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116, in Frankfurt a. M. III, in Stettin 116, in München 163 arbeitslose Tage. Unter den Befragten waren 1917 Personen gewerkschaftlich organisiert. Nebst der großen Lehrlingszüchterei in den Bäckereien und Konditoreien und der Beschäftigung einer sehr großen Anzahl von jugendlichen Arbeitern und Arbeiterinnen in der Schokoladen- und Znckerwarenindustrie bildet mit die Ursache der großen Arbeitslosigkeit die lange Arbeitszeit. In den Bäckereien und Konditoreien ist durchgängig die siebentägige Arbeitswoche bei einer täglichen Arbeitszeit von zwölf und mehr Stunden anzutreffen. In«aisonzerten wird mit Aus­nahme ganz weniger Betriebe die Mehrproduktion bei der gleichen Arbeiterzahl hergestellt unter Verlängerung der täg- lichcn Arbeitszeit. Hierbei wird den Unternehmern von den Behörden auf Grund der Bestimmungen in der Bundesrats- Verordnung in sehr liebevoller Weife entgegengekommen und die tägliche Arbeitszeit bis zu 16 Stunden gestattet. Die Organisation erhebt daher an den Gesetzgeber die Forderung, eine Verkürzung der Arbeitszeit in den Bäcke- reien und Konditoreien gesetzlich vorzunehmen. Nur dann ist es möglich, daß die Arbeitslosigkeit eingeschränkt werden kann, wenn gleichzeitig die Höchstzahl der beschäftigten Lehrlinge in den Betrieben herabgesetzt wird. So wie in diesem Gewerbe jetzt die Zustünde liegen, wird das ständige große Heer von Arbeitslosen keinen Rückgang, sondern noch eine Zunahme er- fahren. In welch unverantwortlicher Weise die Lehrlings- züchterei von den Bäckermeistern betrieben wird, geht ans nach- stehenden Zahlen hervor. In Württemberg werden bei den Jnnungsmeistern neben 1636 Gesellen 1732 Lehrlinge be- schäftigt; in Mecklenburg neben 567 Gesellen 473 Lehrlinge: in der Provinz Posen neben 666 Gesellen 866 Lehrlinge und im Königreich Sachsen neben 6824 Gesellen 4843 Lehrlinge. Ebenso liegt es in den übrigen Landesteilen, wo sich die Unter- nehmer scheuen, über die Lehrlingszahl der Oeffentlichkeit An- gaben zu unterbreiten._ Serlin und Umgegend. Tie Sonntagsruhe der Handlungsgehilfen. Am Sonnabend, den 20. Dezember, unternahm der Bezirk Berlin des Zentralverbandes der Handlungsgehilfen wie in den Borjahren eine Nachtkontrolle zum Ztvccke der Feststellung der- jenigei, Firmen, die ihre» Angestellten die vorgeschriebene Sonn- tagsruhc nicht gewähren. War es uns in früheren Jahren möglich, eine größere Anzahl von Firmen der Gesetzcsübertretnng zu über- führen, so konnte in diesem Jahre festgestellt werden, daß die wiederholte Kontrolle Erfolg gehabt und einen großen Teil der früher bei Uebertretungen festgestellten Firmen veranlaßt hat, die gesetzlichen Vorschriften zu respektieren und die Angestellten pünkt- lich zu entlassen. Dennoch gab es auch in diesem Jahre eine Au- zahl Geschäftsinhaber, die ihr Personal nicht lange genug be- schästigeu können, denen auch der Sonntag nicht heilig genug ist, wenn eS gilt, durch die Ausnutzung der Arbeitskraft der An- gestellten den Profit zu mehren. Die Firma E. W. M a t h e s, Leipziger Straße , beschäftigte noch nachts 12�1 Uhr drei An­gestellte. Bei der Buchhandlung G s e l l i u s, Mohren- straße 52, arbeiteten zwischen 12 und 1 Uhr nachts noch sechs An- gestellte. In der Lederwarenhandlung von Artur Otto, Friedrichstr. Oüa, arbeiteten drei Angestellte. In der Schlächterei von Leopold Greilig, Kottbuser Damm 8. arbeiteten drei Verkäuferinnen. In allen diesen Fällen erfolgte polizeiliche Feststellung der Uedem ettuig, und zwar auf Veranlassung der kontrollierenden Mitglieder dcZ Zentralverbandes der Handlungsgehilfen. Bei der Blumenhandlung von Ko s che l, Charlottenburg , JoachimSthaler Straße, wurden vier Angestellte um 1 Uhr 10 Minute» entlassen, und zwar in dein Moment, wo die Kontrollkommission des Zentral- Verbandes auf der Bildfläche erschien. Besonderes Interesse hat die Feststellung bei der Firma M. L i e m a n n, Prenzlauer Str. 40, die um Ml noch dreißig Angestellte beschäftigte. ,Mit Hilfe zweier Schutzleute gelang es, dieser größeren Zahl von Angestellten die Sonntagsruhe zu verschaffen. Die Spielwarenfirma G. Söhlke Aachs l., Markgrafciisir. 