Absicht d.er AugeLasten zu überzeugen. EZ schien, als wollte der ÄtaatSanwall den ganzen Vorgang, der sich infolge des prob». latorischen Auftretens der beiden Streikbrecher spontan entwickelt hat, als eist plamnasiig angelegtes Komplott hinstellen. Datz der Schlosser Trogisch in einen: Schanllokal weilte, wo die streikenden Tischler verkehrten, war für den Staatsanwalt ein verdächtiges Moment und daß der Schlosser Trogisch gar in der bestreikte» Bautischlcrci um Arbeit anfragte, schien noch ver- dächtiger. Diese Anfrage sollte doch dem Schlosser nur Gelegen- heit geben, im Interesse der streitenden Tischler einen(biublick in de» Betrieb zu bekommen, meinte der Staatsanwalt. Aber diese Stütze der Anklage wurde durch den Unternehmer Raab« selbst zc stb rochen, der bekundete, daß er allerdings auch Schlosser be- schäftige, daß der Angeklagte, sowie dessen Bruder und Vater wiederholt als Schlosser bei ihm gearbeitet haben, daß die An- frage jäh Arbeit wohl ernst zu nehmen sei und der?lnfragendc einen CSitMid in den Betrieb gar nicht gewinnen hjtmtc. Also« mit der Sermutetei: Spionage z u g u n st c n eines Anschlages der Streikenden war es nichts. Aber mit dem Register:„Frivoler Streik" ließ sich vielleicht noch Stimmung machen., Alan hatte ja einen der Streikenden aus der Anklagebank. Der hatte gesagt, der Streik sei wegen unzurcichen- der Löhne antstaudeu. Ter Unternehmer Raabe sagte, 30— 50 M. wöchentlich Hätten'die Tischler bei ihm verdient.—„Sind das vielleicht Löhne, mit denen ein Arbeiter nicht auskommen kam:?" fragte mit triumpesterendem Lächeln der Staatsanwalt, der mm wohl den frivolen. Streik für erwiesen hielt.— Doch die Verteidigung tvar auf diesen Schachzug vorbereitet.— An den Zeugentisch trat Obermeister Äa Hardt, ein Mann, der weit und breit bekannt ist als einer der schärfsten und rücksichtslosesten Vertreter der Untornehmerinteressen und sagte: Allerdings hat Raabe zu niedrige Löhne gezahlt und konnte deshalb andere Ar- beitgeber, welche sich an den Tarif gebunden fühlten, unterbieten. Dieser Streek war so berechtigt, daß wir, der Arbeitgebers chutzv er band, die gelben Arbeiter unterstützten,« damit sie a in Streik teilnehmen konwten und ihaß wir die Polizei ersuchten, den Streikposten nichts in den Weg zu legen. Tqmit war nun der Staatsanwaltschaft auch die Operations- basis:„Frivoler Streik" entzogen. Blieben also nur noch die formal-juristische» A.'omeute der Anklage übrig und auch sie er- wiesen s�ch so vollkwiunan unhaltbar, daß die Geschlvorencn zu einem glitten Freispruch kamen. Jeder unbefangeuc Teilnehmer dieser Gerichtsverhandlung mußte sich /ragen: Zilie konnte es die Staatsanwaltschaft ivagen, mit diesem Material* eine so schwere Anklage zu begründen? Trogisch, der mit dcixi war, als man dem pistoleschwingenden Ruppert die Waffe evtwand, mag diesem vielleicht einige wohl- verdiente Faustschläge.versetzt haben. Unter dieser Annahme und bei unberechtigter Uebe tschrcitung einer Notwehr wäre eine Anklage wegen keichter Körpcwcrlctzung unter mildernden Umständen allenfalls- zu verstehen gewesen. Aber schwerer Landfriedensbruch, das ist im der Tat un-zeheuerlich! Völlig unverständkich bleibt es, daß gegen den zweiten An- geklagten, �kranert, überhaupt Anklage erhoben werden konnte. Dieser Angeklagte ist, nicht auS eigenem Willen, sondern geführt vcu dem Schutzmann, der ihn nach der Wache bringen wollte, in die Menschesmenge hineingekommen. Tie Anklagebehauptung, Äranert habe dem Schutzmann Widerstand