STUDIE| FES MOSKAU Öl oder Autos Chancen einer Re-Industrialisierung Russlands RUDOLF TRAUB-MERZ Februar 2015 Russlands Wirtschaft steckt tief in der Krise. Die auf halbem Wege blockierte Transformation in eine Marktwirtschaft, die ab Mitte 2014 in Kraft getretenen Sanktionen und der parallel erfolgte Absturz des Ölpreises wirken zusammen. Der russische Rubel hat massiv an Wert verloren. 2015 droht eine scharfe Rezession. Mit der Krise ist in der politischen Elite ein altes Schlagwort wieder in Mode gekommen: Importsubstitution. Russlands Industrie soll zu alter Stärke zurückfinden und die Produkte künftig selbst herstellen, die nach der rasanten De-Industrialisierung der 1990er Jahre importiert wurden. Der Absturz des Rubel-Kurses wirkt dabei wie ein Schutzzoll für russische Produzenten. So paradox es klingt: In der Krise liegt die Chance für eine Re-Industrialisierung Russlands. Ein Beispiel teilweise erfolgreicher Industriepolitik kann Russland vorweisen: Die einheimische Automobilindustrie wird bereits seit Jahren im Rahmen einer klassischen Importsubstitution modernisiert. Die erfolgreiche Ankurbelung der Produktion vor Ort hatte einen Preis: Russische Hersteller wurden durch internationale Automobilkonzerne verdrängt. Selbst der Lada-Hersteller Avtovaz, einst ein sowjetisches Industriejuwel, wird inzwischen bei Renault-Nissan eingegliedert. Sollte die Zentralbank künftig eine Politik der Niedrigbewertung des Rubels verfolgen, könnte Russland zum Standort für eine Auto-Exportindustrie werden. Eine Rückkehr zu einem starken Rubel nach einer denkbaren Erholung des Ölpreises würde hingegen zum Rückzug ausländischer Automobilkonzerne führen und die Re-Industrialisierung abwürgen.
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten