Kirchen im voiksöienste. Aus der Schweiz sckreibt man unS: Seitdem Napoleon damit Vorangegangen ist, Klöster abzureißen, um Volksgärten daraus zu machen, werden in der Schweiz Kirchen und Kapellen sehr häufig zu nützlichen Räumen umgewandelt. Hier einige Beispiele von vielen: Im vorigen Jahre rih man in Zürich die St.-Anna-Kapelle an der Bahnhof- und Wßlistratze ab und erbaute aus deren Grund und Boden den Millionenbau des sozialdemokratischen Lebensmitiel- (Konsum-) Vereins: den St. Annahof, das erste genossenschaftliche Warenhaus Europas . Wo voriges Jahr noch gebetet und gcfirmt wurde, drängt sich jetzt in prächtiger Verkaufshalle die Menge der Genossen und Genossinnen, um ihre Lebensmittel im eigenen Heim zu kaufen. Wenige Minuten davon entfernt befindet sich die Zürcher Wasierkirche, in der einst Ulrich Zwingli und andere Größen ge- predigt haben. Die Stadt hat die Kirche außer Kurs gesetzt und sie zu einer Bibliothek umgewandelt. Nur die hohen Bogen- fenster und das an der Südseite der Kirche errichtete Zwingli - Denkmal erinnern noch daran, daß hier einst die Frommen aus und ein gingen, währenddem heute die Wissenden sich hier ein Rendez- vous geben. Eine andere Kapelle mußte im vorigen Jahre weichen, um einem neuen Mädchengymnasium Platz zu machen. Und am Predigerplatz wird demnächst die Kirche, die ebenfalls seit langen Jahrzehnten teil- weise als Bibliothek dient, dauernd zur Hälfte zur Bibliothek umgebaut weiden. Sie wird verbunden werden mit dem geplanten Zentralbibliotheksgebäude, das Stadt und Kanton Zürich demnächst an dieser Stelle errichten werden. Daß man in Basel , Gent und anderen Orten ehemalige Kirchen zu Muiecn umgewandelt hat, setzen wir als bekannt voraus. Jeder, der beispielsweise in Basel das Nalurhistorische Museum am Bar- füßerplatz besucht, ist überrascht von der prächtigen Verwendbarkeil derartiger Räume zu Muieums- und Ausstellungszwecken. Aber auch sonst werden die Kirchen hier VolkSzwecken nutzbar gemocht. Schon jetzt dienen sie zum großen Teil zur Abhaltung von Versammlungen. Konzerten, Demonstrationsversammlungen, Festlichkeiten usw. Die Arbeilergesangvereine veranstalten sehr häufig ihre großen Konzerte in den Kirchen, einmal, weil sie meist eine bessere Akustik haben als die Bieriäle und zum andern, weil die Umgebung eine feierliche Stimmung erzeugt, die den Genuß eines Vokal- und Jnstrumentalionzerts sehr wesentlich erhöht. Und schließlich auch, weil die Kirchen billiger sind als die anderen VeriammlungSsäle und weil während der Konzerte nichts konsumiert werden braucht. In Chaux-de-Fonds und anderen Orten findet sogar die alljährliche Maiseier der Sozialdemokraten in einer Kirche statt. In der Kirche in Zürich -Nord fand erst kürzlich die offizielle Bebel-Gedenkfeier statt, die von der sozialdemokratischen Partei des S. Züricher Stadlkreises veranstaltet wurde. Darüber also, was später mit den schönen Beträumen geschehen soll,«wenn wir erst so weit sind", ist man sich in der Schweiz bereits jetzt im Ilaren. vom Jahrmarkt öes Lebens. Der patriotische auf öer Nase. Um einem dringeirden Bedürfnis abzuhelfen, soll in Hof i. B. ein Denkmal König Ludwigs II. errichtet werden. Leider kostet so ein Denkmal Geld, und schon manche schöne Standbildpläne sind an der Frage seiner Beschaffung gescheitert. Das Hofer König- Ludwig-Tenkmal aber wird nicht daran scheitern. Der„König- Ludwig-II.-Verein Hof i. B." hat ein unfehlbares Mittel gefunden, das Geld für seinen Plan herbeizuschaffen: den Punkt auf König Ludwigs Nase. Es muh dahingestellt bleiben, ob Ludwigs, des Lebendigen, Nase bereits mit diesem Punkt— in Gestalt einer Warze oder eines Pickels— geziert war. Auf einer Postkarte mit dem Bildnis des einstigen Königs, die der„König-Ludwig-II.