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Nr. 205.

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Telegramm- Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin".

Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstraße 69. Fernsprecher: Amt Moritplat, Nr. 1983.

Eine kleine Lex Heinze.

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Montag, den 11. August 1913.

Denn es handelt sich hier nicht darum, der Schundlite­ratur das Wasser abzugraben oder wirklich einer höheren Sittlichkeit die Bahn zu brechen, sondern um die Befriedigung trüber reaktionärer Instinkte. Alles, was die großen Ver­herrlicher des Weibes durch Stift und Pinsel und wir halten es mit Heinrich Heine :

Des Weibes Leib ist ein Gedicht, Das Gott der Herr geschrieben Jns große Stammbuch der Natur, Als ihn der Geist getrieben.

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will, lauert diese Art von Verführung überall. Oder wer hat es nicht selber miterlebt, wie die Dreizehn- und Vierzehn­jährigen in einer langweiligen Konfirmandenstunde in der Bibel auf Entdeckungsreisen ausgehen und einander dann kichernd die saftigsten Stellen zeigen?

Schon in der nächsten Tagung soll dem Reichstag eine Novelle zur Gewerbeordnung vorgelegt werden, die augen­blicklich im Reichsjustizamt ausgeheckt wird und die durch Ver­schärfung der bestehenden Bestimmungen die ,, Ausstellung von unfittlichen Bildern und Büchern" in den Schaufenstern ver­hindern soll. Also wären wir glücklich wieder einmal so weit! Denn wenn auch die reaktionären Blätter die Notiz von dieser Was sie von Rubens bis Rops je geschaffen haben, angekündigten Verschärfung der Gewerbeordnung mit der soll künftig als unsittlich" nicht mehr im Schaufenster von harmlosen Spigmarke Gesetz gegen die Schund- Kunsthandlungen erscheinen dürfen, und schon heute machen literatur" versehen, so sieht der Kundige doch den Pferde- ja die unterschiedlichen mit der Zensur beauftragten Behör­fuß dick und groß hervorragen und wird an die Kämpfe er den vor den besten Namen und den gewaltigsten Kunstwerken innert, die vor bald einem halben Menschenalter um den nicht Salt! Freilich wird man der verlogenen Moralfererei sogenannten Schaufensterparagraphen" der Ler des Gesetzes wie immer ein sozialpolitisches Mäntelchen über­Heinze geführt wurden. hängen und behaupten, es gehe um den Schutz der heran­Diese Kämpfe bilden ein unverwelkliches Ruhmesblatt in wachsenden Jugend vor der Verführung, der sie durch den dem reichen Siegeskranze der deutschen Sozialdemokratie. Anblick ,, unsittlicher" Bilder ausgesetzt sei. Wenn man so Was im Anschluß an einen Prozeß gegen den Zuhälter Heinze, der ganze großstädtische Kloaken aufdeckte, 1892 zuerst als Gesetzentwurf dem Reichstag vorgelegt wurde, zielte auf eine Eindämmung der Prostitution ab. Aber während dieser Ent­wurfe im Plenum nie zur Beratung kam, ging es anders mit einem Gesezesvorschlag, den die Regierung im Februar 1899 dem Parlament vorlegte und der im Anfang des Jahres 1900 beraten wurde. Die Sozialdemokratie trat bei diesen Be ratungen einem Zentrumsantrag bei, der den Mißbrauch des Arbeits- oder Dienstverhältnisses zu unzüchtigen Zweden unter Strafe stellen wollte, wandte sich aber mit aller Ent­schiedenheit gegen einen ebenfalls vom Zentrum beantragten Paragraphen, der auf eine Knebelung der Freiheit von Kunst und Literatur im Sinne eines pfäffischen Mudertums hinaus lief. Die Regierung, die anfangs diesem Knebelungspara­graphen abgeneigt war, einigte sich zwischen zweiter und dritter Lesung des Gesezes mit dem Zentrum und den kon­fervativen Parteien dahin, daß der Arbeitgeberparagraph fallen, dagegen der Schaufenster- und Theaterparagraph bei behalten werden sollte. So kam denn jener berühmte" Kompromißantrag zustande, der mit Gefängnis bis zu sechs Monaten bestraft wissen wollte,

