geschützt tfl, geschaffen werden muß. Die Tripelentente hat einen serbischen Hafen an der Adria vorgeschlagen, der Dreibund einen neutralen albanischen Hafen mit einer neutralen Bahn. Bei. der nächsten Beratung wird jedenfalls eine Verständigung erzielt werden. da man bestimmt annimmt, daß Serbien und folglich auch die Tripelentente sich dem Wunsche des Dreibundes fügen werde. Ein österreichischer Kommentar. Wien , 19. Dezember. Das offiziöse„Fremdenblott" schreibt: In den publizistischen Betrachtungen über die Beratungen der Botschafter- rsunion und der Friedenskonferenz tritt die Hoffnung auf Er- Haltung des Friedens immer stärker zutage, und an dieser Tatsache können auch die vereinzelten Anklagen nichts „ändern, welche in einzelnen ausländischen Blättern gegen die Habs- burgische Monarchie erhoben werden. Das Blatt söhrt dann fort: Wenn auch auf der Friedenskonferenz noch mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden find, so ist die Tatsache nicht zu leugnen, daß die Zuversicht, der europäische Friede werde nicht ge- st ort werden, sich immer mehr befestigt. Dies ist aber in erster Linie auf die Politik Oesterreich -Ungarns zurückzuführen, welche bei aller Entschlossenheit peinlickfc bemüht war, jeder Verletzung einer fremden Empfindlichkeit aus dem Wege zu gehen. Dadurch hat sie wesentlich dazu beigetragen, daß in der Botschasterröunion eine Atmosphäre Platz griff, daß ein freundschaftlicher und friedlicher Gedankenaustausch der Zweck dieser Diplo- matenversammlung sei und nicht der Kampf um das Prestige. Unter solchen Umständen kann«'man wohl der Tätigkeit der Botschafter- reuliion ein günstiges Horoskop stellen. Die auswärtige Politik Italiens . Rom , 13. Dezember. In der italienlsHen Kammer begründete gestern B a r z i l a i seine an Gioletti und di San Giuliano gerichtete Interpellation über die vor- zeitige unveränderte E r n eni erung des Dreibundes. Tie Tribünen, auch die der Diplon?aten, und der Saal waren sehr stark besetzt.. Barzilai erklärte: die unveränderte Erneuerung des Drei- bundcs sei durch den Aufenthalt des Ministers San Giuliano in Berlin beschleunigt worden. Er gab sodann einen geschichtlichen lleberblick über den Dreibund und fuhr fort: In der Vergangenheit schützte uns eine negative Klausel des Vertrages vor neuen A e n d e- rungen im Mittelmeer , aber bald erschien sie ungenügend. Daher wurden besondere Abkommen mit England und Frankreich getroffen, die die Eroberung von Tripolis möglich mochten. In jedem Falle verminderten die Lösung unseres Mittclmeerproblems und die Ereignisse im Orient die Garantien, die wir von unseren Verbündeten fordern müssen, auf ein Minimum, und hoben die Garantien, die wir geben müssen, auf ein Maximum. Oesterreich war der Sekundant Deutschlands in Algeciras , Deutsch- land der Sekundant Oesterreichs in der bosnischen Frage; Italien hatte keinen Sekundanten in Libyen , und wir können stolz darauf sein, daß wir keinen Dank schulden. Wir können die Unabhängigkeit Albaniens annehmen; aber wir haben ein Interesse daran, sie mit den Siegen auf dem Balkan in Einklang zu bringen. Die öffentliche, Meinung Italiens kann sich nicht damit einverstanden erklären, daß das Resultat langer Bündnisse gleichbedeutend sei mit einer Politik der Isoliertheit, und denen, die für solche Resultate Opfer verlangten, würde sie mit den Worten Bismarcks antworten: „Kein Volk kann die Forderungen seiner eigenen Existenz auf dem Altar der Treue gegen einen Vertrag opfern." Tev Minister des Aeußern. Marchese di San Giuliano , erwiderte: Seit mehr als 3V Jahren ist der Dreibund für ganz Europa eine Bürgschaft des Friedens und für die Dreibundmächte selbst eine Bürgschaft der Sicherheit. In den Beziehungen zwischen den. Verbündeten erleichtert und festigt er die gegenseitige Neigung, .