Streikendeil bis zum vierten Tage. Am ersten Tage gab es— nach den Feststellungen eines klerikalen Beamten— 140 000, am vierten Tage 231 927 Streikende. Wir haben jetzt einen Monate lang vorbereitete ir Streik vor uns. Der erste Tag schon setzte mit einer Zahl von mindestens 300 000 Streikenden ein. Und der zweite Tag zeigt ein A n- schwellen der Ziffern in allen Teilen des Landes. In Brüssel selbst, dieser Stadt, die von allen Großstädten Europas vielleicht den geringsten Prozentsatz von Industrie- arbeitern aufweist, sieht man von der Bewegung Verhältnis- mäßig wenig. Nicht in dieser Lurusstadt pnr exelleace, wo sehr viel konsumiert und sehr wenig produziert wird, sondern iir den riesigen Jndnstriebezirken der wallonischen Provinzen Hcnnegau und Lüttich , in den Fabrikstädten wie Gent und Verviers , im Antwerpener Hafen wird die große Schlacht ge- liefert. Um eine unmittelbare Anschauung der Situation zu gewinnen, muß man dort hinreisen. Morgen werde ich denn auch eine mehrtägige Tour durch die Hauptgebiete des Kampfes antreten. Ich wollte jedoch Briissel nicht verlassen, ohne mir zunächst das anzuschauen, was hier voin Streik zu sehen ist. Eine Rundfahrt durch die Arbeitervororte Groß- Brüssels bot mir dazu Gelegenheit. Der Brüsseler Spießer, der deir Räubergeschichten, die die klerikale Presse von dem Anfang des Streiks über desten furchtbaren, gewalttätigen Charakter systematisch verbreitete, Glauben geschenkt und sich wie für eine Belagerung appro- visioniert und bewaffnet hatte, war ganz erstaunt, als er am Montag konstatierte, daß er zur gewohnten Stunde seinen Morgenkaffee mit frischen Brötchen genießen und mit der Straßenbahn durch die kaum weniger als sonst belebten Straßen nach seinem Geschäft fahren konnte. Das inag ihn— im Verein mit der Lektüre der klerikalen Presse, die mit der ihr eigentümlichen Unverfrorenheit von einem„miß- lungenen Generalstreik" redet— zu dein gegenteiligen, aber nicht weniger irrigen Glauben verleitet haben, es sei eigentlich viel Lärm um nichts gewesen, weil er vom Streik nichts oder mindestens viel weniger, als er erwartet hatte, sah. Und doch hätte er, uin den Streik mit eigenen Augen zu sehen, nicht einmal bis zum Borinage oder nach Lllttich fahren brauchen; schon ein halbstündiger Spaziergang durch ein Arbeiterviertel hätte ihn belehrt, daß es keine leere Drohung war, als die Arbeiterpartei den Streik aller Industriearbeiter vorbereitete, und daß die Brüsseler Jirdustriearbeitcr ebenso der Parole des Streikkomitees gefolgt sind, wie die walloni- schen Bergarbeiter oder die Genter Weber. Es gibt in Groß-Brüssel überhaupt nur zwei oder drei größere Fabriken, und zwar solche, die ausschließlich un- gelernte Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigen, wo»noch gearbeitet wird. In allen übrigen— meist Maschinenfabriken, Druckereien und Automobilfabriken— wird gestreikt. Nur hier und da wurde am heutigen Dienstag noch mit einem ganz geringen Teil des Personals weitergearbeitet; die meisten bestreikten Betriebe sind überhaupt geschlossen worden. Und wenn man im Zentrum der Stadt so wenig streikende Arbeiter bemerkt, so einfach deswegen, weil sie der Parole des Streikkomitees gefolgt sind, die innere Stadt möglichst zu meiden, damit den Gendarmen und Polizisten, die dort die Hauptgebäude„verteidigen", keine Gelegenheit zu„Aktionen" gegeben wird. Die Leute sind entweder zu Hause— wer ein Gärtchen hat, ist dort mit dem Spaten oder der Sichel be- schäftigt; manch anderer benutzt die Gelegenheit, hier