keineSterbeunterstützung gewährt werden." Am Schluß deZ Jahresberichts heißt es dann noch:»So wird ein jeder sehen, wie im katholischen Bcamtenverein gearbeitet wird. Es geschieht alles mit großer Freude im Dienste der katholischen Beamten, es soll weiter geschehen für Kreuz und Krone, zum Segen der Kirche und des Vaterlande s." Der Antrag ist in der Generalversammlung denn auch angenommen worden. Ter„Lokal-Anzeiger" ist das im Verlage von I. P. Bachem erscheinende Kölner Zcntrumsblatt und wird längst von der Geist- lichkeit als der unerläßliche Ausweis zur Seligkeit angepriesen. Nun wird der Abonnementsschein auch zum klingenden Trost für die Hinterbliebenen der katholischen Beamten. Es ist kein Heil, denn bei I. P. Bachemi Ein konservativer Nichter. Während der Reichstagswahlkampagne 1312 widerfuhr in stürmischer Nacht dem Automobil des liberalen Reichstagsabgeord- neten Dr. Neumann-Hofer Unheil: nach einer politischen Versammlung in einem ländlichen Bezirk wurde dem Führer des mit 4 Personen besetzten Automobils in der Dunkelheit eine Hand- voll Dreck ins Gesicht geworfen, so daß er die Gewalt über die Führung verlor und der Kraftwagen in den Straßen- graben sauste. Erheblich verletzt wurde aber niemand. Es stellte sich heraus, daß ein konservativer Parteigänger die Liebenswürdig- keit begangen hatte, er wollte allerdings nicht absichtlich gehandelt haben. 3<X> W. Geldstrafe wegen groben Unfugs waren für ihn die Folge. Das Schöffengericht in Lemgo verhandelte die Sache- in erster Instanz. Als Zeugen traten Neumann-Hofer und der Redakteur der„Lipp. Landezeitung" auf; Vorsitzender des Gerichts war Amtsrichter Tasche, der als konservativer Agitator am Wahlkämpse teilgenommen hatte. In der Urteilsbegründung erlaubte er sich einen merkwürdigen Ausfall gegen die Zeugen. Es heißt da: »Das ist alles(nämlich nach Ansicht des Gerichts sehr wenig), was... von dem mit großem Geschrei unter leichtfertigen Vermutungen � in die linksstehende Presse hinein- lanciert ist, hineingebracht aus der unmittelbaren Nähe der Zeugen Staercke und Neumann-Hofer, um auch hier für sich und seine Zwecke Sensation zu erregen, ein nicht unwill- kommenes Mittel namentlich zu politischer Reklame unter Erregung der verschiedenen Volkskreise und Berufsstände gegeneinander. Alles, was dabei über politisches Attentat, ver- brecherischen Anschlag auf politische Gegner, konservativ-bünd- lerisch�n Fanatismus� und sonst an Schlagwortcn oder in den Zeitungen entsprechender Qualität breitgetreten ist. gehört in das Reich der Erfindungen.... Man ersieht daraus, mit welcher Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit so- genannte Zeitungswahrheit zuwege gebracht wird." Die liberalen Herren, die also angesprochen waren, ließen sich da? nicht gefallen, sie kritisierten den konservativen Amtsrichter scharf, hatten aber nur den Erfolg, daß sie wegen formaler Beleidi- gung zu 1000 M. Geldstrafe verurteilt wurden. Die Strafkammer erkannt« allerdings an. daß Amtsrichter Tasche über seine Befug- nisse hinausgegangen sei. Nachträglich haben sich nun auch andere Gerichte mit der Sache befaßt, und es ist dabei sehr interessant, zu vernehmen, daß ein Leipziger Schöffengericht dem konservativen Amtrichtcr Tasche ausdrücklich bestätigt hat, er habe, wenn auch unbewußt, unter dem Einfluß seiner