Ein Tag im Grenzdurchgangslager Friedland Eva Lutter E s ist 9.30 Uhr und die Türen gehen auf. Rund 40 Personen unterschiedlicher Nationalitäten und verschiedenen Alters betreten die Caritasstelle im Grenzdurchgangslager Friedland. Die meisten möchten am Deutschunterricht teilnehmen, der direkt beginnen soll. Ein Teil der Schüler_innen verteilt sich auf die drei Kursräume. Die anderen bleiben ratlos im Flur stehen. Sogleich sind die Stimmen der drei ehrenamtlichen Lehrerinnen zu hören. „First time? Ok, you come with me!“ „Claudia, war der junge Mann nicht letztes Mal bei dir im Kurs?“, fragt die Lehrerin ihre Kollegin. „Ja, das stimmt!“, lacht sie und der Trubel legt sich. Es klopft an der Tür meines Beratungszimmers, die immer einen Spalt offen steht, wenn ich kein Gespräch führe. Fünf Männer aus Eritrea stehen auf dem Flur und geben mir mit Gestik und Mimik zu verstehen, dass sie Fragen zu Fingerabdrücken haben. „Da sind sie bei mir in der Asylverfahrensberatung genau richtig!“, versuche ich ihnen zu signalisieren. Leider habe ich keinen Tigrinya-Dolmetscher vor Ort und muss erst einmal telefonieren. „Hi Girmay, arbeitest du heute in Friedland? Kannst du für eine Beratung zu mir ins Büro kommen? Ja?“ „Heute Nachmittag vielleicht?“ „Super, dann sag den Herren doch mal, dass sie um drei Uhr wiederkommen sollen!“ „Vielen Dank!“ Ich stelle das Telefon auf laut, die jungen Männer nicken und wir verabschieden uns. In der Zwischenzeit haben drei Männer und eine Frau 262 Kapitel 4 Eva Lutter aus Syrien auf den Stühlen im Wartebereich Platz genommen. Ich hole meine Arabisch-Übersetzerin aus der Küche und bitte sie alle Wartenden zu fragen, warum sie hier sind. Eine Frau möchte einen Kinderwagen ausleihen. Ich rufe unseren Arabisch sprechenden BFDler 1 , der ihr die zur Verfügung stehenden Modelle zeigt. Einer der wartenden Männer hat in Damaskus studiert und fragt, wie er sein Studium in Deutschland fortsetzen kann. Ich schicke ihn in die erste Etage zu meinem K ollegen vom Jugendmigrationsdienst. Die beiden anderen Männer möchten wissen, wie sie ihre Familien nach Deutschland holen können. Ich bitte sie in mein Büro und nach weiteren fünf Minuten klopft es erneut an der Tür. Eine Libanesin, die eine Frage zum Computerkurs für Frauen hat. Ich erkläre ihr kurz den Weg zu meinen Kolleginnen im Frauenzentrum. Klopf, klopf! „Ich habe Kleiderspenden dabei, wo kann ich diese abgeben?“, fragt eine ältere Dame, die den Kopf zur Tür reinsteckt. „Unsere Kleiderkammer ist im Haus gegenüber. Da können Sie die Spenden abgeben.“ „Können Sie die nicht kurz annehmen? Ich muss schnell weg.“ „Nein, das geht jetzt nicht. Wir führen ein Beratungsgespräch. Entschuldigen Sie bitte.“ „O. k., dann gehe ich mal rüber.“ „Vielen Dank!“, und die Tür geht wieder zu. „Bei Ihnen ist ja viel los. Das ist ja wie im Taubenschlag“, sagen die beiden Männer auf Arabisch, die einfach nur wissen möchten, wie sie ihre Familien nach Deutschland holen können, und beginnen über den ganzen Trubel zu lachen. Im selben Moment platzen zwei Jugendliche aus Afghanistan in den Raum mit der Frage„Where can I play billard?“ und ich denke mir, die beiden Herren haben wirklich recht. des Programms Bundesfreiwilligendienst in der Flüchtlingshilfe des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. 263
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Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
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