Nr. 304. 29. Jahrgang.
1. Beilage des„ Vorwärts " Berliner Volksblatt.
Zur Lage der Kleinbauern und land- Wie notwendig aber gerade die Unfallverhütung in der Landwirt
wirtschaftlichen Arbeiter.
II. Rentenquetschen. Fehlen von Unfallverhütungsvorrichtungen. Revisionen.
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fonnten doch nicht zahlreiche Ordnungsstrafen" verhängt werden. schaft ist, gibt uns jeder Bericht fund, welcher von der Tätigkeit der Aufsichtsbeamten spricht.
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Der Aufsichtsbeamte der Pfalz " berichtet:„ Die Zahl der in den 4419 erstmals besichtigten Hauptbetrieben konstatierten Beanstandungen beträgt 24 126. In den 1305 nachbesichtigten Betrieben betrug die Zahl der Beanstandungen 3189.... Jn 348 Betrieben waren Beanstandungen nicht zu erheben."
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Jm Berichte Oberpfalz" finden wir die Rubrik, daß in den 2209 revidierten Betrieben 11 028 Mängel vorgefunden wurden. Desgleichen meldet Oberbayern ":" Im Jahre 1911 wurden in 138 Gemeinden 4763 Hauptbetriebe und 62 Nebenbetriebe besichtigt. Bei den Hauptbetrieben ergaben sich 42 112 und bei den Nebenbetrieben 139 Mängel, die zu beanstanden waren." Die Unfallverhütung liegt auch in Provinz Sachsen " sehr im argen, denn der Bericht vermerkt:
Von den 8747 Betrieben, welche einer ersten Revision unterzogen worden sind, entsprachen 11 den Unfallverhütungsvorfchriften, während von den zur ersten Nachkontrolle gekommenen 5756 Betrieben 1718 in Ordnung waren.
Es ist kein Geheimnis mehr, daß die meisten Berufsgenossen- Der Aufsichtsbeamte von Reuß i. 2." führt in seinem Extra= schaften ihre Rentenlast" künstlich zu drücken suchen. Nicht etwa bericht alle vorgefundenen Mängel aus 44 Ortschaften mit 1535 durch Uebernahme rechtzeitiger und geeigneter Heilverfahren, son- revidierten Betrieben an. Er stellte allein 8362 Mängel und Verdern durch umfangreiche allgemeine Rentenkontrollen Nachunter- stöße gegen die Unfallverhütungsvorschriften fest, darunter allein suchungen der Berlebten. Der Erfolg der Berufsgenossenschaften 1115 Treppen ohne Geländer, 765 Mängel an Futterschneidewurde auch in diesem Punkte wesentlich gefördert, seitdem das maschinen, 208 an Dreschmaschinen usw. Von 1535 revidierten Reichsversicherungsamt den alten Grundsatz von den Dauerrenten Betrieben wurden im ganzen 41 Betriebe angetroffen, wo nichts beseitigte und zuläßt, daß jezt auch Renten ermäßigt und aufge- zu bemängeln war. hoben werden können, die einstmals durch Urteil oder Vergleich ausdrücklich als sogenannte„ Dauerrenten" gewährt wurden. Natürlich machen die landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften davon den ausgiebigsten Gebrauch und Rentenkontrollen finden überall statt. Der Erfolg dieser Kontrollen" ist Herabsehung oder völlige Aufhebung der Renten und außerordentliche Ersparnis" an Aufwendungen. Hierüber berichten frohlockend insbesondere Baden", " Ostpreußen ", Hessen- Nassau "," Pfalz "," Rheinland"," SchleswigHolstein"," Schwaben- Neuburg"," Oberpfalz "," Westfalen ",„ Ober bayern "," Ober- Elsaß"," Westpreußen ". Leider ist aus den Berichten nicht zu entnehmen, daß in der Tat eine Besserung in der Eriverbsfähigkeit des durch„ Revision" um seine Rente gekürzten Kleinbauern oder Landarbeiters tatsächlich stattgefunden hat. Bielmehr zeigen schon die Berichte selbst, daß es sich in recht vielen Fällen lediglich um ein Gesundschreiben handelt. Das zeigt die Hervorhebung, die Unfallverletzten hätten sich an ihren Zustand gewöhnt" und die Mitteilung, daß auch Dauerrenten, die teilweise schon länger als 14 Jahre gezahlt wurden, infolge der Revision" gestrichen oder erheblich herabgesetzt wurden. Mit diesem Ergebnis der Berichte stimmen die lebhaften Klagen aus dem Kreise der Unfallverletzten und die unbestreitbare Tatsache überein, daß ein erheblicher Teil der so erwerbsfähig Geschriebenen auf Unterstübungen aus Armenfonds angewiesen sind. Ein Sturm der Entrüstung würde sich bei der Bourgeoisie erheben, wenn ein gleich ungerechtes, einseitiges, auf Beseitigung oder Kürzung von Unfallrenten abzielendes Verfahren auch etwa bei Eisenbahnverlegten plazgriffe. In keinem Lande der Welt haben die am Unfall Schuldigen ein ähnliches schwächliches, habgieriges Verfahren gegen die Opfer der Unfälle durchzuführen vermocht.