Aber Bücher und Bilder verführen nicht, sondern die sozialen Verhältnisse verderben die Jugend. Die blassen, frühreifen, unheimlich wissenden Kindergesichter, die man in den schmuzigen Großstadtvierteln trifft, haben ihre Kenntnis von allerhand Bastern wahrhaftig nicht vor den Bilderaus­lagen der Kunsthandlungen erworben, sondern in den Miets­fasernen, in denen das Elend in vielerlei Gestalt zusammen­gepfercht ist, in denen ganze Familien mit großen und kleinen Kindern in einer Stube wohnen, in denen ein Bett oft die verschiedenartigsten Schlafkameraden aufnimmt und in denen auf einem Flur die unverhüllte Prostitution neben der arbet­tenden Armut haust.

Hier legt Hand mit an, ihr Augenverdreher, wenn euch wirklich die Sittlichkeit des deutschen Volkes am Herzen liegt! Macht der Kinderausbeutung ein Ende, schafft eine Arbeits­losenversicherung, sorgt für ein ausreichendes Wohnungsgesetz, unterstützt die für bessere Lebensverhältnisse kämpfende Ar­wer Schriften, Abbildungen oder Darstellungen, beiterklasse, und ihr habt soviel gegen die Verführung der. welche, ohne unzüchtig zu sein, das Schamgefühl Jugend getan, als überhaupt getan werden kann, aber laßt, gröblich berleben, zu geschäftlichen Zweden an öffentlichen ihr ehrenwerten Herren, die unreinen Finger von Kunst­Straßen, Plägen oder an anderen Orten, die dem öffentlichen werken, die dem Reinen rein und nur euch schweinisch er­Verkehr dienen, in Aergernis erregender Weise ausstellt oder an­schlägt." scheinen!, Laßt die Finger davon auch im Interesse von Eures­Diesem Ansturm der vereinigten Mucker auf die Kunst gleichen! Denn wenn auf den Bildern in den Schaufenstern trat die Sozialdemokratie mit der schärfsten Waffe, mit der jede erlockende weibliche Rundung streng verpönt ist, sollen Obstruktion, entgegen, die damals unter der unveränderten dann die lüsternen Sittlichkeitsfere von der pechschwarzen Geschäftsordnung noch möglich war, und wirklich gelang es Rouleur wirklich nur auf die immerhin seltenen Astlöcher in ihr, unterstützt von der bürgerlichen Zinken, den Angriff der Damenbädern angewiesen sein? Unsittlichkeitsschnüffler auf der ganzen Linie abzuschlagen. Die Ler Heinze fiel, und ein so rechtsstehender Mann wie der Professor Delbrück mußte damals in den Preußischen Jahrbüchern" anerkennen,

Der Friedensvertrag unterzeichnet.

Expedition: S. 68, Lindenftraße 69.

Fernfvrecher: Amt Moritplas. Nr. 1984.

Nach dem Morden die Siegesfeste.

Nach der Sicherung des Friedens beeilen sich die Herren Sou­veräne, ihre so furchtbar zur Ader gelassenen Völker durch groß­mäulige Redensarten die entseglichen Opfer vergessen zu machen. Besonders großes leistet darin der König Konstantin von Griechenland. In dem von ihm an Heer und Flotte gerich­teten Tagesbefehl heißt es:

Ihr seid die Erbauer des neuen Griechenland , das durch Euer Blut, Eure Mühen, Kämpfe und Entbehrungen groß geworden ist. Aber Euer Mut und Eure Standhaftigkeit haben unser Vaterland nicht nur groß, sondern auch geehrt, geachtet und ruhmreich vor aller Welt gemacht. Ich beklage tief, daß viele Waffengefährten meine Worte nicht hören, aber ihr Blut wurde nicht unnüz vergossen, ihr An= denken wird unvergänglich sein. Euch Lebenden drücke ich meine Bewunderung und meinen Stolz aus, an der Spitze einer solchen Armee und einer solchen Flotte zu stehen. Den Teilnehmern an beiden Kriegen sollen Denkmünzen verliehen werden, aber darüber hinaus bin ich gewiß, daß im Herzen jedes einzelnen das Gefühl lebt, er habe Griechen= Iand groß gemacht. Doch unser Werk ist nicht voll= endet. Griechenland muß st art, sehr stark werden. Ich werte ohne Unterlaß auf dieses Ziel hinarbei ten. Die von Euch unter den Fahnen bleiben, werden mir dabei. ebenso treu wie auf dem Schlachtfelde helfen, und Ihr, die Ihr voll Stolz und Triumph an den häuslichen Herd zurückkehrt, be­wahret und gebt weiter den unverrückbaren Entschluß, Griechen­ land militärisch sehr stark zu machen zur Achtung für seine Freunde und zur Furcht für seine Feinde."