eine Tür frisch anzustreichen, dort sich in der für Laien schwierigen Kunst des Tapetenklebens zu üben— oder sie benutzen das schöne Frühlingswetter, das auf die schweren Schneestürme vorn Sonntag gefolgt ist, zu einem Spaziergang in die Um- gebnng. Tie einzigste Unterbrechung war bis jetzt der Besuch deS Streikkontrollokals und in einigen Berufen auch ein paar Stunden Streikpostenstehen. Jeder Streikeiche bekommt seine Kontrollkarte und soll diese in dazu besonders bestinimten Lokalen täglich ab- stempeln lassen. Solcher Lokale gibt es in Groß-Brüssel 141, die meist in Wirtschaften der Vororte eingerichtet sind. Bei dieser Gelegenheit ist darauf geachtet worden, daß in keinerlei Form Trinkzwang ausgeübt wird. Tie Streikenden können sich von 9 Uhr bis mittags zur Kontrolle aninelden, und zwar in dem Lokal, in dem sie ihre Karte ausgestellt erhalten haben. Die Verteilung der Lokale ist nicht nach Berufen, sondern nach Stadtkartellen vorgenommen worden. Tie von den Kontrolleuren ausgefüllten Formulare werden nach- mittags den verschiedenen Gewerkschaftssekretariaten über- mittelt. In den meisten Kontroilokalen, die ich heute besuchte, saß eine Anzahl Streikender umher, ohne etwas zu trinken. Hier werden Zeitungen gelesen, dort wird Skat gespielt, etwas weiter spielt ein mehr oder weniger musikalisch talentierter Streikender seinen Genossen auf dem Klavier Lieder vor, die von den anderen im Chor mitgesungen werden. In den fünf Filialen, die das Brüsseler Volkshans in den Vororten hat, ist dieselbe strenge Streikordnung durch- geführt wie in dem Hauptlokal: am Eingang warnt die zweisprachige Zuschrift:„ll-ocnl privä"—„Privatlokal" diejenigen, die dort nichts zu suchen haben, daß sie nur dann hereingelassen werden, wenn sie den vor der Tür postierten Ordnern ihre Streikkarte oder ihre Mitgliedskarte von der Partei vorzeigen können. Punkt 0 Uhr abends geht eine Klingel, drei Minuten später sind alle Besucher draußen auf dem Heimwege. In dem Volkshause von Brüssel -Stadt, dem schönen Arbeiterpalast der Rne Joseph Stevens, ist der Teil des Gebäudes, in dein die Sekretariate der Organisationen untergebracht sind, auch den Streikenden und Partei- Mitgliedern versperrt; hier werden nur die Genossen herein- gelassen, die eine besondere rote, mit ihrem Bilde versehene Legitimationskarte mit sich führen, die nur denen ausgestellt wird, die mit irgendeiner besonderen Funktion beauftragt worden sind. Auf diese Weise wird der Andrang der Neu- gierigen und der— Unbefugten sehr wirksam zurnckgehalten. Nur das Cafe, die Lesehalle und die Bibliothek sind den Streikenden allgemein zugänglich. Im Caf6 werden nur alkoholfreie Getränke verkauft— auch für die besteht hier kein Trinkzwang— und mittags kann man da für 10 Centimen einen riesigen Teller Suppe mit Brot bekommen. Weitere Zunahme der Streikenden in Belgien . Brüssel , 16. April(Privattelegramm des „V o r w ä r t s"). Der Streik hat heute überall weitere A u s d e h- u u n g erfahren. In B r ü s s e I sind heute 25 000 Streikende mehr. Tic Gas- und Elcktrizitätsbeamtcn halten heute abend eine Generalversammlung ab. Am Freitag findet in Brüssel eine allgemeine Demonstration der Streikenden statt. In G e n t haben die Streikenden heute um 22 600 zugenommen, in Antwerpen um 1200. Am Donners- tag veranstalten die Antwerpener Hafenarbeiter eine De- monstration. In L o u v r 6 und N a m o u r hat der Streik an Umfang bedeutend zugenommen. Im Revier Lütt ich streiken heute 6000 Arbeiter mehr. Ter Brüsseler Hafen liegt ganz