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fflrcui). Die Decke des Theaters birst und das grausame Tages- licht beleuchtet die verschminkten grinsenden Gesichter>.. Lassen wir die Begebenheiten der letzten Monate bor uns im Flug wieder vorüberziehen. Im Herbst ernmnnt sich, angesichts der zunehmenden Kühnheit der lonservativen Par- teien, die radikale Partei noch einmal, Tie gibt sich aus dem Kongreß in Pau eine Organisation und ein Programm, an dessen Spitze die Wiederherstellung der zweijährigen Dienst- zeit und die de>nokratisck>e Steuerreform sieben, Dezein- ber gelingt es der gesainuielten Kraft der Linken, das Ministerium Barthou im Kampf um die Deckung des Defizits zu werfen. Der Führer der radikalen Partei C a i l l a u r wird Fmanzminister. Wohl bringt schon die Regiertmgs- erklärung des neuen Ministeriums allen, die auf die Ent- schlossenheit und Glxirakierfestigkeit der radikalen Politiker vertraut haben, eine schwere Enttäuschung. Das Ministerium Doumerguc verpflichtet sich zurloyalen" Turchnihrimg des Dreijohrgesetzes und die Verwalter seiner militärischen Ressorts bemühen sich demonstrativ um das Wohlgefallen der Militaristen. Der politischen Welt wird das beschämende Bild einer Zweideutigkeit geboten, worin eine Regierung schließlich die dauernde Feschaltung des dreijährigen Dienstes durch das Kadergesetz unaufhebbar macht, während die ei gen t. liche Regierungspartei den Abbau des Dreijahrgesetzes in ihrem Wahlaistnif hineinstellt. Zuletzt aber sieht man sogar mit der Weihe der Partei versehene Kandidaten die mili- taristische Flagge auspflanzen. Die demokratische Heeresresorm einmal preisgegeben, bleibt noch das Steilerprogramm. Besteht in jener Frage die ganze Taktik der Regierung darin, dem Gegner unter den Händen zu entschlüpfen, so bat die radikale Partei in dieser einen Mann, der sich ibm zu stellen weiß. Eaillauz ist ein glänzend klarer Kaps, ein Virtuose in der Knnst, die sthwie- rigsten, verzwicktesten Fragen der Finanzpolitik zu durch­leuchten. Sein Scharssinn, seine ungeheure Detailkenntnis und seine Geschmeidigkeit ersetzen das Pathos, dos ihm abgeht. Fn der Deputiertenkammer nimmt es in den Finanz- fragen niemand init ihm auf weder der verschlagene, von Ehrgeiz zur Arbeit angetriebene Millerand,"noch der mehr literarisch begabte Barthou, vom bequemen In- stinktpolitiker Briand ganz zu schineigen im Senat weiß Caillanx sogar den weiseir Nathan der konservativen Bour» geoisie R i b o t zu meistern. Sicher auch Caillanx ist nicht der heroische Kämpfer, der lieber untergeht, ehe er seinen Platz räumt. Er ist da und dort zurückgewichen so zuletzt namentlich in der Frage der Teklarationspflicht und hat manchmal nur attackiert, weil hinter ihm die sozialistischen Kanonen drohten. Aber temperamentvoll und gelenkig, wie er nun einmal ist, inußte er den Verteidigern"des Steuer- Privilegs der Besitzenden als gefährlichster Gegner erscheinen und gegen ihn konzentrierten sich alle Angriffe in einem An- sturnl von beispielloser Wut. Eaillaux bot unleugbar seinen Feinden breite Angriffs- flächen dar. Er ist Finanzier, schon durch Abstammung, schwer reich und eine unsentimentale kalte Spielernatur im Genuß wie in der Politik. Tos ist eine Sorte, die der Klein- bürger und die für pathetische Spektakel eingenommene Masse der weltstädtischen Flaneure nicht mag. Ohne das vermöchte man die bösartige Genreinheit, die jetzt in den Pariser Straßen unter royalistischem Kommando