politischen Gesinnung ge- standen. Amtsrichter Tasche hatte nicht nur gegen den beteilig- ten liberalen Redakteur Strafantrag gestellt, sondern gegen alle Zeitungen, die damals sein Verhalten kritisiert hatten. Am Freitag wurde die Angelegenheit auch im lippischcn Land- tage von neuem zur Sprache gebracht. Von liberaler Seite bezog man sich auf die Urteile des Reichsgerichts und. des Leipziger Schöffengerichts— auch das hat inzwischen Rechtskraft erlangt— und verlangte, daß dem politischen Amtsrichter wegen seiner Ver- fehlung vom Staatsminister energisch der Text gelesen werde. Nach den Erklärungen des StaatSministeriumS hat das gegen Tasche eingeleitete Disziplinarverfahren ergeben, daß er seine Befugnisse überschritten habe. Zu seinen Gunsten sei jede«, auch wieder angenommen worden, daß er von der Recht- Mäßigkeit seines Verhalten überzeugt gewesen sei. Sehr schön! Immerhin besteht die Tatsache, daß ein deutscher Gerichtshof in einem Falle einmal ausdrücklich bestätigt hat. daß ein Richter in seinen amtlichen Handlungen seiner politischen Ge- sinnung unterlegen gewesen sei. Unbewußt selbstverständlich,— wer wird so frivol sein, etwas anderes anzunehmen! Die Sozial- demokratic empfindet es bekanntlich am eigenen Leibe, daß der- artige und krassere Fälle unbewußter politischer Justiz nicht so selten sind, wie harmlose Leute glauben möchten. Ein Gradmesser prcuhischcr Kultur. Im Jahre 1312 sind nach der„Deutschen Juristenzeitung" in Preußen 17 Personen hingerichtet gegen 13 im Jahre 1311, 22 im Jahre 1310, 13 im Jahre 1309, 10 im Jahre 1308, 15 im Jahre 1907, 13 im Jahre 1306, 7 im Jahre 1305, 21 im Jahre 1901 und 16 im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Unter den Hingerich. teten befanden sich 15(im Jahre 1911 17) männliche und 2(2) weib- liche Personen.. Wieder ein Zwischenfall an der russischen Grenze. Ein russischer- Schmuggler, der bei Mhslowitz die deutsche Grenze uberschritten hatte, wurde, als er bereits aus deutsches Gebiet angelangt war, von den russischen Grenzsoldaten erschossen. Die preußiscbc Behörde hat die Angelegenheit den russischen Be° Horden mitgeteilt und die Bestrafung der Grenzsoldaten verlangt. � �lus diesem Verlangen wird selbstverständlich nichts werden. Solche Vorfalle, daß russische Grenzkosaken aus deutsches Gebiet heruberschleßen und dabei auch schon deutsche Reichsangehörige er- schoben btrben, sind keineswegs eine Seltenbeit; man hat aber bis- ber nie davon gehört, dah die Tater jemals bestraft worden wären. Denn Rußland gegenüber bleibt es immer nur bei den untertänig- sten Vorstellungen. Die Nochette-Kommifsion. Paris , 22. März. Am Schluß der gestrigen Sitzung wurden der frühere Minister Monis und der Oberstaatsanwalt F a b r e. deren Aussagen an verschiedenen Punkten auseinandergehen, ein-! ander gegenübergestellt. Der Borsitzende I a u r e s fragte Monis,! ob er Fabre einen ausdrücklichen Befehl gegeben habe, die Ver-* tagung der«ache zu verlangen. Monis erinnerte daran, er habe bereits angegeben, daß er bei der Acnßerung seines Wunsches nach Vertagung der Sache hinzugefügt habe, daß vor � allen Dingen das Prozeßverfahren sichergestellt und der Rechts-� pflege keine Hindernisse bereitet werden solltxn. Dem- gegenüber bielt Fabre seine Behauptung aufrecht, daß er einen ausdrücklichen Befehl erhalten