Hr. 7. 30. 1. Keilm des.Amiirls" Sniimr AslksdlÄ. Dotlnerstllg. 9. Imk 1913. Relchstadf» 85. Sitzung. Mittwoch, den 8> Januar 1913, nachmittags 2 Uhr. Am BundeSratstisch: Wackerzapp. Präsident Dr. Kaempf wünscht dem Reichstag ein gesegnetes neues Jahr und ersprießlichen Erfolg der gemeinschaftlichen Arbeit. (Beifall.) Er gibt dann bekannt, daß Prinz rege»t Ludwig von Bayern und Ministerpräsident Frhr. v. Hertling für die Trauer- kundgebung des Reichstags um den Prinzregenten Luitpold gedankt haben und sagt, während sich das Haus erhebt: Am 39. Dezember ist der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, V. Kiderlen- Wae ch t e r gestorben, der 2'/, Jahre lang unter schwierigen Ber- hältnissen das Auswärtige Amt geleitet und dem Vaterlande große Dienste geleistet hat. Ich habe der Schwester des Berstorbenen das herzliche Beileid des Reichstags übermittelt und an seiner Bahre einen Kranz niederlegen lassen. Das Haus tritt in die Tagesordnung ein. Die Genehmigung zur Einleitung eines Privatbeleidi- gungSprozesses gegen den Abg. He st ermann(Bbd.) wird abgelehnt. Der Wagenmangel. Es folgt die Beratung folgender sozialdemolratischen Interpellation: „Was gedenkt der Reichskanzler als verantwortlicher Leiter des Reichseiienbahnamts zu tun, um gemäß Art. 43 der Reichs- Verfassung dafür Sorge zu tragen, daß die preußischen Staats- eisenbahnen so mit Betriebsmitteln ausgerüstet werden, wie das BerkehrSbedürfnis eS erheischt?* Abg. König(Soz.) begründet die Interpellation: Man könnte meinen, daß der Anlaß zu unserer Interpellation beseitigt sei, aber zu Weihnachten fehlten noch 5999 Wagen im Jndustriebezirk und der Wagen- " nmngel kann sehr leicht wieder stärker werden, was auch verschiedene Interessenvertretungen befürchten. Die Frage gehört nicht nur vor den preußischen Landtag. Durch die dort abgegebenen Erklärungen find I n d u st r i e und Arbeiterschaft nicht befriedigt, die Versprechungen deS Ministers, daß Ende November die Kalamität beendet sein werde, haben sich nicht erfüllt. Im D e z e m- ber war der Wagenmangel wieder in aller Schärfe be- merkbar. Die Jndustrieblätter haben die Regierung heftig angegriffen und gesagt, daß aus den früheren Mißständen jetzt eine Katastrophe geworden sei. Auch in Sachsen und Elsaß-Lothringen hat sich der Wagenmangel gezeigt. Der Reichstag kann also nicht daran vorbeigehen, denn die Industrie und ihre Arbeiter waren durch diese Kalamität schwer getroffen. Die Verfassung verpflichtet das Reich, dafür zu sorgen, daß die Eisenbahnen dem BerkehrSbedürfnis entsprechend ausgestaltet werden. 191 l hat Präfident Schulz vom ReichSeisenbahnamt auch die Be- rechtigung des Reichstags zur Rechcnschaftsforderuiig anerkannt. Schon 1997 fehlten etwa 36 999 Wagen. Alljährlich ist diese Frage wieder aufgetaucht. Im verfloffenen Jahre stieg die Zahl der fehlenden Wagen im November bis 28 000 Wagen und es wurden 1912 insgesamt 699999 Wagen auf Anforderung nicht gestellt!(Hört! hört! links.) Auch in Schlesien war das gleiche zu verzeichnen. 