49, beschäftigte um 1 Uhr nachts noch zwölf Personen. Auf Veranlassung der Verbandskontrolleure wurde die Hälfte davon entlassen, die andere Hälfte mußte weiter- arbeiten und das Geschäftslokal wurde abgeschlossen, so daß der herbeigeholte Schutzmann keinen Einlaß fand. Die Anzeige wird erstattet werden. Die Firma zeichnete sich noch besonders dadurch aus, daß sie in den 14 Tagen vorher das Personal von 3 Uhr früh bis l Uhr nachts hat arbeiten lassen. Es wurde dann noch fest- gestellt und zur Anzeige gebracht die Buchhandlung Hermann Bahr , Linkstr. 43, die um 12 Uhr 40 Minuten noch drei An- gestellte beschäftigte. Ferner lvurde gearbeitet bei Richard Renz, Spielwaren- gcschäft, Potsdamer Straße , Ecke Karlsbad ; Gebrüder Thiele, Hoflieferanten, Potsdamer Straße; Otto Bocklitz, Linkstraße, und zwar zwischen 12H und 1 Uhr nachts. Bei diesen drei Firmen war es leider nicht möglich, die Beendigung der Arbeitszeit herbei- zuführen. Diese Fälle zeigen jedenfalls, daß es immer noch Geschäfts- Inhaber gibt, die sich um die gesetzlichen Vorschriften nicht kümmern. Es sind das allerdings nur einige wenige von den sicher viel zahl- reicheren Firmen, die auch sonst die Vorschriften der Sozialgesetz- gebung nicht beachten. Hier würde die von den Handlungsgehilfen so dringend gewünschte Handelsinspektion wertvolle Dienste leisten können. Die Forderung nach Schaffung einer Handelsinspektion bat der Zentralderband der Handlungsgehilfen von jeher erhoben und er wird weiterhin dafür tätig sein, daß sie auch endlich ver- wirklicht wird, zum Segen der beteiligten Angestellten. Deutsches Reich . Ein Jubiläum im Bildhanerverband. In unseren Zentralverbänden ist wieder ein Jubiläum zu verzeichnen: vor 35 Jahren, zu Beginn des JahreS 1889, begann der neugewählte Vorstand des Unterstiitzungsvereins der Bildhauer seine Tätigkeit. Bestand die Organisation auch schon länger, seit 1881, so ist doch vom Jahre 1889, mit der Sitzverlcgung der Zentral- leitung von Stuttgart nach Berlin und der Wahl deS neuen Vor- standeS, ein flatterer organisatorischer Aufstieg zu verzeichnen. Damals, bei der Sitzverlegung, zählte der Verband 1999 Mit- glieder; die Mitgliederzahl stieg ständig, bis sie im Jahre 1900 mit etwas über 5000 ihren Höchststand erreicht hatte. Seitdem trat eine starke Krise im Gewerbe ein, hie auf die Organisation lähmend wirkte. Die große Aussperrung in der Holzindustrie 1907 zog auch das kleine Gewerbe der Holzbildhauer stark in Mitleiden- schaft. Vor allem aber hat die Stilrichtung in der Holzbildhauer- brauche viele Bildhauer beschäftigungslos gemacht und sie zu ander- tveitigcr Tätigkeit gezwungen. So kam es, daß der Verband heute nur noch rund 3800 Mitglieder zählt. Deshalb ist im Verbände auch schon viel die Frage ventiliert worden, ob der Anschluß an eine größere Organisation für die Berufsgenossen nicht praktischer sei, eine Frage, die dadurch einige Schwierigkeiten bekommt, weil im Verbände Holz- und Steinbildhauer vertreten sind, die bei der Auflösung der Organisation zwei anderen Verbänden zugeteilt werden müßten, die aber doch wiederum gleiche Berufsintcressen haben. Ehedem stand der kleine Verband der Bildhauer mit an der Spitze der deutschen