»,».1 fitilajt de» ,|oraürt6" Kerl« W»M»»»«-"->« Mrs verlorene Kinöer. Gebärstreik, Gebärzwang, Geburtenrückgang, lauter Schlag- Worte, die das öffentliche Interesse erregen und Gegenstand lebhafter Debatten sind. Gerade die am lebhaftesten eintreten für die Ansicht, daß eine künstliche Geburteneinschränkung un- moralisch ist, haben die Geburteneinschränkung niemals unsitt- lich gefunden, solange sie von den oberen Zehntausend ausgeübt wurde. Aber die Masse des Volkes, die hat die Pflicht, für Nachwuchs zu sorgen. Wie dieser Nachwuchs groß gezogen wird, das kümmert die Moralisten nicht. Daran denken sie auch nicht, daß jährlich in Deutschland hunderte von Kindern gehören werden, die einfach verschwinden, ohne daß sich jemals ein Mensch um ihren Verbleib kümmert. Als die frühere Polizeiassistentin von Stuttgart , Schwester Henriette Arendt , auf diese verlorenen Kinder aufmerksam machte, als sie darauf hinwies, daß unzählige Kinder in Deutschland verkauft, verschenkt oder auck umgebracht oder fortgeschleppt werden, da wurden diese Behauptungen als unwahr bezeichnet und die von ihr vorgebrachten Tat- fachen abgeleugnet. Inzwischen haben sich aber doch eine Reihe von Vereinen und Persönlichkeiten mit der Nachprüfung beschäfftgt, und allmählich wird man sich wohl davon über- zeugen, daß die Wirklichkeit schlimmer ist, als das, was Schwester Arendt aufgedeckt hat. Man muß bedenken, daß sie allein, fast immer ohne Unterstützung von Behörden, ja oft gegen dereu Willen ihre Forschungen machen mußte. Und doch hat sie allein schon fast zweitausend Kinder in ihre Ob- Hut genommen, die niemand gehörten, von denen niemand etwas wissen wollte, Kinder, die verkauft oder verschenkt oder ausgesetzt wurden. Sie alle wären elend zugrunde ge- gangen, wenn sich nicht die warmherzige Frau ihrer ange- nommen hätte. Wie leicht kann man sich da vorstellen, daß noch Tausende solcher Kinder verschwinden, zugrunde gehen, weil eben niemand da ist, der sich ihrer annimmt, wenn schon ein einziger Mensch gegen zweitausend verlorene Kinder vor dem Untergang gerestet hat. Schwester Arendt machte zunächst auf die zahlreichen Zeitungsannoncen aufmerksam, die sich mit dem Knderhandel beschäftigen. Wie häufig werden da Kinder zum Verkauf angeboten. Es handelt sich da durchaus nicht immer um un- eheliche Kinder. Sehr häufig sind es Eltern, die eines ihrer Kindergegen eine größere Abfindungssumme abzugeben wünschen. Sie erklären ganz offen, daß sie mit dieser Summe ihren andern Kindern Brot verschaffen wollen. Frägt man sich, wer solche Kinder kauft, so wird man finden, daß es sich um die verschiedensten Zwecke handelt. Es gibt reiche kinderlose Leute, die ein Kind annehmen wollen. Gewöhnlich kaufen sie solch ein Kind aber nicht, da sie es ja leicht geschenkt bekommen können. Die Abfindungssumme dient dazu, den Eltern die Möglichkeit ab- zukaufen, Rechte auf ihr Kind geltend zu machen. Oder aber das Kind soll dem Käufer zu irgendwelchem Gewinn der« helfen. Diese Kinder werden ausgebildet für Zirkus oder Varietö. Sie werden in ausländische Bordelle verschleppt. Sie werden zu Bettelzwecken benutzt. Ein russischer Landrat hat behauptet, daß in den sogenannten Krüppelsabriken, wie man sie in Rußland findet, auch deutsche Kinder gefunden sind, die dort zu Bettelzwecken hergerichtet werden. Das heißt, sie werden geblendet oder die Glieder werden ihnen gebrochen oder ihr Wachstum wird künstlich verhindert. Denn je elender und mißgestalteter ein Kind ist, desto eher erregt es das Mitleid