären, wenn in der Zwischenzeit eine Einschränkung des Zollschutzes vorgenommen würde. sZuftimmung.) Ich freue mich auch, fuhr der Minister fort, konstatieren zu können, daß diese An- ficht auch in der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" zum Ausdrucke gekonimen ist. Denn dort ist in den Motiven direkt zuin Ausdruck gebracht, daß an dem bewährten Zollschutzsystem nicht gerüttelt werden dürfe. fBravo.) Wenn nun, fuhr der Minister fort, für eine kurze Zeit unter sehr weitgehenden Kontrollmaß- nahmen und unter Heranziehung der Kommunen— ein Gedanke. den ich begrüße— eine zeitweilige Herabsetzung des Fleischzolles geplant ist. so muß ich sagen, daß das ein Vorschlag ist. der sicher mindestens der näheren Prüfung bedarf, dem näherzutreten notwendig ist. aber unter der Voraussetzung, daß das Prinzip des Zollschutzes unbeeinflußt bleibt. Geschieht das aber, und das ist zweifellos die An- ichauung der Reichsregierung, dann meine ich, daß hierin ein Vorschlag sich findet, der wohl geeignet sein kann, dem Fleisch- mangel abzuhelfen. Ich darf wohl der Hoffnung Ausdruck geben, daß nicht anzunehmen ist, daß über eine limitierte Zeit hinaus die Fleischnot fortdauern wird. Freiherr v. Soden empfahl dann nach bekanntem Rezept den Landwirten, ihren Viehbestand möglichst zu vermehren, damit sie den gestiegenen Anforderungen zu genügen vermöchten— und er« klärte daraus zum Schluß: „Ich bin der Anschauung, daß eS der Ueberlegung bedarf, ob nicht ohne. Schädigung der Landwirtschaft durch Abänderung des§ 12 des Fleischbeschaugesetzes vielleicht auch noch dem der» zeitigen temporären Mangel abgeholfen werde» kann, außer dem, was jetzt vorgeschlagen ist. Ich halte es für meine Pflicht, diese Frage neuerlich zu prüfen, um gegebenenfalls im Bundesrat dieser Ansicht Ausdruck zu geben. Daß damit eine Schädigung für die deutsche Landwirtschaft nicht verbunden sein mutz, der Meinung kann ich Aus- druck geben. Denn eine Erleichterung der Fleischbeschau gegenüber dem Auslaiide unter den aufrechtzuerhaltenden Kautelen wird nicht die Folge haben, daß die Fleifchbeschaubestimmungen einer Abänderung unterliegen." Also trotz aller Bedenken geh't schließlich selbst der bayerische Mini st er noch einige Schritte weiter als Herr v. Bethmann Hollweg . Großgrundbesitz und Beschränkung der Viehzucht. Die bekannte Tatsache, daß der Grotzgrundbesitz die Viehzucht zugunsten des Getreide- und Zuckerrübenbaues vernachlässigt, macht sich selbst in Baden bemerkbar, wo im allgemeinen der Klein- und Mittelbesitz dominiert. Der badische Grundherr Frhr. v. Gemmingen halte sein Gut in Michelfeld in Unterbaden früher an die Familie Funk verpachtet, die eS jahrzehntelang bewirtschaftete und u. a. auch einen Viehbestand von hundert Stück und darüber hielt. Vor einigen Jahren verpachtete Freiherr v. Gemmingen aber dieses Gut an die Zuckerfabrik Weghäusel— natürlich gegen einen höheren Betrag— und seiidem ist eS mit der Viehzucht völlig vorbei. Nur noch einige Ochsen und mehrere Pierde weiden zur Verrichtung der notwendigsten Arbeit gehalten. der Bestand an Kühen und Schweinen ist total verschwunden. Die Zuckerfabrik Weghäusel baut Zuckerrüben und Getreide, und die Preise, die sie für Grundbesitz zahlt, hat auch andere große Besitzer zur Nachahmung des„guten Beispiels" von Michelfeld veranlaßt! die Fabrik ist heute Eigentümerin bon 10— 1b großen Gütern, wo- durch der badische Viehbestand um jährlich 1000— 1500 Stück ver- mindert»st- Erklärlich, wenn auch Baden, wie Preußen und Sachsen , einen starken Viehrückgang konstatieren mutz. 1007 zählte man in Baden einen Rindviehbestand von S7S 146 Stück, trotz Vermehrung der Einwohnerzahl 1916 aber nur noch 632 261 Stück, also ein Rückgang um 6 Prozent. Die hohen Getreidezölle verteuern eben dem Bolle gleichzeitig Brot und Fletsch. Krakeel