Nr. 64.
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Berliner Volksblatt.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritplak, Nr. 1983.
Sonntag, den 16. März 1913.
An das werktätige Volk in Preußen!
Landtagswähler!
Am 16. Mai d. J. finden die Urwahlen zum preußischen| tätigung einer selbständigen Ueberzeugung geraubt; sie haben Abgeordnetenhause statt. Der bevorstehende Wa h I kampf muß den Hunderttausenden von Arbeitern in Staatsbetrieben sovon vornherein zum Wahl rechts kampf gestaltet werden. gar die Rechte genommen, die allen anderen Arbeitern für Das seit 1849 zu Unrecht bestehende Wahlsystem ist in Aufbesserung ihrer Lebenshaltung zustehen. feiner ganzen Ungeheuerlichkeit schon vom Fürsten Bismarc gebrandmarkt worden.
Erst seitdem sich die Sozialdemokratie an den preußischen Landtagswahlen beteiligt, seitdem der Masse der Wähler zum Bewußtsein gebracht worden ist, wie rechtlos sie in Wirklichkeit ist erst seit dieser Zeit kann von einem Wahlrechtskampfe gesprochen werden. Dieser WahlrechtsKampf hat von Jahr zu Jahr größeren Umfang angenommen und ist nicht erfolglos gewesen.
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Sogar der König von Preußen hat sich von der
Unhaltbarkeit des preußischen Wahlrechts überzeugen müssen. In der Thronrede vom 20. Oftober überzeugen müssen. In der Thronrede vom 20. Oktober 1908 hieß es wörtlich:
,, Es ist mein Wille, daß die... Vorschriften über das Wahlrecht zum Hause der Abgeordneten eine organische Fortentwickelung erfahren, welche der wirtschaft lichen Entwickelung, der Ausbreitung der Bildung und des volitischen Verständnisses sowie der Erstartung staatlichen Verantwortlichkeitsgefühls entspricht. Ich erblicke darin eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart. Ihre Bedeutung für das gesamte Staatsleben erfordert umfassende Vorarbeiten, die von meiner Regierung mit allem Nachdrud betrieben werden."
Im Klasseninteresse der Besitzenden arbeitet die schwarzblaue Mehrheit des Landtages auf allen Gebieten selbstüchtig und volksfeindlich. Sie vernachlässigt die elementarsten Pflichten sozialer Fürsorge gegenüber den Arbeitern und Beamten der Eisenbahnen, des Bergbaues, der Land- und Forstwirtschaft, sowie auf den Gebieten der Armen- und Waisengesetzgebung und des Wohnungswesens.
Die verkehrsfeindliche Junkerpolitik und das fiskalische Streben nach Ueberschüssen hemmen die Fortenwickelung des Verkehrswesens. Beim Steuerwesen begünstigt die schwarzblaue Mehrheit die schamloseste Drückebergerei der besitzenden Klassen, besonders aber der ostelbischen Großgrundbesitzer, während sie den letzten Pfennig des Arbeits
mannes zur Steuer heranzieht.
Gefängniswesen wird von ihr in den Dienst der Herrschenden Die ganze Staatsverwaltung, das Gerichts-, Polizei- und zur Unterdrückung des Volts gestellt. Die Selbstverwaltung der Gemeinden wird immer mehr zu erdrosseln versucht und dadurch die gesunde Entwickelung der Gemeinden unterbunden. Darunter leidet nicht nur Preußen selbst: Das ganze Reich ist abhängig von dem Junkerstaate Preußen.
Unerschrocken und unermüdlich kämpfte dagegen die Es ist gewiß beachtenswert, wenn sogar der Rönig fleine Fraktion der Sozialdemokratie für von Preußen die Notwendigkeit einer Wahlreform er die wahren Volfsinteressen. Alle ihre Mühen scheiterten an fennt und in feierlicher Stunde erklärte, es sei sein dem brutalen Verhalten der Mehrheit, die ihre Eristenz Wille, daß das Wahlrecht fortentwickelt werden müsse. lediglich dem„ elendesten aller Wahlsysteme" verdankt. Unser Wilhelm II. hat indessen nicht zum ersten Male seinen be- Biel ist es, diese Mehrheit zu beseitigen. Deshalb müssen im seimmten Willen fundgegeben, ohne daß er imstande gewesen Wahlkampfe alle Kräfte angespannt werden, um unseren Kanwäre, ihn zu verwirklichen. Stärker und mächtiger didaten zum Siege zu verhelfen. als selbst ein preußischer König sind die preußischen Junker. Sie haben den vom König nachdrücklich und feierlich versprochenen Mittellandkanal ebenso glatt abgelehnt, wie sie die von ihm versprochene Fortentwickelung des Wahlrechts bisher verhindert haben und weiter zu verhindern bemüht sein werden.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morikplatz, Nr. 1984.