95 Proz. der feblenden Wagen entfielen auf das Rubrgebiet lvährend vier Monaten, an manchen Tagen fehlten bis 34 Proz. und häufig wurden auch Wagen uicht rechtzeitig gestellt, lvas alles nachteilig auf Beschäftigung und Löhne der Arbeiter einwirkte. Der Bergbauliche Verein hat recht- zeitig Regierung und Landtag um Abhilfe ersucht. Als der E i s e n b a h n m i n i st e r ins Ruhrrevier kam, redeten die Industriellen mit ihm mehr in dem Ton, den sie gewohnt sind kleines feuilleton. Nansens Begleiter. Der Tod eines bekannten Polarforschers wird aus Kristiania gemeldet. Frederik Hjalmar I o h a n s e n. Nansens treuer und aufopferungsvoller(Sefährle bei der berühmten Expedition de»„Frani* in den Jahren 1893—96, ist gestorben. Johansen diente damals als Leutnant in der norwegischen Armee, als aber Nansen « Plan bekannt wurde, ruhte er nicht, bi« er unter die kleine Mannschaft der„Frain* aufgenommen worden war: als Heizer zog er mit hinaus nach Norden, und Amundsen. der bei der Reise als Ingenieur wirkte, war sein unmittelbarer Vorgesetzter. Als am 5. Januar 1395 die„Fram* vom Eise umschlossen wurde und Nansen erkannte, daß er mit seinem Schiff nicht weiter nach Norden würde vordringen können, faßte er den Entschluß zu seiner kühnen Schlittenreise. Und Johansen wurde sein Begleiter. Am 14. März brachen die beiden Männer mit drei Schlitten, zwei Kajaks. 28 Hunden und Vorräten für 199 Tage auf, dem Pol ent- gegen. Drei Wochen lang arbeiteten sie sich unt r den furchtbarsten Schwierigkeiten vorwärts, bis am 6. April 1895 die höchste nördliche Breite erreicht war, die bis dahin ein menschlicher Fuß betreten hatte. Die Schilderung Nansen » über jenen denkwürdigen Augen- blick, da man bei 3« Grad 14 Minuten nördlicher Breite das Zelt auffchlug. um dem furchtbaren Schneesturm jenes TageS zu trotze». ist berühmt geworden:.Hier liegen wir, fern draußen im Norden, zwei düstere, schwarze, schmuybedeckte Barbaren, und rühren Suppe in einem Kessel, von allen Seiten von Ei» umringt; von Ei» und nichts anderem— von leuchtendem weißen Eis. das all jene Reinlichkert besitzt, die wir entbehren. Ach,«S ist viel zu rein. Unsere Augen schweifen zum Horizont, um irgend einen dunklen Punkt zu ftnden, auf dem der Blick ausruhen könnte, doch umsonst. Alle Vogel scheinen heute verschwunden zu fein, nicht einmal ein fröhlicher ilemer All ist geblieben.* Aus der Rückreise haben die beiden Forscher dem Tod mehr al« einmal ins Auge gesehen haben den ganzen Sommer über ans dem Eise gelebt. und erst im Herbste erreichte man lvieder Land: Franz-Joscfs-Land. Johansen hat noch an manchen anderen Expeduionen in die Welt deS ewigen Eises teilgenommen, aber seine stlK�este Erinnerung blieb doch stet« jene Fahrt mit Nansen und jener 17. Juni, da sie aus der Heimkehr Kapitän Jackson, den Leiter der HarmSworth- Expedition trafen und sich als gereitet ansehen durften. Theater. Deutsches Schauspielhaus:»Der gute Ruf*. Schauspiel von Sudermann . Daß die vielfachen und lauten Hervorrufe, mit denen ein Teil deS PremierenpudlikumS dem Autor huldigte, einen länger dauernden Thealererfolg deS Slückeö ver- kündeten, ist billig zu bezweifeln. Suderinan». der nach der„Ehre" von der Kritik ebenso über- wie später nach unverhältnismäßig besieren W?rlen unterschätzt wurde, zeigt leider hier die Kehrseite seiner Begabung in Reinkultur. Sein instinktiver Sinn für Bühnen- Wirkung, der beispielzaieise noch In seinem letzten modernen Drama »Stein unter Steinen* in der Plastik