Gewerkschaften. In den neunziger Jahren, zu einer Zeit, in der die übrigen Gewerkschaften erst stärkere ge- werkschaftliche Ansätze zeigten, waren die Bildhauer nächst den Buchdruckern prozentual am stärksten organisiert; 85 bis 68 Proz. der Berussgenossen gehörten der Organisation an. Die Finanzlage der Organisation zeigt auch ein anderes Bild. Bei der Uebergabe vor 25 Jahren betrug der Kassenbestand 15 756 M., jetzt beziffert er sich auf 151 159 M. Mit diesem Jubiläum der Organisation blickt der erste Vor- sitzende des Verbandes, Paul Dupont, auf eine 25jährige Tätigkeit als Vorsitzender des Verbandes und Redakteur des Fach- organs zurück. Dupont hat während dieser langen Tätigkeit die Organisation durch manche Fährnisse sicher hindurchgeleitet, und wenn eS ihm nicht vergönnt war, den Verband zu solchem Auf- schwung zu führen, wie ihn fast alle unsere anderen Organi- sationen in der Zeit genommen haben, so waren daran einzig und allein äußere wirtschaftliche und beruslich ungünstige Verhältnisse schuld. Die deutschen Gewerkschaften werden ihm und der tapferen kleinen Organisation ihre Anerkennung nicht versagen. Ms der Partei. Nochmals das Internationale Bureau. Genossin Rosa L u x e m- bürg sendet uns eine längere Polemik gegen die Ausführungen K a u t s t y s vom 24. Dezember über die Frage der russischen Einigung. Genossin Luxemburg wendet sich dagegen, daß Kautsky als Motiv für ihre Stellungnahme im Bureau unterstelle, sie hätte den Ausschluß der P. P. S. Lewitza von den Einigungsverhand- lmijjeir gewollt. Sie führt aus, sie sei nur aus praktischen Gründen für die Wiederherstellung deralten Partei* in Rußland eingetreten, um das Zustandekommen der Einigkeit zu erleichtern. Genossin Luxemburg sucht diese Ansicht durch eine eingehende Dar- stellung der Partei- und Organisationsverbältnisie in Rußland zu stützen. Da die Frage durch den Beschluß des Internationalen Bureaus zunächst erledigt ist, das nunmehr die Aufgabe hat, über den eventuellen Zusammentritt der Einigungskonferenz und deren Zu- sammensetzung sich schlüssig zu machen, glauben wir von einer iveiteren Erörterung absehen zu können. Ein neues Parteisekretariat. Die Entwickelung der Parteiorganisation im Wahltreis Schwei nsurt-Haßfurt-Ebern hat einen sehr erfreulichen Fortschritt aufzuweisen. Eine zahlreich besuchte Wahlkreisgeneral- Versammlung in �chweinfurt beschloß, ein Parteisekretariat zu er- richten. Die zur Durchführung des Plans notwendige Beitrags- erhöhung von 30 auf 40 Pf. im Monat wurde mit allen gegen eine Stimme beschloffen. Nach einstimmigem Beschluß der Generalver- sammlung soll von einer Ausschreibung der Stelle abgesehen und der Genosse Säckler in Schweinfurt mit der Führung des .Sekretariats betraut werocn. Ausichluß aus der Partei. Mit den Ausschlußanträgcn der Parteiorganisation des Kreises Solingen gegen einige Führer des lokalistischen Industrie- arbeitervcrbandes beschäftigte sich am vergangenen Sonntag das niederrheinische Agitationskomitee. Das Urteil lautete gegen die Geschäftsführer Ein, Braun, Witte und den Arbeitersekretär E ck a r d t auf Ausschluß aus der Partei. Die vier Genannten hatten seit Jahren die Partei und einzelne Parteigenossen durch Artikel im lokalistischenStahlwarenarveitcr" in der gehässigsten Weise bekämpft. Gegen einen fünften Angeklagten wurde auf eine scharfe Rüge erkannt. Agitationserfolg. Bei der letzten Agitation, die die Partei- genoffen in der Stadt Bremen veranstalteten, wurden 660 neue Mitglieder für die Partei und 320 Abonnenten für dieBremer Bürgerzeitung" gewonnen. polizeiliches, Gerichtliches usw. Das Wirken der schlesischen Justiz ist im Laufe des Jahres sehr oft der Gegenstand ernster