Verhalten und seine Glaubenseifrigkeit beweisen, daß sein Seelenheil durch den Umgang mit evangelischen Arbeitsgenossen nicht gefährdet ist: eS dürfen die christlichen Gewerkschaften auch keine Beratungen Pflegen. keine Beschlüsse fassen, keine Handlungen irgend welcher Art begehen. die den Grundsätzen der katholischen Lehre, der Sittendisziplin oder den Geboten der kirchlichen Obrigkeit widersprechen. Was aber nach den katholischen Grundsätzen erlaubt oder nicht erlaubt ist, darüber hat wieder allein der Bischof zu befinden. Die Gewerkschaftsmitglieder haben in jedem Fall Order zu parieren. Ob also zum Beispiel das Eintreten in eine Lohn- bewegung oder einen Streik gestattet ist, ob der Streik fortgesetzt werden darf oder ab- gebrochen werden muß, o b a n die Unter- nehmerschaft Lohnerhöhungsforderungen ge stellt oder sie inZeitungsartikeln und Flug- blättern scharf angegriffen werden dürfen, über alle diese Fragen hat endgültig der Bischof zu entscheiden. Verbietet er solche Maßnahmen, haben die katholischen Ge- Werkschaftsmitglieder unbedingt zu folgen. Das sind die schönen Segnungen, mit denen die neue Enzyklika Pius X. , des vielgepriesenen„Arbeiterpapstes", den deutschen katholischen Arbeiter beglückt. Er wird völlig ent- mündigt und für unfähig erklärt, selbst nach eigenem Er- messen seine wirtschaftlichen Interessen wahrzunehmen. Er hat nur eine Pflicht, blindlings den Befehlen des höheren KleruS zu folgen. Die Frage ist nur, ob dieser auf- gezwungene Kadavergehorsam nicht schließlich manchen katholischen Arbeiter der alleinseligmachenden Kirche ent- fremden, ob nicht gerade trotz aller Gegenbemühungen des Klerus die weise Enzyklika des großen„Arbeiterpapües" die Ursache des Abfalls so manchen Arbeiters werden wird. in dem das Gefühl für Menschenwürde und Persönlichkeits- freiheit noch nicht völlig erstickt ist. So wenig wir auch sonst für die Prophetie der„Deutschen Tageszeitung" übrig haben, dürfte sie doch schließlich mit ihrer Voraussage recht behalten: „Es wird kommen, wie man es in Rom erwartet: die Bischöfe und die von ihnen geführte Geistlichkeit werden das sinkende Schiff der christlichen Gewerk- schaften verlassen und mit sich zu den katholischen Fachvereinen hinüberziehen, was ihnen irgend erreichbar ist und was nicht vorzieht, ins Lager der Sozialdemokratie abzuschwenken. Die Ein- richtung der christlichen Gewerkschaften jedoch wird ein sozial geschichtlicher Begriff bleiben, ein weiterer Name auf der langen Lifte der Opfer, die Rom nun schon in Deutschland gefordert hat I" Fortdauer der Spannung. D i e Situation ist unverändert ernst. Nach- dem der österreichische Gesandte in Belgrad erklärt hat, daß Oesterreich Serbien einen Hafen an der Adria nicht zugestehen wolle, hat heute auch der italienische Geschäfts- träger eine ähnliche Erklärung abgegeben und mitgeteilt, daß Serbien.Albanien nicht besetzen dürfe, weil Italien Rechte darauf geltend machte. Der serbische Ministerpräsi- dent ist daraufhin nach Uesküb abgereist, um dem König Be- richt zu erstatten. Unterdessen führt dieserbischePresse eine sehr kriegerische Sprache gegen Oesterreich und wird darin von der russischen nach Kräften unterstützt. Der Gegen- satz zwischen dem Dreibund einerseits— denn die deutsche Regierung empfängt jetzt ihre Weisungen von Wien !— und Serbien-Rußland andererseits besteht also in unvermin- derter Stärke fort. Bewahrheitet sich die Meldung der „Frankfurter Ztg.", daß Oesterreich und damit auch Deutsch- laud den von London aus gemachten Vorschlag, die albanische wie alle anderen Fragen auf einer europäischen Konferenz zu erledigen, wirklich abgewiesen hat, dann stellt sich diese unverantwortlich den Frieden gefährdende Politik auch noch in Gegensatz zu den englischen und französischen Vermitte- lungsversuchen. Es ist der reine Wahnsinn! In Oesterreich wird zwar die Nachricht der Mobili- sierung dementiert, es steht aber fest, daß in aller Stille die um fassend st en Maßnahmen zur Mobilmach- ung der Armee und der Flotte getroffen werden. Ist'Genf wohnende österreichische