-chrc JlitFrcffen in Einklang zu. bringen, in den Beziehungen mit de» änderan Mächten erleichtern seine friedlichen und defensiven Zicke das Zustandekommen von Freundschaften und Verständigungen. Die lange Tauer des europäischen Friedens machte das grandiose Werk leichter, welches Italien trotz großer äußerer und innerer Schwierig- leiten in den letzten 3v Jahren vollenden konnte. Während der letzten.39 Jahre hat Italien die Hauptquellen seines National- rcichtumS entwickelt, dem Staatsbudget Festigkeit und Elastizität gegeben, durch liberale Reformen die soziale Eintracht gefestigt, die Armee und Marine verstärkt und den nationalen Geist so gestählt und ihn so einheitlich gestaltet, daß er unter Uebcrwindung der schwersten Hindernisse der schwierigen Probe entgegentreten und sie besiegen konnte, die uns eine Kolonie gab, die dreimal so groß ist wie unser Mutterland, und die Italien eine Stellung erster Ordnung im Mittelmeer und die höchste Achtung in der Welt sicherte. Die feste internationale Stellung Italiens , deren fundamentale Basis der Dreibund ist, war die notwendige Be- dingung des Unternehmens, das dürch seine Beziehungen und de» Einfluß auf die größten Interessen Europas und unsere eigenen sowie auf die schwersten Probleme der gegenwärtigen histo- rischen Periode die ernstesten Schwierigkeiten bot. Eine solche inter - nationale Stellung ist eine nicht weniger notwendige Bedingung für«ine friedliche Lösung der gegenwärtigen Balkankrise, in der Italien um so leichter seine Interessen wird wahren können, als es die libysche Frage lösen und sie von dem internationalen Terrain entfernen konnte, bevor die Frage der neuen territorialen Gestaltung auf dem Balkan und des Gleich- gewichtS in der Adria und ini östlichen Mittelmeer auftrat. Der Dreibund kann indessen für jede der drei ihn bildenden Mächte seine Früchte zeitigen, vorausgesetzt, daß vollkommenes gegenseitiges Vertrauen für die Gegenwart und Zukunft herrscht, sowie daß jeder der Verbündeten die Ueberzeugung hegt, daß er m-orgendie Unter st ützung des anderen als Ausgleich für das erhalten kann, was e r heute für ihn tut, und daß alle drei wissen, daß es sich nicht um eine vorübergehende Verbindung bandelt, sondern um ein festes und dauerhaftes Band. Auf dieser festen Grundlage sowie auf der Basis der italienisch- österreichisch-ungorischen Abkomitien von 1897 und 1999. die stets vollkommen der aktuellen Lage Italiens und Oesterreich-Ungarns entsprachen die gegenseitigen Beziehungen zwischen diesen an dem Gleichgewicht und der Freiheit rn der A d r i a am meisten interessierten Mächten sind heute sehr intim und herzlich—, konnten die fundamentalen Linien einer Lösung des albanesischen Problems gefunden werden, entsprechend dem Prinzip der Nationalität, der Gleichheit ihrer Lage gegenüber Albanien und ihrem gleichen Interesse daran, daß ein iuit der Garantie der Großmächte neutralisiertes Alba- ii i c n sein, eigenes Leben leben, auf dem Wege der Zivilisation und .des Wohlergehens fortschreiten, ein dem freien Handel der ganzen Welt offenes Gebiet bilden und gleichzeitig einen Faktor deS politischen Gleichgewichts auf der Balkanhalbinscl und in der Adria bilden kann. So wie der Dreibundbertrag redigiert ist, gewähr- leistet er alle unsere Interessen und sorgt in vollkommener Weise 'für unsere Sicherheit. Es lag also kein Grund vor, ihn ab- zuändern: und keiner der drei' Verbündeten bat den anderen um eine Abänderung. Es ist überflüssig, zu wiederholen, daß der Ver- iriig defensive und friedliche Zwecke hat, und die Er- fahruug beweist, daß jode der drei verbündeten