geleistet als dieser zu- gunsten des Rebolverlistlden Ruppert mit dem Säbel dreinschlug, ist von dem betreffenden Schutzmann selbst widerlegt worden. Er sagte, er sei wohl in: Gedränge berührt worden, aber niemand habe ihm Widerstand geleistet, niemand habe ihn angegriffen. .Ftmiter wieder, nuxß man fragen: Wie ist eS möglich, daß unter diesen Umstände» überhaupt eine Anklage, und noch dazu eine so schwere, erhoben werden konnte? Schon im Vorverfahren, vorausgesetzt, daß es- sorgfältig geführt wurde, mutzte doch die Staatsanwaltschaft einsehen, daß kein unbefangener Richter auf Grund eine» so völlig unzureichenden AnklagematcrialS zu einer Verurteilung kommen konnte. Aber nein. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft hielt ja auch vor Gericht, nachdem sich die völlige Haltlosigkeit der. Anklage ergeben hatte, noch alle wesent- lichen Punkte derselben aufrecht. Es ist schwer, eine andere Er- klärung dafür zu finden, als den Eifer, sich für die nun einmal als nützliche Elemente geltenden Streikbrecher in jedem Falle ins Zeug zu legen und ihre Gegner ins Gefängnis zu bringen. Sicher ist, daß sich die SbaatSanwaltschaft diese Niederlage hätte ersparen Unsere Herren unö wir! Manchmal, in Siiunden geistiger Ermüdung, wollte man bei Gott, man gehörte zur Regierungspartei! Man sei staatserhaltend und schweinezüchtend, säße im Schutze des Hochzolls auf einem un- pfändbaren Fideikommiß und bezieht seine intellektuellen An- regungen aus dem Wissensschatz des Herrn Oertel. Wie wohl- geborgen, wie angesehen, wie der ewigen Seligkeit gewiß könnte man dann auf die Ausbildung seines Gehirns verzichten und so sich zum untertänigsten Ratgeber der Krone empfehlen. Tann säße man auf den königlich preußischen Aufsichtsratsbänken im Äbgeordnetenhause. ein Auge streng auf die Regierung gerichtet und mit dem anderen ihr wohlwollend zublinzelnd, und würde manchmal, um Verdauungsschwierigkelten zu beseitigen, sich über den Ilmsturz aufregen. Dann bestiege man, während sich Hiller oder Borchard in einem letzten, aromatischen Aufstoßen meldet, die Rednertribüne und sagte auf eine Rede, zu der man gar nichts sagen kann: Das niedrige Niveau verbietet mir, darauf einzugehen. Ach, alles schöner Traum! Wir züchten nicht Schweine, sondern sollen von Schtvcinezüchtern gezüchtigt werden, wir regieren nicht bei Hiller, sondern müssen uns schmerzbeivegt abwenden, wenn die Nachwehen von dessen Diner unseren Vorgesetzten mit gutgesinnten Worten aufstoßen. Wir kriegen unser ganzes Leben lang von einem Fideikommiß nur den Kommiß zu sehen und müssen zugeben, daß wir davon schon genug haben. Wir müssen unser armes Hirn «nstrengen und leben davon, Gedanken zu produzieren, während unsere Gegner in rührender Prinzipientreue einen Gedanksnschutz- zoll um ihr Gehirn gelegt haben, der Einfuhr und Ausfuhr unmög- lich macht. Wir haben Ideen und unsere Feinde— Ideale, und Mar in Form einer Sparbüchse. Wir sind vaterlandslos und unsere Feinde so national gesinnt, daß ihnen die Früchte der heimischen Erde so teuer wir irgend möglich sind. Wir sehen angestrengten Auges in die Zukunft und unsere Feinde entdecken auf den ersten Blick in der Vergangenheit die rarsten Dinge, Leibeigenschaft und Absolutismus . Wir geben, so lange es sein muß, dem König, was des Königs ist, und unsere Feinde teilen sich mit ihm darein. Wir tragen für jedes temperamentvolle, kräftige Wort unsere Haut zu Markt, und unsere Feinde schneiden sich die Riemen daraus, mit denen sie die Zügel straffer anziehen wollen! Wir schaffen und sie verdauen, wir rütteln«m der gemächlichen Volksträgheit und sie bekämpfen mit patriotischen Wallungen eine feudale Darm- trägheit, wir sind Hirn und Hand und sie— Bauch und Darm! Da steht Herr von Oldenburg !