ihrMörder CaUaur'" örüllt, trotz der wochenlang fortgesetzten Hetze des Älatin" und seinesgleichen nicht zu verstehen. Diese zum großen Teil aus den Zuhälterkneipen des Faubourg Moni- martre strömendenDemonstranten", die sich in die Kaders der klerikalen Studentenschaft einreiben, sehen samt und son- ders nicht wie Leute aus, die von der Besteuerung der Rente viel zu fürchten hätten. Aber für die nationalistrsche Tema- gogie ist er auch der Mann, der Teutfchland auf Grund hochverräterischer geheimer Machenschafte», über den Kopf seines Ministers des Auswärtigen den Kongo ausgeliefert", der für die Zulassung der deutschen Werte au der Pariser Börse im Stillen gearbeitet und sich über die Entente mit England in einem kritischen Augenblick abschätzig ausge- iprochcn bat. Was ist an diesen Vorwürfen, für deren Vcr- breitung übrigens Clemenreau das meiste geleistet bat. richtig? Tie künftige Geicksichtsschreibung wird darüber Klarheit anstreben und vielleicht erlangen, den jetzigen An» stägern lag nur die Verdächtigung selbst am Herzen, Es -.alt aber mich, Caillaur in seiner sonstigen politischen Betäti- ,una zu kompromittieren, ibn als korrupt, als Amtsver- arecher, als Lügner und Komödianten hinzustellen. Ties be- iorgte Calmette imFigaro" unter Mitwirkung Barthous, wie man seit gestern weiß, nachdem man xs vorher nur verminet hat. Calmette ist tot und die hergebrachte Regel billigt seinem Andenken Schutz vor der moralischen Kritik. Es ist auch liier nicht der Ort, zu untersuchen, inwieweit er bei der Benützung eines intimen Privatbriefes das Austandsgebot, im politischen Kampf nicht vertrauliche Angelegenheiten dritter Personen ans Tageslicht zu zerren, gelvahrt hat. Hätte er es auch verletzt, so wäre das Verbrechen der Frau Caillanx nicht eni- schuldigt und um es überhaupt psychologisch zu verstehen. bedarf es allerlei Annahmen, wie sie denn auch in Paris jetzt inr wildesten Tratsch durcheinonderschießen. Und auch dann nock> kann die Tat erst durch ihre Beziehung auf das soziale Milieu, wo sie gediehen ist, auf die Verlumpuug der kavitalistischen Schmarotzergesellschaft in einem jeglichen höheren Zwecks baren Individualismus richtig geiocrtet werden. Das Verbrechen der Frau Caillaur, das die politischc Lausbahn ihres Gatten notwendig, wenn nicht für immer zerstören, so doch sofort unterbrechen mußte, bat nur die(sie- w'.sslmlosigkeit der übelsten politilchen Piraten als politisches zu bezeichnen gewagt. Ter Feldzug desFigaro" dagegen, der unter dem Zeichen der Moral geführt wurde, hatte keine anderen Zwecke als die der Politik oder genauer des materiellen Interesses der Bourgeoisie. Man rühmt dem er- schossenen Calmette alle möglichen Tugenden nach: Gewissen- haftigkeit im Journalistendicnst, Kollegialität,Ritterlichkeit" im Verkehr. Um so schlimmer, wenn der bürgerliche Journa- lismus so vortreffliche Anlagen den schmutzigsten Unter- nehmungen dienstbar macht und sie darin in Verwirrung bringt. Man kennt denFigaro" im In- und Ausland und weiß von ihm wie von der Shakespeareschcn Witwe Hurtig, wo er zu haben ist. Es ist kein Zufall, daß deutsche Rüstungs- kapitalisten zuerst an ihn denken, wenn sie eine für sie nützliche Animiernotiz in die französische Presse bringen_ wollen. Caillaux ist, mag es mit den Beschuldigungen im einzelnen wie immer stehen, sicher skrupellos wie nur irgendein kapita- listischcr Conquistador. Aber er hätte tausendmal mehr Siin. den gegen den für die Ausgebeuteten