Bei den Nachkontrollen des technischen Aufsichtsbeamten Sourell in Gemeinden der Kreise Merseburg , Zeit Land, Weißenfels Land, Erfurt Land, Querfurt und Bitterfeld handelt es sich um die Ausführung der zweiten und dritten, teilweise sogar der vierten Nachkontrolle. Eine größere Anzahl Betriebe lag in solchen Gemeinden, deren Vorsteher die Vornahme der zweiten Nachkontrolle aus Rücksichten auf ihren Gesundheitszustand oder aus anderen Gründen abgelehnt hatten, bezw. welche nach ihrem Verhalten bei der Revision und ersten Nachkontrolle für die selbständige Vornahme der zweiten Nachkontrolle nicht geeignet erschienen. Die übrigen Betriebe waren solche, deren Unternehmer die Abstellung der gerügten Mängel unter dem Vorwande ablehnten, daß sich die geforderten Schutzvor= richtungen nicht anbringen ließen."
Dienstag, 31. Dezember 1912.
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" Die in 273 Gemeinden mit 5290 Hauptbetrieben vorgenommene Nachkontrolle hat zu 18 997 Beanstandungen geführt, d. i. durchschnittlich 3,57 Beanstandungen in einem Betriebe. Die Arbeit mit Maschinen mehrt sich zusehends. Die Kraft werke erleichtern die Aufstellung von Maschinen, so daß nun auch die kleinsten Betriebe mit solchen zu arbeiten anfangen. Folge ist die Steigerung der Zahl der Unfälle an Maschinen." Der Aufsichtsbeamte für Anhalt" hatte von 923 revidierten Betrieben 405 zu beanstanden. „ Ergreifen der schärfsten Maßregeln gegen Betriebsunters nehmer, welche ihre Transmissionsstangen nicht verschalt haben, fordert der Beamte der Oberpfalz ". Er führt vier markante Fälle auf, in denen eine geringfügige gerichtliche Strafe eintrat.
Im ersten Fall handelte es sich um einen Mühlbesitzer, in dessen Mühle eine vertikale Transmissionsstange nicht verschalt war. Dadurch wurde die Frau des Unternehmers mit den Röden von der Welle erfaßt und, ehe Hilfe eintraf, getötet. Das Gericht erkannte auf eine Gefängnisstrafe von 14 Tagen.
Im zweiten Falle wurde ein neunjähriges Mädchen, welches sich auf den Zugbalken des Göpels legte, mit den Haaren von der freiliegenden Kuppelung der Transmissionswelle erfaßt, wobei der Bedauernswerten die Kopfhaut vollständig abgezogen und die Gehirnschale eingedrückt wurde. Die Beklagte, eine Gütlerswitwe, wurde hierwegen zu 3 Wochen Gefängnis verurteilt.
Im dritten Falle handelte es sich um einen Betriebsunternehmer, welcher sich eine Wasserradanlage zum Betriebe seiner Drescherei einrichtete, wobei er die Transmissionswelle, welche zirka 50 Zentimeter über dem Fußboden durch den Gemüsegarten führte, unverivahrt ließ. Infolge dieser Unterlassung verunglückte seine achtjährige Tochter tödlich. Urteil: 3 Wochen Ge= fängnis.