- Perein Hof i. B." herausgegeben hat, ist dieser Punkt jedenfalls vorhanden. Und er ist nicht nur vorhanden, er spielt eine Hauptrolle. Er muß sofort auffallen, wenn man die weißen Konturen und Lichtslächen aus dem schwarzen Hintergrund sieht. Und außerdem steht unter dem eigenartigen Bildnis auch noch:„Man betrachte genau den weißen Punkt auf der Nase und zähle langsam bis 30. Dann sehe man sofort auf einen bestimmten Punkt an der Decke oder einer hellen Wand, zähle bis 10, wo dann(?) König Ludwig II. erscheint, wieder verschwindet und dreimal wiederkommt."— Außerdem werden wir belehrt, daß diese Karte ein„Baustein zur Errichtung eines Denkmals in Hof i. B. für weiland Se. Majestät König Ludwig II." ist.— Welcher Patriot wird sich enthalten können, diese Karte zu kaufen? Wer könnte dem Reiz widerstehen, den wundertätigen Pickel auf der königlichen Nase 30 Sekunden lang anzuschauen und damit die Möglichkeit zu bekommen, Se. Majestät aus der vierten Dimen- sion herbeizitieren und im eigenen Zimmer begrüßen zu dürfen. Wir zweifeln nicht, daß der Erfolg des loyalen Denkmalver- eins in Hof. i. B. zur Nachfolge reizen wird. Wer immer Sehnsucht hat, einmal irgendwo in Stein gehauen oder in Erz gegossen die Gegend zu verschandeln, der sorge beizeiten für einen Pickel auf der Nas, damit treue PatrioteUseelen nicht nachher eine Geschichts- sälschung vorzunehmen und erst künstlich einen„Punkt" auf den fürstlichen Gesichtserker hinaufzupraktizieren brauchen. Glüenburg schmunzelt. Beim Abschied vom Regiment in Danzig hat der Kronprinz seine Jugend begraben. Recht sorgenvoll blickte der brave Januschauer drein, als er auf längeren Abschied dem Scheidenden zum letzten Male die Hand reichte.„Wie wird er sich halten, wenn er in das große Sündenbabel Berlin zurückkehrt; wird er die echtpreußischen Lehren, die ich ihm predigte, zu schöner Blüte weiter entwickeln oder wird er den Lockungen der Neuerer ver- fallen, die da glauben, daß Preußen nur ein Teil von Deutsch - land sei?" Wie gut war für Preußen, daß der Kronprinz, der nach Tennisspielen, Jagen und anderem Sport nun den Ernst des Lebens kennen lernt, in seiner Jugend Maienblüte am guten alten Elard einen sicheren Berater hatte. Doppelt fehlt er ihm jetzt, wo er sich auf den Generalfeld mar schall vorbereitet und nebenbei noch die Angelegenheiten des Staates und des öffentlichen Lebens studiert. Um aber in der etwa? fremden Materie nicht ganz ohne Führer zu sein, hat er sich den Landrat des Kreises Rügen , Freiherrn v. Maltzahn, Mitglied des Abgeordnetenhauses, zum Mentor erkürt. Eine treffliche Wahl! Besonders in Staatsangelegenheiten ist der Herr Landrat versiert. Eine Probe davon hat er im Juni v. I. in Waren abgelegt. Dort sollte der Landrat v. Maltzahn in einer gerichtlichen Angelegenheit von einem Gerichtsschreiber des Amtsgerichts vernommen werden. Er wehrte sich gegen solche behördliche Anmaßung mit den klassischen Worten:„Von einem solchen Jungen lasse ich mich nicht vernehmen!" Die Sorgenfalten deS Januschauers machen einem behaglichen Schmunzeln Platz. Sein hoher Freund ist wahrlich nicht in die Hände der umstürzlerischen Neuerer gefallen! Ein nahes Zukunstsbilö. Schauplatz: Sitzungssaal eines Militärgerichts in Wackesland. Verhandlungslciter: Ich erteile dem Herrn Ver- leidiger Dr. v. Neingow-Eichcntal das Wort. Verteidiger: Hoher Gerichtshof! Dem Antrage des Herrn Anklägers auf Freisprechung kann ich mich voll und ganz anschließen. Es ist nicht, wie in einem ähnlichen Falle geschrieben wurde, hierzu ein neues Gesetz nötig, die vorhandenen, sinngemäß angewendet, reichen vollkommen aus. Vergegenwärtigen wir uns kurz die Sachlage: Ein edler junger Mann aus den tugendlichen Gefilden Ostelbiens befindet sich ganz allein einem jungen Mädchen gegenüber; weit und breit ist nicht ein einziger Soldat mit aufgepflanztem