der Vorübergehenden und solche Kinder sind sehr begehrt. Aehnliche Krüppelsabriken gibt es auch in Spanien , England usw. Daß Eltern ihre Kinder verschenken, kommt seltener vor. Verschentte Kinder haben meist eine Mutter, die nicht verheiratet ist, die verlassen wurde oder keine Möglichkeit hat, den Vater des Kindes zu seinem Unterhalt heranzuziehen. Die Mütter, die Kinder verschenken, sind gewöhnlich durch die Geburt des Kindes in eine traurige Lage gekommen. Sie werden von ihren eigenen Angehörigen verstoßen, von den Mitmenschen verachtet. Sie finden keine Möglichkeit eines Erwerbes, bei dem sie ihr Kind bei sich behalten können. Ihr Verdienst reicht nicht aus, um für das Kind eine gute Pension bezahlen zu können. Sie bieten das Kind zum Geschenk aus und dürfen natürlich nicht »vählerisch sein, wer ihnen das Kind abnimmt. Findet sich niemand, dann setzen sie das Kind aus oder sie töten es. In Straßburg fanden spielende Kinder vor kurzem eine Kindes- leiche, die über ein halbes Jahr in einem Sandhausen ge- legen hatte. Die Mutter hatte das Kind in ihrer Not dort versteckt. Niemand hatte je nach dem Verbleib des Kindes ge- fragt. Solche Fälle sind durchaus nicht vereinzelt. Kann die unverheiratete Mutter für die Aufnahme des Kindes eine kleine Summe zahlen, so ist für das Kind viel- sack nicht besser gesorgt. Die Fälle, daß Engelmacherinnen Kinder nehmen, für die eine Summe gezahlt wird, sind nicht selten. Auch das Los der Kinder, für die Pension gezahlt wird, ist traurig. Häufig werden sie nur so weit' am Leben erhalten, daß sie ihren Pflegemüttern eine Rente sichern. Sich um ihre körperliche Pflege, um richtige Ernährung ihrer Pfleglinge zu kümmern, fällt vielen der Frauen, die Zieh- oder Haltekinder annehmen, selten ein. Es gibt aber auch Kinder, für deren Abnahme noch eine große Sumnie zugezahlt wird. Das sind die Kinder von un- verheirateten Müttern der besitzenden Klassen. Um die Schande aus dem Wege zu räumen, wird da oft kein Geld gescheut. Dieses Geld komm» aber in den seltensten Fällen den Kindern selbst zugute. Sehr häufig werden sie aus- ländischen, namentlich französischen Hebammen übergeben. Diese behalten das Geld und bringen die Kinder in den französischen Findelhäusern unter, wo alle Kinder unentgeltlich auf- genommen und auf Staatskosten erzogen werden, ohne daß eine Angabe ihrer Herkunft gefordert wird. Diese Findel- Häuser stammen aus der Zeit Napoleons , der erkannt hat „Wir brauchen Mütter". Da er aber auch erkannte, daß vielen Frauen Not und Vorurteil unmöglich machen, Mutter- pflichten zu erfüllen, so hat er diese Pflichten dem Staat übertragen. In neuester Zeit sollen sich die Fälle, daß deutsche Mädchen in Frankreich entbinden und daß deutsche Kinder auf Kosten des französischen Staates erzogen tverden, derart mehren, daß man ihre Aufnahme erschwert. Die Anfragen, die Schwester Arndt wegen Aufnahme von Kindern erhält, sind unzählig. Sie gehen weit über üer xrauenbeweg das hinaus, was sie an Hilfe zu leisten vennag, da sie ja ausschließlich auf private Unterstützungen angewiesen ist. Daß eine ganze Reihe von Kindern wie eine Ware verhandelt werden, das beweisen nicht nur die vielen Zeitungsannoncen. das beweisen auch die Menschen, die durch den Vertrieb dieser lebendigen Ware sich eine Existenz gründen, die Kinder- Händler. Verlorene Kinder sind es meist, die verkauft, verschenkt, verhVndelt werden, die aus dem Wege geräumt werden, weil niemand da ist, der sich ihrer annehmen will oder kann. Wertvolles Menschcnmaterial