reservierten Moral- katechismus auf sich laden, nach Belieben sein Programm verraten, das Parlament zum Narren halten, aus öffentlichen Stellungen Privatprofite schinden können hätte er die Bourgeoisie nicht nnt der Einkommensteuer geschreckt, wäre Calmette liebenswürdig, optimlstisch und verständnisinnig geblieben wie Alfred Eapus. der demFigaro" wöchentlich Weltanschauung liefert. Ist ciy Er-Finanzminister im Tirek- torium von Banken ein Ausnahmefall? Sitzt D o u m e r nicht in derBanque 'Fran�aise"? Und Goch er y im iCredit National"? Sogar der Philosophieprofessor Du- m o n t, der als Finanzminister eine so komische Rolle spielte, ist er nicht hernach doch beim Konsortium der Provinzbankcn glücklich untergeschlüpft? Und wer vermöchte zu sagen, woher Briand. der ehedem nicht einen Pfennig fein eigen nannte und der weder eine Advotatenprans. noch eine journa­listische Tätigkeit ausübt, auch wenn er nicht Minister ist. eine Lebenshaltung bestreiten kann, die sedenialls mit dem Betrag der parlamentarischen Diäten nicht in Einklang zu bringen ist? Aber an alledem ist die tugendhafte Neugier des Figaro" stumm vorübergegangen. Caillaur jedoch mußt« vernichtet werden, lveil er der tragende Pfeiler des Ministeriums war. das man um jeden Preis noch vor den Wahlen stürzen wollte, um nicht aus diesen eine gestärkte, dem Senat gegenüber kräftigere Mehrheit der Linke« hervorgehen zu lassen. Und das moralische Kesseltreiben wurde mit allem Raffinement, mit einer Technik unterhalten, die der gewieg- testen Erpresser würdig wäre. Jeder Tag brachte eine sorg- föltig abgewogene neue Dose halb Enthüllung, halb Trobung. Gewiß, es waren sehr Wswere Beschuldigungen darunter. Am wenigsten Gewicht möclite man der Bezichtigung des Mei- nungswechsels zuschreiben wenn Caillaux , seiner Herkunft entsprechend, mit einem Programm desFortschritts und der Ordnung" debütiert hat, hat nicht ein Briand, nach einem viel rascher vollzogenen Uebergong vom entgegengesetzten Pol, ebendort geendet oder um seiner neuesten Schwenkung gereckt zu werden wenigstens Station gemacht? Und auch ein in der Koketterie des werbenden Männchens nieder- geschriebener zynischer Satz über das eigene Pathos brauchte nicht tragisch genommen zu werden, auch wenn die Nachtrag- liche Rechtfertigung nicht überzeugt. Wer wollte so grausam sein, etwa ehren Priester auf eine gelegentliche Lästerung festzunageln?. Aber die verschiedenartigen Fälle kapita- listssckter Korruption, die. ihm zur Last gelegt werden bis zum Eingriff in ein schwebendes Gerichtsversahren sind. soweit sie Tatsachen sind, unverzeihlich vom sozio- l i st i s ch e n Gesichtspunkt, vom sittlichen Niveau. das in der kapitalistischen Gesellschaft nur das revolutionäre Proletariat wirklich bewahrt hat. llnd man darf es wohl sagen, daß die Atmosphäre unseren Genossen unerträglich geworden war. Man marschierte im Nebel vorwärts, ohne diescnigen zu seben, die nebenan marschierten. Nun wird es licht. Es wird Musterung gehalten werden aber M u st c- rnng unter allen. Das Attentat auf Calmette hat die Katastrophe im Paria- ment nur beschleunigt, nicht bewirkt. Tic Wunde öffnete sich- oder vielmehr, es war nicht eine einzige platzende Blase, sondern der ganze Körper des kapitalistischen Staats e i n Geschwür. Auf den radikalen Staatsmännern Caillaux und Monis lastet eine furchtbare Anklage,, aber Barthou ist ein überwiesener Amtsunßbraucher, der ein Dokument, das er als Minister erhielt, zur Verwertung