Sr. Majeſtät Triarier.
Eine bemerkenswerte Rede, die der Kaiser am 10. d. M. imt Landwehrkasino zu Berlin an die Landwehroffiziere gerichtet hat, wäre beinahe der Oeffentlichkeit unterschlagen worden, wenn sie nicht jetzt noch, fünf Tage später, vom offiziösen Depeschenbureau verbreitet worden wäre. Die verspätete Publikation dürfte vermutlich auf Redaktionsschwierigkeiten zurückzuführen sein, wäre es doch nicht das erstemal, daß allzu temsorglichen Korrektur unterzogen werden mußten. Immerhin ist peramentvolle Improvisationen Wilhelm II. nachträglich einer das, was heute offiziell gemeldet wird, immer noch interessant genug. welche neuen Auffassungen des sich von Gottes Gnaden fühlenden Monarchen enthielten. Daß Wilhelm II. völlig in den Auffassungen Friedrich Wilhelm IV. befangen ist, ist längst bekannt. Es überrascht deshalb nicht im geringsten, daß er auch die Landwehr für ein Werkzeug gegen den inneren Feind und für die Triarier seiner Majestät erklärte, indem er sagte:
Nicht etwa deshalb, weil die Ausführungen des Kaisers irgend
" In unserer ernsten Zeit aber gilt es, diesen Geist der Hingabe an das Vaterland auch in unserem Volke und in seiner Jugend wach zu erhalten, die sittlichen Kräfte zu heben und zu stärken und nicht durch Selbstsucht, Genußsucht und Abfall von dem Glauben unserer Väter verfümmern zu lassen. Und dazu mitzuwirken, sind Sie, Kameraden von der Reserve und Landwehr, ganz besonders berufen und ausersehen. Sie stehen in Ihrem Berufsleben in dauernder Fühlung mit allen Schichten der Bevölkerung. Ihr Beispiel, Ihre Lebensanschauung und Ihre Pflichterfüllung gegen Gott, König und Vaterland sind von außerordentlicher Bedeutung in Kampfe gegen die finsteren Mächte des Unglaubens und der Vaterlandslosigkeit, die in unseren Tagen an dem gesunden Marte unseres Volkes zehren und seine Ruhe und seine Zufunft zu zerstören drohen. Das Vaterland erivartet von Ihnen in erster Linie nicht kriegerische Lorbeeren, sondern ein verdienstvolles Wirken als Staatsbürger..." Das ist der Weg, auf dem Sie sich als würdige Nachfolger jener ersten Landwehroffiziere vor 100 Jahren erweisen sollen, die nicht nur auf des Königs Ruf selbst freiwillig zu den Fahnen geeilt waren, sondern schon vorher, als sie noch auf dem Ratheder, in Bureau, in der Fabrik oder auf eigenem Hofe schafften, durch Wort, Lied oder Beispiel die gute Saat in das Herz des Volkes gestreut und es zur freudigen Hingabe von Gut und Blut für Ehre und Freiheit des Vaterlandes begeistert hatten.
Eingedenk des verheizungsvollen und zugleich mahnenden Wortes des Feldmarschalls Blücher in seinem Armeebefehl nach der Schlacht von Belle- Alliance Nie wird Preußen untergehen, wenn eure Söhne und Enkel euch gleichen" und im festen Ver= trauen auf die Trene Meiner Triarier trinke ich auf das Wohl des Landwehroffizierkorps Berlin .
Vivant Regis triarii. Drei Hurras unserer Landwehr." Der Wahlkampf fällt in eine schicksalsschwere Zeit. Die Teuerung wirkt noch in voller Kraft und wird verschärft brämten patriarchalischen Auffassungen dieses Gottesgnadentums Daß das Volk in seinen breiten Massen die religiös verdurch die Kriegsgefahr, die ganz Westeuropa seit nicht teilt, braucht kaum hervorgehoben zu werden. Wohl vielen Monaten bedroht. Die Kriegshezer und Kriegsinter- aber bedarf der ungeheuerliche Geschichtsirrtum essenten sind eifrig und erfolgreich am Werke gewesen, um Wilhelm II. entschieden der Korrektur, der darauf hinausläuft, die Verbündeten Regierungen zu einer neuen Heeresvorlage vor hundert Jahren zu vergleichen! Da das Wesen dieser Landdie heutige vollständig militarisierte Landwehr mit der Landwehr Die politische Macht der Junker und des Zentrums be- zu treiben, die in ihren Forderungen alles übertrifft, as wehr an anderer Stelle des Blattes ausführlich auseinandergeseist ruht aber in Preußen und damit für das Deutsche bisher dem deutschen Volfe jemals zugemutet worden ist. wird, bedarf es hier nur einer zusammenfassenden Kennzeichnung. Reich auf dem preußischen Wahlsystem. Die Erbärmlich- Neue schwere Steuerlasten sind die unausbleiblichen Die Landwehr des Jahres 1813 und auch die nach der preußischen keit dieses Systems im einzelnen zu erörtern, ist hier nicht am Folgen der Heeresvergrößerung. Die wachsende Unzufrieden. Armeereorganisation von 1814/15 bestand nicht aus„ Triariern Blake, nur an eine Tatsache soll erinnert werden: es er- heit der Volksmassen soll erstickt werden durch höfische Fest- ratische Institution. Diese Landwehr, die Friedrich WilSr. Majestät", sondern war im Gegenteil eine ziemlich demo= hielten bei der letzten Wahl 1908 die Freifonservativen für lichkeiten.