Mächte, um sich an den Geist des Vertrages zu halten und den Verbündeten gegenüber alles mögliche zu tun. damit sie nicht in unnötige Verwickelungen hineingezogen werden, immer versucht hat und immer versuchen wird; mit den anderen Großmächten herzliche re- ; ich un gen zu unterhalten und mögliche Ursachen einer Reibung zu entfernen. Demgemäß ist in der Lage, die sich aus den Ereia- nissen aus dem Balkan entwickelt hat, unsere herzlicheFreund- schalt mit Rußland ein wohltuender Fattor. Im übrigen schass; tzeis Besitz VW Libtzeij, tllS jetzt ttalixniWS jfc während' er den Wert des Bündnisses für die Mitglieder deS Drei- bundes steigert, Gefühls- und Jnteressenbeziehungen zwischen den drei großen Nationen, die berufen sind, in Nordafrika das hohe und edle Werk der Zivilisation zu voll- bringen. Italien , England und Frankreich werden demgemäß alle Fragen, die ihre Rachbarschaft und ihre gegenseitige Stellung in diesen Gebieten betreffen, in demselben Geiste behandeln, in welchem seinerzeit die noch jetzt in Kraft befindlichen Abkommen getroffen wurden. Die Ausführungen San Giulianos waren von häufigen Beifallskundgebungen begleitet. Barzilai erklärte sich im weiteren Verlaufe der Sitzung von der Antwort San Giulianos nicht be- friedigt. Der Republikaner Colajanni empfahl dem Minister, ein wachs am es Auge auf das Vorgehen Oesterreich-Ungarns in Albanien zu haben. Was die serbische Frage anbelange, so halte er es für vorteil- hast für Italien , wenn zwei slawische Nationen an der Adria säßen, deren Interessen unter Umständen sich im Widerstreit befinden könnten. Der Sozialist G r a z i a d e i erklärte sich ebenfalls für nicht befriedigt von der Antwort des Ministers und wies darauf hin, daß die Sozialisten Italiens , Deutschlands und Oesterreich-Ungarns gemeinsam für die Erhaltung des Friedens zu wirken gewillt seien. Die russische Negicrungserklärung. Wie», 19. Dezember. In Besprechung der Rede de? russischen Ministerpräsidenten Kokowtzow erkennen die meisten Blätter an, daß seine Ausführungen geeignet seien, die bereits vorhandenen günstigen Aussichten für die Erhaltung des eüyo- päi scheu Friedens stark zu fördern. London , 19. Dezeniber. Die„Times" erblickt in der Er- klärung Kokoivtzowö, daß er es nicht für förderlich halte, die Mächte- gruppen gegen einander auszuspielen, eine ausgezeichnete Lorbedeutung für den Weltfrieden. Die Erklärung werde in ganz Europa willkommen geheißen werden. Herr Kokowtzow habe betont, daß die russische Politil während der ganzen Krise standhaft und unverändert geblieben sei. Das, fährt die„Times" fort, sei richtig, aber die öffentlich vor Rußland und Europa abgegebene Er- klärung über den Geist, der die russische Politik beseele, könne nicht verfehlen, den günstigen Eindruck, den die Politik bereits niache, zu vertiefen. Das Blatt erwähnt ferner die Versicherungen, die Graf B e r ch t o l d gestern einer städtischen Abordnung gemacht hat, und die Mitteilung des Marquis di San Giuliano über ein Ab- kommen zwilchen Oesterreich und Italien betreffend die Neu- tralisierung eines autonomen Albaniens und schließt: D i e G e- fahr ist zwar noch keineswegs vorüber, aber sie ist geringer, und die Rede KokowtzowS wird sie noch weiter verringern. Die Obstruktion im österreichischen ReichSrat. Wim, 19. Dezember. Abgeordnetenhaus. Der Bericht- erstatter der Minorität Hübschmann hielt eine dreieinhalb- st ü n d i g e deutsche Rede. Hierauf wurde«in Antrag auf Schluß der Sitzung gestellt, der mit 174 gegen 13 Stimmen unter lebhaftem Beifall der Deutschen nnd Polen abgelehnt wurde. Um 1 Uhr 41 Minuten nachts ergriff der Tschechisch-Radikale S t r i b r n h das Wort und sprach bis 9 Uhr 19 Min früh. Es