Druckschrift 
Gewerkschaften und Rechtspopulismus in Europa : Länderstudie Italien
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

EUROPÄISCHER GEWERKSCHAFTSDIALOG GEWERKSCHAFTEN UND RECHTSPOPULISMUS IN EUROPA Länderstudie Italien Emanuele Toscano März 2023 DER ITALIENISCHE KONTEXT DIE GEWERKSCHAFTLICHEN ORGANISA­TIONSFORMEN UND DAS SYSTEM DER ­INDUSTRIELLEN BEZIEHUNGEN IN ITALIEN In Italien wird die gewerkschaftliche Vertretung der Arbeitnehmer*innen fast zur Gänze von drei großen Gewerkschaftsbünden wahrgenommen, die insge­samt mehr als elf Millionen Mitglieder haben: 2021 zählte die Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGIL, Allgemeiner Italienischer Gewerkschaftsbund) 5 Millionen Mitglieder, die Confederazione Italiana Sindacati Lavoratori (CISL, Italienischer Gewerk­schaftsbund der Arbeitnehmer*innen) 4 Millionen Mitglieder und die Unione Italiana del Lavoro (UIL, Ita­lienische Arbeitsunion) über 2,3 Millionen Mitglieder. 1 Neben den oben genannten Organisationen gibt es ferner Branchen- und Basisgewerkschaften, die deut­lich weniger repräsentativ sind, darunter etwa die tra­ditionell linksradikalen Positionen nahestehenden Confederazione dei Comitati di Base (COBAS, Bund der Basiskomitees) und Unione Sindacale di Base (USB, Ba­sisgewerkschaftsunion) sowie die rechte Gewerk­schaft Unione Generale del Lavoro (UGL, Allgemeine Arbeitsunion). Anfang der 1990er-Jahre des 20. Jahr­hunderts traten tiefgreifende Transformationen ein, die das politische System Italiens im Laufe der Zeit ra­dikal veränderten und dazu führten, dass viele der Parteien, an welche die drei großen Gewerkschafts­bünde ideologisch gebunden waren, 2 von der Bildflä ­che verschwanden. Somit wurde die Kluft zwischen politischen Parteien und Gewerkschaften in Italien zunehmend größer. Das italienische System der industriellen Beziehun­gen war für lange Zeit, so Cella und Treu(2009), von geringer Institutionalisierung, großen Grauzonen und Besonderheiten geprägt. Daher entsprach es mehr einem pluralistisch-kompetitiven Modell (gekennzeich­net durch eine Vielfalt von Tarifforderungen) als ei­nem partizipativ-kooperativen Modell(gekennzeichnet durch den Anspruch, die Zusammenarbeit der Sozial­partner fördernde Institutionen aufzubauen und zu stärken). Das ausrichtungsbestimmende Kernstück des Sys­tems der industriellen Beziehungen in Italien war ab 1 Für statistische Daten zu CGIL-Mitgliederzahlen siehe: www. cgil.it; zu CISL-Mitgliederzahlen siehe: http://www.cisl.it/notizie/ in-evidenza/sindacato-cisl-nel-2021-crescono-gli-iscritti-con-un­incremento-di-quasi-l1-tra-i-lavoratori-attivi/#:~:text=Sono%20 4.076.033%20i%20tesserati,)%20rispetto%20all'anno%20 precedente. Und zu UIL-Mitgliederzahlen siehe: https://www.uil. it/tesseramento_reg.asp(abgerufen am 10. Oktober 2022). 2 Die CGIL war zuerst an die Partito Comunista Italiano(PCI, Kommu­nistische Partei Italiens) und später an ihre Nachfolgerparteien Partito Democratico della Sinistra(PDS, Demokratische Linkspartei) sowie Democratici di Sinistra(DS, Partei der demokratischen Linken) gebunden, die CISL hingegen an die Democrazia Cristiana(DC, Christdemokratische Partei) und die UIL an die Partito Repubblicano Italiano(PRI, Republikanische Partei Italiens). 1