im Bund der Landwirte. Der Vorstand des Bundes der Landwirte bemüht sich, die Rudolstädter Bündler zu beruhigen, die mit ihrem Adiall gedroht haben, weil die bündlerischen LandtagSabgeordnelen Kirsten und Krieger wegen ihres BerhaltenS bei der Präsidentenwahl aus dem Bunde ausgeschlossen worden sind. I» einer am Sonntag statt- gesundenen Versainniiung der Rudolstädter Landesorganisation hatten die Vertreter des Bundesvorstandes nur ein einzige« Mitglied auf ihrer Seite.' alle anderen traten für die Ausgeschlossenen ein. Der siellvertrelende Vorstand legte ebenfalls sein Amt nieder. Der Kampf gegen die Arbetterturnvereine. Die Strafkammer in K i« I hat die„Freie Turnerichast an der Kieler Förde" für einen politischen Verein erklärt und den Bor- sitzenden de« VerhinS zu 16 M. Weldstrase verurteilt, weil er auf Aufforderung des Polizeipräsidenten Satzungen und Verzeichnis der Vorstandsmitglieder nicht«ingereicht Hai. Die Strafkammer stellt sich damit in Gegensatz zum Swöffengericht. dos den Vorsitzenden freigesprochen und die politische Tendenz des Vereins verneint hat. Als Beweismaterial hatte man die alten Ladenhüter beigebracht. nämlich, daß die Mitglieder die Anrede„Genosse" gebrauchen, im GewerlichastShouse ihr« Versammlungen abhalien, führende Partei- genossen bei den Veranstaltungen Ansprachen gehalten haben und die Mehrzahl der Mitglieder der sozialdemolratischen Partei angehören. Dos Urteil der Strafkammer sagt, es kommt nickt aus die politische Betätigung des Verein« an. sondern darauf, festzustellen, ob da« Vereinsleben und die VereinStäligkeit darauf gerichtet ist, die Auf» faffung der Leiter und der Mebrheit de« Verein« in poliliicher Hinficht zur Geltung zu bringen. Da» gehe au« dem BeweiSinalerial hervor. Die Leiter und die Mehrheit der Mitglieder des BireinS seien auch Mitglieder der sozialdemokratischen Partei. Sndwestafrikanisches. Wie aus Südwesiafrika amtlich gemeldet wird, ist am 27. Sep- tember auf einem Patrouillenrilt am Auob westlich Hiuiirob der Reiter Müller von der neunten Kompagnie der kaiserl. Schutziruppe erschossen worden. Der Geireite Strauch wird seit demselben Tage vennitzl. Anscheinend bandelt es sich um einen Zusammenstoß mit Eingeborenen. Nähere Nachrichten fehlen noch. Die Lage auf dem Balkan . Die Spannung und Unsicherheit der Lage auf dem Balkan kommt zum Ausdruck in einem Wust unkontrollierbarer und widersprechender Meldungen aus den Balkanstaaten. Die Gerüchte über Mobilisierungsniaßnahmen in Bulgarien , Serbien usw. scheinen den Tatsachen zu entsprechen. Fest steht. daß die Türkei die an der serbisch-bnlganschen Grenze an- gesetzten Manöver, die in der gegebenen Situation natürlich einen stark demonstrativen Charakter haben, nicht abgesagt hat. und daß dadurch die Kriegsstimmung in den kleinen Balkanstaaten in Erregung gehalten wird. Als ein Zeichen der Zeit ist auch die Tatsache zu beurteilen, daß Rußland für seine in Russisch-Polen. stehenden Truppen eine Probemobil- machung verfügt hat. Mobilmachung in Bulgarien und Serbien . Sofia , 36. September. Die Bulgarische Telegraphen- Agentur meldet: Infolge der in den letzten zwei Tagen eingetroffenen alormierende» Nachrichten über die Konzentrierung beträchtlicher türliicher Streitkräfte in der Umgebung von Adrianopel und an der bulgarischen Grenze hat sich die bulgarische Regierung. um jeder Eventualität zu begegnen, genötigt gesehen, heute die Mobilmachung zu proklamieren. Belgrad , 36. September. (Meldung des Wiener k. k. Telegr.- Korr.-BureauS.) König 'Peter hat die allgemeine Mobilmachung der serbische» Armee angeordnet. Die Skupschtina wurde für den 4. Oktober einberufen. Belgrad , 36. September. (Meldung des Wiener K. K. Telegr.- Korr.