Druckschrift 
Deutsch-chinesische Kooperationen in Bildung und Kultur : Austausch und Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

5 Bildungskooperationen und China-Kompetenz »Fundierte, aktuelle und unabhängige ­China-Kompetenz ist essentiell für das wechselseitige Verständnis und für die langfristig erfolgreiche Wahrnehmung und Durchset­zung deutscher Interessen.« 181 So formuliert die Bundes­regierung prägnant in ihrer China-Strategie. 2016 fasste das BMBF die Aspekte von China-Kompetenz noch sehr schlank als auf China bezogene Fachkenntnisse, Basis­wissen zu Wirtschaft, Politik, moderner Geschichte und Gesellschaft sowie fremdsprachliche und interkulturelle Kompetenz zusammen. 182 In der China-Strategie wurden diese Komponenten noch ergänzt um»Wissen um die Ziele des globalen Engagements Chinas und praktische Erfahrung in der bilateralen Zusammena­ rbeit im Kontext des chinesischen politischen Systems« 183 . Was für Politik und Gesellschaft in Deutschland insge­samt gilt, ist auch für die Kommunen gültig. Dementspre­chend wird die Bedeutung von(mehr) China-Kompetenz in Publikationen zu den deutsch-chinesischen Kommu­nalbeziehungen häufig angesprochen. 184 Vertreter:innen der Kommunen kennen ihre Bedarfe, betonen allerdings, dass China-Kompetenz im kommunalen Kontext auch durch Erfahrung in Kooperationen aufgebaut wird. Der Beitrag der Kommunen ist gerade deshalb relevant, weil die eigentliche Bedeutung des Kompetenzbegriffs im gegenwärtigen Diskurs zuweilen aus dem Blick zu gera­ten scheint. Wissen, insbesondere aktuelles und fundier­tes politisches Wissen über China, ist wichtig, 185 aber es ist noch keine Kompetenz. Kompetenz ist eine Hand­lungs- oder Problemlösungsfähigkeit, die auch eine Hand­lungsbereitschaft einschließt. Insulares, passiv aufgenom­menes Wissen ist hingegen»träges« Wissen, das zwar abstrakt verstanden wurde, aber nicht angewendet wer­den kann. Wird Wissen nur rezeptiv angeeignet, entsteht daraus in der Regel keine Handlungsfähigkeit. Werden die vermittelten Informationen zudem in Warnnarrativen und drastischen Schlagzeilen transportiert, führt dies im All­gemeinen eben nicht zur Aktivierung, sondern zu einer Verweigerungshaltung und Vermeidungsreaktion: Mit China habe man»nichts am Hut«. Im Bildungsbereich drückt sich dies in anhaltend niedrigen Chinesisch-Ler­ner:innenzahlen 186 und dem Vernehmen nach in zu­rückgehenden Studierendenzahlen aus. Nachhaltige Chi­na-Kompetenz kann so nicht entstehen. Das politische System Chinas im Chinesisch-Unterricht methodisch angemessen zu thematisieren, ist genauso wichtig, wie die komplexe gesellschaftliche Wirklichkeit Chinas in der politischen Bildung plastisch darzustellen. Und ebenso essenziell ist das Ermöglichen von Begeg­nungserfahrungen: durch Kooperationen, gesellschaftlich­kulturellen Austausch und Kontakt mit Menschen der chi­nesischen Diaspora in Deutschland. All dies wird in Kom­munen mit China-Engagement sowohl administrativ als auch zivilgesellschaftlich ermöglicht. In der Bundespolitik wird ein Bewusstsein für die Notwen­digkeit einer umfassend vermittelten China-Kompetenz artiku­liert, 187 das teils auch zu entsprechenden Bemühun­gen führt. Das BMBF fokussierte dabei im Schulsektor auf den(elementar wichtigen) Bereich»Chinesisch als Fremd­sprache«. 188 Das Interesse an Austauschförderung mit Chi­na scheint jedoch bei politischen wie zivilgesellschaftli­chen ­Akteuren im Rückgang begriffen. Den berechtigten Forderungen der China-Strategie nach mehr China-Kom­petenz stehen rückläufige Mittel etwa für den Schulaus­tausch entgegen. Dabei leisten gerade Kooperationsfor­mate mit chinesischen Akteuren einen unersetzlichen Bei­trag zum Aufbau von dringend nötiger China-Kompetenz. Gleichzeitig sind sie bereits funktionierende Kanäle der Verständigung, wenn auch nicht ohne Herausforderungen. Die in dieser Studie betrachteten Fallbeispiele belegen dies auf unterschiedliche Weise. Deutsch-chinesische Bildungskooperationen unterschied­lichster Art schulen und aktivieren Fähigkeiten zur Kom­munikation, Problemlösung und Reflexion. Sie verklei­181  Die Bundesregierung(2023), S. 61. 182  Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung(2016). 183  Die Bundesregierung(2023), S. 61. 184 Vgl. Frenzel/ Godehardt/ Pantekoek/ Schulze(2024), S. 25–28; Heberer/ Shpakovskaya(2022), S. 28; Kefferpütz(2021), S. 14; Lisowski/ Schwandner(2021), S. 215–236; Ohlberg(2024), S. 38. 185  Vgl. Ohlberg(2024), S. 39. 186 Vgl. Do/ Frenzel(2024). 187 Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung/ Bildungsnetzwerk China(2024), S. 1–2. 188  Vgl. Frenzel/ Do(2024), S. 49–50. Bildungskooperationen und China-Kompetenz 35