(Der Kronprinz nickt.) Olden- können, wenn sie die ganze Sache mit weniger Eifer aber mit einem gewissen Maß von Objektivität betrieben hätte. Nicht weitergehender Schutz der Arbeitswilligen, sondern Rechtsgarantien gegen die matzlose Uebertreibung deS Schutzes, den die Streikbrecher jetzt schon genießen, Schutz gegen die Arbeitswilligen und Schutz des KoalitionSrcchtS ist es, was not tut. die Not öer Agrarier. Es ist bezeichnend, daß bei den Beratungen der landwirt - schaftlichen Woche neben der Zollpolitik immer mehr die A r» b c i t c r f r a g e in den Vordergmui» rückt. ES ist nicht nur die Besorgnis' der Agrarier vor den Maßnahmen, die Ruß- land und Oesterreich gegen die Abwanderung ihrer Arbeiter ergreifen könnten. Die Ausländer, die wiederholt nach Deutschland konnnen, versuchen auch ohne festgefügte Organi- satiou höhere Löhne zu erzielen. Es gibt bereits Gebiete, wo die ausländischen Wanderarbeiter relativ mehr verdienen als die inländischen ansässigen Arbeiter. Aber nur als Lohn- d r ü ck e r haben die ausländischen Arbeiter für die Agrarier Wert. Dazu kommt nach, daß auch im bürgerlichen Lager die Opposstion gegen die slawische Besiedelung wächst. Die Ver- waltungsbehörden und das Bürgertum auf dem Lande sind natürlich von den Zuständen nicht erbaut, die durch eine Be- siedelung des Landes mit einer auf niedriger Kulturstufe stehenden Bevölkerung eines ausländischen Staates hervor- gerufen werden. Nun will man es, trotz des Fehlschlagens der bisherigen Versuche wieder einmal mit der Setzhaftmachung der deutschen Landarbeitersckiast probieren. Ein Jahrhundert nach Durch- führung der sogenannten Bauernbefreiung, die den Bauern den größten Teil ihres Eigentums geraubt und sie ins Pro- ktariat geschleudert hat, nachdem man durch fortgesetzte Miß- Handlung und Unterdrückung die Landarbeiter vom Lande vertrieben hat, denken die Agrarier wieder daran, die ar- beitende Landbevölkerung an die Scholle zu fesseln. Unabwendbar erscheint ihnen nun natürlich das einzig wirksame Mittel, nämlich die Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse und die Einführung des freien Arbeiter- rechts. Sie wollen es vielmehr wieder nach altem Scharf- macherrezept inst Zuckerbrot und Peitsche versuchen. Im November 1912 tagte im Abgeordnetenhause die Re- gierung mit Vertretern landwirtschaftlicher Körperschaften und dem Reichsverband gegen die Sozialdemokratie. Das Er- gebnis war, daß die Landarbeiter für das ländliche Vereins- Wesen interessiert werden sollen. Anschluß an die Krieger- vereine, an die vaterländisck�n und christlichen Arbeitervereine (natürlich keine christlichen Gewerkschaften), ja selbst der An- schluß an den Bund der Landwirte wurde der Arbeiterschaft empfohlen. Auch zu den Landwirtschastskammern sollten Vertreter der Arbeiter hinzugezogen werden und diese auch an den ländlichen Genossenschaften beratend teilnehmen. Dr. A s m i s, der all diese Beschlüsse in einer Broschüre ver- öffentlicht hat, gibt dazu noch ganz interessante Erläute- rungen. Sein Hauptvorschlag geht dahin, den Landarbeitern in den genannten Vereinen wohl ein Mitberatungsrecht ein- zuräumen, aber dabei sehr vorsichtig vorzugehen. Vor allem müsse dafür gesorgt sein, daß die Arbeitgeber nicht überstimmt .werden. Einen