geht auf diese Weise zu Grunde. Der Geburtenrückgang ist gewiß eine unbessteitbare Tatsache. Eine unbestreitbare Tatsache ist es aber auch, daß unzählige Kinder geboren werden, die infolge der traurigen sozialen Verhältnisse zu Grunde gehen oder die ein Opfer der falschen sittlichen Anschauungen werden, die gerade von denen am eifrigsten vertreten werden, die darüber jammern, daß die Be- völkerung abnimmt. Es wäre von volkswirtschaftlicher Bedeutung, wenn man alle Kinder, die alljährlich verloren gehen, vor diesem trau- rigen Los bewahren könnte. Wenn eine Frau mit geringen Mitteln unter den größten Schwierigkeiten, ja sogar mit Wider- stand kämpfend, fast zweitausend verlorene Kinder retten konnte, wie viele Tausende von Kindern mögen da noch ver- loren gehen in der Zeit, in der über Geburtenrückgang ge- jammert wird, in der der Gebärzwang eingeführt werden soll I Anregungen für unsere Leseabenüe. Einen glänzenden Verlauf hat unsere rote Agitations- Woche genommen. Taufende neuer Mitglieder sind unseren Ber - einen zugeströmt. Vor allem waren die Versammlungen, die den Gedanken des Frauenwahlrechtes in immer weitere Kreise tragen sollten, überall von einem Geiste beseelt, der zu den besten Hoff- nungen für unsere fernere Agitationsarbeit berechtigt. Unerwartet groß ist die Zahl der Frauen und Mädchen, die in dieser Woche ihren Beitritt zum sozialdenrokratischen Verein erklärt haben. Wohl sind unter diesen neuen weiblichen Parteimitgliedern eine große Anzahl, die schon vordem mit ihrem Fühlen und Denken zu uns gehörten, und für die es nur eines Anstoßes bedurfte, um ihren Beitritt zu vollziehen. Aber nicht minder groß wird die Zahl der- jcngen sein, die im ersten Feuer der Begeisterung, vielleicht an- gefacht durch ein zündendes Referat in den Versammlungen, mit Freude zu uns kamen. Diese gehören nun vielleicht in ihrem innersten Fühlen noch nicht ganz zu uns. Nicht alles werden sie verstanden haben, was sie in den Versammlungen über Zweck und Ziele der Sozialdemokratie gehört haben. Stur dunkel haben sie vielleicht empfunden, daß die Partei sich der Unterdrückten und Entrechteten annimmt, und aufgefordert, mitzuhelfen an dem Werke ihrer Befreiung, kamen sie, Begeisterung im Herzen, zu uns. Und nun möchten sie wohl helfen, sie wiffen aber noch nicht wie und wo; sie wisse» es nicht anzufassen. Da liegt es an uns, ihnen den rechten Weg zu zeigen. Soll nun so eine neue Genossin eine überzeugte Klassen- kämpferin werden, so hängt das in hohem Grade davon ab, in welche Hände sie zuerst kommt, oder besser gesagt, daß der Kreis der Genossinnen, zu dem sie zuerst hinzugezogen wird, etwas An- heimelndes für sie hat, daß sie sich dort wohl fühlt. Gerade dieses Moment trägt viel dazu bei, zur Mitarbeit anzuspornen. Eine jede Genossin, die unter gleichen Verhältnissen zur Partei kam, wird das bestätigen können. In den meisten Fällen sind es zueifft die Leseabendc, in die diese jungen Parteimitglieder eingeführt werden. Biel hängt hier für uns nun ab von dem Geschick und dem Taktgefühl der Leiterin und der tätigen Genossinnen. Schüchtern tritt vielleicht so eine Frau in den Versammlungsraum, und da soll man ste dann nicht in einer Ecke oder allein an einem Tisch sitzen lassen. Nein, mit selbstverständlicher Freundlichkeit müssen wir ihnen ent- gegenkommen, ihnen möglichst einen Platz bei tätigen Genossinnen anweisen und sie in ein Gespräch zu ziehen suchen. Alles Klein- liche muß natürlich in der Unterhaltung vermieden werden, und sehr schnell werden sich