Maren Urner Konstruktiver (Lokal-)Journalismus Was der Journalismus von den Neurowissenschaften lernen kann AUF EINEN BLICK Die digitale Kommunikation führt zum Informationsüberfluss. Die zentrale Aufgabe des Journalismus ist nicht nur die Suche und Bereitstellung von Informationen, sondern vor allem ihre Auswahl und Einordnung. Damit das besser gelingt und nicht in einer allgegenwärtigen Überforderung endet, sollten Medienschaffende zentrale Erkenntnisse aus der Psychologie und den Kognitionswissenschaften in ihrer Arbeit berücksichtigen. Nur dann können sie verantwortungsvoll der Kernaufgabe als„vierte Gewalt im Staat“ gerecht werden. Der Konstruktive Journalismus nimmt die Herausforderung an, indem er die Frage nach dem„Was jetzt?“ voranstellt und lösungsorientiert berichtet. Insbesondere im Lokalen trifft dieser Ansatz auf optimale Bedingungen. Der Journalismus hat seit jeher eine zentrale Rolle bei der Informationsauswahl gespielt, um die Öffentlichkeit mit gesellschaftlich relevanten Informationen zu versorgen. So wird er auch als vierte Gewalt oder Gatekeeper bezeichnet. Dabei wählen Journalist_innen auf allen Ebenen des medialen Schaffensprozesses stets aus: von der Themenwahl über die Selektion bestimmter Quellen bis hin zur Wort- und Bildzusammenstellung. Im 21. Jahrhundert besteht die Herausforderung für jede_n Mediennutzer_in nicht primär darin, bestimmte Informationen zu finden. Ausgerüstet mit einem Internetzugang, hatten Ende 2019 rund 51% der Weltbevölkerung in Sekundenschnelle Zugang zu so vielen Informationen wie nie zuvor(International Telecommunication Union 2020). Gleichzeitig wächst die vorhandene Menge an Informationen exponentiell. So generiert schätzungsweise jeder Mensch in jeder Sekunde durchschnittlich 1,7 Megabyte neue Daten(Petrov 2020). Die gegenwärtige Herausforderung besteht angesichts dieses Überflusses an Informationen also in der Auswahl. Hinzu kommt, dass im Internet jede_r Nutzer_in nicht nur empfangen, sondern potenziell auch über viele Kanäle senden kann. Das menschliche Gehirn sorgt dafür, dass Menschen nicht die objektiven Informationsverarbeiter_innen sind, für die sie gern gehalten werden. So besteht eine zentrale Verantwortung des Journalismus heute darin, seine Rolle als Gatekeeper auf sämtlichen Ebenen auszufüllen. Dabei kann der Konstruktive Journalismus im Allgemeinen und im Lokalen im Speziellen eine wichtige Rolle spielen. ÜBERFORDERUNG AUF ALLEN EBENEN Die Probleme der gegenwärtigen Medienlandschaft und die daraus resultierende grundlegende Herausforderung fußen im Kern auf einer Reihe an Überforderungen auf mindestens drei Ebenen. Sie betreffen sowohl Medienschaffende als auch Rezipient_innen. Die folgende Darstellung kann lediglich einen groben Überblick über diese Situation liefern. 1. AUSWÄHLEN Die digitale Medienwelt ist dezentral, crossmedial, heterogen und immer verfügbar. Formen und Absender von journalistischen und medialen Angeboten fallen längst nicht mehr in feste Kategorien. Kein Warten mehr auf die frisch gedruckte Tageszeitung, die Nachrichten im Radio zur halben oder vollen Stunde und auf den Gong zur Tagessschau. Die Dauerverfügbarkeit von Medienangeboten scheint der Schlüssel zur Selbstbestimmtheit und besserer Informiertheit. Jede_r kann, wo und wann gewünscht, Medien konsumieren und ist nicht länger auf Sendezeiten oder Ähnliches angewiesen. Wer möchte, kann 24 Stunden, 7 Tage die Woche neue Medienangebote lesen, hören und schauen, ohne jemals„fertig“ zu sein. Die Zeiten, in denen die Zeitung durchgeblättert war, auf die Nachrichten in Radio und Fernsehen Musik oder ein Spielfilm folgten, sind vorbei. Konstruktiver(Lokal-)Journalismus— FES impuls 1
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Konstruktiver (Lokal-)Journalismus : was der Journalismus von den Neurowissenschaften lernen kann
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