großen Raum nahmen die Vorschläge ein zur Unterdrückung jeder selbständigen Regung der Landarbeiterschaft. Gewerkschaftsorganisationen, ganz gleich, ob freigewerkschaftlich oder christlich, dürften auf keinen Fall geduldet werden. Wo diese sich etwa bilden sollten, dort könnten— aber nur im Notfall— reine Arbeitervereine, natürlich auf gelber Grundlage, gegründet werden. Im Vor- stand deS Bundes der Landwirte wurde auch schon der Plan erwogen, die Lehrlingsausbildung in der Land- Wirtschaft einzuführen. Die Landarbeiterjugend soll in Lehr- anstalten auf Mustergütern eine kurze Lehrzeit durchmachen und ihnen bei dieser Gelegenheit die Liebe zur Scholle und die nötige Angst vor den sittlichen Gefahren der Großstadt bei- gebracht werden. Die jungen Leute würden dann unter ihres- gleichen erfolgreich die Landslucht bekämpfen. Natürlich ver- langen die Agrarier vom Staat einen erheblichen Zuschuß zur Förderung dieser staatserhaltenden Bestrebungen. bürg hebt an!(Der Kronprinz stimmt zu.) Oldenburg löst die soziale Frage!(Der Kronprinz rechnet nach und erklärt das Exempel für richtig.) Oldenburg ruft(der Kronprinz nickt, aber nicht ettoa ein), wer keine Wohnung habe(der Kronprinz denkt an seine zehn Schlösser), der dürfe nicht in die Stadt hinein(der Kronprinz entwirft ein Telegramm), sondern müsse(der Krön- Prinz faßt den Säbelgriff fester) auf dem Lande, unter der patriarchalischen Leitung, in GotteS- und Herrenfurcht glücklich werden(der Kronprinz fühlt, ob er daS Billett für die neueste Posse noch in der Tasche habe). Und überhaupt! Der Kronprinz erhebt sich, der Vizepräsident schleudert ein Hurra auS sich heraus, kam- mandogewohnte Kehlen schreien mit, die Begeisterung übertönt die Peitschenschläge und Wehschreie auf fernen Rittergütern, wo Sachsengänger mit patriarchalisch roten Striemen auf dem Buckel die deutsche Erde beackern. In der folgenden Nacht stellt sich heraus, daß einige der Herren, die dem Ei deS Kolumbus von Janutschau(nicht etwa der Name einer chinesischen Kuli-Ansiede- lung!) am lautesten zugejubelt haben, sich der Ansicht dieses Herrn nach durchaus zu Unrecht nach Berlin geschmuggelt haben, denn sie scheinen wirklich keine Wohnung zu haben, sondern bemühen sich bescheiden in fremden Betten. Wie tvar's wenn man denen den Zuzug nach Berlin unter- sagte, die keinen einzigen Gedanken nachweisen können? Aber nein, sonst war' es ja mit dem Sitz der Reichs- behörden vorbei und selbst Herr von Jagow müßte sich rasch einen telegraphieren lassen, um seinen Thron nicht zu verlieren. Die Leidtragenden wären die ehrenwerten Besitzer der Nachtlokale und vielleicht noch der Fraktionsdiener der Herren Konservativen, der ihnen dann nicht mehr die EtatSreden entwerfen könnte. Die Ab- neigung der Herren gegen Gehirntätigkeit erklärt sich ja zwanglos aus dem Sprichwort: Gedanken sind zollfrei! Man darf sie also nicht gerade �am schwächsten Teil fassen, indem man sie vor den Kopf stößt. Schließen wir sie nicht aus, denn das ist zu bedenken: wieviel Heiterleit würde das Leben verlieren, wenn es keine kon- servativen Reden mehr gäbe! Wenn Herr von Gräfe nicht mehr über die historische Sendung des Adels spräche oder Herr von Zedlitz über niedriges Redeniveau! Wir wollen sie alle er- halten sehen, wenn wir uns auch vorbehalten, sie in Schranken zu halten. Wir wollen auch künftighin Herrn Bassermann über die Stetigkeit der nationalliberalen Politik reden hören und selbst wenn wir einmal das Dreiklassenwahlrecht abgeschafft haben