und den bewegten Konirasten einzelner Szenen kraftvoll hervortrat(eine seltene und darum um so höher zu bewertende Anlag«), verpufft sich hier in einem Wirrsal leerer Konstrultionen. Mühselig planlos schleppen sich die Szenen in den ersten Akten, dann gibt es unter heftigem Piff- Paff ein Schemgefecht mit blind geladenen Gewehren und jeder Schuß geht m verkehrter Richtung. Die Spannung, soweit von einer solchen überhaupt die Rede{ein{ann jfj die Spannung: auf welche neue Art Vcrorehlheit die handelnden Personen von «ugcnblick zu Augenblick verfallen werden. Die Künsteleien «ardouscher„Gesell, chaftsstucke sind, skrupelloser noch und mehr Vergröbert, nachgeahmt. Der Effekt wird nicht dramatisch vor» mit den Arbeitern zu reden. In ihrer Verzweiflung haben sich sogar die Arbeiterausschiisse an die Behörden um Abhilfe gewandt. Aeußerst ungesunde Verhältnisse im Ruhrgebiet waren die Folge des Wagenmangels. Alle Nebenstrecken waren voller Züge und die Güterzüge brauchten unglaubliche Zeit, um an nahegelegene Ziele zu kommen. Die Verwaltung ließ das linksmederrheinische Empfangsgebiet einfach schließe»— Rückstauung ins Industriegebiet war die Folge. Ein besonderes Bureau in Dortmund wurde zur Verkehrsregelung eingerichtet, es sollte für schleunige Rückgabe der Wagen sorgen, worin die Industrie eine ihr feindliche Maßregel sah, da man sich um die Gestellung der Wagen keineswegs ebenso bekümmerte. Die Verkehrssperre benachteiligte auch den Personenverkehr, der viel- fach Umwege inachen mußte. Für den gewaltigen Perionenverkehr im Jndustrierevier ist überhaupt ganz unzureichend gesorgt; viele der dortigen Bahnhöfe sind wahre Mcnschenfallen. Not- wendige, nach fachmännischem Urteil unerläßliche Erweiterungen der Bahnhöfe, z. B. in Düsseldorf , unterbleibe», weil man den not- wendigen Grund dem Millionär StinneS anHeim- fallen ließ, der jetzt 16 Millionen dafür verlangt.(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) Und wie find die Bahnhöfe des Industriegebiets eingerichtet? Die „Hagener Zeitung" schreibt, daß ein Wartesaal erster Klaffe aussieht als ob er V. Klaffe wäre. Anderswo sind die der lV. Klaffe besser. Auf manchen Stationen bleiben die Wartesäle I. und II. Klaffe für alle Leute mit Ausnahme einiger benach- barter Junkerfamilien geschloffen!(Hört! hört! b. d. Soz.) Eine erhebliche Anzahl von Betriebsreduzierungen und selbst Einstellungen von Betrieben, die hunderte und tausende Arbeiter und Angestellter in Mitleidenschaft zogen, waren die Folgen des Wagenmangels. Selbst die Eisenbahn hatte ihre Kohlen- Vorräte beinahe erschöpft. Der Versand deS Dortmunder Bieres ging zurück, weil er als Frachtgut geschehen tnußte. Manche Industriellen denken an Schade neriatzprozesse gegen den Staat. Am meisten in Mitleidenschaft gezogen sind wohl die T a g a r b e t t e r, die durch den Wagenmangel zu Zwangsfeierschichtrn verurteilt wurden. Mehrfach haben die Zechenverwaltungen deswegen Ein- gaben an die Eisenbahnverwaltung gemacht. Hunderttausende von Bergarbeitern haben in diesen Monaten durch diese Feierschichten enorme Verluste erlitten, die in die Millionen gehen. Der Aussall an Schichten ist nicht überall gleich gewesen. Die Industrie hat der Eisenbahnverwaltung den Vorwurf gemacht, sie