Br. 191. 30. Jahrgang Beilage des„ Vorwärts" Berliner Volksblatt.
Der Gott des leeren
Zeremoniells.
Von Martin Andersen Rego.
Vor vielen hundert Jahren, als die Menschen nicht so klug waren wie sie jetzt sind, hatten sie an die Spike des Staates ein Wesen gestellt, das sie den König nannten.
Es hat den Anschein, als ob der König vor ahrtausenden sich wirflich den Plaz als Vortrefflichster im Lande efämpft hatte, und daß die Entwicelung ihn dann überholte. Jedenfalls galt er dem Volksbewußtsein nicht als der Erste in allem Guten, sondern eher als eine Art Gott , der keine Kritik vertrug und durch Majestätsbeleidigungsgesetze geschützt werden mußte. Man maß ihn nicht mit menschlichem Maß, baute ihn auf in übernatürlichen Dimensionen aus allem ausrangier ten Flitterstaat der Menschen, zu etwas taugen durfte er in feiner Weise; und er war der einzige im Staate, den man nichts Nüßliches schaffen ließ. Wenn es ihm in den Fingern kribbelte, gab man ihm einen Haufen Orden zum Spielen; und wenat er nicht hätte die Krone tragen müssen, so hätte er gar keinen Kopf zu haben brauchen.
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Mit seltsamer Ironie hatten die Menschen in der Gestalt des Königs alles das gesammelt, was sie im Leben am heftigsten bekämpften: den Müßiggang, das unfruchtbare Blendwerk und das Vorrecht der Geburt und es zum Schibboleth des ganzen Volkes erhoben. Insofern erinnert der König an gewisse Gözenbilder, die von noch älteren Barbarenvölkern aus purem Golde errichtet wurden, mit aller menschlichen Schwäche behaftet und die dann in erbittertem Schmähkultus verhöhnt wurden.
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Der König aber wurde nicht verhöhnt im Gegenteil. Das beste von allem wurde für seinen Tisch bestimmt. Schoß ein Mann einen besonders feisten Hasen oder wuchs in seinem Garten eine ungewöhnlich schmackhafte Frucht, so hieß es: der König foll sie haben! In allen Kirchen des Landes wurde für ihn gebetet; und brachte eine Frau sieben arbeitstüchtige Söhne zur Welt, so wurden sie sofort dem Gotte des leeren Zeremoniells geweiht. Inmitten der eifrig vorwärtsstrebenden
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Menschheit, die sich ihren Weg bahnte Ging einft ein Mann im Syrerland, mit aufrechtem Stücken und barter Arbeitsfaust, stand der blendende Führt ein Kamel am halfterband." Thron und mahnte die Leute, den So kündet uns die Verslegende,
zu kriechen. Hoch über all dem
Rücken zu frümmen und aufwärts Nach der das Trampeltier am Ende ehrlichen Fleiß des Tages saß der Wild wurde und ganz rabiat, König als ein strahlendes Symbol So daß der Mann vor Schrecken kroch dessen, was da weder spinnt noch Tief in ein altes Brunnenloch. näht und doch wie Salomon in seiner Herrlichkeit ist.
Militar
VORLAGE 1913
Es gibt auch heut noch manch' Kamel mit kleinem Hirn und matter Seel', Das zerr'n fich läßt am Halfterbande
und zwar nicht nur im Syrerlande. Ein folch' Kamel bift, Michel, du! Du läßt dich von den Treibern zwacken Und dich mit Lasten hoch bepacken.
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Montag, 28. Juli 1913.
Ser er zeigte, und fah, daß der Schatten des Thrones auf den Lichtweg fiel und sich grau über das ganze Land legte. Da lächelte er.
Ich bin also doch mit dabei auf meine Art!" sagte er.„ Sieh, wie da unten alles seinen Glanz verliert!"
„ Das ist die unüberwindliche Stärke des Throns," entgegnete der Zeremonienmeister. „ Schön
sigen, Majestät!" Und der König faß schön.
Aber eines Tages regte sich wie der etwas Menschliches in ihm: Was tut mein Volf?" fragte er niedergeschlagen. ,, Denkt es an mich?"
,, Das Volk denkt nicht, Majestät, Das Volk arbeitet. Hört!"
Der König lauschte und vernahm das endlose Geräusch von Fußtritten und schnurrenden Rädern und fleißigen Händen. Und es klang vor seinen Ohren, als sei selbst der fleinste Laut auf der Wanderung von ihm fort.
it denn von mir gar nichts in all dem Lärm?" fragte er.„ Dreht fich nicht ein einziges fleines Rad für mich?"
Der Zeremonienmeister schüt telte der topf.
sch bin überhaupt nicht mit dabei? Gibt es da unten denn nicht wenigstens einen, der mich verflucht?" Krankhaft hing der König an den Lippen des anderen.