Was aus den hungernden Hinterbliebenen und den Krüppeln werden soll, wird nicht erwähnt. Von den Denkmünzen wer den sie nicht satt werden.

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Dafür sind aber dem durch die Opfer an Gut und Blut er­schöpften Volte neue Riefenopfer an Steuern zugedacht. Griechenland soll militärisch start, sehr start" gemacht werden. Das wird natürlich Unsum men verschlingen. Diese Riesen­fummen werden aber im sonnigen Hellas so wenig von den Be­fienden aufgebracht werden, wie bei uns in Deutschland !

Die Türkei will Adianopel halten! Aus Par is wird gemeldet:

Der türkische Botschafter in Paris , Rifaat Pascha hat gestern dem Minister des Auswärtigen, Pichon, einen Besuch abgestattet. Rifaat Pascha gab im Namen jeiner Regierung die Erklärung ab, daß die Pforte unter keinen Umständen daran denke, auf Adrianopel zu ver­zichten. Eine Räumung der Stadt wird auch dann nicht er­folgen, wenn der Türkei weitgehendste territoriale oder wirtschaftliche Zugeständnisse gemacht werden.

baben, daß sie es um Adrianopel willen auf einen neuen Nach einer anderen Meldung soll die Türkei sogar erklärt Krieg ankommen lassen werde.

Drohende Revolution in Bulgarien ? dent der Wiener Reich 3 post", Wagner, bespricht an leitender Wien , 10. August. Der bekannte seinerzeitige Kriegskorrespon­Stelle in der Reichspost" die derzeitige Situation in Bulgarien und behauptet, daß Bulgarien am Vorabende eines inne­ren Um it urges sich befinde. Es sei als einzig sicher anzu­sehen, daß die zurückkehrende Armee mit ihren Offizieren, die zehn Monate mit ihrem Blute für die nationale Befreiung ihrer Brüder in Mazedonien und Thrazien eingestanden haben, un= nachsichtliche Rechenschaft von den Verrätern der Ideale des bulgarischen Volfes fordern werden.

daß wir diesen Sieg der Sozialdemokratie verdanken und die deutsche Bildung wie der deutsche Liberalismus sich nicht aus eigener Kraft haben behaupten können. Die allgemeine Erregung am Sonntag vormittag 10% Uhr in der Schlußsizung der Nach einer Meldung der Agence Roumaine wurde Der Wortlaut des Friedensvertrages. der literarischen und künstlerischen Kreise in Deutschland gab den Friedenskonferenz der Friedensvertrag unterzeichnet. unentbehrlichen Hintergrund ab, aber den Sieg verlieh erst die Entschlossenheit und die taktische Geschicklichkeit der sozialdemo= Damit wäre zwischen den kriegführenden Verbündeten" tratischen Frattion. Kunst, Wissenschaft und Bildung haben sich der Frieden wiederhergestellt. Zwar scheinen noch einige in Deutschland unter die Fittiche der Sozialdemokratie flüchten Revisionsabsichten in Petersburg und Wien zu bestehen, müssen! Jeder Gedanke, mit Scharfmacherei und Umsturz- indessen läßt sich doch hoffen, daß es zu keinerlei intervention bewegung der Sozialdemokratie etwas anhaben zu wollen, muß der Mächte fommt. In Berlin und Frankreich wenigstens iezt schwinden. Wir sind so weit, diese Partei schon scheint man keine Lust zu haben, den Arafeel noch weiter zu gar nicht mehr entbehren zu können."

treiben.