habe. Monis erwiderte, er� habe keinen gegeben. Fabre fügte hinzu, er habe Monis während ihrer Unterredung inständig gebeten, die Sache ihren Lauf nehmen zu lassen; Monis habe aber erwidert, die Vertagung müsse verfügt werden, da Caillaux cS so wolle. Der Ausschuß be- schäftigte sich weiter mit dem telephonischen Anruf, durch welchen Fabre drei Tage später an Monis' Wunsch erinnert und aufgefor» tert worden sei, ihn dem Gerichtspräsidenten mitzuteilen. Monis erklärte, er habe mit diesem telephonischen Anruf nichts zu tun gehabt, und Fabre sagte aus, daß er allerdings die Stimme nicht als diejenige Monis' erkannt habe. Monis bemerkte zum Schluß, er habe für solche Anschuldigungen nur Verachtung; er habe sein Leben lang den reinsten und einfachsten Lebenswandel geführt und sich nichts vorzuwerfen. Ein neuer Generalstreik? Rom , 20. März.(Eig. Ber.) Das Agitationskomitee der Ar- beiterkamer, das den Streik gegen die Mißstände im Hospitalwescn geleitet hat, wird zu spät gewahr, daß man sich auf die Ver- sprechungen der Regierung nicht verlassen kann. Es war ver- sprachen worden, an Stelle des geschlossenen Hospitals eine Unfall- station mit 20 Betten zu errichten. Aus den 20 Betten sind in der Praxis 3 geworden. Weiter hat der königliche Kommissär wieder 5 Krankenwärter entlassen, verweigert weiter die Aufnahme von Kranken ohne Armenschein und schickt sich an. am 31. März das Hospital der Trinita dei Pellegrini zu schließen. Als ob es mit diesen Provokationen noch nicht genug wäre, hat der Minister Giolitti nach seinem Rücktritt die Vollmackt des verhaßten Kam- missärs G a j e r i um ein weiteres Vierteljahr verlängert. Das hat nun dem Faß den Boden ausgeschlagen und das Agitations- komitee überzeugt, daß man einen zweiten General st reck organisieren mutz, der eine Hauptforderung durchsetzen soll: die Entfernung des Kommissärs Gajeri. Diese Agitation wird in kür- zester Zeit beginnen, falls nicht der neue Minister des Innern es vorzieht, der Bevölkerung Roms ihr Recht werden zu lassen, ohne daß sie es gewaltsam erzwingen muß. Mus Groß-öerlin. Das Gnaüenfest üer„alten lleute�. Wenn den Opfern des werktätigen Schafsens, den Vete- ranen der Arbeit, in höheren Altersstufen jede Möglichkeit genommen ist, sich aus eigener Kraft oder von der mageren Gnade alinosengebender Verwandten durch das Leben zu schlagen, sendet die Stadt Berlin sie ins Spittel. Manch einer, der in jüngeren Jahren, als noch die schwielige Faust kräftig den Hammer schwang, kühne Luftschlösser baute, hat sich dieses Ende nicht träumen lassen. Alte Frauen, deren Sinnen und Trachten nach einem glücklichen Lebensabend im Familienkreise ging, müssen sich bitter erinnern an das wahre Wort, daß eine Mutter zehn Kinder treu besorgt, aber oft zehn Kinder eine Mutter nicht ernähren können. Wo oft vielleicht der beste Wille besteht, ist es nicht möglich, noch für andere zu sorgen, weil das moderne Leben und die Raub- Politik der Höhenmenschen unserer Zeit Anforderungen stellt, daß der einzelne gerade mit sich selbst genug zu tun hat. So sind die alten Leute froh, mit ihren vom Menschenelend zer- mürbten Knochen im Asyl des Siechtums für eine Gnaden- frist untertauchen zu können. Sie müssen manchen Bittgang umsonst tun, ehe sich ihnen das letzte Heim auf Erden öffnet, und betrachten es geradezu als eine