Seitengewehr zum Schutze des Gefährdeten zu sehen. In jedem Augenblick muß er befürchten, daß das nicht einmal hinkende, sondern mit zwei geraden Beinen ausgerüstete junge Mädchen gegen ihn, den Waffen» und fleckenlosen Edelmann» der harmlos und vertrauensvoll seinen Säbel nebst Scheide im Nebenzimmer abgelegt hatte, einen Angriff hinsichtlich seiner Geschlechtschre ausüben könne und würde. Was blieb in aller Welt, so frage ich den hohen Gerichtshof und alle echten Preußen, dem jungen Edelmann übrig, als seiner- seits diesem Angriff zuvorzukommen, damit er nicht der schmach- voll Unterliegende bleibe! lassen. Wieder hielt er Herrn Stöhr die Schnapsflasche hin, ihn zum Trinken auffordernd. „Da, Bruderherz, trink mal, sollst mal sehen, da kriegst Du Marks in die Knochen." Der andere kochte innerlich vor Wut. „Wenn Sie in fünf Minuten nicht aus dem Räume sind, dann telephoniere ich bei der Polizei an und lasse Sie durch einen Schutzmann wegbringen." „Polizei— Schutzmann—, mir'n Schutzmann schicken? Du Lump, Du, mir'n Schutzmann schicken, Du Lump, Dir hau ick ecne mang de Visage----." Wer weiß, wohin die Szene noch geführt hätte, wenn ihr nicht durch uns ein Ende gemacht worden wäre. Ich bat Bruderherz, mich mal trinken zu lassen und bereitwilligst überließ er mir die Flasche, die er, wie man befürchten mußte, zuletzt sicherlich doch als Wurfgeschoß gegen den Chef benutzt hätte. Der Vordermann aber nahm ihn beim Arme und redete ihm gut zu. Er sollte doch nicht darauf hören, was andere sagten, ihm hätte kein Mensch etwas zu sagen, und überhaupt könne die Arbeit machen, wer wolle, sie würden jetzt in die Großdestille gehen und einen kräftigen Nordhäuser mit Rum zu sich nehmen. Das leuchtete Bruderherz auch sofort ein und willig ließ er sich unterfassen und über die Hintertreppe hinab aus dem Hause bringen. Er kam nicht wieder. Der Hausdiener brachte noch an dem- selben Tage Papiere und Werkzeuge in Treugolds Wohnung. Aber den Musterarbeiter erwähnte von diesem Tage ab Herr Stöhr nicht mehr. „Herr Stöhr, wo— wo wollen Sie nicht mal trinken?" Dabei hielt er ihm die Schnapsflasche dicht unter die Nase und Herr Stöhr konnte sich vor der Berührung mit derselben nur retten, indem er rasch einige Schritte zurücktrat. Aber jetzt ergoß sich über sein Gesicht doch die Röte des Zornes, und in kurzen, ver- weisenden Worten ersuchte er den Betrunkenen, sich nach Hause zu begeben. Bruderherz war inzwischen wieder auf seinen Schemel gesunken und lallte unzusammenhängende Worte vor sich hin. Er achtete gar nicht darauf, daß der Chef ihn nach Hause gehen hieß. Zuletzt fing er mit heiserer Stimme an zu gröhlen: „Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion---* DaS ganze Personal feixte sich eins, während der Chef ganz ratlos und zornbebend auf und ab ging. Endlich versuchte er es mit guten Worten, den Trunkenbold zum Nachhausegehen zu be- wegen, und es entspann sich folgender Dialog zwischen den Beiden: „Nicht wahr, Herr Treugold, Sie gehen jetzt nach Hause und schlafen sich aus---" „Wat soll ick, nach Hause jehn, wat soll ick denn da? Nich in de Hand. Se denken woll, ick bin besoffen, wat?" „Na, Herr Trcugold, seien Sie schon mal vernünftig, gehen Sie nach Hause, schlafen Sie sich aus und morgen früh kommen Sie wieder, dann ist alles gut." „Nach Hause soll ick jehn? Det wär' jelacht. Ick arbete hier und mir hat überhaupt keener wat zu bestellen." „Jetzt ist's aber genug! Machen Sie, daß Sie fortkommen, Sie stören bloß den Betrieb." „Herr Stöhr, jcbcn Sie mir zwee Mark." Ter Chef griff erleichtert in die Tasche und legte ihm zwer Mark hin. „Ne, drei Mark will ick haben." „Na, nun machen Sie aber, daß Sie rauskommen, sonst lasse ich Sie rausschmeißen." „Wat, Du Lump. Du willst mir rausschmcißen lassen, so siehst Du aus. Du-- Du---." Da