die junge» Genossinnen an unseren Kreis gewöhnen und unsere Leseabende werden ihnen dann lieb und wert sein. Aber nicht nur allein auf das freundschaftliche Entgegen- kommen kommt es an. Sollen unsere Leseabende eine dauernde Anziehung ausüben, so muß auch darauf Gewicht gelegt werden, das Thema des Abends so interessant wie möglich zu gestalten. Tüchtige und treue Klassenkämpferinnen wollen wir ja er- ziehen, und deshalb ist es notwendig, unsere Neugewonnenen zu- erst mit den Ideen des Sozialismus vertraut zu machen. Wenn dos nun in der richtigen Weise geschieht, dann werden sie das auch begreifen, und sie werden sich nicht mehr dem Banne unserer Lehren entziehen können. Ja mehr noch, sie werden dann selbst zur Verbreitung unserer Lehren beitragen. Meist wird in unseren Leseabendc» nur ein Vortrag gehalten, an den sich eine Diskussion anschließt. Aber selten wirb eine Genossin nach einigen Tagen noch den Inhalt des Vortrages angeben können, wenn sie sich nicht Notizen gsmacht hat. Das ist auch ganz erklärlich, denn meistens haben unsere Frauen einen Tag schwerer Arbeit hinter sich, sie können unmöglich dem ganzen Vortrage folgen und sind auch so schwer zur Diskussion zu bewegen. Ganz anders aber ist es, wenn der Vortragende ivährend seiner Ausführungen Fragen stellt und am Schlüsse das Durchgenommene noch einmal durchfragt. Bei dieser Methode kann man erst erkennen, ob unsere Genossinnen auch alles verstanden haben, und man kann sicher sein, daß alle die Fragen, auf denen die Ge- nossinnen selbst die Antwort gefunden haben, nicht mehr von ihnen vergessen werden. Vor allen Dingen werden unsere Frauen so zum logischen Denken erzogen, ihr Gesichtskreis wird sich dadurch erweitern. Allen politischen und wirtschaftlichen Fragen werden sie dann ein weit größeres Interesse entgegenbringen, weil sie sich selbst eher ein Urteil darüber bilden können. Obgleich die von der Genossin M. G. gegebene Anregung be- reits in Zusammenkünften von Leseabend-Leiterinnen und-Refe- rentinnen diskutiert worden ist, drucken wir die Einsendung doch gern um ihres ersten Teiles willen ab. der Hinweise für die Mit- arbeit aller Genossinnen enthält. Die Redaktion. Kommandiere nicht. Sehr verbreitet, besonders bei den Müttern, ist das un- aufhörliche Bevormunden und Kommandieren, wobei sie sich nicht etwa nach bestimmten Grundsätzen richten, sondern sie befehlen und verbieten gerade, wie es ihnen einfällt. Jean Paul meinte einmal, die Durchfchnittsmutter gleiche noch nicht einmal jenem Harlekin, der mit einem Aktenbündel unter jedem Arm aufs Hoftheater trat und auf die Frage, was er unter dem linken Arm trage, antwortete:„Befehle"— und auf die Frage, ivas er unter dem linken tiflge, antwortete:„Gegenbefehle"—, sie gleiche vielmehr dem Riesen Briareus, der hundert Arm« hätte und unter jedem ein solches Bündel. Da wird gar mancherlei verboten, worauf die Kinder von selbst gar nicht ge- ♦ kommen wären.„Steckt mir ja keine Erbsen in die Nase," sagte eine Mutter zu ihren Kleinen, die seelenvergnügt mit Erbsen spielten. Und siehe da, kaum hatte die Mutter das Zimmer ver- lassen, da waren die Kinder alle eifrigst dabei, zu tun, was ihnen sonst nicht eingefallen wäre. Ich las einmal von einem kleinen Mädchen, das. nach seinem Namen gefragt, antwortete:„Marie Laßdas". Das Verbot war ihr schon zu einem Teil ihres Namens geworden. Jean Paul sagt in seiner Lcvana:„Die feinste Politik istt nicht zu viel regieren; es gilt auch für die Erziehung." Und gerade, weil diese„feinste Politik" bei