still, ebenso wird im Hafen von Gent nirgends mehr gearbeitet, es lausen dort keine Schisse mehr ein. Ju A» o s k sind die Arbeiter von drei weiteren Fabriken in den Streik eingetreten» ebenso in Gramvunt die Arbeiter aller Zündholz- und Zigarrenfabriken. In C h a r l e r o i und Borinage ist die Arbeitsruhe absolut bis auf 2 Hochöfen. Alle Berg- werke, Glasbläsereien, Modellfabriken und Stahlgießereien in der Provinz Hcnnegau liegen still. Ter Regierungs- bcricht gibt für das Centre-Revier 46550 Streikende an und 4950 Arbeitende, der Regierungsbericht für Charlcroi meldet für gestern 63 750 Streikende; das ergibt einschließlich der Nachtschicht 80 000 Streikende. Für das Lüttichcr Revier gibt der Bericht für gestern 69383 Streikende an. Tie Zusam- menstellnng der Regierungsbcrichtc für Montag ergibt 232 000 Streikende. Dieser Bcricht ist noch sehr lückenhaft und umfaßt eine große Anzahl Streikender aus verschiedenen Berufen nicht. Donnerstag finden die ersten B e r s ch i ck u n- gen von Kindern statt und zwar von Antwerpen und Verviers aus. In der Sitzung der T c p u t i e r t e n k a m m c r, die heute nachmittag stattfand, machte die Haltung der Regierung und der Rechten den Eindruck der Unbesonnenheit und Ueber- raschung. Für Tonnerstag ist eine Fraktionssitzung der Rechten einberufen. Es ist nicht möglich, die genaue Angabe der Streikenden für heute zu machen; jedoch ist die Zahl von 400 000 um ein Bedeutendes überschritten und eine weitere Ausdehnung noch überall zu erwarten, mit Ausnahme der Reviere von Eharleroi und Borinage, wo die Arbeitsruhe bereits absolut ist. Zwischen- fälle sind heute nirgends vorgekommen, abgesehen von einer Verhaftung in Anosk, wegen Bedrohung eines Streikbrechers. Die Sitzung der Kammer. Brüssel , 16. April. In der heutigen Sitzung der Belgisckieii Kammer beantragte der Radikale Lorand ein Referendum darüber, ob die Einleitung einer Verfassungsrevision angebracht sei. Er verlangte für seinen Antrag die schleunige Be- ratung. Die Sozialdemokraten beantragten Vertagung der Beratung über die HeereSvorloge auf 14 Tage, da die Kammer und das Land nicht in der Verfassung seien, der- artige Beratungen fortzuführen. Dann wurde über den Streik verhandelt. Der Liberale H y m a n S erklärte, die Politik des Ministeriums ermangele der Offenheit, denn der Ministerpräsident habe Hoffnungen erweckt, die er nicht erfüllen dürfte oder wollte. Auch Bandervelde stellt nochmals fest, daß bei der Zurücknahme des Generalstreikbeschlusses im Monat Februar den vermittelnden Bürgermeistern der großen Städte vonseiten des Ministerpräsidenten Hoffnungen auf eine Einigung gemacht wurden. Der Ministerpräsident erklärte, er habe nur gesagt, die Frage der Kommunal- und Provinzialwahlen zur Prüfung zu stellen, aber er habe nicht von den allgemeinen Wahlen gesprochen. Er ließ in seiner Rede durchklingen, daß, wenn wieder Ruhe im Laude sei, man nochmals an die Erörterung der Verfassungsfrage herantreten könne. Die Beratung wird morgen fortgesetzt. Ilm <lS5 Lehslt des Rdchslianzlcrs. Für den Posten des Reichskanzlers sind im Etat 10V0V0 M. ausgeworfen, außerdem hat der erste Beamte des Reiches den An- spruch auf eine möblierte Dienstwohnung. Wie außerordentlich gering aber die Gegenleistungen sind, die heut von dem leitenden Staatsmann des Reiches für diese Dotierung gefordert werden, das bewiesen die heutigen Debatten, die sich im Reichstag an diesen Etatstitcl knüpften, von neuem. Schon die letzten Tage, als in der vergangenen„großen