Beim vierten Falle, wo es sich ebenfalls um eine nichtver= deckte Transmissionsstange handelte, war der Ausgang ein glüc licher. Das 16jährige Dienstmädchen, welches von dieser Welle erfaßt wurde, fam mit einigen Rippenbrüchen und Hautwunden davon. Der Betriebsunternehmer wurde wegen fahrlässiger Körperverlegung zu 100 M. Geldstrafe verurteilt."
Erste Generalversammlung des Verbandes der Land-, Wald- und Weinbergsarbeiter.
Auch in Schwaben - Neuburg " bersagten die Bürgermeister in puncto Durchführung der Unfallverhütung. Im Schlußwort heißt Berlin , den 29. Dezember 1912. es u. a.: Summe der Mängel: an baulichen Einrichtungen 18 445, Am zweiten Verhandlungstag wird die Fast noch trasser als auf dem Gebiete der Rentenquetscherei Summe der Mängel im ganzen 38 612, Summe der revidierten BeDiskussion über die Rechtstätigkeit des Verbandes geigt sich die Rüdjichtslosigkeit landwirtschaftlicher Berufsgenossen- triebe 4834, Mängel auf 1 Betrieb 8,0. schaften gegen Leben und Gesundheit der sich schwer abrackernden Nette Zustände im lieben Bayernlande! Dabei meldet auch eröffnet. Von mehreren Delegierten wird besonders hervorgehoben, Kleinbauern und Landarbeiter auf dem Gebiete der Verhütung von dieser Bericht:" Die Verwendung von Elektromotoren zum An- daß die Gewährung des Rechtsschutzes die wichtigste Einrichtung Unfällen. Bekanntlich haben es die Junker bei Beratung der triebe landwirtschaftlicher Maschinen nimmt im Genossenschafts - im Verband sei, wichtiger als Kranken- und Sterbeunterstützung. Reichsversicherungsordnung durchgesetzt, daß die landwirtschaftlichen bezirk rasch zu." Sonst werden in der Diskussion eine Reihe von Fällen über stans Berufsgenossenschaften nicht verpflichtet werden können, UnfallverIm SchlußAuch in Unterfranken " stellte der Beamte fest:" Auf jeden dalöse Rechtlosigkeit der Landarbeiter vorgetragen. hütungsvorschriften zu erlassen oder technische Aufsichtsbeamte anzu- Betrieb entfallen 4,95 Beanstandungen, in 4451 revidierten Be- wort weist Rechtsanwalt Rosenfeld besonders darauf hin, stellen. Sehr geschickt benutzt dies die Berufsgenossenschaft Obertrieben allein 22 009 Mängel. An Futterschneidemaschinen ent- daß bei amtsgerichtlichen Strafbefehlen oft die Einspruchsfrist von Elsaß " im Bericht wie folgt: deckte man 7851 Verstöße gegen die Verhütungsvorschriften. Zu acht Tagen versäumt werde, weil durch die Besorgung der Volleinem neuen Mittel griff der Aufsichtsbeamte:" Sehr gute Dienste macht bei der oft schlechten Postverbindung nach entlegenen Landbei den Unfalluntersuchungen hat ein photographischer Apparat orten einige Tage vergehen; es empfehle sich daher, den Einspruch geleistet, dessen Anschaffung vom Genossenschaftsvorstande zum 3wede der Unfallverhütung genehmigt worden ist, denn nicht nur zum besseren Aufklären eines Unfalls dient ein photographisches Bild, sondern es kann auch zum Ausbau der Unfallverhütungstechnik und zu Belehrungszweden Verwendung finden." In Westfalen" wurden in 665 revidierten Betrieben 2425 Berstöße gegen die Unfallverhütungsvorschriften festgestellt. Im Bericht Unter- Elfaß wird bemerkt, daß die zur Verhütung von Unfällen vorgeschriebenen Sicherheitsvorrichtungen wohl Ein Unternehmer habe seinem Erstaunen darüber Ausbruck gehanden, aber zur Zeit der Revision nicht an ihrem Plak waren. geben, daß ohne vorherige Benachrichtigung revidiert würde. Wäre vorher die Revision angekündigt worden, sagte er, so wären alle Schutzvorrichtungen an Ort und Stelle gewesen". Wie notwendig die Revision der Betriebe ist, zeigt uns auch der Bericht Niederbayern ", welcher ausführte: Bei der erstmaligen Revision wurden von 3094 Hauptbetrieben nur 3 und von 49 Nebenbetrieben 8, bei 5070 nachkontrollierten Hauptbetrieben 1705 und bei 92 Nebenbetrieben 38 ohne Mängel befunden. Die Beseitigung der vorgefundenen Mängel, besonders die Anbringung der Schutzvorrichtungen an Maschinen, erfolgt vielfach recht widerwillig und bedarf es öfter erst der Strafeinschreitung."
