Internationalisierung. 145 Tatsächlich scheint der Mehrwert, so er überhaupt wahrgenommen wird, eher in praktischen Vorteilen zu liegen, etwa einer gestärkten Beziehung zur chinesischen Partneruniversität – die oft über die Kooperation im Rahmen des Konfuzius-Instituts hinausgeht – oder der Organisation von Vorträgen, Workshops und anderen Veranstaltungen durch das Konfuzius-Institut. Diese finden in der Regel unter dem Dach der Institute selbst statt, teils mit weiteren Partnern, und richten sich an die interessierte Öffentlichkeit, einschließlich Studierende. Im Rahmen der Kooperationen kam es jedoch nicht zur von chinesischer Seite möglicherweise intendierten Einbindung in die chinawissenschaftlichen Studiengänge oder die sinologische Sprachausbildung der Universitäten. 146 Die deutschen Konfuzius-Institute sind nirgends in die wissenschaftliche Arbeit oder Forschung der Hochschulen eingegliedert. In einigen deutschen Partnerhochschulen bieten Konfuzius-Institute zwar Sprachkurse oder landeskundliche Einsteigerkurse an, jedoch nicht für Studierende der Chinawissenschaften. 147 Da Einflussmöglichkeiten der Konfuzius-Institute auf die Forschung der kooperierenden Hochschulen nicht gegeben sind, konzentrieren sich die Bedenken häufig auf eine (Selbst-)Zensur bei den Angeboten der Institute. 148 Diese unterliegen als Kooperationsformate gewissen Beschränkungen hinsichtlich Themen, die von der chinesischen Seite als politisch sensibel betrachtet werden. Es gehört jedoch zum Wesen einer Kooperation, dass funktionierende Kompromisse zwischen den Anliegen der jeweiligen Partner gefunden werden müssen. 149 Hinzu kommt, dass zentrale Aufgaben der Institute im Sprach- und Kulturbereich liegen, nicht in der politischen Bildung, auch wenn einzelne Institute auf Initiative der deutschen Direktion diese Inhalte anbieten. Vor diesem Hintergrund sollte jeweils sorgfältig abgewogen werden, inwieweit Kompromissfindung von (Selbst-)Zensur zu unterscheiden ist und ob Kooperation mit der chinesischen Seite grundsätzlich als Vereinnahmung zu bewerten ist. Darüber hinaus hat sich das Argument, die Konfuzius-Institute würden durch die Verbindung zu Hochschulen im Gastgeberland einen Prestigegewinn anstreben, mittlerweile in die Warnung vor einem drohenden Reputationsschaden für die Hochschulen 150 verkehrt – eine Warnung, für die viele Hochschulen empfänglich sind, auch wenn dies nicht offen benannt wird. 151 In Bezug auf den Sinn und Mehrwert von Partnerschaften mit Konfuzius-Instituten vertreten die deutschen Hochschulen allerdings keine einheitliche Position. 152 Einflussarbeit und Sicherheit Die Perspektive auf die Konfuzius-Institute hat sich in den letzten Jahren von chinesischer Soft Power und Propaganda hin zu dezidierteren Warnungen vor Einflussnahme verschoben. 153 Diese sind an die systempolitische Sicht der Rivalität von Autokratien und Demokratien geknüpft und 2017 unter dem Begriff»Sharp Power« von einem amerika nischen Thinktank popularisiert worden:»Was wir bisher als autoritäre ›Soft Power‹ aufgefasst haben, lässt sich besser als ›Sharp Power‹ kategorisieren, die das politische und Informationsumfeld in den betroffenen Ländern durchsticht, durchdringt oder durchlöchert.« 154 Konfuzius-Institute, gesellschaftlich-kultureller Austausch und weitere Aktivitäten aus dem Bereich der Kulturdiplomatie gelten in dieser Sichtweise als Einfallstor chinesischer Einflussoperationen; sie seien in einer Art Mimikry den kulturdiplomatischen Institutionen und Initiativen demokratischer Staaten nur nachempfunden. 