für politische Privatzwecke in seine Tasche steckte. Selten" noch hat man intrigante Ueberklugheft sich selbst so schnell und gründlich strafen sehen, wie in der sturmbewegten Tienstags- sitzuitg, da sich der mit allen Kniffen der Theaterregie vor- bereitete Kniff Barthous mit dem aus der Ta'cke geholter: Akt des Oberprokurators in die kläglichste Selbstentlarvung verwandelte. Welche Rolle aber spielt die erhabene Justitia des bürgerlichen Staats mit ihren Oberprokuratoren und Ge- richtspräsidciften, die einander der Lüge, der falschen eidlichen Aussage zeihen! Und das ganze bürgerliche Parlament mit seinen Abgeordneten, die alle gewußt und getuschelt und intrigiert, aber nicht gesprochen und der Wahrheit ans Licht geholfen haben und die, wenn ihre Sckncksalsglockc tönt, ihre Schubladen öffnen, um einander persönliche und Familien- flandale und Skandälchen an die Köpfe zu werfen! In dieser stunde aber waren es die Sozialisten, die das Selbstbewußtsein, den sittlichen Willen der Demo- kratie wieder aufrichteten. Ihre Feinde selbst fanden keinen Ausweg, kein Mittel, sich vor dem Land zu rehabilitieren, als die Unterwerfung unter die Untersuchungskommission, der die nwralijche Autorität ihres sozialistischen Präsidenten das Vertrauen des Volkes sichert. Ueberall rechts und links Sumpfboden, wo der Fuß einsinkt, nur bei den Ver- tretern des revolutionären Proletariats festes Erdreich. Die nationale, von der großen Revolution dem Volk zugceioirete Kraft der Selbstreinigung, die nur der Demokratie gesicherte Gewalt der Idee, die die Wahrheit allen Widerständen zum Trotz zuletzt doch aus dem Brunnen hebt, sie selbst hat ihre Bürgschaft nur noch im sozialistischen Proletariat, das sich so als Kern und Seele der revublikanischen Nation offenbart. Daß sich diese Erkenntnis trotz allem tvüsten Geschrei der bürgerlichen Presse durchsetzen wird, zeigt sich schon in der Angst, die die großen Kapitalistenblätter antreibt, gegen die Erteilung gerichtlicher Befugnisse an die Untersuchungs- konunission zu protestieren. Iäuräs alsOberrichter", wie dasEcho de Paris", alsGroßinquisitor", wie derTemps" schreibt Jaures, der Deputierte, Minister und Gerichts- beamto an die Zeugenbarre zitiert, um Frankreich sein Selbst- vertrauen, das Vertrauen zur Justiz und zur Demokratie wiederzugeben sie können es nicht fassen. Welch großes Werk könnte jetzt vollbracht werden, wenn die politische und gewerkschaftliche Organisation des Prole- tariats an Macht und Einigkeit dieselben Fortschritte gemacht hätte wie die politische und soziale Desorganisation der bürgerlichen Klassen! Aber der ungeheure moralische Sieg des gestrigen Tages wird die Kräfte des französischeil Sozia­lismus beflügeln. Schon bat die Ricsenversammlunq. womit am Sonnabend die Wahlbewegung in Paris eingeleitet wurde, eine niegekannte Kampffreudigkeit gezeigt. Die neu« Situation, die dem letzten Schein einer Verknüpfung-wischen der sozialistischen Partei und dem bürgerlichen Radikalismus ein Ende macht, wird die Energien des Proletariats verviel- fachen und dem sozialistischeil Appell an die Wähler im ganzen Land neue aufmerksame und überzeugte Hörer werben. Ter Rücktritt Monis'. Poris, 19. März. Ter Rücktritt de? MarineminssterS Monis ist endgültig. Zn seinem Nachfolger wurde der Senator Gauthier ernannt. Der Rochettc-Ausschuß. Pari?, 20. März. Ter'frühere Marineminister Moni? wurde heute im Rochette-AuSschuß vernommen. Er er- klärte, daß er im März 1911 den