sprachen hierauf die Abgg. Guggenberg(Christlichsozial), Groeger (Soz.), Erb(Deutschnational). Nach 5S stündiger Sitzungsdauer nahm da? Abgeordnetenhaus schließlich unter Ablehnung sämtlicher MinoritätS- antrüge die Kriegsleistungsvorlage in der Fassung des Ausschusses an und begann die Verhandlung über Jmmunitätsangelegenheiten. Die Kämpfe bei Janina. Athen ,• 1? Dezember. Nach authentischen Meldungen von der Armee in Epirus hat gestern morgen eirr heftiger Kampf zwischen griechischer Artillerie und den Türken, die das Fort Bisani besetzt hielten, stattgefunden. Der Flieger Unterleutnant Mutussis überflog unter dem Feuer der Türken erfolgreich Janina und Bisani und erwiderte die Angriffe durch Bomben. Die Flügel seines Aero- Plans wurden leicht beschädigt, der Flieger konnte glücklich landen. poUtifchc deberficbt. Berlin , den 19. Dezember 1912. Die konservative Hoffnung auf den Wahlterror. Zur sozialdemokratischen Landtagswahltaltik bemerkt die«Kreuz- Zeitung ": „Die Sozialdemokratie kennt aber ihre Pappenheimer und weiß, was sie an Geringschätzung und an Ansprüchen den Fort- schritllern bieten darf. Und wenn es ihr auch nicht lohnt, schon bei den Urwahlen die roten Massen an die Seite dieser„Helden" zu kommandieren, so wird sie doch aus eigenem Interesse dafür sorgen, daß den Fortschrittlern einige Mandate zufallen. Denn sie gewährt ja ihre Unterstützung nur gegen V e r p f l i ch t u n g s- scheine und gewinnt in jedem Fortschrittsabgeordnelen einen Vasallen. Und außerdem verlangt die Sozialdemokratie„Gegen- s e i t i g k e i t". In zwei schlesischen Wahlkreisen(Breslau und Liegnitz ) haben bereits die roten Parteiorganisationen be- schlössen, nur dann die Freisinnigen zu unterstützen, wenn sie ihnen je ein Abgeordnetenmandat überlassen. Man sieht also,, daß die „Genossen" vortreffliche Geschäftsleute sind. Sie verlangen von den Fortschrittlern nicht nur Mandate, sondern auch politische Ver- pflichtungen. Und die braven Forlschrittsmänner werden— wie bei den ReichStagswahlen — zu allem, auch zum neuen Verrat an dem Bürgertum, bereit sein, wenn die Sozialdemokraiie ihnen nur einige Mandate zuwirft. Einen scharfen Haken hat nur die Ge- schichte: die öffentliche Stimmabgabe. Wie schön wäre es, wenn die beiden Dämpfungsparleien ihre Geschäfte wieder heim- lich mit einander machen tonnten I" Für welch geistig schwerfällige Menschen muß die Redaktion deS konservativen Organs dessen Leser halten, daß es ihnen solches Zeug zu bieten vermag. Zu ihren„Vasallen", soll die Sozialdemokratie die sreisinnigen Abgeordneten degradieren, weil sie für eine Unter- stützung Gegenseitigkeit und VerpflichtungS scheine verlangt. Als ob nicht die Gegenseitigkeit überhaupt die erste Voraus- setzung eines jeden Wahlabkommens wäre I Und als ob die „Verpflichtungsscheine" mehr verlangten, als die Verpflichtung der Wahlmänner, auch Gegenseitigkeit übenzuw ollen und zu können. und die Verpflichtung der Abgeordneten aus prinzipielle liberale Forderungen! Freilich, die„Kreuz-Zeitung " denkt wohl, wenn sie von dem Vasallentum spricht, an die WahlunterstützungS- bedingungen des Herrn v. Hehdebrandl Verlangte doch der konservative Freiherr vom Freisinn nichts Geringeres, als Ver- pflichtung auf ultrarealtjonäre und ultraagrarische Bedingungen! Die Sozialdemokratie fordext hingegen vom Liberalismus nichts, als gewisse Garantien dafür, daß der Freisinn auch freisinnig handeln wird. Sehr nett ist eS übrigens, daß die„Kreuz-Ztg." fich von dem TerroriSmuS der öffentlichen Stimmabgabe so viel verspricht, daß sie die freisinnigen Wahlmänner für außerstande hält, sozialdemokratische Abgeordnete zu wählen. So bezeichnend das aber auch für die liebenswürdigen