begünstige die staat- lichen Gruben. Dieser Vorwurf scheint nicht zuzutreffen. auch auf den st a a t l i ch e n Gruben mußten vielfach Feier- schichten eingelegt werden. Und dieser Verlust tras die Berg- orbeiter im Winter, zu einer Zeit, wo ihre Löhne nicht Schritt ge- halten hatten mit der Verteuerung aller Lebensbedürfnisse, in der WeibnachtSzeit, wo jeder eher mehr Geld braucht und sich nicht so einschränken kann. Das Weihnachtsfest ist für den Bergmann kein F r e u d e n f e st gewesen. Fleisch ist für ihn ein Lecker- bissen geworden und viele wären froh gewesen, wenn sie ihren Familien etwas Schorle in er-Fleisch hätten verschaffen tonnen. Bei den Kapitaliften war es freilich anders, die haben den Kohlenmangel noch benutzt, um die Kohlen- preise zu steigern.— Das preußische Abgeordnetenhaus wird 69 Millionen bewilligen zur Behebung des entstandenen Verkehrs- mangels und der dadurch verursachten Schäden; ein Teil davon soll auck zur Entschädigung ber in staatlichen Gruben Beschäftigten für die Feierschickten verwendet werden. Da sollte man doch auch dem Gedanken näher trelen. den Bergleuten ein Recht auf Schadloshaliung gegen das Grubenkapital zu gewähren.— Der Minister v. Breitenbach entschuldigte den Wagen- mangcl mit der ungemein gesteigerten Produktion. Aber das zeugt von staatlicher AhnungSlosigkeit, die privaten Gruben haben bereitet, nicht aus Charakteren und Situationen irgendwie hervor geholt, ein Haufe bunt zusammengewürfelter Verblüffungen soll ihn erlisten. Jenes Draufgängertum, das sich über etwaige Bedenken einer intimeren Psychologie hinwegsetzt— wozu Talente von spezifischem Bühncnsiiin neigen— hat hier alle zügelnde Kontrolle ab« geworfen. Dazu kommt ein Dialog, der in seiner prätentiös ge- zierten, oft in ungewollte Komik verfallenden Manier die Erinnerung an alle Sünden des fceligen Grafen Traft erneuert— ein Faible für Talniieleganz, von dem man hoffen durfte, daS es nun end« gültig überwunden. Die Äoinmcrzienrätin Weißegger, eine Dame, die wie ihr millionenschwerer Gatte sich eines tadellosen Rufs erfreut, beginnt die Reibe der dramatischen Ueberraschungen damit, daß sie ihre Freundin, eine Baronin von weniger gutem Stuf, ersucht, sich eines Vetters der Komnierzienrälin kokettierend anzunehmen. Sie hat vor Jahren ein Liebesabenteuer mit dem leichtsinnigen jungen Herrn gehabt und hofft im Stillen, ihn so durch die Vermittelung der Freundin wieder für sich einzusangen. Natürlich verliebt sich die Beauftragte in der Ausübung ihres Amtes selbst und entwickelt, was freilich niemand ahnen tonnte, dabei exemplarische Großmut. Die Reserve, die sie sich bei dem Flirte auferlegt, ist nur das kleinste Opfer. Sie wird Zeugin einer Szene, in der die Kommerzienrätin plötzlich zu heroischen Empfindungen erwachend, dem Gatten den Ehebruch von dazumal und ihre unüberwindliche Liebe zu dem Vetler bekennen will. Höchst dramatisch hebt die Beichte an, da flüstert ihr die Freundin zu, der Jüngling denke nicht daran, die feurigen Gefühle zu erwidern und die Kommerzienrätin. plötzlich der Helden- pose wieder überdrüssig, stürzt davon. Der argwöhnische Gentahl aber nimmt statt seiner Frau die Baronin ins Gebet und diese leistet sich das Bravourstück, die Sache so zu drehen, daß sie