Vergünstigung, auf städtische Kosten versorgt zu werden. In das eintönige Leben der Siechenhäuser leuchtete früher die Freude nur selten. Nur die offizielle Besuchs- stunde brachte einige Abwechselung. Erst die neuere Zeit hat den humanen Gedanken ausgelöst, daß auch die Insassen der Siechenhäuser vom langsam Abschied nehmenden Leben noch etwas mehr verlangen dürfen, als ein Lager und Speise und Trank. In den steifen, arbeitsunfähigen Gliedern lebt oft noch ein ungemein reger Geist, der sich ohnmächtig aufbäumt gegen die Ungunst des Geschicks, gegen die Verdammung zum Vegetieren. Sind auch viele der„alten Leute" wie lebendige Leichen zu jahrelangem Siechtum in den Betten verurteilt, bis der Tod sie erlöst, so nehmen andere an dem Treiben der Außenwelt fühlenden Anteil, verschlingen die Tageszeitungen, amüsieren sich auf die eigene bescheidene Art des Alters und machen mit fast jugendlicher Begeisterung die wenigen fest- lichen Gelegenheiten mit. die ihnen das streng geregelte An- staltsleben fürsorglich bietet. Die Ankündigung des Anstaltsfestes ruft auf allen Stationen eine kleine Aufregung hervor. Man weiß ja, was bevorsteht, aber man ist neugierig, was„gegeben" wird. Ein Ball... ach nein, das ist für die alten klapperigen Beine nichts mehr. Die Leutchen im Silberhaar lieben die beschauliche Ruhe, haben selbst für den neumodischen Tangorummel kein Interesse. Gute Musik und andere künstlerische Darbietun- gen, eine kleine Theateraufführung mit Gesang oder ein Lichtbildvortrag, das ist eher nach ihrem Geschmack. Ztvar sind die ausübenden Künstler meist nur von der dritten und vierten Garnitur. Leider stellen sich bessere Kräfte für diesen guten Zweck unter Ausschluß der Oeffentlichkeit höchst selten zur Verfügung. Aber das tut der Freude keinen Abbruch. In sorgfältig geputzter Kleidung, viele an Stöcken und Krücken, trippeln die alten Leute, gesprächiger als sonst, in den Festsaal, verfolgen die Vorstellung mit gespannter Auf- merksamkeit und klatschen so lebhast Beifall, als wären sie noch ein Vierteljahrhundert jünger. Hell und licht ist es wieder für einige Zeit in den eingerosteten Seelen der Alten geworden. Sie haben wieder mal etwas gesehen und gekchrt von dem Leben, das sich da draußen in der unruhigen Welt ohne sie abspielt. jeneS Leben, nach dem sie sich kaum mehr zurücksehnen, weil es sie verstoßen bat. Anderentags lassen sich die Bettlägeriaen. soweit sie noeli nicht in geistiges Siech- tum verfall"!: sind, von den Schönheiten des Anstostsiestes erzählen. Sie müssen auch auf diese kleine, letzte Freude verzichten... Ruinen des Lebens. Einweihung der Königlichen Bibliothek. Mit dem üblillen bökilck'en Prunke ist am Sonntag mittag in Gegenwart des Kaisers der mit einem Kostenaukwande von 25 Millionen Mark errichtete Neubm, der K ö n i g l. Akademie der Wissenschaften und der König l. Bibliothek ein- geweiht worden, nachdem vor einigen Tagen sckion eine»Probeein- weihnng" vorgenommen worden war. Außer Wilhelm II. sprachen Minister Trott zu Solz und Professor.