sollten, werden wir Herrn von Kardorff und seine Rede auf das gottgewollte und dann leider vom Teufel geholte Wahlrecht kon- servieren, wie man in Ostpreußen noch einige Elche aufbelvahrt und nur selten einen Abschuß gestattet. Aber diele kleinen Mittel sind den Agrariern natürlich Nebensache. Ihren wirklichen Wünschen hat Herr v. Ol den- bürg im Landwirtschaftsrat unter dem Beifall des Ärvn- Prinzen Ausdruck gegeben, als er von der Gesetzgebung die Eins chränkungderF reiz iigigkcit forderte. Und dieser Schrei nach neuen Ausnahinegesetzen wird erhoben, ob- wohl heute schon in den Gesindeordnungen und Kontrabtbruch- gesetzen ein furchtbares Ausnahmerecht gegen die Landarbeiter- /chaft statuiert ist. Aber diese Ausnahmegesetze tun es nicht allein. Genosse Hofer hatte schon recht, als er neulich im preußischen Landtage sagte: „In Rußland herrscht der Absolutismus , gemildert durch Meuchelmord, und bei uns in Ostelbien herrscht auf dem Lande der Junkerterrorismus, gemildert durch die Arbeiter no t." In der Tat, wäre das Agrariertum Vernunftgründen überhaupt zugänglich, es hätte schon längst eingesehen, daß alle Ausnahmegesetze nichts nützen und schließlich in die entgegen- gesetzte Wirkung umschlagen. Was nützt' es denn, wenn auf Antrag der Gutsbesitzer der Amtsvorsteher aus seinein For- mularschrank ein Strafmandat nach dem andern heraus- nimmt und innerhalb drei bis vier Wochen einem sogenannten kontraktbrüchigen Arbeiter etwa ein Dutzend Strafbefchlc zu- schickt. Selbst wenn der Arbeiter zwangsweise zu der ver- lassenen Arbeitsstätte zurückgebracht wird, aus der ihm oft der Arbeitgeber selbst hinausbugsiert hat, dann kann ihn doch der Arbeitgeber nicht an die Kette legen, damit er nicht wieder weggeht. Denn der Arbeiter nmß doch über seine Arbeits - kraft frei verfügen können. Durch derartige Gewattmaß- regeln wird die Landflucht nur gefördert. Darum braucht man dem Geschrei der Agrarier nach neuen Ausnahmegesetzen nicht zu viel Beachtungjieilegen. Wohl müssen wir diese Ge- ivaltmenschcn in ihre Schranken zurückweisen, aber auch für die Agrarier gilt, daß die wirtschaftlichen Tatsachen stärker sind als der Wille der Oldenburg und dessen Anhang. Die Sozialdemokratie hat keinen Anlaß und auch nicht die Absicht, die Landflucht zu fördern, wie ihr die Agrarier immer bös- willig unterschieben. Im Gegenteil, weil wir die Jnteresten des gesamten Volkes wahrnehmen, wollen wir dahin wirken, daß dem Lande die notwendigen Arbeitskräfte erhalten bleiben, damit bei einer vernünftigen Wirtschaftsweise aus dem deutschen Boden alles das herausgeholt werden kann, was zur Ernährung des Volkes notwendig ist. Deshalb treten wir ein für eine freiheitliche EntWickelung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse auf dem Lande. Dabei müssen natürlich die Interessen der Land arbeitcrklasse vor allen Dingen gewahrt werden, denn nur die Arbeiter sind es, die die Kulturgüter schaffen. Und deshalb werden sich unsere Forderungen schließlich doch durchsetzen. Politische Ueberslcht. Abstimmungen, Angcstelltcnvcrficherung und BoUsvcrsicheruug. Die Abstimmungen, mit denen am Freitag der Reichs» t a g seine«Sitzung begann, ergab die A n n a h m e der zu dem Haushaltsplan des Reichsversicherungsamtes gestellten An- träge.