die beiden entlastet und selbst als Ehebrecherin und Schuldige dasteht. DaS Dämcken avancier: zur Märtyrerin und wird mit Hilfe ähnlicher Verwandlungstricks im letzten Akte eine moraliich siegende Triumphatorin. Ihre Erklärung hat zu einer Skandalaffäre, einem Duell, in dem der Baron, ein elender adeliger Lumpenkerl verwundet wurde, geführt. Sie will sich scheiden läsfen und ihr Brot durch Arbeit verdienen. Allerhand Chancen eines Ausweges werden vor- gegaukelt und wiederum zerstört. Endlich rückt der pharifäiiche Kommerzienrat an, der sie als Unwürdige aus dem Haufe wie«. Er hat auf Umwegen den wahren Sachverbalt erfahren und bittet sie nun demütig, die Beleidigung zu verzeihen und seiner kranken Frau als Pflegerin beizustehen. Nun tritimphiert sie. Sie ist bereit zu kommen— doch nicht über die Hintertreppe, sondern durch das große Marmorportal, mit allem Pomp empfangen I Die Aufführung bot keine besonderen schauspielerischen Leistungen. Die beiden weiblichen Hauptrollen lagen in den Händen von Marie Sera und Elsa G a l a f r ö S; in kleineren inännlichen Chargen traten die Herren N i f s e n, Z i e g e l, D u m ck e und Paul Otto auf.. ät. L u st s p i e l h a u S:„Majolika* von Stein und Heller Die Kadiner Kacheln:— Hurra! rrra! Hof «, Sinagogen-, Kem- pmski- fähig sind sie ja schon. Und jetzt werden sie auch nock bühnen- mhig. Um von der Kritik„verkachelt* zu werden? Bewahre! Sondern um für sich Reklame zu machen. Das nennt man die Wurst nach der Speckseite werfen, dachten wohl die Autoren, als sie Kachellehm-Motiv zu einem Schwank verarbeiteten. Ist mal was Neues; und wenn man will, kann man aus der recht wirksam gesponnenen Handlung allerhand gespitzte Anspielungen auf analoge Vorgänge mngsten Datums heraushören. Herzog Friedrich ist ein junger Sausewind und arg verschuldet. Zudem hat der Landtag seinen Wunsch auf LöhnungSzulage abgelehnt. Was tun— da die Börsianer mcht recht mehr pumpen wollen? Der Bankier Markus Samburger hat einen stoatSrettenden Plan. Auf einem herzoglichen. ut sind große Lager Ton gefunden. Daraus ließen sich doch die Förderung dem Bedarf angepaßt, nur die staatlichen nicht, wie die„Rheinisch-Westfälische Zeitung" hervorhob. Auf der Konferenz im rheinisch-westfälischen Industriegebiet wurde dem Minister voll- ständige Unfähigkeit vorgeworfen, die Herren der Bergwerks- Vertretung verlangen einen vollständigen Systemwechsel, der bergbau- liche Verein spricht von einer vollständig ungenügenden Einrichtung im Ressort des Verkehrsminifters. Allerdings heben sie im Gegen- satz dazu die Dispositionsfähigkeit der Industriellen hervor, um zu betonen, beim Privatbetriebe sei derartiges nicht möglich. Sie wollen eben Stimmung gegen die Staatsbetriebe über- Haupt machen. Die Industriellen benutzten diese Zustände, um Stimmung zu machen gegen die Staatsbetriebe und das Schlepp- Monopol. ES ist dasselbe wie seinerzeit bei der Eisenbahn- Verstaatlichung. Klappt denn in der Privalindustrie immer alles tadellos?