155 Die Konfuzius-Institute, die seit ihrer Einrichtung 2004 ope rativ unverändert geblieben sind, werden auch in Deutschland häufiger in diesem Deutungskontext bewertet, der teils mit Bedenken hinsichtlich akademischer Freiheit verknüpft wird. So werden die Institute seit 2020 unter der Ru brik»Politische Einflussnahme« in den Verfassungsschutz145 Vgl. Hartig(2016), S. 111, 170. 146 Für den globalen Leistungsrahmen der Konfuzius-Institute, vgl. Confucius Institute(o. D.). 147 In den universitären Kursen werden im Allgemeinen nicht die Lehrmaterialien von Hanban/CLEC benutzt, sondern solche, die in Abstimmung mit der deutschen Universität ausgewählt werden. 148 Vgl. Gallagher(2021), S. 18; Stanford Center on China’s Economy and Institutions(2022); Zhu/ Li(2023), S. 504. 149 Vgl. Schlüter(2024). 150 Vgl. Soffel/ Shi-Kupfer(2020/2023), S. 1, 6. 151 Ihren Rückzug aus Kooperationen mit Konfuzius-Instituten begründeten deutsche Universitäten in der Regel mit grundsätzlichen und vorbeugenden Argumenten. Konkrete Kritikpunkte in Bezug auf die Arbeitsweise der jeweiligen Institute wurden nicht genannt. So hieß es in Düsseldorf,»die Hochschulleitung[konnte] nicht vollständig ausschließen […], dass die chinesische Staatsdoktrin Einfluss auf die Arbeit des Instituts nehme«(Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, 2020). In Hamburg wurde»die Veränderung der chinesischen Politik in Hinblick auf die Wissenschaft« angeführt(Forschung& Lehre, 2020). Die zunächst nur operative Stilllegung des Trierer Instituts 2021 wurde als Zeichen gegen die Einschränkungen der Freiheit von Forschung und Lehre»durch Sanktionen[der chinesischen Regierung] gegen zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ganz Europa und auch gegen das Mercator Institute for China Studies(MERICS)« begründet(Jäckel/ Rieger, o. D.). Zur anschließenden Trennung im darauf folgenden Jahr hieß es in der gemeinsamen Pressemitteilung von Universität und Konfuzius-Institut:»Eine Neuausrichtung des China-Schwerpunkts an der Universität Trier erforderte auch eine Neubestimmung des Verhältnisses des Fachs Sinologie zum Konfuzius-Institut an der Universität Trier. Überlagert wurde diese Diskussion durch eine verschärfte Debatte über die Zusammenarbeit mit den Konfuzius-Instituten in Deutschland generell«(Universität Trier, 2022). Die Goethe-Universität Frankfurt am Main schrieb anlässlich des Endes der vertraglichen Kooperation:»Die Neuausrichtung der Kooperation findet im Kontext einer grundsätzlichen Überprüfung wissenschaftlicher Kooperationen der Goethe-Universität mit nationalen und internationalen Partnerorganisationen statt. Für Partnerschaften gilt künftig die Maxime, dass diese einen konkreten Mehrwert für das Forschungs- und Lehrprofil der Goethe-Universität erbringen sollen«(Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2023). 152 Vgl. Hochschulrektorenkonferenz(2020). 153 Im Kontext von Einflussnahme werden auch personelle und strukturelle Verbindungen zur Einheitsfront-Abteilung sowie die Anwendung von Einheitsfront-Strategien diskutiert, siehe u. a. Gallagher(2021), S. 17–18; Lulu(2022), S. 4; Ohlberg(2021); Soffel/ Shi-Kupfer(2020/2023), S. 4. 154 Cardenal/ Kucharczyk/ Mesežnikov/ Pleschová(2017), S. 6:»What we have to date understood as authoritarian ›soft power‹ is better categorized as ›sharp power‹ that pierces, penetrates, or perforates the political and information environments in the targeted countries.« 155 Vgl. ebd., S. 16–17. Konfuzius-Institute 27
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Deutsch-chinesische Kooperationen in Bildung und Kultur : Austausch und Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene
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