Woche" Bethmann Hollweg seine aus- wärtige Politik zu verteidigen suchte, ließen mit erschreckender Deutlichkeit die Dürftigkeit der Regierung erkennen. Heut wurde das Bild der Unzulänglichkeit dieses Kanzlers noch ergänzt durch eine gründliche Schilderung seiner inneren Politik. Unsere Genossen Gradnaucr und Hüttmann hatten bei der für eine Charakterisierung Bethmannschcr Politik vorliegenden enormen Stoßfülle dadurch einen schweren Stand, als es un- gemein schlver war, aus dem Ueberfluß der zu kritisierenden Zu- stände das Markanteste in gedrängter Kürze herauszuheben.— Mit vollem Recht gab Gradnauer seiner Rede den Grundton. daß sich die Regierung Bethmann Hollwegs durch einen allgemeinen Stillstand auf sozialpolitischem und aus. dem allgemein politischen Gebiete auszeichne. Die wenigen geringen Fortschritte, die hier und dort zu verzeichnen seien, werden Wieder völlig aufgehoben durch den reaktionären Zug, der durch unsere innere Reichspolitik geht. Ter preußische Minister des Innern, v. Dallwitz, scheint den Ton auch im Reich anzugeben. Darum gehe es nicht vorwärts mit dem WahlrechtSäusbau im Reiche und in den Einzelstaaten. Da- gegen aber vergewaltigt man das Vereins- und Versammlungs- recht, dessen neueste Verletzung die Ausweisung des fran- zö fischen Genossen Compöre-Morel aus Magdeburg und Braunschweig ist. Als unserer Redner diesen polizeilichen Willkürakt als eine Schande für Deutschland bezeichnete, da schnellte der als Präsident amtierende Nationalliberale Paaschc auf und versuchte mit einem Ordnungsruf für den Redner die Bloßstellung der preußischen Polizei verdecken zu können. Doch der Redner unserer Partei ging weiter in seiner Schilderung des Bethmannschen Regimes. Er wies auf die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse, unter denen die arbeitende Bevölkerung Deutschlands existieren mutz, hin. Diesen jammervollen Zuständen, die gestützt und künstlich aufrechterhalten werden durch die agrarische Zoll- Politik, stellte Gradnauer die in Nordamerika sich anbahnende Anti- schutzzollpolitik-Bewegung gegenüber. Freilich, die Abhängigkeit des Kanzlers von den Junkern läßt eine baldige Besserung dieser Ver- hältniffe in Teutschland nicht erwarten. Und wie der Kanzler sich zu der großagrarischcn Landwirtschaft hingezogen fühlte, ebenso scheint er sich dem Zentrum wieder zuzuneigen, mit dem über die Heeres-» und Deckungsvorlagcn und der Aufhebung des Jesuiten - gesetzes ein Kuhhandel in Vorbereitung zu sein scheine.— Doch dieses Bild von der Regierungstätigkcit Bethmanns wäre unvoll- ständig, wenn man an den neuerlichen Redeprodukten Wilhelms II. und dem sich wieder ungemein stark bemerkbar machenden persöu- lichen Regiment stillschweigend vorübergehen wollte. Unsere Redner nahm dann auch auf die jüngsten Kaiserreden, insbesondere auf die im Landwehroffizicrskasiuo gehaltene, Bezug, und er unterließ es auch nicht, näher auf den Fall des Cadiner Pächters Sahst cingu- gehen. Wieder hatte man eS dabei mit einem nervösen Präsidenten zu tun. Der Freisinnige Tobe unterbrach den Redner wiederholt bei der Kritik der Kaiserreden und bei der Schilderung des Falles Sahst. Aber trotzdem blieb der Eindruck der Gradnauerschen Rede mit überwältigender Macht der, daß, alle diese Dinge zusammen betrachtet, auch Bethmann mit dazu beigetragen hat, daß die 23 Jahre der Regierung Wilhelms II. nichts anderes zutage gc- fördert haben, als politische Verhältnisse und Zustände in Deutsch - land, die weit hinter unserer kulturellen und wirtschaftlichen