INTERNATIONALE POLITIKANALYSE Direkte Demokratie Referenden aus demokratietheoretischer und sozialdemokratischer Sicht WOLFGANG MERKEL März 2014 Die Kerninstitutionen der repräsentativen Demokratie – Wahlen, Parteien und Parlamente – haben an Integrations- und Überzeugungskraft verloren. Volksabstimmungen könnten die Vertrauens- und Partizipationslücke schließen helfen. Stimmt diese in der Theorie stimmige Vermutung auch in der Praxis? Partizipationsebene: Empirische Beobachtungen im internationalen Vergleich zeigen, dass die Beteiligungsraten bei Volksabstimmungen meist erheblich hinter der Teilnahme an nationalen Parlamentswahlen zurückbleiben. Wenn eine Beteiligung von 25–49 Prozent und Ja-Stimmen von 13–24 Prozent genügen, um ein Abstimmungsergebnis zum allgemeinen Gesetz werden zu lassen, wird die demokratische Legitimationsbasis dünn. Soziale Selektion: Es ist empirisch eindeutig, dass die Beteiligung an Volksabstimmungen eine größere soziale Schieflage aufweisen als allgemeine Wahlen. Die unteren Schichten und Frauen sind unter-, die besser Gestellten und Männer erheblich überrepräsentiert. Politikergebnisse: Volksabstimmungen tendieren dazu, die Steuern zu senken, die Staats- und Sozialausgaben zu reduzieren und in kulturellen Fragen zu Lasten von Minderheiten zu gehen. Sie sind reine Mehrheitsentscheidungen. Verhandlung, Deliberation und Kompromiss sind ihnen, anders als parlamentarischen Entscheidungen, fremd. Dies desavouiert Volksabstimmungen nicht von vorneherein. Immerhin bieten sie zusätzliche Beteiligungsmöglichkeiten, die eine Mehrzahl der Bürger befürworten und stärken damit das demokratische Gesamtsystem. Allerdings bestehen Volksabstimmungen nur dann den Legitimationstest, wenn sie hohe Beteiligungs- und niedrige soziale Selektionsraten aufweisen.
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Direkte Demokratie : Referenden aus demokratietheoretischer und sozialdemokratischer Sicht
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