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Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
Entstehung
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Wir fahren in den Urlaub, aber sag es niemandem Mehrdad Zaeri -Esfahani I sfahan ist die zweitgrößte Stadt im Iran. Eine Millionenmetropole. Die ehemalige Hauptstadt. Heute ist es Teheran. Ich stamme aus Isfahan. Meine Geburtsstadt hat sehr viele alte Stadtteile und ein weltberühmtes historisches Zentrum. In ihr gab es auf der einen Seite eine sehr fromme Gesellschaftsschicht, die Basaries, die auf den traditionellen Basaren han­delten und verkauften, und auf der anderen Seite die moderne Stadt Isfa­han. Mit ihren jungen Menschen, die an den Universitäten studierten. Ih­ren Künstlern und Musikern. Mit 14 Jahren verließ ich 1985 Isfahan und damit den Iran in einer Nacht- und Nebelaktion. Damals war es jungen Männern ab 15 ­Jahren untersagt, das Land zu verlassen, da sie als Reservisten für den Iran­Irak-Krieg benötigt wurden. Ich war fast 15 Jahre alt und meine Eltern mussten schnell handeln, damit man mich nicht für den Krieg einziehen konnte. Da ich in unserer Familie das älteste Kind war, fragte mich mein Vater, ob wir das Land verlassen oder in Isfahan bleiben sollten. Ich stamme aus einer wohlhabenden Familie. Mein Vater war in Isfa­han ein bekannter Chirurg. Der medizinische Standard im Iran war und ist heute noch sehr hoch. Die besten Ärzte der Welt stammen meist aus dem Iran. Bleiben oder die Heimat verlassen? Mein Vater gab mir zu bedenken, dass er mir künftig keine teuren Turnschuhe und keine Jeans mehr kau­fen könne. Wir nur noch sehr wenig besitzen würden. Ich überlegte nicht lange und begann zu tanzen, da ich nicht in den Krieg ziehen wollte. Ich wollte dorthin, wo die Menschen frei wären. Meine Eltern hatten sich schnell entschieden und untersagten mir strengs­tens mit anderen darüber zu sprechen, was wir eigentlich vor­234 Kapitel 4 Mehrdad Zaeri-Esfahani hatten:Wir fahren in den Urlaub, aber erzähl es niemandem! Wir flo­hen in die Türkei. In das einzige Land, in dem man als Iraner kein Visum brauchte. Dort wollten wir dann schauen, wie wir weiterkommen wür­den. Und so kam es auch. Wir packten und fuhren mit einem Reisebus nach Istanbul. Der Reisebus war voller unterschiedlicher Gefühle. Teil­weise sehr hoch. Teilweise sehr tief. Ständig wechselten sie sich ab. Einer der prägendsten Momente meines Lebens war, als ich in diesen Bus ein­stieg. Es war ein früher, dunkler Morgen. Ich vermute vier oder fünf Uhr. Alle Menschen, die wir liebten, standen am Busterminal. Sie warteten, um uns zu verabschieden. Es waren unsere besten Freunde und engsten Verwandten. Großeltern. Cousins. Tanten. Alle! Sie waren die Einzigen, die wussten, dass wir nicht in den Urlaub fahren würden. Dann fuhr der Bus los. Ich war euphorisch, war doch ich der, der entschieden hatte, Is­fahan zu verlassen. War so glücklich, dass wir vielleicht in ein Land fahren würden, dass viel freier als der Iran wäre. Wo man besser leben könnte. Verstand nicht, dass manche Menschen, die am Terminal standen, wein­ten. Dachte mir: Es ist doch toll, dass wir in die Freiheit fahren. Warum weint ihr denn? Doch als der Bus losfuhr und ich sah, wie die weinende Menschenmenge immer kleiner wurde, desto klarer wurde mir: Schau sie dir ganz genau an, denn du wirst sie nie wieder sehen! Schnell noch gucken, bevor sie im Nichts der Heimat verschwinden. Plötzlich brach in mir die Welt zusammen. Die anfängliche Euphorie kippte schlagar­tig in bittere Traurigkeit. Bis kurz vor die Grenze der Türkei. Acht Stun­den lang. Ich, meine ganze Familie, wir weinten bitterlich. Und ich ver­stand auf einmal die weinenden Menschen vom Terminal. Desto näher wir aber an die türkische Grenze kamen, desto mehr kehrte in uns die Euphorie zurück. Durch den kalten Winter war der Verkehr zusammengebrochen. Zwei Tage lang warteten wir an der türkischen Grenze. Doch als wir über die Grenze kamen, tanzten alle und drehten die Musik auf. Die Menschen wurden vor Glück albern im Bus. Die Euphorie der Freiheit war ausge­brochen. Die gesamte Busfahrt war ein Wechselbad der Gefühle. Der Ex­treme.  235