Absichten der Reaktionäre ist, so wenig glauben wir an die Möglichkeit, daß die Junker und Junkergenoffen ihre Einschüchterung wirklich erfolgreich durchsetz«» könnten. Denn der Freisinn hat doch ficherlich Anhänger genug für WahlmannSkandidaten zur Verfügung, um nicht zu Lehrer«, Beamten oder sonst leicht zu schädigenden Personen greifen zu müssen. Doch diese Frage wollen wir dem Freisinn selbst über» lassen— festgenagelt sei hier jedoch ausdrücklich, welche Wirkung die„Kreuz-Ztg." von der öffentlichen Abstimmung erhofft, die ja expreß auf terroristische Maßnahmen zugeschnitten ist! Die sächsische Schulreform gescheitert! Dresden , 18. Dezember. Die aus Sozialdemokraten, National« liberalen und Freisinnigen bestehende Zweidrittelmehrheit der Zweiten Kammer des sächsischen Landtages hatte bekanntlich gegen den Widerspruch der Konservativen den Volks scdul-Gesetz» entwurf der Regierung so ausgestaltet, daß man von einem leid- lichen Fortschritte reden konnte, wenn diese Beschlüsse Gesetz würden (der„Vorwärts" berichtete in einem ausführlichen Artikel darüber). Die Aussichten dazu waren freilich von vornherein gering, da die Regierung den wichtigsten Aenderungen lebhaft widersprach. Die Schwierigkeiten steigerten sich, als die Erste Kammer durch ihre Be- schlüsse nicht nur die Regierungsvorlage wieder herstellte, sondern in einigen wichtigen Punkten sogar noch Verschlechterungen darüber hinaus beschloß. Als die Zweite Kammer nun zu den Be» schlüssen der Ersten Stellung zu nehmen hatte, gab sie in einigen weniger wichtigen Pnukten nach, im übrigen blieb die Mehrheit aber geschlossen auf ihren früheren Beschlüssen stehen. In solchen KonfliktSfällen ist nach der Verfassung ein kompliziertes Vereimgungs- verfahren vorgesehen, das sich in den Kymmissionen der beiden Kammern abspielt, die gemeinschaftlich über die Differenzfälle zu beraten und dem Plenum eventuell Vorschläge zu machen haben. Heute fanden diese VereinigungSverhandluiigen im SitzungS- saale der Ersten Kammer unter Vorsitz des Präsidenten der Zweiten Kammer statt. Die ganze Oeffeutlichkeit Sachsens war ge° spannt auf diesen Zeitpunkt und ein großer Stab Reporter hiesiger und auswärtiger Zeitungen wartete im Parlaments- gebände auf das Ergebnis dieser Verhandlungen, die nicht öffentlich sind. Schon der Beginn der Verhandlungen zeigte. daß die schlimmsten Scharfmacher in der Ersten Kammer die Ober- Hand in der Sache hatten und daß dort der Standpunkt einge- nommen wurde: entweder ein neues Schulgesetz, das in allen wichtigen Fragen der Reakiion entspricht, oder gar keins! die Eni- scheidung fiel schon bei den ersten drei Paragraphen. Die Zweite Kammer hatte beschlossen, den Religionsunterricht nicht nach dem Buchstaben des Bekenntnisses, sonderil im„Geist der Kirche" in der Schule zu erteilen. Die Pairs und die Konservativen nebst der Regierung aber witterten dahinter die Zwickauer Thesen der sächsischen Lehrerschaft, um die soviel gestritteit worden ist. Unsere Genoffen berührte die Frage nicht besonders, da sie Beseitigung deS Religionsunterricht fordern. Sie hatten aber zugestimmt, der Fort- schritte wegen, die sonst in den Beschlüssen der Zweiten Kammer lagen. Die Wortfübrer der Ersten Kammer erklärten kategorisch, daß diese Deklaration des Religionsunterrichts für sie unannehmbar sei. Denn darüber habe allein die Kirche zu bestimmen. Die Nationalliberalen zeigten sich nachgiebig bis zur Verdünnung; sie wollten gern eine andere Form konzedieren, die einen von den Pairs befürchteten„Mißbrauch" des„Geistes der Kirche"(so heißt die Wendung) beim Religionsunterricht ausschlösse. Doch die Herren der Ersten Kammer waren unerbittlich. Beide Kommissionen zogen sich zu besonderen