Zwischen den Zeilen Birgit Lang Prolog: Heimatlosigkeit „Als staatenloser Palästinenser erblicke ich im Flüchtlingslager im Libanon das Licht der Welt. Eine lange Reise hat mich nach Deutschland geführt. Kann ich irgendwann nach Palästina zurück? Bekomme ich je einen deutschen Pass? Oder bleibe ich mein Leben lang nur geduldet und auf der Suche nach Asyl und Heimat?“ E in scheinbar ganz normaler Klassenraum. Acht junge Männer sitzen an großen Schultischen vom Typ Holzimitat, an deren Seitenleisten sich ihre Vorgänger mit eingeritzten Lebenszeichen verewigt haben. Alle Augen ruhen gebannt auf der Tafel. Dort reihen sich – noch ungeordnet – Worte aneinander, die später ein Gedicht ergeben werden. Eine Pädagogin erklärt, wie man auch einfache, alltägliche Dinge und Sachverhalte mit sprachlichen Bildern beschreiben und anschaulich machen kann. Gemeinsam suchen sie nach Beispielen. Später greifen die Jugendlichen zu ihren Stiften und füllen die leeren Blätter vor sich mit Worten, Sätzen, Gedichten und kleinen Geschichten, während die Sonne durch die Fenster scheint, welche durch stabile, weiße Gitter gesichert sind. Die Szene beschreibt einen Schreibworkshop mit männlichen Jugendlichen und Heranwachsenden in einem Berliner Gefängnis. Die Teilnehmer haben eines gemeinsam: Sie alle haben Migrationserfahrungen, sind aus ihren Heimatländern geflohen und sind jetzt hier in Deutschland mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Mit den ihnen zur Verfügung stehenden sprachlichen Mitteln und der Unterstützung von Künstlerinnen und 228 Kapitel 4 Birgit Lang Künstlern sowie Pädagoginnen und Pädagogen fassen sie ihre Lebenswege in Worte und bringen sie zu Papier. Ahmed 1 beispielsweise verließ Syrien als 14-jähriger Junge. Von seinen Eltern wird er in den Bürgerkriegswirren getrennt. Sein Großvater bleibt seitdem seine einzige Bezugsperson. Als dieser merkt, dass sein eigenes Leben zu Ende geht, schickt er seinen Enkel mit den letzten Ersparnissen auf den Weg nach Europa – auf den Weg in die Freiheit und in den Frieden. Ahmed folgt den anderen aus seinem Dorf und landet nach mehreren Monaten in Deutschland. Die ganze Zeit war er auf sich alleine gestellt. Hat gehungert. Hat das Leid und Elend der anderen Mitflüchtlinge hautnah miterlebt. Erst als er ein Schiff nach Italien besteigt, glaubt er zum ersten Mal daran, dass er Europa und damit die versprochene Sicherheit und den Frieden wirklich erreichen könne. Omar kommt aus einer afrikanischen Großfamilie. Er hat nie eine Schule besucht. Auf die Frage, warum er nach Europa gekommen ist, antwortet er kurz, aber sehr authentisch:„Hunger!“ Seine Mutter habe abends oft aus Not und Verzweiflung so lange Suppe – eigentlich nur heißes Wasser – gekocht, bis die hungrigen Kinder irgendwann eingeschlafen seien und die knurrenden Mägen vergessen hätten. Seine Geschwister Nubia, Amaniel, Taio, Pakka, Ivie und er verlassen Eritrea und wagen den Schritt ins Ungewisse. Auf der Reise verlieren sie sich und schließlich landet jeder von ihnen in einem anderen Teil der Welt. Omar bleibt lange in Spanien, wird dort straffällig und setzt aus Angst vor einer Inhaftierung seine Flucht fort, die ihn schließlich nach Deutschland führt. Seine beiden Schwestern bleiben auf dem afrikanischen Kontinent und haben mittlerweile eigene Familien gegründet. Die Flucht führt Amaniel und Taio nach Griechenland und Italien, wo sie auf die Weiterreise nach Deutschland warten. Von Pakka – kein Lebenszeichen. Schutz der genannten Personen sowie ihrer Persönlichkeitsrechte sind alle Namen im Beitrag geändert. 229
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Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
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