uns im öffentlichen Leben nirgends geübt wird, weil das Biel -Regieren und-Reglementieren im lieben deutschen Vaterlande an der Tagesordnung ist, haben wir um so mehr die Pflicht, nicht auch noch bei der Kindererziehung in dieselbe Kerbe zu hauen und dadurch das Selbstbewußtsein und das Gefühl der Menschenwürde bei den künftigen Staatsbürgern schon im Keime zu ersticken. (Käte Duncker , Sozial. Erziehung im Hause.), Frauenarbeit. Lohnende Heimarbeit. Vor einiger Zeit wurden uns Stickerei« arbeiten vorgelegt, welche die Firma H., Holzmarktstraße 3, in der Heimarbeit anfertigen läßt. Die bei diesen Gegenständen es waren Bürstentaschen— verlangte Arbeit erfordert pro Stück einige Stunden Arbeitszeit. Für zwei Dutzend solcher Bürstentaschen zahlt die Firma den Beirag von l,80 M. Nach Angaben der Arbeiterin benötigt sie zur Fertigstellung der zwei Dutzend Bürstentaschen etwa 1<X> Stunden Arbeitszeit. Nehmen wir nun an, daß diese Arbeiterin ganz be- sonders langsam sei. eine geübte Stickerin dagegen die Arbeit in 24 Stunden herzustellen vermöchte— was wir für ausgeschlossen halten— so würde auch diese noch nicht auf einen Stundenlohn von 10 Pf. kommen. Dabei sind die Bestimmungen des Liefer- scheines über Rücklieferung der Arbeit alles anderes als milde. Jeder kleinste Verstoß gegen die Bedingungen zieht für die Arbeiterin sofort einen erheblichen maieriellen Verlust nach sich. Daß von dem Verdienst für diese Arbeit niemand leben kann, steht außer allem Zweifel. Und dennoch werden sich zahlreiche Heimarbeiterinnen finden, die zur Uebcrnahme solcher Arbeiten be- reit sind. Da stehen in erster Linie jene„Heimarbeiterinnen", die sidb als verschämte oder verarmte Personen höherer Stände aus- geben, dann jene, die sich ein Taschengeld verdienen wollen, und die große Masse derer, die verdienen müssen, um leben zu können. Sie alle werden vom Unternehmer gegeneinander ausgespielt und haben schließlich noch Angst, ihre Brotstelle zu verlieren. Die den höheren Ständen Angeliörenden sind natürlich zu gebildet, um an- gemessenen Lohn zu fordern, wogegen die für ein Taschengeld Ar- bettende nicht das Urteilsvermögen hat, um zu begreisen, welches Unheil durch ihre Arbeit für Tausende schlecht entlohnter Heim- arbeiterinnen angerichtet wird. Wer aber von dein Verdienst für solche Arbeit leben mutz, wird durch die außerordentlich lange Arbeitszeit so zermürbt, daß er eine Besserung seiner Lebensloge einfach für ausgeschlossen hält. So bleibt der Unternehmer der einzige, der von diesen Zuständen profitiert und an ihrer Erhaltung ein Interesse hat. Wann endlich werden die Arbeiterinnen begreifen, daß der Lohn für jede Arbeit so bemessen sein muß. daß er bei angemessener Arbeitszeit eine sorgenfreie Existenz sichert und daß dieses Ziel nur zu erreichen ist, wenn die Arbeiterinnen den Weg zur O r g a n i- s a» i o n finden. Elender als die schlechteste Fadrikarveit. Eine Näherin schreibt uns: In Nr. 77 geben Sie einen Bericht über die traurige Lage der Zuckerindustrie. Die Lage der Schirmnäherinnen, welche zur Branche der Heimarbeiterinnen gehören, ist noch um vieles trauriger. Wenn die Arbeiterinnen jener Branche täglich 18 Stunden lang tätig sein müssen, so sind Arbeitstage von 20 bis 22 Stunden bei den Schirm« Näherinnen keine Seltenheit. In der Zuckerindustrie wird, wie er- wähnt, die Arbeit mit 18,1 Pf bezahlt. In der Schirmbranche, welche Akkordarbeit ist, kommt der Stundenlohn höchstens auf 13 Pf. Der Durchschnitt ist 0 bis 10 Pf. pro Stunde, da die Schirmnäherin