rund
64 000 Stimmen 60 Mandate,
600 000 Stimmen nur 6 Mandate.
die Sozialdemokratie dagegen trotz ihrer
Helm III. ebenso zuwider war wie Friedrich Wilhelm IV. , fühlte Männer und Frauen des werktätigen Bolks! fich so wenig als Triarier des gottesgnadentümlichen Königs, daß Beweist, daß Ihr den Ernst der Zeit erkannt habt; sie sich in den Revolutionsjahren verschiedentlich weigerte, fich zeigt, daß Ihr gewillt seid zu kämpfen! Bereitet den Wahlrechtskampf vor!
gegen die Freiheitskämpfer verwenden zu lassen! Das Streben der Reaktion war denn auch immer eifriger darauf gerichtet, diese Landwehr militaristisch umzugestalten. Dies Werk sollte vollzogen werden durch die Militärreorganisation, die vom Es ist charakteristisch, daß der Kampf des in seiner ungeordnetenhauses sich vor allen Dingen auch gegen die geplante U m- Wuchtig muß der Wahlrechtskampf einsetzen, mit Ent- gestaltung der Landwehr richtete. Sie haben die Schule der Kirche untergeordnet; sie haben schlossenheit und Opferwilligkeit muß er durchgeführt, fiegdie Lehrer an die Ketten der Geistlichkeit gelegt; sie haben reich muß er beendet werden! die Beamten und Unterbeamten in das denkbar unwürdigste Andie Arbeit, Genossen und Genoffinnen, mit dem Abhängigkeitsverhältnis gebracht, ihnen das Recht auf Be- alten Kampfruf:
Das Zentrum, die Konservativen und die Freikonser- Schließt Euch den sozialdemokratischen Organisationen vativen, die bei einem gleichen Wahlrecht insgesamt höchstens an! Werbt für diese Organisationen! Verbreitet die sozial- Jahre 1860 ab durchgeführt wurde. 161 Mandate bejizen würden, verfügen jezt mit 316 Man- demokratischen Flugschriften und werbt Leser für die sozial- heuren Mehrheit damals liberalen preußischen AbgeDaten über die absolute Mehrheit im Abgeordnetenhause. demokratische Presse! Und sie nüßen diese Mehrheit in rücksichtsloser Weise aus.
Berlin, im März 1913.
Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei. Der geschäftsführende Ausschuß der Landeskommission der Sozialdemokratie Preußens.
hauses, trois mehrjähriger Verfassungstämpfe des damals noch liberalen Dreiflassenparlaments wurde die Heeresreorganisation in dem reaktionären voltsfeindlichen Sinne von der Krone durch geführt. Und das liberale Bürgertum ist heute ja bereits derartig verkommen, daß es den Kampf gegen diese Organisations. form vollständig an die Sozialdemokratie abgetreten hat. Dafür freilich führt die neue proletarische Demokratic den Kampf gegen alle volksfeindlichen Institutionen mit einer ganz anderen Energie, als es die liberale Opposition in den sechziger Jahren durch alle papiernen Beschlüsse und Kundgebungen vermochte. Die von der Sozialdemokratie vertretene Politik der Wolfsrechte aber hat sich längst hineingefressen auch in die Massen der Landwehrpflichtigen, so daß auf diese Triarier Sr. Majestät im Falle eines ernsten Konfliktes zwischen Reaktion und Volt sicherlich noch weniger Verlaß wäre, als auf das großmäulige Agrariertum, das sich zur Durchseßung seiner agrarischen Beute politit unaufhörlich als die Triarier Sr. Majestät anzubiedern fucht!
Troß der wiederholten Budgetverweigerung des Abgeordneten