Betrach- tungen draußen im Lande. Bei ihren Jahresrückblicken macht die schlesische Parteipresse regelmäßig kleine Zusammenstellungen dar- über, wie sich so in einem Jahre der Segen der Justiz angesammelt hat. Eine solche Auftechnung bringt auch dieS ch l« s i s ch e B e r g- wacht" und dieser entnehmen wir folgendes: Im Laufe des Jubel- johoes, das auch noch eine Amnestie brachte, wurden z. B. im schlesischen Bergarbeiterkreis Waldenburg an Strafen folgende ver- hängt: wegen Beleidigung durch die Presse über sozialdemokratische Redakteure rund 1500 M., wegen Beleidigung wurden außerdem über andere Genossen in Partei und Gewerkschaft 315 M. an Geld- strafen und vier Monat« Gefängnis verhängt. Ferner wurden wegen eines Reichstagswahlslugblattes zwei Genossen in einen MeineioSprozetz verwickelt und insgesamt zu 214 Jahren Zuchthaus verurteilt. Bei den Prehprozessen verdient noch ein Hinweis besonderes Interesse. Ein Drittel aller Prozesse wurde ab- hängig gemacht wegen Artikel, die anstandslos in anderen Partei- blättern abgedruckt worden sind. Eine Verurteilung zu 150 M. erfolgte sogar wegen Abdruck eines Artikels aus einem bürg er- l i ch e n Blatt, das selbst völlig unbehelligt blieb. Soziales. Aus dem Gewerbe&ericht. Kammer 3. Bors. Dr. Graeffner.' Lohnverweigcrung. Zwei Putzer klagten gestern gegen die Firma Held u. Francke auf 3,70 bezw. 15,20 M. rückständigen Lohnes. Die Sache hatte schon das Schiedsgericht beschäftigt, war aber, da es wegen Stimmengleichheit zu keinem Spruch kam, dem Ge- Werbegericht überwiesen. Sie lag so: Dem Führer der Putzer- kolonne, Riedel, war der Fassadenputz eines Gebäudes zum Preise von 90 Pf. pro Ouadratmeter übertragen. Vorgesehen war Spritz- putz. Unterschrieben war der Vertrag auch von den Klägern. Die Versicherungsbeiträge zahlte die Firma, so daß sie unzweifelhaft trotz ihres Bestreitens als Arbeitgeberin in Frage kam. Nachdem die oberste Etage mit Spritzputz fertiggestellt war, verlangte die Bauleitung für die anderen Stockwerke Kammputz. Dieser er- fordert weit mehr Arbeit. Die Kläger wandten sich an ihren Kolonnenführer wegen höherer Bezahlung. Sie erhielten die be- ruhigende Versicherung, die Firma werde schon mehr bewilligen. In der Tat erhielten die Putzer, obgleich die Arbeit langsamer sortschritt, an mehreren Zahltagen ihren Lohn von 9 M. pro Tag ausbezahlt. Dadurch wurden sie in der Meinung bestärkt, daß die Firma einen Zuschlag zu dein ursprünglichen Preis gewähren wolle. An einem Sonnabend, nach erfolgtem Aufmaß, erhielt die Kolonne jedoch nur einen geringen Bruchteil des nach ihrer Mei- nung verdienten Lohnes. Eine gütliche Regelung kam nicht zu- stände. Darauf legten die beiden Kläger die Arbeit nieder und machten aus deni Klagewege ihre Forderung geltend. Sie ver- langten für den Kammputz 25 Ps. pro Ouadratmeter Zuschlag. Das ltzcricht verurteilte die beklagte Firma zur Zahlung von 17,48 bezw. 6,08 M. Im Vertrag, hieß es in der Begründung, sei zwar ein Einheitspreis, aber ausdrücklich für Spritzputz festgelegt. Es sei anzunehmen, daß eine Firma, wie die Beklagte, in ihre Verträge alles aufnehme, was sie zu fordern habe. Wenn der ver- einbarte Preis nicht nur für Spritz-, sondern auch für Kammputz gelten sollte, dann wäre das sicher im Vertrag erwähnt. Da nun Kämmputz einen Mehraufwand an Arbeit erfordere, als der Spritz- putz, mußte den Klägern ein Zuschlag zugebilligt werden. Dieser Zuschlag wurde jedoch in Rücksicht aus die ganz einfach gehaltene Ausführung nur auf 10 Pf. pro Ouadratmeter bemessen. Daß sich die Firma Held u. Francke wegen solcher Sache ver- klagen läßt, ist recht bezeichnend. Bedauerlich ist, daß das Gericht nur auf einen Zuschlag