Eni- Wickelung zurückbleiben. An diesem Eindruck vermochte der Reichskanzler, der sich sofort nach unserem Genossen erhob, mit seinen Ausführungen nicht das Mindeste zu ändern. Im Gegenteil, waS Bethmann sagte, war eine glänzende Bestätigung der sozialdemokratischen Kritik seines Regierungssystems. Nicht jene große Frage, die von unserem Redner angeregt war, griff der Kanzler auf. Nur den Verdacht, mit dem Zentrum zu kuhhandeln, suchte er abzuwehren, ohne das ungläubige Lächeln von den Lippen der Zuhörer der- scheuchen zu können. Von dem Fall Compere-Morel wußte der erste Beamte des Reiches heute noch nichts, und auch dem braun- schweigischen Bundcsratsbevollmächtigtcn war die Sache unbekannt. Aber trotzdem, Bethmann Hollweg hieß auch ohnedies die Maß- nahmen der preußischen Polizei und des allmächtigen v. Dallwitz gut. Ebenso wie der Kanzler sich mit der Erleoigung des Falles Sohst durch das kaiserliche Zivilkabinctt einverstanden und für be- friedigt erklärte. Nur behauptete Bethmann Hollweg , das Gut Cadinen sei dem Kaiser nicht geschenkt, sondern von demselben ge- kauft worden. Unsere Genossen Gradnauer und Hüttmann traten dieser Darstellung mit plausibeln Beweisstücken erfolgreich enl- gegen. Zum Schluß stellte sich Bethmann wieder vor seinen„kaiser- lichen Herrn", und dessen Kasinorede vom 16. März diente dem Kanzler zum Ausgangspunkt für einen neuen Sammelaufruf an alle bürgerlichen Parteien zur wirksamen Bekämpfung der„relt- gionsfeindlichen und vaterlandslosen" Sozialdemokratie. Dabei entschlüpfte dem Kanzler das interessante Geständnis, daß er in» höchsteigener Person die„Leipziger Volkszeitung " wegen einer so- genannten Verächtlichmachung religiöser Einrichtungen der Justiz- Verwaltung denunziert habe. Der Reichskanzler als Angeber! DaS fehlte noch an dem Bilde unserer Regierung. — 3iach diesen rhetorischen Kraftleistungen und nach dieser charakteristischen Selbst- schilderung setzte sich der Kanzler, um gleich darauf aus dem Saale zu verschwinden. Der Pole M o r a w s k h konnte darum auch bei dieser Gelegen- heit den Reichskanzler nicht davon in Kenntnis setzen, daß der Reichstag über die Polenpolitik Bethmanns ein Mißtrauensvotum gefällt hatte. Der Pole wie der Freisinnige L i e s ch i n g und Lizentiate Mumm redeten nur vor dem Stuhl deS Reichskanzler?, so daß es richtig war, daß unsere Genossen um 6 Uhr einen Vertagungsantrag stellten. Doch die bürgerlichen Parteien, Zentrum, Nationalliberale und Konservative, die nicht ein Wort zum Etat des Kanzlers zu sagen hatten, lehnten im Bunde mit den Fortschrittlern den Vertagungsantrag ab. So kam Genosse H ü t t m a n n noch zum Wort, der in wir- kungsvoller Rede die Ausführungen Gradnauers ergänzte und der den geistlosen Angriffen Bethmanns auf unsere Partei mit Erfolg entgegentrat. Insbesondere verteidigte Hüttmann unseren An- trag auf Einführung des Proporzwahlrechts für denReichstag. � Als es über diesen Antrag zur Abstimmung kam, standen dafür außer unseren Genossen die Freisinnigen, die meisten National- liberalen und die Polen auf. Das Zentrum hatte Fraktionssitzung, so daß nur die Iwnservativen gegen unseren Antrag stimmten, für den eine zweifellose Mehrheit von Abgeordneten sich erhoben hatte. Aber konnte sich das Präsidium wirklich über das Stimmenverhältnis nicht einig werden, oder wollte man Bethmann Hollwcg diesen neuerlichen Schlag ersparen, kurz und gut, es kam zum Hammelsprung. Mit Hilfe des herbeigeklingeltcn Zentrums wurden dann 96 Stinimen gegen und 88 Stimmen für den Antrag gezählt. Das Haus war nicht mehr beschlußfähig, die Sitzung flog auf, und Bethmann muß noch einige Tage auf die Bewilligung seines Gehalts warten. Dem Staatssekretär des Auswärtigen wurde dagegen noch vorher nach Erledigung des Restes der Debatte über den Etat des Auswärtigen Amtes das Gehalt bewilligt.