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,, Das Volk wagt nicht zu ver. fluchen," war die Antwort.„ Die Majestät ist heilig. Schön fizen!" Aber der König gähnte so, daß der letzte Rest von Seele aus seinem Munde entfloh und in den Raum hinauseilte um den großen Troß der Menschheit einzuholen.
Er selbst blieb sißen. Und da faß er viele, viele Jahre, taub und blind für all das Leben, das verrann; der einzige Laut, den er aufzufangen vermochte, war der Lobgefang der drei höchsten Rangklassen. Nichts hinderte ihn, noch länger schön zu sitzen, und wenn es bis zum. jüngsten Tage hätte sein sollen. Er erfaß sich den göttlichen Glorienschein, der dem Tode und der absoluten Dummheit eigen ist; er erfaß sich das große Rätselhafte. In all seiner Gottverlaffenheit ragte er imponierend im Hintergrunde auf der Gott des leeren Beremoniells!
Und da hätte er wohl heute noch Kaum nabmit du auf die letzte Laft, menschheit nicht mitten im vorigen gefessen, wenn der Nachtrab der Zeigt man dir neue fchon voll haft. Jahrhundert gegen den Thron ge. Und Panzerkäbn' und Artillerie schlagen hätte, so daß er zusammenSollit du noch schleppen, dummesVieh! ſtürate. Jett fällt es uns ia schwer, uns Mach's doch wie's fyrische Kamel! vorzustellen, daß dieser König überGib denen, die dir machen beiß, haupt einmal eristiert und verehrt ' nen derben Fußtritt in den Steiß! worden ist; das Ganze erscheint uns
„ Ah- durch die Sonne der Gnade!" rief der König ,, Nein, durch die profane Sonne, Majestät." Und der Glanz des Thrones?" fragte der König
Es fehlte ja nicht an Leuten, die das Verderbliche in diesem Mißverhältnis saben; aber sie gingen um die Dinge lebhaft. herum. Laßt ihn nur ſizen," sagten die Klugen im Lande, ,, bei ihm sind die ungefunden Phantasien der Leute in einer Hand gesammelt... das ist das billigste! Und er ist unsere ängstlich. einzige Erinnerung an die Knechtschaft früherer Zeiten. Je" Der scheint den Leuten immer noch grell in die Augen, mehr er absticht, desto fräftiger markiert er, wie weit wir Majestät! Alle, die auf der Lichtseite leben, sonnen sich nach selbst gelangt sind." So hüllten sie sich in Worte ein; und wie vor darin." die, die den Feuerwagen des Fortschritts fuhren, mußten große Kurven machen um nur um den Thron herumzutommen.
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Eine humanere Zeit hätte sich wohl aus Gold ein Bild geformt und es dort oben hingesetzt; aber die Menschen waren damals recht phantasielos und mußten sich an die Wirklichfeit anflammern. Selbst die Puppen sollten die Augen bewegen und sagen können:„ Da!"
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,, Sind das Viele?"
Der Zeremonienmeister sah barsch aus; Schön, Majestät... schön sitzen!" Und der König saß schön, und die Kunde davon verbreitete sich über die ganze Erde. Die Menschen kamen von Often und von Westen und aus dem Lande hinter den drei Flüssen, um es zu sehen. Aber der König wußte recht gut, wie großartig er fißen fonnte; und zuweilen wußte er es so gut, daß es beinahe sein Tod wurde.
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als Fabel.
Die Schildwache.
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Gin
Ihrer zwei stehen sie da vorm Ministerium, ferzengerade, steif, wie ein paar Stöde, das Gewehr auf der Schulter, Fuß bei Fuß, und das Gesicht ferzengerade vorwärts gerichtet, stumm und unbeweglich; krampfhaft erzwungene Starrheit in den Mienen, die kein noch so leises Lächeln, keine menschliche Seelenregung verraten dürfen! Krampfhaft steif gehalten Arm und Hand, die das schwere Gewicht des Kolbens zu tragen haben! So stehen sie bei Sturm und Wetter, in Sonnenbrand und Regen, unausgesetzt, unbeschäftigt stundenlang lebende Holzpuppen! Nur ab und zu in ungleichen Zwischenräumen bewegen sich diese Mensch- Maschinen. Aber es ist stets dieselbe plötzliche Bewegung, die fie gleichzeitig, automatisch wie ein Spielzeug, ohne einen Ton zu wechseln, ohne eine Miene zu verziehen, ausüben, wie gezogen von unsichtbaren Drähten. Präsentiert das Gewehr! Eins! Zwei! Ein Ruck! Die zweite Hand faßt den Kolben an. neuer Rud! Und in ferzengerader Richtung- mathematisch genau- strecken die beiden Figuren ihre Last vor sich in die Luft, ein paar Sekunden lang. Drei, vier! Nochmals ein Rud, und wieder einer. Und von neuem stehen sie leblos da! Vor thren Augen, ihren Ohren, ihren Füßen spielt sich das Leben und „ Der Böbel hat selber ans Dasein Hand angelegt," ant- Treiben der Großstadt ab; unaufhörlich gehen vor ihnen die wortete der Zeremonienmeister mit einem Achselzucken. Er Menschen auf und nieder, lachen, plaudern, hasten ihrer Arbeitsist im Begriff, einen sogenannten Lichtweg durch die Welt stätte zu, gehen und fahren ihrem Vergnügen nach. Unaufhörlich zu legen. Auf diesem Wege soll selbst der in Armut Ge- kommen und gehen Fahrzeuge aller Art nach rechts und nach links, borene bis zum Gipfel des Thrones wandern dürfen, wenn den Lärm und Wirrwarr vermehrend. Unaufhörlich wechselt das er nur die rechten Fähigkeiten hat." bunte Bild. Szenen aller Art spielen sich da ab, heitere und trübe. Alles hören und sehen sie, die beiden. Und sie stehen unbeweglich; feiu Bachen befreit ihre Lust, kein Zuden verrät ihren Schreck. Mögen vor ihren Augen Pferde stürzen, Wagen zurühren sich nicht bis die Ablösung kommt.