-BureauS.) Die beute nachmittag angeordnete allgemeine Mobilisierung deS serbischen Heeres wird amtlich mit der teilweise« Mobilisierung der türkischen Truppen im Wilajet Kossowo und an der serbischen Grenze begründet, durch die das Territorium Serbien « bedroht erscheine. Feindselige Absichten der Türkei gegen Serbien gingen auch aus der alle Rücksichten der Korreklheit verletzenden Beriügung der türkischen Regierung bervor, durch die serbisches Kriegsmaterial, zu besten Durckinhr die türkische Regierung die Erlaubnis bereits erteilt halte, im Auftrage der tür« tischen Regierung in feindseliger Absicht und ohne jede Veranlassung von serbischer Seite angehalten worden sei. Die Stimmung in London . London , 36. September. Wie das Reulersche Bureau meldet, beschäftigt die Lage aus dem Balkan die diplomatischen Kreise in London in erster Linie. Der allgemeine Eindruck ist, daß, obwohl die Situation für ernst erachtet wird, noch Hoffnung auf Erhaltung des Friedens vorhanden ist, insbesondere auch mit Rücksicht auf die vorgerückte Jahreszeit und daraus, daß die Mächte sich bemühen werden, den Baltanstaaten Mäßigung anzuempfehlen. Die nnzufriedenen Albaner. Saloniki, 36. September. (Meldung des Wiener k. k. Telegr.- Korresp.-Bureaus.) Die Malifforen haben den Behörden erklärt, sie hätten»ach Prüfung der den Nordalbanesen von der Regierung gemachten Zugeständnisse gefunden, daß sie ihren Erwartungen nicht entsprächen. Alle Stämme, einschließlich der Miridiien und Arnauten von Jpek und Djakova, seien übereingekommen, weitergehende Zu- gesläiidniss« von der Regierung zu fordern. Die Malifforen halten das Ufer des Maliflusses besetzt und wollen nur einer bestimmten Anzahl von Offizieren erlauben, sich nach Skutari zu begeben,»m Unterhandlungen zu führen. Diese Offiziere müßten vorher die Waffen ablegen. Bombenattentate in Saloniki. Saloniki, 86. September. Infolge von unkontrollierbaren Ge- dichten über weitere bevorstehende Attentate auf öffentliche Gebäude Salonikis hat die Polizei einen strengeren Bewachnngsdienst einge- richtet. Trotzdem wurde um 9 Uhr abends auf der sehr belebten Sabri- Pascha-Straße unweit des FreiheitsplatzeS ein Bombenanschlag ver- übt, wobei der Dolmetscher des deutschen Konsulales Carasso durch Splitter leicht verwundet wurde. Die Behörden vermuten, daß das Attentat auf dem Fceiheitsplatze selbst, wo abends Hunderte von Personen vor den Gasthäusern sitzen, geplant gewesen sei. In der Rächt wurden zwei weitere Bombenanschläge verübt. Eine Bombe platzte an der Ecke des Neubaues der Konfeklionsfirma Tiring gegenüber dem Stadtbureau der Gas« gesellichaft, richtete aber nur geringen Schaden an. Eine zweite Bombe platzte zwischen zwei türkischen AmtSgebäuden im Viertel Kappan und beschädigte daS Hau« eines Gemeindeschreibers. An der Rückseite der Demeirius-Kirche entdeckten Paffanten eine in einem Korbe verborgene Höllenmaschine, weiche rechtzeitig entsernt wurde. Die Bevölkerung ist sehr erregt. England. Gewerkschaften und Lebensversicherung. London , 27. September. (Eig. Ber.) Der englische All- gemeine Gewerkschaftsbund(General Federation of Labour. Trade Unions ) beabsichtigt, im Anschluß an die Gewerkschafts- bewegung ein System der Lebensversicherung einzuführen. Das Projekt hat folgende Borgeschichte. In dem Entwurf deS englischen Versicherungsgesetzes waren ursprünglich die großen Versicherungsgesellschaften als Träger der Sozial- Versicherung ausgeschlossen. Aber schließlich sah sich die Re- gierung genötigt, dem Druck dieser ungeheuer reichen „coUsctinß societies", wie sie gemeinhin genannt werden, nachzugeben und sie ähnlich wie die Gewerkschaften als Träger der Versicherung zuzulassen. Wie umfassend der Einfluß dieser Lebensversicheruiigsgesellschaften ist. erhellt am besten daraus, daß selbst führende Gewerkschaftsbeamte und Mit- glieder der parlamentarischen Arbeiterpartei in den Aufsichts- raten der