" Seit der im Jahre 1909 durch die Vertrauensmänner erst malig durchgeführten Betriebsrevisionen hat der Vorstand die weitere Durchführung der Unfallverhütung vollständig auf sich beruhen lassen. Zu einem Schreiben des Reichsversicherungsamtes vom 5. Juli I 9144 betr. die leberwachung der Betriebe und die Anstellung eines technischen Aufsichtsbeamten sprach sich die Genossenschaftsversammlung folgendermaßen aus: Mit Rüdficht auf die Erfahrungen, die im Unter- Elsaß und in Lothringen in betreff der Durchführung der Unfallverhütung gemacht worden find, speziell der zahlreichen Ordnungsstrafen, die verhängt werden mußten und eine allgemeine Entrüstung gegen die Berufswirksam zu fruchten, spricht sich die Versammlung energisch gegen genossenschaft und deren Organe zur Folge hatten, ohne sonst die Anstellung eines technischen Aufsichtsbeamten aus. Die Versammlung fann sich um so weniger von der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit der Anstellung eines solchen Beamten überzeugen, als in der Reichsversicherungsordnung es den Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften nicht mehr zur zwingenden Pflicht gemacht ist, Unfallverhütungsvorschriften zu erlassen und technische Auffichtsbeamte anzustellen."
Präsident Kauffmann vom Reichsversicherungsamt wird dieses Schreiben nicht mit Behagen gelesen haben, welches mit zynischer Offenheit die Mängel des neuen Gesetzes ausnutte. Lieber keinen Unfallschutz, lieber Tausende von Krüppeln mehr, die bei der kargen Rente hungern müssen, als die allgemeine Entrüstung" der Landwirte ertragen, deren Betriebe keine Musterbetriebe sind, denn sonst
Silvefterglocken.
„ Die Toten beklage ich Die Lebenden rufe ich
In die Winternacht hallen zwölfe dumpfe Schläge, dann ein schwellendes Klingen, ein mächtiger Reigen feierlicher Töne: Silvesterglocken!
Dröhnend und zitternd, klagend und jubilierend schwingen die Stimmen in den Lüften. Unsagbares Leid sollen sie begraben, Hoffenden Zukunftsglauben neu eriveden.
Wie Stimmen aus der Unendlichkeit dringen die Töne an das Dhr: Alles Jrdische ist vergänglich, aber ständig erneuert sich das Leben! Und sehnend schlägt das Herz dem neuen Leben entgegen. Aber wie mit eisernen Banden flammert sich die Vergangenheit an uns und läßt uns nicht frei ausschreiten in das lichtvolle Land, das wir im Geiste schauen.
Wohl klingen die Glocken und rufen zu neuem Leben, aber in finsterer Zelle fizt der Gefangene des Gewesenen und rüttelt vergebens an der Pforte der Freiheit.
Es umringen ihn all die Dämonen seiner Vergangenheit: Armut und Elend, falsche Erziehung, vererbte Vorurteile und Krantheiten, Egoismus und Laster, und verzweifelnd sinkt der Mensch zufammen. Toter Silvester!
Und toten Silvester feiern auch alle die, die in der allgemeinen Not nur die eigene Rettung suchen. Von jedem neuen Jahr erwarten sie, daß es ihren alten eng- persönlichen Wünschen gerecht werde. Sie wollen ein anderes Jahr, ohne sich selbst zu ändern, Und doch wird nur der einen fröhlichen lebendigen Silvester feiern, der immer bereit ist, sein hentiges Jch gegen ein befferes Selbst von morgen einzutauschen.
Was wäre der einzelne ohne den innigen Zusammenhang mit dem großen Weltprozeß des Kulturwverdens?- Ein verwehtes Blatt, ein entwurzelter Baum! Und befäße er alle Reichtümer der Erde und badete er sich in den Genüssen aller Zeiten und Bonen, er wäre ein Toter, wäre sein Herz nicht ein Durchgangspunkt der großen gemeinsamen Kulturwelle.