Besuch des damaligen Kinanz« Ministers Eaillaux erhalten habe, der ihm sagte, daß ein'.cd vokal. welchem er zu Dank verpälichtet sei, einen A u f s ch ud im Rochritc- Prozeß verlangt habe, und daß er ihm bei dicsex. Gelegenheit seine Tankbarkeil beweisen missfe. Der Advokat würde, falls'hm der Ausschub verweigert werden sollte, ein Aussehen erregendes Pia« dotier halten, in dem er auf jene Emission hin wessen würde, welche für die französischen Sparer Verluste herbeigeführt und tsatzdem. keinerlei strafrechtliche Verfolgung nach sich gezogen hätte. Er i Monis) habe darauf den Oberstaatsanwalt gefragt, wichen Einfluß der Anfichilb auf das Prozeßverfabren babcn könnte, und hinzugefugt, daß die Regierung in keinem Falle sosin Borhaben bindern wollte. Der Oberstaatsanwalt ljabe er­widert, daß der Aufschub in keiner Weise eine Verjährung zur Folge haben könnte, jedoch von der öffentlichen Meinung srblewk ausgelegt werden würde. Irgendeine Pression sei nicht vorgekommen. Als er dann nach langer Krankhert von dem. sogenannten Protokoll des Oberstaatsanwalts über dieses Gespräch gehört habe, habe er den damaligen Justizminister Briand danach gefragt. Briand habe ausweichend grantwortek. Es fcheine, daß das sogenannte Protokoll erst später auf Grund von Dagebuchluzlizcn des Oberstaatsanwalts angefertigt worden sei/und zwar auf Verlangen B r i a>i d s, der dem Oberstarts anwalb Vorwürfe wegen des Aufschubs gemacht habe. Ter Qberstaäts- anwalt habe dieses angebliche Protokoll verfaßt, um sich zu decket:. Ein wirkliches Protokoll habe. nie existiert, und er(Monis) habe nie eine Abschrift dieses Dokuments erhalten. Wenn der Oberstaatsanwalt irgendwelche Zweifel über die Unter- redung, die zwischen ihnen stattfand, gcbabt hätte, so hätte er zweifellos brieflich mitgeteilt, daß er den angeblichenBefehl" ausgeführt. Ter Vorsitzende der RocheUc-Komwission, JaurcS, bok> gegenüber der Aussage Monis' die Energie hervor, mit der der Advokat Rochettes den Ausschub verlangte. Habe dieser Ausschul» nicht die Fortsetzung der Operationen Rochettes erleichtern sollen? Monis antwortete darant, daß er von dem Fall Röchelte nnr oberflächliche Kenntnis habe, und daß der Oberstaatsanwalt ihm keineswegs solche Befürchtungen nahegelegt habe. Auf Befragen erklärte Monis, er habe an das Vorhandensein eine? Protokolls Fabres erst geglaubt, als Jaures es in der stamm er erwähnte, Darauf wurde Eaillaux vernommen. politische Uebersicht. Eingeborencnpolitit und Tiamautcufrage. Aus dem Reichstag, 20. März: Nach Erledigung zlvcier kleiner Anfragen ging Genosse O u e s f e l bei Weiter- beratung des Kolonialetats mit Sachkunde auf die deutsche Eingeborenenpolitik in Südwestafrika ein, die sich bisher darauf befchräiiki hat, die Löhne der eingeborenen Arbeiter so niedrig wie möglich zu halten und die letzten Endes auf eine Ansrottuiig der Eingeborenen hinausläuft. In zwanzig Iahren ichon wird die Eingehorenenbevölkerung auf den dritten Teil ihres Bestandes herabgegangen fein. Ferner wandte sich Genosse Q n e ss el gegen das Verbot, das Ein- geborene daran hindert, selbständige Farmer zu werden, und beleuchtete die Finanzverhältuisse der Kolonie, die durch den Tiamantensegeir in einem fälschlich günstigen Lichte er» scheinen. Der Nationalliberale K e i n a t h fand ein Haar in. dein Verhalten des Kolonialamts in der Frage der Diamanten- regle, der in Köln -Land wiedergewählte Zentrumsmämr K u ck h o f f ließ sich über südwestafrikanische