FES impuls Christoph Schroeder, Dorotheé Steinbock, Miguel Rezzani, Cosima Lemke-Ghafir Für eine Reform der „Integrationskurse mit Alphabetisierung“ AUF EINEN BLICK Das Integrationsinstrument der Deutschsprachförderung, bestehend aus Integrationskursen und berufsbezogenen Sprachkursen, stellt Migrant_innen ohne oder mit nur wenig formaler Vorbildung vor große Herausforderungen. Das für sie vorgesehene Modell der Alphabetisierungskurse ist nicht ausreichend auf ihre Voraussetzungen und Potenziale abgestimmt. Daher bedarf es hier einer Loslösung der Fixierung auf die Niveaustufen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmes(GER) für Sprachen, die bisher gesetzlich verankert ist. Zudem ist eine umfassende Diagnostik über den Lernprozess hinweg erforderlich, und entsprechend der Heterogenität der Zielgruppe sollten unterschiedliche didaktische Methoden Anwendung finden. Neu zu bewerten ist auch der zeitliche Rahmen der Alphabetisierungskurse. Und schließlich braucht es vonseiten des BAMF verbindliche und praktikable Qualifizierungsangebote für das Lehrpersonal. EINLEITUNG: DIE HERAUSFORDERUNG DER ALPHA-KURSE Die mit dem Zuwanderungsgesetz von 2005 eingerichteten und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge(BAMF) verantworteten Integrationskurse für Zugewanderte haben sich zu einem wichtigen und wirkungsmächtigen Instrument einer Integrationspolitik des„Forderns und Förderns“ entwickelt. Gleichzeitig stehen sie dafür in der Kritik, der Heterogenität ihrer Teilnehmenden nicht gerecht zu werden (vgl. Schroeder/Zakharova 2015; Ohliger et al. 2017; Hünlich/Schöningh 2021). Eine besondere Herausforderung besteht bei den„Integrationskursen mit Alphabetisierung“(oft abgekürzt als Alpha-Kurse), also den Alphabetisierungskursen für Zugewanderte, die wenig oder keine Deutschkenntnisse und wenig oder keine Schriftkenntnisse(in irgendeiner Sprache) mitbringen. Durch Krieg, Flucht oder andere Umstände sind ihre Bildungsbiografien häufig unterbrochen oder sie kommen aus ländlichen Gebieten in Ländern des Nahen Ostens oder Afrikas, wo insbesondere Mädchen der Zugang zur schulischen Bildung erschwert ist(siehe Lemke-Ghafir 2021: 5–6; Brücker et al. 2016: 37f.). Die Bedeutung dieser Kurse hat zwischen 2015 und 2017 stark zugenommen, da die in diesem Zeitraum nach Deutschland geflüchteten Menschen in größerem Umfang als vorausgegangene Fluchtkohorten wenig bis keine formale Schulbildung in ihren Herkunftsländern hatten. Seitdem ist der Anteil an diesen Kursen wieder gesunken. So betrug im ersten Halbjahr 2021 der Anteil an Alpha-Kursen laut Integrationskursstatistik des BAMF noch 9,8 Prozent (BAMF 2021: 5). Inwiefern bei dieser Entwicklung die Coronapandemie und die dadurch zunehmende digitale Umsetzung von Kursangeboten eine Rolle gespielt hat, lässt sich momentan nicht gesichert beurteilen. Jedoch dürfte ein digitales Sprachlernangebot die Zielgruppe der Alpha-Kurse nochmals vor größere Herausforderungen stellen, als das für Personen mit Literalitätserfahrung 1 anzunehmen ist. Die Erfolgsquoten der Alpha-Kurse, gemessen am Erreichen der im„Deutschtest für Zuwanderer“(DTZ) gesetzten Level A2 bzw. B1 des GER(vgl. Council of Europe 2018), liegen weit unter denen der„Allgemeinen Integrationskurse“. Schon das Konzept für die Alpha-Kurse dämpft hier die Erwartungen und geht davon aus, dass„als 1 Mit Literalität ist hier gemeint:„die Fähigkeit, geschriebene, gedruckte und digitale Informationen zu nutzen, um an gesellschaftlichen Prozessen teilzuhaben, um selbstgewählte Ziele zu verwirklichen und eigene Kenntnisse und Möglichkeiten weiterzuentwickeln[…]“(Lemke-Ghafir et al. 2021: 4). Für eine Reform der„Integrationskurse mit Alphabetisierung“— FES impuls 1
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