lief der Arbeitgeber wutentbrannt ins Kontor und schickte nach dem Hausdiener, der oben auf dem Boden einpackte. Aber der war zufällig nicht da, und so kehrte Herr Stöhr wieder allein zurück. Ter Mustcrarbeiter saß immer noch auf seinem Platze und hielt in der einen Hand die Schnapsflasche und in der anderen das Zweimarkstück. Als er den Arbeitgeber erblickte, bat er mit weinerlicher Stimme um fünf Mark. Wieder griff der Angeredete in die Tasche und reichte ihm fünf Mark hin, in der Hoffnung, damit der Szene ein Ende zu machen. Aber Treugold dachte gar nicht daran, den Schauplatz seiner Taten so ohne weiteres zu ver- Weihnachten im?lrbeiterhaus. In der Jugendbeilage unseres Nürnberger Parteiorgans waren die jungen Leser und Leserinnen aufgefordert worden, sich an einem Wettbewerb zu beteiligen, dem das Thema:„Weihnachten im Arbeiterhaus" gestellt war. Von den Einsendungen enthalten rund 4ö Schilderungen des ,zestverlaufs im eigenen Heim, während die anderen allgemeine Betrachtungen oder kleine Dichtungen bieten. Eine Durchsicht der 45 Arbeiten, die nichts als die eigenen Erleb- nisse schildern, gewährt ein erschütterndes Bild von all den Eni- täuschungen und Entsagungen, die das Weihnachtsfest von 1913 der proletarischen Jugend brachte. Schwer haben sich die Wir- kungen der Wirtschaftskrise geltend gemacht. Von den 45 Schilde- J Und Heil ihm? Er zögerte keinen Augenblick— so schwer es ihm auch fallen mochte—, auf diese mutige Weise einer Wackcs- tochter in Feindesland Liebe zu Ostelbien einzuflößen; er zögerte nicht einen Augenblick, vom Menschenrechte der Geschlechts-Ehren- Putativ-Notwehr Gebrauch zu machen und so den schamlosen Ab- sichten auf seine bedrohte Geschlechtsehre entgegenzutreten. Lassen Sie den ganzen Vorgang, so wie ich ihn schilderte, an Ihrem Geiste vorüberziehen, und ich bin sicher, daß Sie den jungen Edelmann glänzend freisprechen werden. Und also geschah es! Das Sicherheitsventil. In diesen Tagen wird so recht sinnenfällig, weshalb der Reichstag bei der Bewilligung der nationalen Wehrsteuer ein Sicherheitsventil, genannt Generalpardon, offen ließ. Er kannte schon seine Pappenheimer, die sich immer stolz auf das Bibelwort stützen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. Bisher hatten sie dem nur daun gegeben, wenn die anderen es be- zahlten. Sie selbst haben sich in geradezu skandalöser Weise vom Zahlen gedrückt. Wie ungeheuerlich die Steuerbetrügerei der Besitzenden gewesen ist und noch ist, kann man jetzt jeden Tag lesen. Das Sicherheitsventil für den bedrohten Geldbeutel, der General- pardon für hinterzogene Vermögenssteuern, deckt eine saubere Korruption auf. Die wenigen Orte, aus denen schätzungs- weise die bisher der Steuer hintcrzogenen Vermögen bekannt wurden, lassen darauf schließen, daß„unsere bewährte Wirtschafts- Politik"— um mit den Ministern und ihren Trabanten zu reden — den Besitzenden viel größere Reichtümer zuschanzte, als man bisher annahm. In Frankfurt schwollen die Vermögen um 300 Millionen, in Hannover um 200, in dem kleinen Eise- nach um 10 Millionen Mark an. Und so geht es weiter. . Recht begreiflich, daß diese unangenehmen Tatsachen der libe- ralen Presse Bauchkneifen verursachen. Aber sie kann sich trösten: Im Steuerbetrügen bleibt es sich gleich, ob der Kapitalist agrarischer oder industrieller Couleur ist. Weil beide Sorte» aber fest am Bibelworte halten: Gebt dem Kaiser, was des Kaiser » ist! haben Agrarier und Industrielle gemeinsam dafür gesorgt, daß durch die Auskunftspflicht des Unternehmer? der Arbeiter keine Steuern hinterziehen kann. Hunte Zahnen. Ich seh' Euch bunte Fahnen hissen Und festlich schreiten durch die Welt; Gelehrte rücken mit dem Wissen Und mit der Logik an im Feld. Die Kirche kommt mit Heillgenbildern Und mit dem toten Gottessohn, Indes die Reichen schier verwildern Im Kampf um möglichst bill'ge Fron. Und auch der Staat will uns belohnen Mit längst verbrauchtem Firlefanz: Er baut Gewehre und Kanonen, Doch er vergißt der Menschen ganz. Blut muß man stets und Haare lassen, Man mag es machen, wie man's will, Und immer schleicht noch durch die Gassen Die Hundcdemut stumm und still. _, Lo«.