Gesellschaften sitzen. Nach der Annahme des Gesetzes setzten die Gesellschaften alle Hebel in Bewegung, um ihren Konkurrenten— und namentlich den schmerfälligen englischen Gewerkschaften— zuvorzukommen. Mit Hilfe ihres Heeres von Agenten gelang es den reichen kapitalistischen Korporationen, die große Masse der NichtVersicherten(das heißt der Leute, die bisher zu keiner freien Hilfekasse gehörten) für ihre auf undemokratischer Basis gegründete» Kassen ein- zufangen. Auch in das unmittelbar den Gewerkschaften ge- hörende Gebiet drangen sie ein und nahmen den Gewerk- schaften die Rekruten und selbst Mitglieder weg. Die Masse der Gewerkschaften verhielt sich diesem Treiben gegen- über fast untätig. Was man von der Nachlässigkeit und Interesselosigkeit der Leitung einiger Verbände in der Ver- stcherungsfrage hört, ist kaum glaublich. Dagegen muß man jedoch auch andere Organisationen— wie den Gewerkschafts- dund, bW Handlungsgehilfen, die schottischen Bergarbeiter— erwähnen, die mit klarem Blick die Gelegenheit zur Ver- mehrung und Befestigung ihrer Macht erkannten. So teilt uns der Organisator der Handlungsgehilfen mit, daß seine Organisation durch systematische Propaganda ihre Mitglied- schaft von 220.X) auf 75 000(!) gebracht hat, indem sie die versicherungspflichtigen Handlungsgehilfen beivegte, der Kasse der Oiewerkschaft und der Gewerkschaft beizutreten. Erst auf dem Gewerkschaftskongreß zu Newport sah man allgemein ein, wie sehr man sich durch seine Nachlässigkeit geschädigt hatte. Man erkannte dann auch allgemein die große Gefahr, die den Gewerkschaften von den Lebensversicherungsgesellschaften droht. Diese schicken ihre Agenten in jedes Arbeiterheim, versichern das Leben der Kinder und wissen so ganz genau, wann jemand das versicherungspflichtige Alter erreicht hat. Sie sind so imstande, den natürlichen gewerkschaftlichen Nachwuchs für sich zu nehmen. Denn ist ein junger Mensch erst einmal in einer ihrer Kraukenkassen versichert, so wird er schwerlich der Gewerkschastskasse beitreten, da er zum Uebertritt der Erlaubnis der ersten Kasse bedarf. Die Gewerkschaften sahen schließlich ein, daß ihnen nichts anderes übrig blieb, als die Versicherungsgesellschaften zu bekämpfen. Als ein Mittel in diesem Kampfe ist die geplante Lebens- Versicherung des Gewerkschaftsbundes aufzufassen. Der Bund beabsichtigt, den Krieg in das Lager des Feindes zu tragen. Das Projekt ist schon ziemlich weit gediehen und so- bald die aktuarischen Berechnungen abgeschlossen sind, soll ein Anfang gemacht werden. Es soll allen Gewerkschaften vor- gelegt werden, die anerkannte Krankenkassen gegründet haben. Man beabsichtigt nicht, Gewinne zu erzielen und vorläufig soll als höchste Versicherungssumme 10 Pfd. Sterl. festgesetzt werden. Der Gewerkschaftsbund ist der Ansicht, daß die finanzielle Stabilität des Unternehmens gesichert werden kann, wenn ivährend der ersten sechs Monate kein Sterbegeld gezahlt wird. Rußland. Azew will vor ein Nevolutionsgericht. Paris , 29. September. (Eig. Ber.) Das von B u r z e w herausgegebene Wochenblatt„L'Avenir" veröffentlicht einen Brief A z e w s an Burzew über die Bedingungen, unter denen er sich einem Partcigericht unterwerfen will. Das Tribunal soll 1. aus Azews alten Kameraden, die ihn persönlich gekannt haben, zu- sammengesctzt sein. Azew wünscht die Zulassung seiner Frau als ZuHörerin, ohne daraus aber eine absolute Bedingung zu machen. 2. akzeptiert Azew von vornherein das Urteil, möge es auch auf Tod lauten. Azew nimmt es auf sich, das Todesurteil innerhalb 24 Stunden selbst an sich zu vollstrecken. Während dieser Frist, die er zum Abschied von seinen Kindern und zur Abfassung seiner Mschiodsbriefe benützen will, sollen ihn die Revolutionäre im Ge- wahrsam halten. 