Greta Sundermann, Melanie Annen, Sophie Hamm, Ariane Krause, Christian von Hirschhausen Agrar- und Nährstoffwende Vergessene Transformationen AUF EINEN BLICK Die Agrar- und Nährstoffwende gehören zu den vergessenen Transformationen der vergangenen Jahrzehnte. Das vorliegende Papier zeigt Fehlentwicklungen sowohl in der lokalen und globalen Ressourcennutzung auf wie auch beim Erhalt von Klimastabilität und Ernährungssicherheit. Damit eine Agrarwende in Verbindung mit einer Nährstoffwende erreicht werden kann, müssen dafür dringend wirksame Maßnahmen ergriffen werden, die an den unterschiedlichen Stellen der Wertschöpfungskette ansetzen. GRÜNDE UND ZIELE DER AGRAR- UND NÄHRSTOFFWENDE Unser heutiges Agrarsystem basiert häufig auf linearen und nichtnachhaltigen Produktionsabläufen sowie unfairen Handelspraktiken. Großen Einfluss haben dabei unsere Ernährungsgewohnheiten, insbesondere der hohe Konsum von Fleisch und tierischen Erzeugnissen. Allein in Deutschland wurden 2020 mindestens 58 Millionen Schweine, Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde sowie ca. 670 Millionen Hühner, Puten und Enten geschlachtet(Destatis 2021). Ein Großteil dieser Nutztiere wurde zuvor in einer der großen Mast- und Zuchtanlagen Deutschlands gehalten, die sich regional auf nur wenige Standorte verteilen und auf engem Raum Zentren industrieller Tierhaltung bilden(Heinrich-Böll-Stiftung 2016). Ermöglicht wird diese übermäßige Konzentration erst durch den Einkauf landwirtschaftlicher Rohstoffe, u. a. Sojafuttermitteln aus Drittländern. Das wiederum führt zu einer Loslösung von der Nutzung hofeigener oder regionaler Ressourcen. Durch die Futtermittelimporte aus anderen Ländern bzw. Kontinenten werden große Mengen an Nährstoffen importiert, während die Gülle gleichzeitig jedoch nicht zurück exportiert wird. Anstatt im Sinne einer Kreislaufwirtschaft zu zirkulieren, akkumulieren sich somit große Nährstoffvorräte dort, wo gefüttert wird, in Form von Wirtschaftsdünger. Aus Ressourcenperspektive ist diese Agrarwertschöpfungskette eine Einbahnstraße, die durch eine zukunftsorientierte Politik zu einem Kreisverkehr umgebaut werden sollte. Nichtnachhaltiges Wirtschaften geht einher mit(1) der Übernutzung essenzieller, aber beschränkt verfügbarer Ressourcen wie Boden, Wasser und Nährstoffen,(2) einer negativen Klimawirkung und(3) schädlichen Umweltemissionen. Nichtnachhaltiges Wirtschaften führt so zu globalen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Daher ist es notwendig, die Weise, wie wir Nahrung produzieren, umzugestalten und eine Agrarwende 1 in Verbindung mit einer Nährstoffwende 2 einzuleiten. Im Folgenden erläutern wir gegenwärtige Ungerechtigkeiten im Agrarsektor und beziehen uns dabei, entlang der Wertschöpfungskette, auf das Beispiel der deutschen Nutztierhaltung und den angeschlossenen Handel mit Futtersoja. ÜBERNUTZUNG NATÜRLICHER RESSOURCEN Um den Bedarf an Eiweißfuttermitteln für die Tierproduktion zu decken, importiert Deutschland jährlich 3,7 Millionen Tonnen Sojabohnen und zusätzlich fast 2,4 Millionen Tonnen Ölkuchen und-schrote aus Soja, wovon knapp die Hälfte aus Brasilien stammt(Deutscher Bundestag 2020). Damit beansprucht Deutschland in anderen Ländern externe Flächen, die größer als die einheimischen Agrarflächen sind(UBA 2018a). Diese Sojaanbauflächen stehen der lokalen Bevölkerung nicht mehr für die eigene Nahrungsmittelerzeugung zur Verfügung. Weltweit wird rund ein Drittel der Ackerflächen für die Produktion von Viehfutter verwendet, in Deutschland über die Hälfte(Destatis 2019; WWF Deutschland 2016). Dabei ist die Herstellung tierischer Lebensmittel besonders ressourcenintensiv: Verglichen mit dem Anbau von Gemüse, Getreide oder Hülsenfrüchten benötigt die Fleischproduktion pro Nährstoffeinheit mehr landwirtschaftliche Fläche, mehr Frischwasser und erzeugt mehr Klimagase(Stiftung KlimaAgrar- und Nährstoffwende— FES impuls 1
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