— Die ganzen sozialpoliiiscken Maßnahmen der Eisenbahn- Verstaatlichung werden über den Haufen geworfen durch die Ueber- arbeit in solchen Zeiten. Wir fordern, daß unbedingt allen Eisen- bohnern, die Dienstzeitvcrlängerungen usw. erlitten, die Gratifikation gezahlt wird, was nicht geschehen ist. Und was für Dienstzeiten find zusammengekommen I Die Gratifikationen dürfen nicht zu einer Prä mienwirtschaft ausarten. Manche der überangestrengtesten Beamten erhalten 19 Pf. pro Uebcrstunde und da wurden wochenlang von 8—11 Uhr abends Ueberstunden gemacht. Wenn es aber in FriedenSz.eiten so aussieht, wie soll daS erst in K r i c g S z c i t e n werden? Hat man wirklich die be- nötigten Wagen für den Mobilifierungsfall zurückbehalten?(Hört hört!) Die Großindustriellen scheinen jetzt etwas zerfallen zu fein mit dem Minister. Zu ihrer Zusammenkunft in Berlin rst der Minister nicht gekommen. Die Herren sagten, eS ist sein Schaden, daß er sich ein gutes Diner habe entgehen lassen; aber das Recht, zu schreien wie die Agrarier, lassen sie sich nicht nehmen. — Anstatt die Ausgleichsfonds aus den Eisenbahnüberschüssen zu stärken, sollte man sie lieber zum Ausbau der Eisenbahnen und Wasserstraßen benutzen. Auch bei der Konzessiv- nierung städtischer Bahnen sollte sich der Minister den Städten freundlicher gegenüberstellen und mit dazu helfen, daß diese Bahnen nicht zu einem Monopol- und Ausbeulungsobjekt werden. — Schuld an den Zuständen trägt die seit Jahren in der preußisch- hessischen Eisenbahngemeinschas! betriebene Profit macherei. Man benutzt die Eisenbahnüberschüffe zur Niedrighaltung der direkten Steuern der Besitzenden. Diese Plus- Wirtschaft rächt sich bitter an der Industrie, den Konsumenten, den Bergarbeitern und Eisenbahnern. Mitschuldig ist die Neicksregierung, die rhr Aufsichtsrecht nicht ausgeübt hat. Vom jetzigen Drekklaffen- Haus ist Abhilfe nicht zu erwarten, aber wenn erst das preußische Volk sich das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht er- kämpft haben wird, dann wird cö auch mit der Wirtschaftspolitik der preußischen StaatSbahnen bester werden und sie wird betrieben werden müssen im Jntereffe des gesamten Volkes.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Präsident des Reichseifenbahnamts Wackerzapp verweist auf die erschöpfende Beratung der Wagenmangelfrage im preußischen Landtag. ES handelt sich in erster Linie um eine reine preußische Angelegenheit.(Sehr wahr! rechts.) Ich kamt also auf innere Verhäliniffe der preußischen StaatSbahnen nur insoweit eingehen, als nötig ist, um zu prüfen, ob ein Anlaß zum Eingreisen des Reichskanzlers-gegeben war.- Die bedauerlichen Lohnausfälle der Bergarbeiter usw. sind Lande sangelegenheit und gehören nicht direkt zum Gegeustcmd, ich gehe darauf nicht ein.— Der Redner gibt nun die aus den wiederholten Ministerreden schon be- kannten Angaben über den Umfang der Wagennot im Ruhrrevier und die zur Milderung ergriffenen dienstlichen Maßnahmen.— Es ist nicht richtig, daß Personalmangel die Ursache der Kalamität war. Millionen Geldes verdienen, wenn eine Majoli!a„töppe"-Fabril ge- gründet wird. Und daS geschieht. Weil jedoch der Betrieb rein militärischen Charakter kriegt und sowohl der Regent wie seine Mutter mehr Moneten verbrauchen, als die Fabrik einbringen lann, so steht die herzogliche„G. m. b. H." rasch vor der Pleite. Waih geschrien, wenn eS keine Juden gäbe! Markus Hamburger(Richard Georg) und sein bisheriger Buch- balter Veilchenfeld(Franz Arn o l d), der nunmehr kaufmännsicher