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Die Toten beflage ich!" tönt die Silvesterglocke.
Tausende erschauern unter ihrem Klange. Ein elendes, unfruchtbares Leben trot äußeren Glanzes läßt ihnen das Leben überhaupt wertlos erscheinen und im schmerzlichen Taumel des Genusses wird Silvester durchtobt.
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Die Lebenden rufe ich!" tönt die Silvesterglode mit begeisterndem Schwung. Und alles, was gesund und lebensstart ist, strömt zusammen in dem einen allgewaltigen Streben, dem Leben neue, höhere Form zu schaffen.
Da finkt, was morsch und faul, in Staub und Asche. Jahrtausende alte Throne erzittern und stürzen jählings ausammen. Alter Gottheiten heilige Tempel wanken auf ihrem Grunde. Wider den erbgesessenen stolzen Herrn erhebt sich als freier Mann der Knecht. Alter Gesezestafeln verhärteten Widerstand zersprengt des jungen Lebens neu organisierende Kraft. Lang gefürchtete Autoritäten stürzen. Durch die Zeit geheiligte Privilegien und Vorurteile versinken vor dem Ansturm der freibenden Kräfte.
Aber inmitten der Trümmer ersteht strahlender und schöner denn je zuvor der Phönix der Menschheit, umjubelt von den befreiten Gefangenen, den entfesselten Gefnechteten, dem neu hoffenden Berzweifelten. So tönen die Silvesterglocken Untergang und Neugestaltung in wechselvollem Rhythmus. Aber bei diesem ununterbrochenen Spiel von Tod und Leben steigt langsam die Menschheit aufwärts ihrer Selbstvollendung entgegen. Schon reichen sich über den Verfall des alten Bundes der Gewalt die Jünger des neuen Bundes der Gerechtigkeit und Freiheit die Hände. In den Kanonendonner und Schlachtenlärm der Völker tönt brausend ihr Glaubensbekenntnis von der Solidarität aller Menschen. Die geeinte Menschheit aber wird in entfesselter Schöpferkraft die Erde zum Paradies gestalten, vom Fluche des Bruderhaffes befreit. Die Silvesterglode mahnt: Die Lebenden rufe ich zu diesem neuen Bunde! Hinweg mit allen Unentschiedenen, Schwachen und Persönlich Engem! Die Toten entscheiden sich für die alte Welt, die Lebenden für die neue! Da erhebt sich ein Heer von Streitern, im Auge der Begeisterung Bligen, im Herzen unbezwinglichen Mut. Millionen entwinden sich den Feffeln der Sklaverei, und alle ihre Kräfte verschmelzen zu einer einzigen gewaltigen Schöpfermacht, die der Menschheit neuen Bund begründet. Und plöglich eint sich das streitende Getön der Glocken zu einem hellauf jauchzenden Hymnus auf Menschheitsbefreiung und erlösung. So feiern Silvester die Lebenden: Jedes neue Jahr eine neue Stufe empor zu Freiheit und Licht.
Aber aus den Tiefen dringen durch das Gewirr der Töne jubilierende länge hinauf zur Lebensbejahung und Lebensfreude. Wer bangen Herzens am alten Leben verzweifelt, werde ein In den Tiefen wird das Leben neugeboren. Kämpfer des neuen. Das sei die Wandlung, die das neue Schon keimt die neue Welt im Schoße der alten. Millionen Jahr dem einzelnen bringe. Dann wird ihm wieder fest die Erde Herzen schlagen ihr entgegen und Millionen Kräfte stellen sich in unter den Füßen stehen und das Leben neuen höheren Glanz geihren Dienst. winnen.