Schulfragen aus, der Agrarierhäuptling O eitel bot wie gewöhnlich einen gemischten Salat und der Fortschrittlcr Ahlhorn klagte darüber, daß durch das Vordrängen des Antwerpener Syndikats der deutschen Diamantenindustrie aus den Diamanteirfuilden in Südwest kein wesentlicher Vorteil er- wachse. Der Staatssekretär Dr. S o l f wandte sich gegen den Vorwurf, daß er die deutschen Schleifer nicht schütze und sagte auf eine Anregung Quessels zu, daß die Anwerbung der Ovambos staatlich geregelt und überwacht werden solle. Nack- dem Herr Mumm von der liquidierten Firma S t<? cf c r u. E o. das hohe Lied der Missionen gesungen hotte, die ganz selbstlos sich um dieunsterbliche Negerseele" mühen, nutzte der Nationalliberale P a a s ch e die Gelegenbeit. die national- lrberaleKölnische Zeitung " abzuschütteln, sie den Missionsn vorgeworfen hafte, sie lebten von Kinderausbeuftmg. Danach tat Genosse Henke dos Schlagwort ab. daß durch den Bau der Ovambobahn dieKultur" gefördert werde, und wies die Schrecknisse dieser' kapitalistischen ..Kultur" nach, die wie ein Vampyr die Eingeborenen aus- saugt; daß auch wir für eine Kolonialpolrtik sind oder wären, denn noch existiert sie nirgends!, die auf dem Wege friedlicher Entwickelung die Eingeborenen der Zivil i- sation nahebringt, unterließ er nicht zu betonen. Zum Schluß gab es noch ein hitziges Geplänkel zwischen dem Genossen Hoch und den: Staatssekretär S o l f um den schon gestern mit Erregung behandelten Vorwurf einer Broschüre, der Vor- sitzende des Aussichtsrats der Regie habe sich auf N'cht ein» wandfreie Geschäfte eingelassen. P Nach persönlichen Bemerkungen des Genossen N o s k e und des Herrn Mumm vertagte sich dos Haus auf morgen 2 Uhr, wo die Fortsetzung der heutigen Beratung, das Etat- uotgesetz und Petitionen auf der Tagesordnung stehen. Schlechte Aussichten. Nack deni bisherige» Verlauf der Debatte find die Aussichten für da? Grundteilungsgesey, mit dem sich da? preußische Abgeordnelenhaus auch am Freitag»och beschäftigte, nicht gerade rosige zu nennen. Eiaeutlich sind e? nur die professionellen Polen « fresser, die Nationalliberalen und die Freikonservativen, die die Ab- sichten der Regierung billigen. Aber selbst sie haben mancherlei Bc- denken. Frhr. V.Zedlitz hält die gesetzgchenden störperschasten gegenüber denbodenreformerischen Exzessen" für verpflichtet, sorg« fällig zu prüfen, inwieweit der durch dies Gesetz beabsichtigte Ein» griff in das private Eigentumsrecht durch den Staat begründet ist, und der Nationalliberale Ecker- Winsen will seine Zustimmung da« von abhängig machen, daß die Anträge seiner Freunde betreffend die innere stolonssotion in das Gesetz hineingearbeitet werden. Prinzipiell einverstanden mit dem Entwurf, soweit es sich um die Förderung der inneren Kolonisation handeil, ist das Zentrum. in dessen Namen Frhr. v. Reihen st«in sprach, von der Ausnahme« gesetzgebnng gegen die Polen aber will es»ach wie vor nichts wissen. und vor allem bekämpft es die Bestimmungen über das Verkaufs» recht, in denen eS ein sozialistisches Prinzip und einen unzulässigen Eingriff in das Gebier d«S Privateigentum? erblickt. So wird das Zentrum wohl schließlich zur Ablehnung der ganzen Borlage kommen. und das gleiche gilt von den Forlschrittlern, deren Wortführer Abg. Baerwald eine Reihe schwerwiegender Momente gegen den Entwurf geltend machte, die autipolnische Gesetzgebung scharf ver» urteilte, und wenn er sich auch bereit erlläfte, in der Kommission