Majolikadirektor wird, bringen daS Unternehmen in Flor. Sere- niisimuö geht bei Veilchenfeld in die Lehre, um hinfort die Regenten- pflichten mit der Töpxemacherei zu verquicken. Das Geschäft blüht so, daß er freiwillig aus seine Herrschergage verzichtet. Ja, er wagt eS sogar, aus Liebe zu heiraten. Eines alten tu Milch- und Käse- fabrikation machenden Fürsten Albrccht reizendes Töchterlein hat es ihm angetan. Und Figura zeigt: es gibt nicht bloß Potentaten, die komponieren, malen und bildhauern; es gibt auch Töppemacher unter den gekrönten Häuptern. Aber freilich— ohne Abrahams Söhne würden auch sie vom Pleitegeier aufgeftessen werden. Der drei- aklige Ulk wurde prächtig inszeniert, tipptopp gespielt und von An- fang bis Ende mit knatternden Lachsalven begleitet. Das Verkracht- werden brauchen die Verfasser mitsamt dem LustspielhauS kaum ernst- lich zu fürchten: beide werden aus dem Lehmstück— Gold machen. _ e. k. Notizen. — K u n st ch r o n i k. Die Zeitschrift„Der Sturm- zeigt auf ihrer Ausstellung, Königin- Augusta- Straße 51, 84 Gemälde von C. Munter.— Die Ausstellung ist täglich von 19—6 Uhr, Sonntags von 19—2 Uhr geöffnet. — Der Kampf u m. P a r s i f a l Die Familie Wagner ist mit ihrem Generalstab ausgerückt, um die in Monte Carlo ge- plante Ausführung des„Parsifal " zu verhindern. Das dortige Theater will indes nur vor geladeitem Publikum spielen, so daß ihm nicht beizukommen ist.— Der enragierte Wagnerianer Prof. Artur Sei dl schlägt in einem Aufruf vor. einen Bayreuthcr Stipendic»- fonds zu sammeln, aus desseit Zinsen sämtliche Bayreuther Plätze aufgekauft und an Würdige gratis vergeben werden sollen. — Heroenverrücktheit. Der französische Direktor Jean Richepin , der in seinen jüngeren Jahren eigene Wege ging und die Lyrik durch neue Stoffe und kühne Behandlung auffrischte, ist heute ein Akademiker mehr. In seinem Berliner Vortrag plauderte er temperamentvoll über das modernste bourgeoise Thema: Napoleon . Er gab Jugenderinnerungen voller Schwärmerei zum besten, rezitierte (theatralisch aber schwer verständlich) Napoleonlyrik von— anderen und endete mit einer Verstiegenheit, die man nicht einmal einem Nichts-als-Lyriker verzeihen könnte. Napoleon ist ihm der letzte Heros der Mittelmeerrasse. der große Bringer der Zivilisation, deir spätere Generalionen göttlich verehren werden. Hoffentlich bekommt Rickepin in diesem zukünftigen Pantheon auch eine kleine Beschäst.'.' gung— etwa als Leibkoch seines HeroS. — Von der deutsche n SüdpolarexpeMtion. Der Walfischsänger„Deutschland * von der Expedition Filchner ist in Buenos Aires aus der Antarktis angekommen. Dr. Filchner ist bei 67 Grad 35 Min. südlicher Breite und 39 Grad westlicher Länge auf Land gestoßen, das er Prinzrcgent- Luitpold- Land taufte. Es wird im Westen von einer großen EiSbnrriere begrenzt, die Dr. Filchner Kaiser-Wilhelm-Land nannte. Dr. Filchner wird im Dezember wieder in die Antarktis reisen, nachdem er sich von neuem verproviantiert hat. Der Kapitän der»Deutschland *, Vahsel, ist vor der Rückkehr einem Herzleiden erlegen. Der Gesundheitszustand der übrigen Teil- nehmer ist gut. Da« Prinzregent-Luitpold-Land erstreckt sich biS zum 79. Grad südlicher Breite.
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