In Zusammenhang mit Generation – nicht im Sinne einer biologischen Generation, sondern im Sinne einer sozialen bzw. gesellschaftlichen Erfahrung – wurde die Wende als Trauma und auch sozialer Bruch für Individuen, Generationen, Communitys und die Gesellschaft diskutiert. Halil Can beschreibt dabei die Migration vor der Wende in beiden Teilen Deutschlands durch Gastarbeit, Vertragsarbeit, Migration und Flucht als Nachkriegsgeneration, die sozusagen zugewandert ist und diese Gesellschaft verändert hat, ohne dass diese Generation den Blick dafür hatte, längerfristig hierbleiben zu wollen. Diese Generation habe bereits vor der Wende politische Kämpfe um politische Rechte geführt. Sie haben sich z.B. für das kommunale Wahlrecht, für die Staatsbürgerschaft, für den muttersprachlichen Unterricht eingesetzt. Can vertrat dabei die These, dass mit der Wende eine Unterbrechung bzw. ein langes Schweigen in Bezug auf Ziele, für die sie sich eingesetzt hatten und die Kämpfe, in denen sie weit gekommen waren, aufkam. Dies sei jedoch nur eine Perspektive auf die Wende, Erinnerungen müssten immer wieder reflektiert und verändert werden. Die Wendezeit stelle u.a. nicht nur eine Unterbrechung sozialer Kämpfe dar, sondern eine Veränderung dieser Kämpfe, merkte Piesche an. Die 1990er Jahre seien nicht nur von Stillstand geprägt. BIPoC organisierten sich in den feministischen Bündnissen der 1990er, ohne dass sie ihre Arbeit mit Begrifflichkeiten wie BIPoC versahen. Diese Geschichte gelte es aufzuarbeiten, appellierte Piesche. Das zweite große Trauma, das die jüngere Generation präge und zu ihrer Politisierung, Selbstpositionierung und Erinnerungsarbeit beiträgt, beginne mit rassistischen Morden wie den NSU Morden, setze sich mit Hanau fort und gewinne eine transnationale Perspektive mit der Ermordung von George Floyd und der Black Lives Matter Bewegung, so Can. Bewegungen wie Black Lives Matter zeigten dabei nicht nur, dass die Kämpfe Schwarzer Menschen schon immer transnational gesehen und global eingebunden waren, sondern auch welche Auswirkungen die transnationale Einbindung und ein transnationales Verständnis von Befreiungsbewegungen haben könne, so Piesche. Die Diskussion zeigte die geteilten Interessen und Ziele unterschiedlich marginalisierter und rassifizierter Communitys und unterschiedlich positionierter Generationen auf. Community-übergreifende Zusammenarbeit ist möglich und gewinnbringend, wenn u.a. Differenzen wahrgenommen und anerkannt werden, ein wertschätzender Umgang miteinander gepflegt wird, sowie Menschen sich in geschützten Räumen öffnen und verletzlich zeigen können. Auch haben unterschiedliche Generationen unterschiedliche Erfahrungen und Politisierungsmomente, sie finden sich jedoch in ähnlichen antirassistischen und antifaschistischen Kämpfen wieder. 132 7. Intergenerationale Weitergabe Gemeinsames Abendessen und-programm am zweiten Tag der Tagung Soziokulturelles Erbe Der zweite Abend wurde mit einem kreativen Programm gefüllt, in der Tagungsteilnehmende persönliche Objekte, Anekdoten, Lieder, Fotos und audiovisuelle Werke als soziokulturelles Erbe, welches sie der nächsten Generation weitergeben möchten, vorstellten. Im Rahmen der Abendeinheit„Intergenerationale Weitergabe- Soziokulturelles Erbe“ haben die Tagungsteilnehmenden Objekte, Geschichten, Gedichte, Lieder und Klänge, und damit verbunden, Wissen, Erfahrungen und Erinnerungen mitgebracht, die sie der nächsten Generation mitgeben möchten. Mit dieser unkonventionellen Methode aus der partizipativen Erinnerungsforschung wurde ein informeller und kreativer Raum geschaffen, um Community-übergreifend und intergenerational zusammenzukommen, voneinander zu hören und zu lernen. Inspiriert ist die Methode von dem digitalen Archiv und der virtuellen Ausstellung 133
Druckschrift
Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
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