Sofort anzumelden und dann mit dem Verbandsvorstand in Verbindung zu treten, der Einspruch kann später eventuell noch zurüdgezogen werden. Bei Schadenersazansprüchen wegen unrechtmäßiger Entlassung glaubten die Rechtschutzsuchenden oft, daß sie den Anspruch ohne weiteres auf die arbeitslose Zeit ausdehnen könnten. Das sei ein Irrtum. Der Entlassene müßte sich um Arbeit bemühen, nur für die Zeit der somit unverschuldeten Arbeitslosigabgewiesen- obwohl die Entlassung zu Unrecht erfolgt sei, weil feit stehe ihm der Lohn zu. Weiter würden Rohnklagen öfter einer Sachbeschädigung schuldig mache. der Arbeiter nach der unrechtmäßigen Entlassung, wenn der Lohn ihm vom Gutsbesitzer einbehalten wird, im Zornesausbruch sich einer Sachbeschädigung schuldig mache. Das müsse vermieden Es folgt hierauf ein zweistündiges, mit regem Interesse auf genommenes Referat des Redakteurs Faaß über: Die Rechtsverhältnisse der Landarbeiter. Redner bemerkt einleitend, er wolle nur die zivilen Rechtsverhält= nisse des Landarbeiters besprechen, nicht seine politischen Rechte als Staatsbürger. In den 3½ Jahren Tätigkeit des Verbandes hätten die Gegner allerhand Vorschläge gemacht, wie dem Landarbeiter zu helfen sei, nur den wichtigsten Vorschlag: die Rechtsverhältnisse zu verbessern, hätten sie vergessen. Nur von dem Syndikus der Brandenburgischen Landwirtschaftskammer sei ein solcher Vorschlag und zwar auf Aenderung der Gesindeordnung gemacht worden,
werden.
Wer starken Herzens die Gespenster seiner Vergangenheit hinter sich wirft und sich ganz von der Kraft des neuen Lebens durch bringen läßt, dem wird das Klingen der Silvesterglocken zu zukunftsfreudigem Gesang.
Allen anderen aber mögen fie die Worte Goethes tönen: Wenn du aber das nicht hast:
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Dieses Stirb und Werde, Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde!
M. M.
Karl Marg im Moralunterricht. Aus Paris wird uns ge schrieben: Der Matin" hat einen schrecklichen Anschlag gegen die bürgerliche Ordnung aufgedeckt. In einem Pariser Gymnasium find nicht etwa Bomben fabriziert, sondern man ermesse den Greuel! Säße von Karl Marx den Schülern diktiert worden. Ein aufgeregter Vater schreibt dem genannten Blatt, daß ein von der Regierung bezahlter Professor" des Collège Chaptal im Verlaufe des Moralunterrichts ein„ erbauliches Diktat" gegeben habe und zitiert den verfänglichen Abschnitt, worin Mary den Fortbestand der Sklaverei in der modernen kapitalistischen Industrie darstellt. So bildet man die Jugend heran!" schließt er voll Entrüstung. Das heißt, so läßt der Matin" ihn schließen, denn es ist sehr wahrscheinlich, daß die Redaktion den Brief auf Grund einer von unzufriedenen Gymnasiasten vollbrachten Denunziation selbst verfaßt hat. Es wäre ja kaum glaublich, daß ein Vater, der sich dermaßen für die Erziehung seines Sprößlings interessiert, nicht wissen sollte, daß das Collège Chaptal teine staatliche, sondern eine kommunale Schule ist. Mit dem Diktat selbst indes hat es schon seine Richtigkeit. Der Professor der marristische Professor" wie der Matin" sagt. hat einem Redakteur des Blattes auseinandergesezt, daß er in seinem Moralunterricht dem offiziellen Programm gefolgt sei. In der letzten Lektion habe er die Sklaverei zu behandeln gehabt. Das allgemein im Moralunterricht benützte Handbuch von Bayot führe für diese Frage folgende zwei Gesichtspunkte an: 1. die eigentliche Sklaverei, 2. gemilderte Formen der Sklaverei: Ausbeutung der Arbeiter, der Kinder und Frauen. Als Morallehrer in einer Demokratie, vor Schülern, die in ihrer Mehrzahl berufen sein werden, Arbeitern vorzustehen, habe er es für feine Pflicht gehalten, in den Herzen das soziale Mitleid mit den Opfern des Kapitalismus zu erwecken, als Historiker habe er auf den Zusammenhang der sozialen Gesetzgebung mit den Wirkungen der Industrie hinweisen wollen.
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Diese Erklärung, die allerdings beweist, um wieviel der Unterricht in Frankreich in der Aufklärung über die modernen sozialen Problème dem deutschen voraus ist, scheint dem„ Matin" nicht zu genügen. Jedenfalls hängt er eine zweite Geschichte an unter dem bezeichnenden Titel: Was man gesät hat, erntet man. Er be= richtet, daß eine„ Delegation" von Schülern des Collège Chaptal auf seiner Redaktion vorgesprochen habe, um gegen den Anti
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