3. fordert Azew die Anzeige des Prozesse« und seiner Bedingungen in der sozialrevolutionären Partcipresse und in einem großen französischen Blatt, wie dem„Matin", und einem großen deutschen Blatt. 4. soll über die Gcrichisverhandlungcn ein Protokoll geführt und im Fall des Todesurteils sofort ver- öffentlicht werden.&. setzt Azew als Endfrist für die Festsetzung des Prozesses den 3. Dezember d. I. fest. Ist diese bis dahin nicht öffentlich kundgemacht, hält er sich an seine Vorschläge nicht mehr gebunden. Man wird die nach Sensationsroman schmeckenden Er- llärungen des edlen Azem mit einiger Vorsicht aufnehmen müssen. Ganz zweifellos scheint in der ganzen Sache nur eines di« Reklame für den«Matt»"., China . Hohenzollernprinz und Ncvolntionär. Tstngtau, 29. September. Dr. Sunyatsen, der gestern hier angekommen ist, ist von den Chinesen begeistert empfangen worden. Prinz Heinrich bon Preußen und der Gouverneur haben ihn inoffiziell empfangen. Hflen. Die japanische Gewaltherrschaft in Korea . Sorul, 28. September. In dem Prozeß gegen 123 Kore» a n e r, die der Verschwörung gegen das Leben des Grafen Terauchi angeklagt tvaren, ist heute das Urteil gefällt worden. Baron Jnchiko und fünf andere Führer de« Komplotts wurden zu zehn Jahren Gefängnis. 18 andere Koreaner zu sieben Jahren, 46 zu sechs Jahren, 42 zu fünf Jahren verurteilt. Di« übrigen 17 wurden freigesprochen. Hm der Partei. Totenliste der Partei. Ein tragisches Geschick hat unseren Genossen HanS Roll- wagen. Redakteur der..Schwäbischen Volkszeitung", Mitglied der bayrischen Abgeordnetenkammer und des Gemeinde- kollegiums in Augsburg plötzlich auS unseren Reihen gerissen. Genosse Rollwagen stürzte bei einer Partie in den Algäuer Bergen ab und war sofort tot. Mit dem Dahingegangenen verliert unsere Partei einen unermüdlichen und opferfreudigen Genoffen, sein Tod bedeutet speziell für die Augsburgcr Parteibewegung einen schweren Verlust.— Genosse Rollwagen wurde am 21. April 1868 zu Schleusingen in Thüringen geboren, gehörte seit 196S der bayerischen Abgeordnetenkammer und seit 1968 dem Gemeindekollegium der Stadt Augsburg an. Er erfreute sich überall großer Beliebt- heit. Die Parteigenossen in Augsburg werden sein Andenken dauernd in Ehren halten. Ueber den Unfall wird unS noch gemeldet: Genosse Rollwagen begab sich am Sonnabend nachmittag über die Musauer Alp in die Untermaierhütte und stieg von dort auf den Schartschrofen; dieser ist 1963 Meter hoch. Nachts 1 Uhr wurde er in einem Steinkar. etwa 466 Meter unterhalb des SchartschrofenS. als ver- stümmelte Leiche aufgefunden.— Rollwagen war ein hervor- ragender tüchtiyer Alpinist. Es ist anzunehmen, daß der Un- glückSfall auf ein Unwohlsein zurückzuführen ist, über daS er sich bereits vor i>em Aufstieg beklagt hat. Ein Sohn Rollwagen« ist bor einigen Wochen auf die gleiche Weise«in Opfer der Berge geworden._ Berichtigung. Der ParteitagSbericht über die Sitzung vom 26. September läßt den Genossen Stadthagen sagen:„Die Linke hatte einschließ- lich des Vorstandes zu Beginn der Session gerade zwei Mitglieder mehr als die Rechte, jetzt steht es aber etwas besser." Tatsächlich hat aber'Genosse Stadthagen ausgeführt:„Die Linke hatte aus- schließlich des Vorstandes in der vorigen Session nur 2 Mit» glieder mehr als die Rechte. In dieser Session steht es etwas besser: Die Linke zählt einige 66, die Rechte einige 36 Mitglieder." Die schlechte Akustik des Sitzungssaales erklärt den Hörfehler unseres Berichterstatters. Partriliteratur. Hört mal zu! Unter diesem Titel ist bei W. Pfannkuch u. Co. in Magdeburg eine 64 Seiten starke und gut ausgestattete Agi- talionsbroschüre erschienen. Der Preis für das Einzelexemplar beträgt im Buchhandel 2S Pf., während er sich bei Partiebezug direkt von der Verlagsbuchhandlung durch die Organisationen auf nur
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