Was nun damals dank der entschlossenen Abwehr der So- Für Berlin läßt ein Telegrammwechsel darauf schließen, zialdemokratie nicht in das Strafgesetzbuch hineingepackt wer- der zwischen dem König von Rumänien und Wilhelm II . in den konnte, das versucht man jetzt auf einem Umweg in die den lezten Tagen stattgefunden hat. Das erste aus Bukarest Gewerbeordnung einzuschmuggeln, denn was dem Reichstag vom 7. August datierte Telegramm spricht Wilhelm II . den vorgeschlagen werden soll, ist Fleisch vom Fleisch der Ler Dank dafür aus, daß der Friedensabschluß dank der Haltung Heinze und ein Ausflug jenes traurigen muckerischen Geistes, der deutschen Diplomatie ein definitiver" bleibe. Der der beim Anblick der nackten Arme vom zwölfjährigen deutsche Kaiser hinwiederum beteuert seine große Genug­Mädchen auf fündige Gedanken gerät, gegen die Kniehosen tuung", daß er zu dem jest Erreichten" habe bei der bayerischen Landbevölkerung als den Gipfel der Unsitt- tragen" tönnen. In einem Antworttelegramm vom lichkeit wettert und dabei, wenn die Gelegenheit günstig ist. 8. August spricht der König von Rumänien seinerseits im Damenbad durchs Astloch nach den verbotenen und darum die Hoffnung aus, daß nunmehr dem Lande eine längere doppelt ersehnten Reizen ipäht. Um das Banner, das hier Periode der Ruhe beschieden" sein möge. aufgepflanzt wird, wird sich natürlich nicht nur die schwarze Garde des Zentrums scharen, sondern auch die sämtlichen staaten der wertvollste Bürge für diese Hoffnung des ru­Fürs erste scheint die Erschöpfung der Balkan Elemente der Reaktion, denen das treffende Wort der Flora mänischen Königs zu sein. Und Sache des Volkes in Gaß, der Geliebten des Kreuzzeitungs"-Redakteurs Frei- den europäischen Großftaaten wird es vor allem sein, ihren herrn v. Hammerstein, galt: Seuchler seid Ihr doch Regierungen eindringlichst klar zu machen, daß sie sich jede Einmischung in die Balkankonflikte ernstlichst verbitten!

alle!"

Bukarest , 10. August .( Meldung der Agence Roumaine .) Der Friedensvertrag hat folgenden Wortlaut: Friedensvertrag zwischen dem König von Bulgarien einerseits, den Königen von Griechenland , Montenegro , Ru­ mänien und Serbien andererseits.

Beseelt von dem Wunsche, dem gegenwärtig zwischen den betreffenden Ländern bestehenden Striegszustande ein Ende zu machen, und in dem Wunsche nach Ordnung und von dem Willen durchdrungen, den Friedn zwischen ihren so lange heimgesuchten Völkern herzustellen, haben die genannten schließen, und zu diesem Behufe folgende Bevollmächtigte er­Mächte beschlossen, einen endgültigen Friedensvertrag zu nannt.( Folgt Liste der Friedensbevollmächtigten.) Nachdem das Einvernehmen hergestellt war, wurde beschlossen:

Art. 1: Zwischen dem König der Bulgaren und den übrigen Herrschern sowie ihren Erben und Nachfolgern wird Friede und Freundschaft herrschen.

Art. 2: Die gemäß Anner V zum Protokoll berichtigte Grenze

zwischen Rumänien und Bulgarien wird von der Donau oberhalb bon Turtuthai ausgehen und am Schwarzen Meer südlich von Efrene endigen. Es ist ausdrücklich abgemacht, daß Bulgarien in herum schleifen wird. Eine gemischte Kommission wird binnen längstens zwei Jahren die bestehenden Befestigungen von Ruji­schut, Schumla und in einer Zone von 20 Kilometern um Baltschif 14 Tagen an Ort und Stelle die neue Grenglinie festsehen und die Berteilung der durch die neue Grenze geteilten Güter und Bejig­tümer vornehmen. Im Falle von Meinungsverschiedenheiten wird ein Schiedsspruch in letter Instanz entscheiden.