von 10 Pf. pro Ouadratmeter erkannt hat. Es hat, wie das bei Akkord- arbeiten leider häufig geschieht, den§ 316 des Bürgerlichen Gesetz» buchcs anscheinend übersehen. Diese Vorschrift geht dahin: Ist der Umfang der für eine Leistung versprochenen Gegen- leistung nicht bestimmt, so steht die Bestimmung im Zweifel dem- jenigen Teile zu, welcher die Gegenleistung zu fordern hat. Danach hatten die Arbeiter das Recht, die Höhe des Zuschlages zu bestimmen. Die Beklagte hätte zu beweisen, daß dieser Zu- schlag unangemessen hoch sei. Diesen Beweis hat sie nicht ange» treten und vermag ihn wohl auch kaum zu führen. Süddeutsche Scharfmacher. Der Bad.-Pfälz. Verband der Metallindustriellen mit dein Sitze in Dkmnheim hat an das Badische Ministerium des Innern eine Denkschrift gerichtet, um dasselbe gegen die Einführung einer Arbeitslosenversicherung scharf zu machen. Nach den Darlegungen dieser süddeutschen Scharfmacher würde die Einführung einer öffentlich-rechtlichen Arbeitslosenversicherung nicht nur jeder Berechtigung entbehren, sondern die zu diesem Zweck vorgeschlagenen Mittel würden zum Teil undurchführbar, zum Teil eine schwere Schädigung unseres Wirtschaftslebens,die letzten Endes die Arbeiterschaft am eigenen Leibe empsinden müßte", zur Folge haben. Aber noch höher als den materiellen Schaden ver- anschlagen dieseArbeiterfreunde" den Schaden, den die Arbeits- losenversicherung in ethischer und moralischer Beziehung der Ar- beiterklasse zufügen würde,denn der Sparsamkeitstricb wird bei dem Arbeiter herabgemindert, wenn er weiß, daß er im Falle der Arbeitslosigkeit anderweitig gesichert ist; und die Selbstverant- ivortlichkeit des einzelnen sowie die persönliche Initiative werden noch mehr beeinträchtigt und zurückgedrängt werben, als es bereits durch die soziale Gesetzgebung geschehen ist. Es wird sich auf die Dauer kaum noch ein Arbeiter dazu herbeilassen, durch seine eigene Tüchtigkeit sich in erster Linie vor Arbeitslosigkeit zu schützen; er braucht das ja nicht mehr, wozu sich noch mehr anstrengen, wie es etwa speziell die Gewerkschaft erlaubt: die Arbeitslosenversicherung wirb ja schon gegebenenfalls für ihn sorgen!" Natürlich bestreiten die Scharfmacher, daß von einer ernst- lichen Arbeitslosigkeit als einer Gesamterscheinung gesprochen wer- den könne. Höchstens sei sie in den Städten für einzelne Berufe vorhanden. Und hier könne Abhilfe geschaffen werden durch Be- kämpfung der Landflucht, durch Ausbau der Arbeitsnachweise, bor allem aber, indemden immer unvcöhüllter hervortretenden be­gehrlichen Tendenzen der organisierten Arbeiter ein nachdrückliches Halt geboten werde." Um die Arbeitsgelegenheit zu vermehren, sei es notwendig, daß Handel und Industrie gefördert werden, statt dem Unternehmertum von Jahr zu Jahr stärker« sozialpolitische Lasten aufzuerlegen. Mit großer Emphase wendet sich der Unternehmervcrband gegen die bayerische Regierung, die in einer Erklärung das Gentcr System empfohlen haben soll. Die geforderte Arbeitslosenvcrsiche- rung sei eine Progrcnnmfvrderung der Sozialdemokratie, die in ihrer Verwirklichung durch Schädigung der Industrie die Lage der Arbeiter noch weiter verschlechtern würde. Das scharfmacherische Unternehmertum will die Arbeitslosig- keit ausnutzen, um die Löhne zu. drücken und die Arbeiterorgani- sationen zu schwächen, um aus diese Weise den eigenen Profit zu steigern. Das ist der Grund der Aktionen der Scharfmacher gegen die Arbeitslosenversicherung. Tie heutige Produktionsweise bringt die Arbeitslosigkeit hervor. Die Nutznießer der kapitalistischen Produktionsweise müßten anerkennen, daß die Produktionsweise demnach unfähig ist, die Arbeiter zu ernähren, solange die