nationaler Austauschprogramme aufzuzeigen. Die aktuelle politische Lage zeigt, wie wichtig internationale Verständigung ist. Es braucht deshalb nicht weniger Jugendaustausch, sondern mehr. Die Rahmenbedingungen und die Finanzierung müssen verbessert werden.« 75 Geschieht dies nicht, geraten insbesondere Schulaustausche mit fernen Ländern wie China zu Instrumenten sozialer Selektion, denn auch nicht von staatlicher Unterstützung abhängige Familien können sich Beträge von mittlerweile bis zu 2.000 Euro für eine zehn- bis 14-tägige Fahrt nach China oder Taiwan oft nicht leisten. Der deutsch-chinesische Schulaustausch – ein früher Ansatzpunkt für China-Kompetenz in der Biografie – droht somit zunehmend zu einem Elitenprojekt zu werden. Seit Ende der pandemiebedingten Reisebeschränkungen sind viele Austauschbeziehungen erfolgreich wieder aufgenommen und Reisen in beide Richtungen durchgeführt worden 76 . Dennoch besteht angesichts der kritischen Veränderungen der gesellschaftspolitischen Bedingungen in China durch zunehmende Parteikontrolle und eingeschränkte zivilgesellschaftliche Spielräume Verunsicherung unter den im China-Austausch aktiven deutschen Lehrkräften. 77 Zudem existieren im Schulumfeld in einigen Fällen Vorbehalte gegen einen Austausch mit China, auch wenn der Großteil der Partnerschaften in den Schulen gut verankert ist. Bei Reisen nach Taiwan können für Lehrkräfte darüber hinaus Sicherheitsbedenken hinsichtlich eines möglichen militärischen Konflikts eine Rolle spielen. Diese Verunsicherungen unterstreichen die Notwendigkeit einer konstruktiven schulischen und gesellschaftlichen Diskussionskultur und soliden Wissensbasis nicht nur in Bezug auf aktuelle China-Themen, sondern auch mit Blick auf den Sinn von Austauschen: ChinaKompetenz in der Politik und in der Bildung findet nicht in getrennten Welten statt. Bildungspraktiker:innen im internationalen Jugend- und Schulaustausch verweisen auf den Mehrwert dieser Begegnungen, die neben der persönlichen und sozialen auch eine politische Dimension aufweisen:»Jugendaustausch und Jugendbegegnung sind in Zeiten globaler Herausforderungen wesentliche Bestandteile von Bildung: Sie tragen zur Förderung demokratischer Werte, aktiver Beteiligung und internationaler Verständigung bei.« 78 Dies gilt insbesondere für den deutsch-chinesischen Austausch, der zudem mit Fokus auf die Lebenswirklichkeit einer außereuropäischen Kultur und Gesellschaft besondere sprachliche und interkulturelle Lernzuwächse verspricht. Die dem Chinesisch-Unterricht in einem vom BMBF herausgegebenen Empfehlungspapier zuerkannte Sinnhaftigkeit im Kontext der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) lässt sich umso mehr für den deutsch-chinesischen Schulaustausch feststellen:»Der Unterricht in außereuropäischen Fremdsprachen vermittelt[…] verstärkt Alteritäts kompetenzen wie die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel. Der Chinesisch-Unterricht leistet hier[…] einen wertvollen Beitrag, indem er in besonderem Maße globale Perspektiven eröffnet.« 79 Unterstützungspotenziale in den Kommunen 80 Der Unterhalt von Bildungseinrichtungen wie Schulen gehört zu den klassischen Aufgaben der Kommunen in Deutschland. Die Kommunen sind Schulträger und für die »äußeren Schulangelegenheiten« verantwortlich. Die Zuständigkeit für Bildungsinhalte liegt hingegen bei den Ländern, die auch Dienstherren der Lehrkräfte sind. 81 Es besteht jedoch seit Längerem die Tendenz zu einem stärkeren kommunalen Engagement in der Bildung. Der Beitrag einer kommunalen Bildungspolitik liegt vor allem in der Vernetzung der Initiativen und Akteure vor Ort. 82 Einige Bundesländer bezuschussen Fahrtkosten oder Programminhalte eines Austauschs, wenn der entsprechende Bezug durch eine Länder-/Provinzpartnerschaft besteht. Örtliche Betriebe engagieren sich, wenn entsprechende wirtschaftliche Beziehungen existieren. 83 Nach Möglichkeit flankieren auch viele Kommunen den Schulaustausch. Dabei gehen Initiative und Motivation für den Austausch im Allgemeinen von den Schulen als wesentlichen Akteuren aus. In einigen Fällen kommt der Impuls im Rahmen einer Kommunalpartnerschaft auch aus der Kommune. Davon unabhängig liegt der Löwenanteil der finanziellen und organisatorischen Verantwortung jedoch üblicherweise bei den Schulen bzw. einzelnen Lehrkräften. In vielen Rathäusern wird die Bedeutung von Bildungskooperationen im Rahmen von deutsch-chinesischen Kommu75 Austausch macht Schule(2023a). 76 Das Goethe-Institut China und InterCultur stellen für neu oder wieder aufzunehmende Austauschbegegnungen erstmals eine umfassende Handreichung auf Deutsch und Chinesisch bereit. Vgl. Goethe-Institut/ InterCultur(2025). 77 Vgl. Frenzel/ Do(2024), S. 64–65. 78 Austausch macht Schule(2023b), S. 2. 79 Bundesministerium für Bildung und Forschung/ Bildungsnetzwerk China(2024), S. 2–3. Siehe hierzu auch den aktuellen Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung:»In ternationale Erfahrungen sind für junge Menschen besonders wertvoll. Sie tragen dazu bei, neue Wissenshorizonte zu eröffnen, Handlungskompetenzen in einer globalisierten Welt zu erweitern, Mitverantwortung für Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit zu stärken sowie zum Umgang mit Diversität zu befähigen.« Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend(2024), S. 17. 80 Dieser Abschnitt basiert in Teilen auf der Studie Kommunen: Kernstück deutscher China-Politik. Entwicklungen und Zukunftsperspektiven, S. 19, 25–28. 81 Vgl. Henneke/ Ritgen(2021), S. 139–140. 82 Vgl. Hebborn(2000), S. 1571. 83 Vgl. Frenzel/ Stepan(2019), S. 21–22. Zur Unterstützung durch Wirtschaftsakteure siehe auch Frenzel et al.(2024), S. 19. 18 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.
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Deutsch-chinesische Kooperationen in Bildung und Kultur : Austausch und Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene
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