IMPULS Intersektionaler Feminismus in der politischen Praxis – eine Vision Clara Markurt EINE GESCHICHTE, DIE WIR UNS GERNE ERZÄHLEN Vor etwa hundertzwanzig Jahren taten sich Frauen, die Suffragetten zusammen, um mit Protesten, Störaktionen und schließlich sogar Anschlägen für das Wahlrecht zu kämpfen. In dem Moment, in dem sie das Ziel endlich in zahlreichen europäischen Ländern erreichten, geriet die Welt aus den Fugen. Es folgten Krieg und Hunger – und damit der Mief des Vergessens und der enormen Retraditionalisierung der Geschlechterrollen. Erst eine Generation später brachte der Ruf nach sexueller Freiheit wieder viele Frauen auf die Straße. Woodstock wurde Verheißung und Lebensgefühl für die Jugend, die Pille ermöglichte Sexualität ohne Schwangerschaft und Alice Schwarzer schaffte es, die Massen gegen die staatlich durchgesetzten Hausfrauenehe zu mobilisieren. So nahm die zweite Welle des Feminismus ihren Lauf, bis der Konflikt um das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche 1993 durch das Machtwort des Bundesverfassungsgerichts unterbunden wurde. Seit der Jahrtausendwende wird„die Frauenbewegung“ vielfältiger, Schwarze Frauen werden mitgedacht und queere Aktivist*innen fordern Solidarität mit allen FLINTA-Personen. So kennen wir die Geschichte dieser Bewegung, so erzählen wir sie uns gerne. Aber womöglich lohnt sich doch noch ein genauerer Blick darauf aus einer anderen Perspektive: Im Jahr 2021 veröffentlichte die Journalistin Rafia Zakaria das bemerkenswerte Buch„Against White Feminism“. 1 Sie arbeitet heraus, dass die Geschichte des Feminismus, wie wir sie kennen, in Wahrheit eine rein weiße Erzählung ist. Eine Erzählung, in der bestimmte Menschen explizit nicht vorkommen, in der unreflektiert Ausschlussmechanismen produziert werden und Privilegien keine Rolle spielen. Rafia Zakaria berichtet von Ehefrauen grausamster Kolonialherren, die sich von versklavten Frauen nicht minder grausam das Leben erleichtern ließen – und das als Wohltätigkeit an diese Frauen verstanden wissen wollten. Von Suffragetten, die öffentlich verkündeten, sie würden sich lieber den Arm abhacken, als für das Wahlrecht für Schwarze Frauen zu stimmen. Oder auch von Charityclubs in den USA, in denen äusserst privilegierte, weiße Vorstadtfrauen Spenden für arme Schwarze sammelten – dann aber erstaunlich robust reagierten, wenn sich eines ihrer Hausmädchen in den Saal verirrte. Und wir alle kennen die Diskussionen, in denen manche Feministinnen mit dem Argument des Selbstschutzes gegen das Kopftuch, für die Kriminalisierung von Sexarbeit und gegen die Gleichstellung von trans* Menschen argumentieren. Kurz: Die Geschichte des Feminismus, wie wir sie uns gern erzählen, ist nicht aus jeder Perspektive eine Befreiungserzählung. Diese Geschichte ist eng mit unreflektierten Privilegien verbunden. 1 Rafia Zakaria, Against White Feminism. Wie weisser Feminismus Gleichberechtigung verhindert, München 2024.
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Intersektionaler Feminismus in der politischen Praxis - eine Vision
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