Besprechungen zurück, und als die Sozialdemokraten erklärten, daß sie sich auf einen weiseren Handel nicht einließen, hielten die nationalliberalen Mit-' glieder eine besondere Besprechung ab. Der nunmehr produ- zierte Borschlag wurde, nachdem dann die Gegner gesondert darüber gesprochen hatten, von letzteren ebenfalls abgewiesen. Der zweite Punkt war die allgemeine Volksschule. Auch hier wichen die Nationalliberalen mutig zurück, indem sie die Schulgeldfreiheit preisgaben. Die Antwort der anderen Seite war auch hier ein schroffes, entschiedenes Nein! Da war auch die Geduld der geschmeidigen Nationalliberalen zu Ende. Sie erklärten, daß sie unter diesen Umständen den Vor- schlügen der Ersten Kammer nicht- zustimmen könnten. Nach 3'/, stündiger Dauer wurden die Verhandlungen 1Jß Uhr abgebrochen und das Verfahren als ergebnislos bezeichnet. Damit ist das Gesetz abgelehnt, von den Verhand- lungen ist den Kammern in der morgigen Sitzung einfach Mitteilung zu machen. Man scheint allerdings noch die Absicht zu haben, das Gesetz nach den Bcschlüffen der Ersten Kammer mit Hilfe der Kon- servativcn der Zweiten Kammer zustande bringen zu wollen mit Hilfe des ß 92 der Verfassung. Der Führer der Konservativen gab eine Erklärung ab, die darauf hindeutet. Das wäre jedoch nur möglich. wenn in der zweiten Kammer mindestens ein Drittel der Ab- geordneten dafür ist. Die Konservativen haben dieses Drittel nicht. es müßten mindestens drei Nationalliberale diesen Gewaltstreich mitmachen. Es bestehen aber starke formelle Bedenken gegen die Anwendung dieses Paragraphen. Will man daraus hinaus, dürste es noch zu schweren Differenzen in der Zweiten Kammer kommen. Die Lage ist gespannt und mit Konfliktsstoff geladen, wie es seit Jahrzehnten im sächsischen Parlament nicht der Fall war. Morgen Donnerstag fällt die Entscheidung im Plenum, doch kann bereits das Gesetz als gescheitert gelten. «» -» Dresden , 19. Dezember. Nachdem das Vereimgungsverfahren deS Landtages ergebnislos verlaufen ist, fand heute in beiden Kammern die Schlußabstimmung über das Volksschulgesetz statt. Da beide Kammern in den Fragen der Erteilung des Religions- Unterrichts, der Errichtung der allgemeinen Volksschule und der Schulgeldfreiheit auf ihren abweichenden Beschlüssen bcharrten. so ist das Volksschulgesetz endgültig gefallen. Kultusminister Dr. Beck sprach sein Bedauern über da« Scheitern deS großen Reform- werkeS aus. Schwere Schäden der Volksernährung. Aus Rheydt (Rheinland ) wird gemeldet, daß dort 38 Per- sonen an Typhus erkrankt pnd davon bereits neun ge- storben sind. Dazu kommen noch 49 Erkrankungen in der Umgegend. In Aachen erkrankten mehr als 66 Personen an Typhus, und zwar nachgewiesenermaßen durch verseuchte Milch. Wie eS dort mit der Milchversorgung bestellt ist, kann man aus folgenden amtlichen Mitteilungen ersehen, die aus Anlaß der Masienerkranlungen erschienen sind. Die Typhuserkrankungen in Aachen haben insofern eine gute Seite gehabt, als hierdurch von der Nahrungsmittelpolizei eine erhebliche Menge ganz bedeutender Milch- pantsckiereien aufgedeckt wurden. Wie aus genau unterrichteten Kreisen hiesiger Landwirte mitgeteilt wird, gaben die Erkrankungen. die bekanntlich in der Erkelenzer Molkerei ihren Ursprung hatten, der Polizeibehörde Ver- anlassung,, die Kontrolle über die ihr. unterstellten sämtlichen auswärtigen Molkereien erheblich zu verschärfen und denselben die gleiche Aufmerksamkeit zuzuwenden, wie den Landwirten und Milchhändlern der Stadl und Umgebung. Hierdurch wurde nun festgestellt, daß eine ganze Reihe von Landwirten (annähernd ein Dutzend), die an eine Molkerei lieferten, die Milch
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