Dort saß also der König auf seinem Thron. Sprechen durfte er nicht recht, um nicht zu viel Menschenverstand zu Eines Tages hielt er Ausschau in die Ferne und sah verraten; darum gähnte er im stillen und langweilte sich unzählige Menschen an der Arbeit. Sie waren im Begriff, denn er war doch auch ein Mensch. Hier und da war die eine breite, helle Allee anzulegen die gerade auf ihn zuErziehung stärker als der Mensch. Wäre ich doch nur tot führte. und begraben!"" jagte er dann ganz kläglich. Oder hätte ich zur Zeit meines Ururgroßvaters gelebt! Da durfte man fich wenigstens betrinken."
" Pst!" flüsterte der Zeremonienmeister. Majestät dürfen nicht denken. Majestät sind heilig!" Manchmal war etwas ungewöhnliches zu merken, dann gudte der König von seinem Gipfel herab.
Was tun die da unten jetzt?" fragte er.„ Was ist das
für ein Lärm?"
Das Bolf trainiert sich... es übt sich im Schritt für den großen Marsch," erwiderte der Zeromonienmeister. Aber Majestät dürfen nicht den Hals vorstrecken. Schön fizen!"
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Da nahm der König sich zusammen, legte die Hände auf die Thronlehne und saß schön.
Und die Jahre vergingen.
Eines Tages erwachte der König und lauschte. " Ich höre einen wunderlichen Gesang," sagte er." Was find das für Klänge in der Luft?"
„ Das ist das Licht, das durch die Menschen tönt," erwiderte der Zeremonienmeister.„ Einer von denen da unten hat eine Methode erfunden, Kranke mit Hilfe des Sonnenlichts zu heilen."
„ Was ist das?" fragte er ängstlich.
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" Ruf die Cimbern und Teutonen!" rief der König erschrocken.
,, Eristieren nicht, Majestät!"
" Dann die Sachsen, Slawen, Wenden! Wir müssen den sammenstoßen, Menschen unter die Räder kommen, sie stehen und Frechen Einhalt gebieten."
„ Eristieren auch nicht, Majestät!"
" Dann laß mein Volf kommen, in tiefer Untertanenliebe!" Der Zeremonienmeister zuckte mit den Achseln.
So umgürte mich denn mit Gottes Gnade, pozbliz!. damit ich selber die Vermessenen verjagen kann!" Der Zeremonienmeister lächelte:„ Majestät belieben zu scherzen."
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Und doch fühlen und denken sie nicht anders wie wir! Haben Nerven wie wir, empfinden die Witterungseinflüsse wie wir! Ist ihr Tun nicht fast ein übermenschliches? Und doch: was feiner je täte ohne größte Not, sie tun es, weil sie müssen. Was haben sie verbrochen, die Armen, daß man sie also schwer bestraft? Nichts! Es soll durchaus teine Strafe sein; sie sind lediglich Soldaten! Und, was ist ihre erhabene Aufgabe? Welche hehre Pflicht erheischt es, daß Maschinen werden aus Menschen? Ihre Aufgabe? Ihr Amt? Nichts von Bedeutung! " Der Schatten ist wahr!" erwiderte der Zeremonien Sie bewachen das Haus, vor dem sie stehen! Und sein Be meister und wies hinab. Der König folgte der Richtung, nach| wohner, der Herr Minister? Befindet sich zurzeit auf Reisen.
Der König starrte ihn an, und ein Kälteschauder lief feinen Rücken hinab:„ Ist das denn alles Lüge?"
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