�arnack. In allen Reden wurde hervoroehoben, daß Preußens Könige stets die eifrigsten Förderer der Wissenschaften gewesen seien. Wie bei solchen Ge- legenheiten üblich, wurden im Ansck'luß an die Einweihung zahl- reicbe Bedürssioe mit Orden und Auszeickmungen bedacht; u. a. wurde dem Professor Harnack der erbliche Adel verliehen. Der Sprung durchs Fenster. Kurz vor seiner lleberfnhrung nach dem Moabiter Kriminal- gericht ist aus dem Oranienburger Gerichtsgefäng» n i S der an einer Reihe schwerer Einbrüche in den nördlichen Vor- orten beteiligte Einbrecher Steinicke aus Pankow entflohen. Gegen Steinicke und seine Genossen, auf deren Konto auch ein Einbruch in das Hohen-Neuendorfer Gemeindehans fällt, sollte am kommenden Mittwoch in Moabit verhandelt werden. Als der Häftling im Oranienburger Gefängnis unter Bewachung den Flur im ersten Stockioerk entlaugschritt, um nach Berlin übergeführt zu werden, gelang es ihm in einem günstigen Augenblick durch die Scheibe eines nicht vergitterten Fensters h i n d u r ch z u s p r i n g c n. Der Flüchtling landete auf einem tiefer liegenden Schuppen und floh von dort weiter. Trotz sofortiger Verfolgung mit Hilfe eines Spürhundes war es nicht möglich, seiner habhaft zu werden. Blanke Knöpfe. Es war in der Mitternachtsstunde in einer der kalten Januar- nächte, als ich die lange Chaussee, welche Berlin mit einem seiner Vororte verbindet, mit meinem Rad auf dem Bürgersteig entlang fuhr, um meine Reifen zu schonen. Oft genug hatte ich am Tage das gleiche von anderen gesehen und vermutete alles andere, nur nicht die heilige Hermandad in der einsamen Heide, als vor meiner Acethylenlampe ein dunkler Schatten auftaucht« und.Halt!" donnerte! Im Licht einer Gch'thoflaterne wurden meine Personalien no- tiert, wobei ich in der Tornische ein Wesen weiblichen Geschlechts sah, das wahrscheinlich die Ursache bildete, daß um diese Zeit bei 10 Grad Kälte ein Gendarm noch auf dem Posten war. Acht Wochen später, an einem sonnigen Vorfrühlingstag— die üblichen 3,30 M. hatte ich trotz langer Arbeitslosigkeit beinah ver- schmerzt—, fuhr ich wieder einmal hinaus, und vor mir an einem Bahnübergang überholte ich„meinen Gendarm".— Auch rad- fahrend. Ohne alle Hintergedanken sagte ich mir: Aha,„zum Dienst". Man ist schließlich auch Mensch, und trotz des miserablen Pflasters versuchte ich ein freundliches Gesicht! Plötzlich, einige hundert Meter weiter, mitten auf dem Fuß. weg, so recht breitspurig, die Mientasche am Rade, ein Kommunal- beamter, und nun wurde mein Gesicht noch freundlicher. Mein Rad an die Bordkante des Fußweges steuernd blicke ich zurück, um die Feststellung des„Kollegen" mit anzusehen. Schaden- freude ist zwar keine Tugend, aber verzeihlich. Beide waren sich näher gekommen, der Hüter von Recht und Ordnung bog nach rechts, dann eine kollegiale Begrüßung. Nun tippte ich mir mit dem Finger ebenfalls an die Stirn. Hatte ich dummer Kerl wirklich geglaubt, vor dem Gesetz seien„alle gleich"! Während ich meinen Gedanken nachhing, kam ich zu der Ijeberzeugung, daß für die Pro- leten das Stuckerpflaster gerade recht seil Unter Kohlenmassen begraben. Tin schwerer Unalücksfall hat sich am Sonnabendabend in der Städtischen' Gasanstalt zu Tegel zugetragen. Gegen 11 Uhr abends war der Arbeiter Wilhelm Manns aus Borsigwalde damit beschäftigt, aus einem Kran Kohlen auf eine Lowry abzuladen. Infolge eines Fehltrittes glitt er ab, fiel kn den Waggon und wurde von den Kohlen begraben. Als man den Unfall bemerkte, war es bereits zu spät. Manns kannte nur noch als Leiche geborgen werden. i Die Gemeinüewah!en in üen Vororten. Die Gemeindevertreterwahlen