Reserveoffiziere haben be- reits die Einberufung erhalten und in Ungarn wurden zahl- Mche Ersatzreservisten zur Ausbildung einberufen. In den Kriegshäfen herrscht fieberhaste Tätigkeit, um die Flotte für eine Kundgebung an der albanischen Küste fertigzumachen. Die deutsche Presse fährt fort, in dieser gefährlichen Situation über das feste Austreten des Dreibundes erfreut zu tun. Keine bürgerliche Stimme wagt einen Widerspruch da- gegen, daß wir zu Handlangern des Lsterreichi- schen Thronfolgers gemacht werden. Um so stärker wächst die Empörung in der deutschen Arbeiter- s ch a f t über dieses Spiel mit dem Feuer. Wir würden gegen einen Krieg um deutscher kapitalistischer Interessen willen protestieren. Aber hält man es wirklich für möglich, deutsche Arbeiter auf die Schlachtfelder zu schicken wegen fremder dynastischer Interessen? Wegen AI- bairien, wegen des serbischen Hafens an der Adria darf kein Krieg geführt werden, das könnte ja kein Mensch mit gesunden Sinnen in Deutschland begreifen. Es ist höchste Zeit, daß es zum Einlenken kommst Und die deutsche Regierung darf die provozierende Prestigepolitik der Habsburger nicht länger er- mutigen, sie muß endlich die Wiener Her- ren zur Raison bringen. Oeftcmicb und Serbien . Italienische Vorstellungen in Belgrad . Wien , 12. November. Die„Neue Freie Presse" meldet ans Belgrad : Der italie- nische Geschäftsträger suchte gestern den Ministerpräsidenten P a s i t s ch auf, nach- dem der österreich-ungarische Gesandte ihn ver- lassen hatte, und gab im Namen seiner Regie- rung folgende Erklärung ab: Die italie- nische Regierung hat immer die nationale Ent- Wickelung Serbiens mit dem größten Wohl- wollen begleitet. Die italienische Regierung hat es auch verstanden, daß Serbien das Ver- langen hat. den Stammesgenossen in Maze- donien zu Hilfe zu kommen. Aber gerade der Grund, der die Serben dazu veranlaßt hat. in diesen Krieg zu gehen, müßte den Serben die Verpflichtung auferlegen, Albanien gegen- über eine andere Haltung anzunehmen, als es gegenwärtig geschieht. Auf Grund des nationalen Prinzips hat Serbien den Krieg begonnen, und es darf dieses Prinzip den Albanesen gegenüber nicht verletzen. Vom na- tionalen Standpunkte aus wäre es zu ver- urteilen, wenn die«Serben die albanesische Nation unterdrücken wollten. Italien fühlt sich in Angelegenheiten Albaniens und der Frage der albancsischen Hasen mit Oesterreich-Ungarn solidarisch. Italien gibt Serbien den Rat, seine Ansprüche zu mäßigen. Italien wurde dazu bei- uJnln daß die wirtschaftlichen Be- der italienischen Regierung: die serbische Regierung werde den Rat der italienischen Regierung in Erwägung ziehen. Eine österreichische Drohnote. Wien , I?. November. Das„F r e m d e n b l a t t" schreibt: Oesterreich-Ungarn hat seit Ausbruch des Krieges seine Sympathien für die Balkanstaaten bewiesen, und kein Zweifel konnte über die Stellung Oesterreich-Ungarns mehr Platz greifen. Oesterreich- Ungarn erkennt im vollen Maße die politische und wirt- schaftliche Selbständigkeit der Balkanstäaten an, findet eS>auch begreiflich, daß Serbien bestrebt ist, einen Hafen für seinen Export zu gewinnen, mit der einzigen Beschränkung, daß dieser Hafen nicht an der Adria liege. Oesterreich-Ungarn hat bewiesen, daß es die wohlwollendsten Intentionen gegenüber den Balkanstaaten hegt, und daß sein Entgegenkommen nur dort seine unerläßliche Grenze findet, wo das österreichische Interesse be- ginnt. Wenn trotz dieser unwiderleglichen Tatsache ein Teil der russischen und serbischen Presse fortfährt, Oesterreich- Ungarn als Friedensstörer hinzustellen und der Gehässigkeit gegen die Balkanstaaten zu zeihen, so mutz diese grundfalsche Auffassung darauf zurückgeführt werden, daß die Flut der Ereignisse diese publizistischen Organe von einem ruhigen und objektiven Urteil abhielt. Es ist zu hoffen und zu erwarten, daß die Befangenheit der Geister einer gerechten Beurteilung weichen wipd. Dann wird wohl allgemein anerkannt werden, daß Oesterreich-Ungarn sich der äußersten Zurückhaltung(!) beflissen hat und daß die Monarchie von dem einzig richtigen Grundsatz in der Politik, fremde Rechte zu achten, eigene nicht zu mißachten, nicht abgewichen ist. Offiziöse italienische Aeußerungen. Rom , 11. November.