— Dabei kam noch ein haarsträubender Fall des Versagens des deutschen Konsulats in Valparaiso zur Sprache. Dieses Konsulat versagte mißhandelten Schiffsjungen eines deutschen Schiffes jeden Schutz. Doch mit berechtigtem Nachdruck wies Genosse Molkenbuhr die Hauptschuld an solchen Vorkommnissen unserer SeemannSordnung zu, die die Seeleute rechtlos macht gegenüber den Borgesetzten. Ueber den Vorfall in Nancy wußte Jagow nichts Neues zu sagen, und Genosse B e r n sie in sprach die Hoffnung ans, daß man dies- seits und jenseits der Vogesen die darob entflammten Schreier recht bald zur Ruhe bringen möchte. ver Chaiivlnlsimisriiinmel. Die Aufregung unserer Hetzpatrioten über den Zwischenfall von Nancy geht unentwegt weiter, trotzdem die deutsche Regierung sich bereits mit mehr als ausreichender Energie des Rechtes und des Schutzes seiner Staatsangehörigen angenommen hat. Unter sensa- tionellen Ricsenüberschriften behandelt nicht nur die Presse der Panzerplattenpatriotcn und der Muninonsaktionäre den Zwischen- fall, sondern leider auch die liberale, sogar die freisinnige Presse! Ein wahrer Chauvinistenkollcr hat sich unserer ganzen Bourgeoisie bemächtigt. Für sie ist ja der alberne Dummenjungenstrcich der Opfer der französischen Patriotenverblödung geradezu ein gefundenes Fressen. Nichts Köstlicheres hätte unseren Rüstungsfanatikern widerfahren können, als dieser kindliche Zwischenfall in Nancy . Nun haben sie ja den Beweis dafür in Händen, daß das französische Volk in Rc- vanchefiebcr kocht, daß Teutschlands Grenzen bedroht sind, daß Deutschlands Armee riesenhaft verstärkt werden muß, um sich des „welschen Erbfeindes" zu erwehren. Daß nur eine Handvoll dummcrJungen den Skandal in Nancy verursachte und daß selbst die chauvinistische Presse Frankreichs den abgeschmackten Ehauvinistenftreich aufs schärfste verurteilt, kümmert unsere Hetzpatrioten und RüstungSinter- essenten samt ihren liberalen und fortschrittlichen Handlangern nicht im geringsten. Für sie ist Frankreich , wo all die Jahre hin- durch Hunderttausende deutscher Gäste die liebenswürdigste Aufnahme gefunden haben, jetzt zu einem„wilden Lande" geworden, gegen dessen unerhörte Exzesse und dessen bedrohliche Angriffslüsternheit der deutsch - Michel sich mit einem doppcltschweren Küraß und doppelt großem Sarras um- panzern und umgürten muß! In der Tat, daß die gesamte französische Presse, die läppi- schen Ausschreitungen in Nancy aufS schärfste mißbilligt und größtes Gewicht darauf legt, daß dieser Zwischenfall so rasch als möglich beigelegt wird, beweisen schon folgende Mitteilungen des Wolffschen Depeschenbureaus: Paris , 16. April. Die gesamte Presse beschäftigt sich ein- gehend mit dem Mancher Vorfall. Der Figaro schreibt: Die französische Regierung hat weise gehandelt, als sie einen hohen Beamten nach Nancy entsandte, damit er an Ort und Stelle eine Untersuchung einleite und möglichst rasch die Irrtümer des Polizeikommiffars von Nancy wieder gut mache, dessen Pflicht cS gewesen wäre, die Kundgebungen z u verhindern und dem Minister des Innern genauen Bericht zu erstatten. Alle Brantwortlichkeiten werden festgestellt und der Zwischenfall aufs
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