«Lte fordern Verbesserungen der Reichsversicherungs- ordnung und eine Denkschrift darüber, wie sich die Grundsätze für die Gewährung und die Durchführung des Heilverfahrens der Landesversicherungsanstalten bewährt haben. Vor dem Beginn der Beratung verkündete Abg. G i e s- b e r t S feierlichst, daß die Zentrumsfraktion die arbeiterfeind- lichen Ausführungen, die gestern Abg. Aster gegen die Eni- schadigung der Unfälle infolge Gefahren des täglichen Lebens gemacht hat, nicht billigt. Das ändert aber an der Tatsache nichts, daß Herr Aster gerade wegen seiner Ansichten ein ein- flußreiches Mitglied der Zentrumsparlei war und ist. Genosse Giebel brachte die Beschwerden vor, zu deiie« die Reichsversicherungsanstalt bei der Durchführung der An- gestelltenversicherung Anlaß gegeben hat. Herr Ministeml- direktor Ca s p e r versprach, das Reichsarnt des Inner,: werde sich bemühen, die Herren der Reickisversicherungsanstalt all» mählich auf den richtigen Weg zu führen. Hierauf enspann sich eine lange, aber durchaus nötige Auseinandersetzung über die„Volksfürsorge". Die Aussprache hat fraglos zur Klärung der Sache beigetragen. Die Genossin Hilde nbrand und Heine konnten unseren Gegnern vorhalten, welche segensreiche Anregung unsere Gewerkschaften und Koms umvereine gegeben haben als sie sich an die Begründung und die Durchführung der„Volks- fürsorge" machten. Wie aber werden von unseren Gegnern gerade diese Bestrebungen bekämpft! Hiervon gaben unsere Redner ein erbaulich Bild, das unseren: Vaterland wahrlich nicht zun: Ruhme gereicht. Selbstverständlich zeichnet sich auch hierbei Preußen aus: betrachtet es doch sein Landwirtschafts- minister als die Pflicht seines Amtes, den Generallandschafts- direktor Dr. Kapp, der der„Volksfürsorge" den Vorwurf einer ungesetzlichen Verwendung der Versicherungsgelder ganz un- gerechtfertigterweise gemacht hat. durch den Kompetenz» konflikt vor der ihm gebührenden Strafe zu schützen. Die bürgerlichen Redner verfolgten mit ihren Reden einen doppelten Zweck: möglichst Stimmung gegen die „Volksfürsorge" zu machen und den Streit der bürgerlichen Versicherungsgesellschaften untereinander möglichst zu dämpfen, damit sie ihre Kräfte zum Kampfe gegen die„Volksfürsorge veroingen. Dabei erfreuten sie sich selbstverständlich der freundschaftlichsten Unterstützung des Staatssekretärs Dr. Delbrück. Trotzdem kann die„Volksfllrsorge" mit dem Ergebnis der Aussprache zufrieden sein. Sie spotte» ihrer selbst. DaS Junkerparlament hat am Freitag fast einmütig die Ver- öffentlickmng des gegen den verantwortlichen Redakteur des Vorwärts wegen Beleidigung des hoben Hauses ergangenen UrteiS beschlossen. Für die Sozialdemokraten erklärte sich auch Liebknecht damit einverstanden, indem er ironisch den Herren für die freiwillige Mit- arbeit am Vorwärts dankte. Hierauf wurde die Generaldebatte zum Etat des Ministeriums des Innern beendet. Wenn man weiß, daß die Hauptredner die Herren Frbr. v. Z e d l i tz und Dr. R o e s i ck e vom Bund der Land- wirte waren, dann kennt man auch den Inhalt der Reden. Der Oberscharfmacher Zedlitz begrüßte den Sammelruf gegen die Sozial- demokratie, tobte gegen die FortichrUtler, die durch das Wahlbündnis von 1912 die letzte Schranke zwischen sich und der Sozialdemokratie niedergerissen und durch die Preisgabe der drei Niederbannmer Mandate den Verrat vollendet hätten, rief in dem ihn auszeichnenden Stalljungenton nach mehr Arbeiiswilligenlchutz und gab die neueste Entdeckung preis, daß die Wähler keine Aenderung des DreiklassenwahlsystemS wünschen. Auf einen ähnlichen Ton waren die Ausführungen Roesicke'S gestimmt, der außerdem noch eine Philippila gegen die„BolkSfflrsorge' zum Besten
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