„Tribuna" schreibt in einem Leit- artikel, Europa , das auf dem Balkan das Prinzip der Nationalität anwende, habe ein volles Recht darauf, dieses Prinzip auch auf Albanien auszudehnen. Was den von Serbien verlangten Hafen am Adriatischen Meere anbetreffe, so sei nicht einzusehen, weshalb Serbien , wenn es sich nur von HaudelSinteressen leiten lasse, auf Durazzo bestehe, dessen Besitznahme die Zerstückelung und Okkupation Albaniens bedeuten würde, anstatt sich mit einem montenegrinischen Freihafen oder mit einem Zu- gang zum Aegäischen Meer zu begnügen. Hinsichtlich der von Oesterreich-Ungarn betonten kommerziellen und wirt- schaftlichen Interessen glaubt die„Tribuna" nicht, daß Oesterreich und Ungarn zuungunsten anderer Nationen von Serbien besondere Privilegien verlangen wolle. Das Blatt gibt der Mei- nung Ausdruck, daß es nur die Aufrechterhai Umg eines Dur ch- gangsrechts nach dem Aegäischen Meere durch die neuen Gebiete der Balkanverbüudeten anstrebe. dü?f n ifu'U Möglichkeit befriedigt ��Ministerpräsident P a s i t s ch antwortete. er verkenne nicht die wohlwollende Gesinnung miili WrtechafflM.politmcfih'ge , «</ 1' 1 1 100 MPufc arl-ezum oestarp/umjap-serbischen Konflikh Rumänische Ansprüche. Budapest , 12. November. Der frühere rumänische � Ministerpräsident C a r p ist heute— wie verlautet, in einer Sondermission— hier eingetroffen. Er ist der Heber- bringer eines Handschreibens König Karols an den Kaiser Franz Josef . Die Mission Corps scheint darin zu bestehen. die Ansprüche Rumäniens mit der durch die Erfolge der Bulgaren geschaffenen neuen Situation in Einklang zu bringen Die Auffassung in London . London , 11. November.(Eig. Ber.) Die Rede, die Herr A s q u i t h am Sonnabend in der Guildhall über die Situation g«chalten hat, hat hier ziemlich ungeteilte Zustimmung gefunden. Der englische Ministerpräsident hat drei Grundsätze aufgestellt. Er erklärte zunächst,'daß„die allgemeine Meinung Euro- Pas darin einig" sei, daß die Sieger der Früchte ihres Sieges nicht beraubt werden dürfen. Soviel hat schon Sir Edward G r e Y gesagt, und das ist ohne Zweifel jetzt die Auffassung aller Parteien in England. Diese Aeußerung Asguiths wurde denn auch in der Guildhall mit ganz ungewöhnlich begeistertem Beifall aufgenommen. Zweitens erkannte ASquith ausdrücklich au, daß England kein direktes Interesse an den Einzelheiten der schließlichen Liquidation der Balkanhalbinsel habe, daß es aber andere Mächte gebe, die eine besondere Stimme beanspruchen dürfen, wenn die Zeit zur endgültigen Regelung kommen wird. Das ist natürlich eine Anerkennung der be- sonderen Interessen Oesterreichs in einer mahnenden, aber durcbaus loyalen Form, die den österreichischen Kriegslsetzern jeden Vorwand nehmen sollte. Der dritte Grundsatz der englischen Regierung ist ebenfalls an die österreichische Adresse gerichtet und erklärt, daß England für den Augenblick und solange der Krieg noch andauert, die Aufrollung und das Betreiben isolierter Fragen mißbilligen würde. Isoliert und sofort behandelt, können diese Fragen leicht zu unversöhnlichen Differenzen führen, während sie bei einer späteren und allgemeinen Behandlung sich vielleicht lenksamer erweisen würden. Man kann freilich nicht wissen, ob die englische Regierung bei dieser Haltung nicht irgendwelche besondere und egoistische Zwecke verfolgt, aber es kann nicht zweifelhaft sein, daß sie für den Augen- blick den Weg des europäischen Friedens weisen. ES gibt im gegenwärtigen Augenblick kein dringenderes Interesse für die Völker Europas , als zu verhindern, daß es aus Anlaß trivialer österreichisch -serbischer Streitigkeiten wegen der albanischen Küste zu dem Ausbruch eines übereilten Konflikts kommt, ehe die Stimme der Besonnenheit und vor allem die Stimme des europäischen Prolc- tariatz sich Gehör verschaffen können. Viel weniger als die Rede Asquiths war die ihr