in T e m p e l h o f brachten nnZ am Sonntag in drei Bezirken vollen Erfolg, während in einem Bezirk der sozialdemokratische Kandidat mit einem liberalen Kandidaten in St i ch w a h l steht. Im 1. Bezirk entfielen auf die Sozialdemokratie 255, auf den Liberalen 267 und auf einen Kandidaten der Gewerbetreibenden 52 Stimmen. Es hat somit Stichwahl zwischen dem sozialdemo« kratischen und dem liberalen Kandidaten stattzufinden. Im zweiten Bezirk erhielt unser Kandidat 309 Stimmen, während auf den Kandidaten des bürgerlichen Mischmasches nur 108 Stimmen ent- fielen; 3 Stimmen waren zersplittert. Gewählt ist Gen. Bürge- meister. Im 3. Bezirk erhielt unser Kandidat 180, der Bürger- liche 235 Stimmen. Zersplittert waren 2 Stimmen. Genosse R u h n a u ist somit gewählt. Im 4. Bezirk wurde unser Genosse E w a l d, der 203 Stimmen auf sich vereinigte, gegen den Bürger- lichen, der es auf 135 Stimmen brachte, gewählt. Eifrigstes Bestreben unserer Genossen muß eS sein, in der Stichwahl, deren Termin noch bekanntgegeben wird, auch im ersten Bezirk unserem Kandidaten zum Siege zu verhelfen. Gemeindewahl findet heute, Montag, nachmittags von 3 bis 8 Uhr in R e i- nickendorf- Ost und-West statt. Der e r st e Bezirk wählt wieder in der Turnhalle der' 2. G e m e i n d e s ch u I e, Auguste-Viktoria-Allee 95/96. Kandidat ist Genosse Hein- r ich Schulze. An der Wahl können auch diejenigen teil- nehmen, die gestern nicht gewählt haben. Der zweite Bezirk(Reinickendorf-Mitte und Schweizer- viertel) wählt im Restaurant S a d a u, Residenzstr. 124. K<ui- ditat ist der Genosse P a u l S e l k e. Letzte Nachrichten. Der mysteriöse Rochettc. Paris , 22. März. Die von dem Deputierten und Mit- gliede des Nochette-Ansschusses Maurice Borrs heute ge- äußerte Vermutung, daß die geheimnisvolle Per- sön lichkeit, welche den Advokaten Bernard die Be- willigung des Prozeßausschubs als gesichert � bezeichnete, niemand anders als R o ch e t t e gewesen sei, wird von den oppositionellen Blättern als unzweifelhaft richtig bezeichnet. Dieselben Blätter sprechen die Ueberzeugung aus, daß auch jener Unbekannte, welcher dem Oberstaatsanwalt Fabre telephonisch den Auftrag erteilte, den Prozeßaufschub zu verlangen, niemand anders als R o ch e t t e selbst war. In parlamentarischen Kreisen wird das Gerücht verbreitet, der radikale Deputierte C e c e a l d i wolle in öffentlicher Kammer- sitzung erklären, daß F ra u E a l l a u x im Salon einer hoch- stehenden Persönlichkeit gehört habe, daß der„Figaro " verschiedene an sie gerichtete intime Briese veröffentlicheil wolle. Ter„Figaro " erklärt unter Hinweis auf dieses Ge- rächt nochmals, daß sein dem Revolver der Frau Caillaux zum Opfer gefallener Direktor Calmette niemals eine derartige Absicht gehabt habe.._ Fron Caillaux vor dem Attentat. Paris , 22. März. Der Vicomte de Tredern erzählt in einem heutigen Abendblatt, daß er an dem Nachmittag, wenige Stunden, bevor Calmette ermordet worden ist, Frau Caillaux ia dem Laden eines Waffcnhändlers getroffen habe, wo sie ihreu Revolver gekauft hatte. Frau Caillaux sei gerade aus dem Kellergeschoß gekommen, wo sich ein Schießstand befinde. Sie habe, da sie dort mit ihrem Revolver Schüsse auf die Scheibe ab- gegeben habe, beschmutzte Hände gehabt.
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