das Material, wie Seide, Zwirn, Abnutzung der Maschine, Feuerung zum Dämpfen und Fahrgeld, das täglich zur Lieferung gebraucht wird, von ihrem Verdienst bezahlen muß. Von den Schirmnäherinnen in Berlin sind 700 verheiratete Frauen und 300 Witwen, ehe« verlassene Frauen und ältere Mädchen. Die verheirateten Frauen sind dem Hungerlohn noch nicht so preisgegeben, da ihre Männer wöchentlich Geld nach Hause bringen. Die Letztgenannten müssen dagegen von ihrem kärglichen Verdienst auch noch Miete und Lebensunterhalt bezahlen. Somit geht es den Schirmnäherinnen noch um vieles trauriger, wie den Arbeitern der in Ihrem Blatt an« geführten Branche. Wohl besteht eine Organisation, doch leider ist die Mitgliederzahl so gering, da die verheirateten Frauen in den meisten Fällen nicht zu bewegen sind, dem Verbände beizutreten. ES ist nicht immer die Schuld der Frauen allein, dem Uebelsn:de abzuhelfen, sondern auch viel die ihrer Männer, da diese in vielen Fällen ihre Frauen hindern, dem Verbände beizutreten. Abends nach Schluß ihrer Arbeit helfen sie ihren Frauen beim Nähen, sind aber natürlich bedacht, daß das nicht dem Verbände bekannt wird. §rauenemanzipation. „Abtreibung und Strafrechtsreform". In der juristisch-psychia- irischen Vereinigung der Stadt Zürich hielt der Staatsanwalt G I ä t t l i ein Referat, in welchem er die Notwendigkeit betonte, daß die Abtreibung durch einen Arzt in allen den Fällen straflos sein soll, in denen die Schwangerschaft einem Verbrechen ihre Entstehung verdankt(der Notzucht, Schändung usw.). Gegen diese Ausführungen sprach einzig Prof. Dr. Zürcher, während sie Oberrichter Lang, Rechtsanwalt Dr. Farbstein, Prof. Dr. Bleuler, Assistenzarzt Dr. Andres und Frl. Dr med. Wyler unterstützten. Lang beantragte, daß das eidgenössische Strafgesetzbuch eine Bestim- mung erhalten sollte, durch welche die Abtreibung straflos erklärt werde, sobald es die Gesundheit der Mutter erfordert und sie von einem Arzt vorgenommen wird. In der Abstimmung wurde mit allen gegen nur 2 bezw. 3 Stimmen den Ausführungen Glättlis wie dem Antrag Lang zugestimmt und soll eine bezügliche Eingabe an die Expertenkommission für die Ausarbeitung des Entwurfes eines schweizerischen Strafgesetzbuches eingereicht werden. Die Presse legt diesen Beschlüssen große Bedeutung bei. Aus der bürgerlichen Frauenbewegung Frankreichs . Der über alles Erwarten gelungenen Demonstrationsversammlung der sozialistischen Frauen ist drei Tage später eine ebenso glänzend besuchte Kundgebung für das Frauenwahlrecht gefolgt, die vom„Nationalkomitee der französischen Frauen" einberufen war. Dem Komitee gehören bürgerliche und sozialistische Frauen an, und es sprachen Rednerinnen und Redner verschiedener sozialer und politischer Anschauungen für die gemeinsame Forderung der politischen Gleichstellung der Frau. Die angenommene Resolution fordert das Parlament auf, die Vorlage über das Wahlrecht der Frauen in Gemeinde. Departement und Bezirk möglichst rasch an- zunehmen.— Erwähnt sei, daß das weitverbreitete, von Frauen stark gelesene Nachrichtenblatt„Le Journal" seit einiger Zeit Pro- paganda für das Wahlrecht der Frauen macht und Artikel und Zuschriften der bekanntesten Frauenrechtlerinnen veröffentlicht. Es will auch gleichzeitig mit den Kainmerioahlen eine Art Urabstim- mung der Frauen organisieren. Ob dabei mehr herauskommt als Reklame für die Zeitung— und die? ist der Veranstalterin wohl die Hauptsache— ist indes zu bezweifeln.
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