■ Ehnften- Theorie unö Praxis. Die ungewollten Witze sind doch stets die besten. DaS sieht man wieder einmal, wenn man eine der letzten Nummern der ultramontanen„Neuen Augsburger Zeitung" durch- blättert. An hervorragender Stelle findet man den Hirten- b r i e f der Fuldaer Bischofskonferenz gegen den Rückgang der Geburten abgedruckt, in dem es über die Ehe heißt: „Ihr wisset, Geliebte, daß die Ehe nicht nur ein Privatvertrag zwischen zwei Menschen ist, nicht nur ein« wichtige bürgerliche Einrichtung, sondern ein Lebensbund, den der allmächtige Gott zugleich mit der Erschaffung des Menschen gestiftet, den er schon im Paradiese gesegnet und mit seiner Schöpferkraft befruchtet hat. Diesen Lebensbund hat rungen des Selbsterlebten erwähnen nicht weniger als 18, daß die Gaben infolge der Arbeitslosigkeit eines Familienmitgliedes dürftiger ausgefallen wären denn früher, oder daß sonst die Wirt- schaftliche Not das Fest beeinflußte. Wenn in drei oder vier anderen Arbeiten ohne nähere Begründung darüber geklagt wird., daß die Geschenke ganz ausblieben oder so gering waren wie me zuvor, so dürfte auch hier d.ie Krise als Ursache anzusehen sein. Fast die Hälfte der Einsender hat also das„Fest der Liebe und der Freude" in trüber Stimmung erlebt. Der kleine Ausschnitt, der sich hier bietet, läßt ernste Schlüsse auf d,e Allgemeinheit zu. Zweimal liest man, daß die Geschäfte, in denen die jungen Arbeiter selbst beschäftigt sind, ausgesetzt haben. In dem einen Falle arbeitet überdies der Vater schon seit langem mit verkürzter Arbeitszeit. Die verkürzte Arbeitszeit des Ernährers der Familie spielt die größte Nolle. Einmal heißt eS, der Vater arbeite schon % Jahr ohne vollen Verdienst; ein andermal wird der Wochenlohn des Vaters bei der verkürzten Arbeitszeit auf 1ö M. angegeben. Nicht selten klingt dann aber auch das Wort„Arbeitslosigkeit"«mf. Eine Mutter, scheinbar die einzige Ernährerin der Familie, wurde kurz vor dem Fest aus einem Geschäft entlassen, in dem sie schon seit 25 Jahren tätig war. In einem anderen Falle ist der Vater bereits Fahr ganz ohne Verdienst. Der Sohn, der in einem Geschäft lernt, erhält 5 M. Weihnachtsgratifikation. Er bringt sie der Mutter, damit sie wenigstens die Miete bezahlen kann. Mit rührendem Stolz erzählt der kleine Schreiber dann, daß die Mutter aber nickt die ganzen ö M. behalten, sondern ihm 1 M. wieder- gegeben habe; dafür habe er sich dann einen Aquarellmalkasten ge- kauft.... Wieder ein andermal ist der Vater gar schon S4 Wochen ohne Arbeit; sechs unmündige Kinder sind in der Familie. Von einer Weihnachtsfeier ist da natürlich keine Rede. Aber eine kleine Freude bringt das Fest doch: eine Extraunterstützung von der Ge- werkschaft. Früh lernt die Arbeiterjugend kennen, was Entbehren, Ber- zichten heißt, indes die Kinder der Reichen nicht aus und ein wissen mit all dem Ueberfluß, den ihnen ihre Eltern zum Weih- nachtsfeste aufhüuien.„Ich sing an zu weinen und schluchzend stand ich am Fenster", schreibt ein zwölfjährrgeS Mädelchen, nachdem es von seiner Enttäuschung am Weihnachtstisch berichtet hat. Wieviele Tränen mögen von den Armen und Aermsten, Eltern und Kindern, an jenem Tage vergossen worden sein? Wie lange noch wird des Proletariers Weihnachtssprüchlein lauten: Entbehren! Verzichten I—? Wann endlich wird die Zeit kommen, wo auch im Arbeiterheim ungetrübte Feste gefeiert werde» können?
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