vorausgehende und im üblichen WettrüstungSton gehaltene Rede des Flotten- Ministers Churchill zur Beruhigung geeignet. Insbesondere war der Passus schlecht angebracht, daß die englische Flotte trotz der Abfahrt von Kriegsschiffen nach dem Aegäischen Meer auch in der Nordsee für alle Eventualitäten gerüstet sei, obschon keinerlei Störung zu befürchten seil Zur Entschuldigung Churchills mag dienen, daß skrupellose Kriegshetzer schon eine Panik wegen der angeblichen Entblößung der Nordsee fabrizieren wollten und daß selbst der konservativ« Führer Bonar Law dieses Treiben in bedingter Weise ermutigte. London , 12. November. Wie das Reutersche Bureau erfährt, haben Erkundigungen in diplomatischen Kreisen ergeben, �daß die etwas beunruhigende Auffassung der Lage in den öfter- reichischen und russischen Blättern von den verantwortlichen Londoner Kreisen nicht geteilt wird. Im Gegenteil faßt man die Lage ruhig auf. auf Grund des engen Kontaktes, der unter den Mächten aufrechterhalten wird, und ihres Entschlusses. sich nicht durch irgendeine Einzelfrage, die aus Anlaß des Krieges entsteht, in einander gegen» überstehende Lager bringen zu lassen. Oesterreich gegen eine Konferenz? Wien , 12. November. An nichtdiplomatischen Stellen bleibt man dabei, daß die Situation wohl ä u ß e r st ernst, aber keineswegs schon kritisch seu Man kann in den nächsten Tagen noch recht aufregende Stunden erleben, da Oesterreich-Ungarn keine Linie breit hinter dem den Serben gegenüber vertretenen Standpunkt zurückweicht. Auf eine Konferenz, wie sie von London mit großem Nachd'ruck gewünscht wird, werden weder Oesterreich- Ungarn noch Deutschland eingehen. Eine Entscheidung über die albanische Frage dürfte noch im Laufe der nächsten Woche erfolgen. Bis dahin sollen auch die von Oesterreich gePlantenHeereSmaßnahmen aufgeschoben werden. Eine der schwierigsten Aufgaben der österreichischen Diplomatie ist augenblicklich noch die Vermittelung zwischen Rumänien und Bulgarien . * Friedenskundgebungen in DcutPchland. Die Stuttgarter Parteigenossen hatten für Sonnlag nach dem größten Saale der Stadt, der Rollschuhbahn, eine Versamm- lung einberufen, die sich zu einer riesigen Demonstration gestaltete. Genosse Scheidemann hielt ein zündendes Referat über du: Kriegsgefahr, als einer Folge der Habgier und Brutalität der kapi- talistischen Gesellschaft Die Veriammlung diente gleichzeitig der Er- öffnung des Wahlkampfes in Stuttgart . Im ReichStagSwablkreise Bayreuth wurden am Sonnabend und Sonntag sechs Versammlungen gegen Krieg und Kriegsgefahr abgehalten, die sehr stark besucht waren. Selbst die Bewohner der entlegensten Fichtelgebirgsdörfer sind von der Friedensbewegung er» griffen. Eine imposante Friedenskundgebung wurde auch in Hof(Bayern ) veranstaltet. DaS Versammlungslokal, in dem Genosse Scheide» mann- Berlin über die politische Lage sprach, war überfüllt. Be- geistertz wurde den Ausführungen deS Referenten zugestimmt. In W ü r z b u r g. der fränkischen Bischofsstabs sprach in einer von 2S00 Personen besuchten Versammlung gleichfalls Genosse Scheide- mann über die Kriegsgefahr. Er wies nach, daß die Kriegsgefahr wie auch die herrschende Teuerung einer Ouelle, dem Kapitalismus, entstammen. Er rechnete gleichzeitig gründlich mit dem Klerikalismus ab. der in Oesterreich zum Kriege hetze. in Deutschland nicht« für den Frieden� tut und Erzberger phau- tastische WeltverteilungSpläue spinnen läßt. Gegner meldeten sich nicht zum Wort. Die Friedensdemonstration in Oesterreich . Wien , 11. November. (Eig. Ber.) Außer in Wien fanden auch im übrigen Reich massenhaft besuchte Protestkundgebungen und Straßendemonstrationen gegen die Kriegstreibereien statt. In St. Pölten (Nieder-Oesterreich) fand eine große Versammlung unter freiem Himmel statt, die von mehreren tausend Personen bc- sucht war. Ter Aufmarsch zur Versammlung erfolgte in g c- schlossenen Zügen. DaS Referat erstattete Abg. Polte. Nach der Versammlung fand eine m ä ch t i g c D e m o n st r a t, o n statt.
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