schrankenlose Ausbeu.ungsmöglichkeit und anarchistische Pro» duktionsweise besteht. Weit entfernt davon Heulmeiern diese Scharfmacher aber über angeblichesozialpolitische Lasten", die tat- sächlich nicht ihnen, sondern den Arbeitern auferlegt sind, und treten selbst gegen Arbeitslosenversicherung ein, um durch eine noch größere industrielle Reservearmee auf den Lohn drücken und den eigenen Profit erhöhen zu können. Besser könnten die Herren die Unsinnigkeit und Gemeingefährlichkeit der heutigen Produktions- weise schwer illustrieren. Ms Industrie und Handel. Die Expansion des Anilinkonzerns. Die seit dem Jahre 1005 bestehende Interessengemeinschaft zwischen der Badischen Anilin- und Sodafabrik, den Elberfelder Farbenfabriken vorm. F. Bayer u. Co. sjetzt in Leverkusen bei Köln ) und der Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation in Treptow bei Berlin stellt eine innige großkapitalistische Vertrustung von gewerblichen Unternehmungen dar. Es ist bekannt, daß der so- genannteAnilinkonzern" unter dem Schutze dieser Interessen- gcmeinschaft seine Rentabilität auf ein �anz ungewöhnlich hohes Niveau gesteigert hat und daß er vermöge seiner großen Papitalkraft und der gemeinsamen Ausnutzung aller Patente und technischen Errungenschaften, die innerhalb seines Machtbereiche? zustande kommen, gegenüber seiner Konkurrenz im In- und Aus- lande eine geradezu unangreifbare Position besitzt. Gegenwärtig beträgt das gesamte Aktienkapital bei der Badischen Anilin- und Sodafabrik 35 Millionen Mark, bei den Elberfelder Farben- fabrcken 36 Millionen Mark und bei der Treptower Anilmfabrik 14 Millionen Mark. Außerdem haben diese Gesellschaften ihre Betriebskapitalien noch durch Anleihen im Gesamtbetrage von 60,5 Millionen Mark verstärkt. Unter Einrechnung der offenen Reserven kommt man schließlich zu einer Kapital in asse von 215 Millionen Mark für den gesamten Konzern, wobei aber zu berücksichtigen ist, daß der Betrag der durch große Ad. schreibunyen, niedrige Bewertung von Vorräten usw.ver- steckten" Gewinne und Reserven gerade bei diesen Unternehmungen ein sehr hoher sein dürfte. Die Interessen- gemcinschast zwischen den drei Werken beruht auf einem Vertrage, der im Prinzip die Selbständigkeit der einzelnen Gesellschaft nicht berührt. Die nach einheitlichen Grundsätzen zu ermittelnden Er- trägnisse der drei Gesellschaften werden zusammengeworfen und nach Abzug der Reserven usw. in der Weise aufgeteilt, daß Elber- seid 43 Zroz., Ludwigshafen 43 Proz. und Treptow -Berlin 14 Proz. vom Reingewinn erhalten. In den letzten drei Jahren betrug die Dividende der drei Gesellschaften: Dividende Jahr 1910 1911 1912 Proz. Proz. Proz. Elberfeld ...... 25 25 28 Ludwigshafen .... 25 25 28 Treptow ...... 20 20 23 Von der Entwickelung der Rentabilität erhält man ein un- gefähres Bild, wenn man sich vergegenwärtigt, daß im Jahre 1886 die Dividend� bei der Treptower Fabrik 7,5 Proz., bei den Elber- selber Werkew 4 Proz. und bei der Badischen Fabrik 15 Proz. be- trug. Gegenwärtig sucht der Konzern durch entsprechende TranS- aktionen einen Teil seiner hauptsächlichsten inländischen Abnehmer in völlige Abhängigkeit zu bringen. Mit dem Verein C h e m i- scherFabrikenzu Zeitz und mit den Chemischen Werken Albert soll der Anfang werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Stärkung der Position des Konzerns im Inlands auch seine Konkurrenzkraft am Weltmärkte noch weiter steigern muß. ES ist bezeichnend, daß die zum Konzern gehörenden Betriebe für das abgelaufene Geschäftsjahr trotz der Ungunst der Konjunktur im Textilgewerbe usw. ihren Aktionären bereits die gleichen fetten Dividenden wie im Vorjahre in Aussicht stellen können.